‹ Alle Einträge

Aktienmärkte fast unbeeindruckt vom freien Fall der Weltwirtschaft – noch!

 

Trotz einbrechender Gewinne, einer zu erwartenden Welle von Konkursen und explosionsartig steigender Arbeitslosigkeit sind die Anleger noch nicht in Panik verfallen. Die Kurskorrekturen waren bisher nur moderat und nicht größer, als man es nach einer langen Rallye erwarten würde. Die Coronakrise ist aber alles andere als normal. Es geht nämlich in Richtung Depression. Wunschdenken hilft da nicht.

Insbesondere in China ist der Rückgang der Kurse seit dem letzten Allzeithoch nur 7 Prozent und ist damit in der üblichen wöchentlichen Schwankungsbreite. Die vom Internationalen Währungsfonds für dieses Jahr erwartete Zunahme des realen BIP um nur 1,2 Prozent bedeutet angesichts eines Trendwachstums von 6 bis 7 Prozent, dass sich eine gewaltige Outputlücke aufgetan hat, vor allem wegen der Schwäche der Auslandsnachfrage. Die meisten Exportsektoren sind stark unter Druck. Mittelfristig werden chinesische Aktien deutlich an Wert verlieren.

Auch amerikanische Aktien sind bisher erstaunlich widerstandsfähig. Offenbar setzen Anleger darauf, dass die extrem expansive Wirtschaftspolitik schon in den kommenden Monaten die Wende schaffen wird. Das halte ich für unwahrscheinlich: Die Coronakrise ist noch keineswegs ausgestanden, abzulesen an der weiterhin hohen Anzahl an täglichen Todesfällen. Die Anzahl der abhängig Beschäftigten dürfte im April gegenüber dem März um nicht weniger als 21 Millionen auf 130 Millionen gesunken, die Arbeitslosenquote von 4,4 auf 16 Prozent gestiegen sein. Ein massiver Gewinneinbruch ist daher unvermeidlich.

Die europäischen Aktienmärkte haben viel stärker gelitten als die chinesischen und amerikanischen. Es wird wieder einmal spekuliert, dass der Euro die Krise nicht überstehen wird. In den Mittelmeerländern sind die Kurse in den vergangenen zweieinhalb Monaten um ein Drittel eingebrochen, während die Arbeitslosigkeit und die staatlichen Budgetdefizite in die Höhe geschossen sind. Dennoch wird der Euro auch diesmal überleben, einfach weil die Kosten einer Rückkehr zu nationalen Währungen sowohl für die Länder des Nordens als auch für die des Südens unerträglich hoch sein würden. Auf die europäische Solidarität ist wieder einmal Verlass. Da die Kurse schon so stark gesunken sind, werden die europäischen Märkte beim nächsten Rückschlag vielleicht relativ weniger betroffen sein als die chinesischen und amerikanischen.

Das wirtschaftliche Umfeld ist global durch deflationäre Elemente gekennzeichnet. Das ist eine Situation, in der es kein Fehler sein kann, Staatsanleihen von Ländern mit gutem Rating im Portfolio zu haben. Es lohnt sich vermutlich auch, kurzfristige Schulden aufzunehmen und längerfristige Anleihen zu kaufen, also auf eine Abflachung der Zinskurve zu setzen.

Der Verfall der Ölpreise verstärkt überall die deflationären Tendenzen. Anleger können davon ausgehen, dass er erhebliche geopolitische Verwerfungen mit sich bringen wird.

Eine ausführliche Analyse der Aussichten und Risiken für Aktien und Anleihen finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook: Stock markets ignore Corona – so far, May 2020*) (pdf, 493 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

1 Kommentar

  1.   cwsuisse

    Was heißt denn hier „die Börsen sind erstaunlich widerstandsfähig“? Die Banken geben keine Kredite sondern laden die billigen Darlehen, welche sie von der Zentralbanken erhalten, an der Börse ab. Deswegen steigen die Aktien. Das hat überhaupt nichts mit dem Sentiment der Anleger zu tun und auch nichts mit der Gewinnsituation der Firmen, die ist nämlich miserabel. Die Zentralbanken kümmern sich nur noch um die Staatsfinanzierung und das Aufpumpen der Börsenblasen. Der Rest ist ihnen Wurscht.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren