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Wiederholt sich das Schulden-Deflations-Szenarium von Irving Fisher?

Von 26. November 2008 um 18:41 Uhr

“Stock prices have reached what looks like a permanently high plateau” glaubte Irving Fisher noch im Jahr 1929. Der gestandene Ökonom und Yale-Professor, nach dem der sogenannte Fisher-Effekt und die Fisher’sche Verkehrsgleichung benannt sind, musste sich schon bald eines Besseren belehren lassen. Nur zwei Wochen nach seiner Äußerung brach der amerikanische Aktienmarkt ein, die Große Depression nahm ihren Lauf.

Dieses Ereignis veranlasste Fisher, die Ursachen, den Verlauf und die Wirkungsmechanismen der Krise eingehend zu untersuchen und zu erklären. Das Ergebnis hat er in dem berühmten Econometrica-Artikel “The Debt Deflation Theory of Great Depressions” von 1933 zusammengefasst.(1) Bereits Thomas Attwood(2) und Henry Thornton (3) hatten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit dem Phänomen der Deflation und deren Auswirkungen beschäftigt. Fisher aber war es, der die Interdependenz von Schulden und Deflation aufzeigte. Für ihn ging es vor allem um die Frage, wie es überhaupt zu einer Deflation kommen kann.

Was kennzeichnet den Schulden-Deflations-Prozess, welche Parallelen existieren zur aktuellen wirtschaftlichen Situation und welche relevanten Schlüsse folgen daraus?

Zwei Umstände müssen gegeben sein: zum einen eine hohe Verschuldung oder gar Überschuldung, zum anderen sinkende Preise von Waren und Dienstleistungen. In einer solchen Situation werden sich Firmen und Konsumenten bemühen, ihre Schulden zurückzuzahlen. Dieser Rückgang der Ausgabenneigung führt zu sinkender Nachfrage und weiteren Preisrückgängen. Eine Abwärtsspirale mit negativen Folgen wird in Gang gesetzt.

Was für einen überschuldeten Haushalt oder ein überschuldetes Unternehmen die angemessene Strategie ist, ist für die Volkswirtschaft insgesamt jedoch schädlich. Geht die Gesamtnachfrage zurück, sinken die Preise immer stärker und die realen Kosten des Schuldendienstes erhöhen sich. Das erschwert nicht nur die Rückzahlung, sondern verstärkt auch den Druck, die Schulden noch weiter abzubauen. Ein Teufelskreis.

Verlaufsmuster der Schulden-Deflations-Theorie

Hauptbestandteile der Schulden-Deflations-Theorie von Irving Fisher sind neun Faktoren:

1) Die Rückzahlung von Schulden führt zu Notverkäufen, welche
2) eine Kontraktion des Buchgeldes auslösen und zur Verlangsamung der Zirkulation des Geldes führen, was wiederum
3) einen Rückgang des Preisniveaus zur Folge hat.
4) Wenn der Rückgang der Preise nicht durch reflatorische Maßnahmen eingedämmt werden kann, hat dies Vermögensverluste zur Folge.
5) Dies führt in einem kapitalistischen System zu einem Rückgang der Unternehmensgewinne und zur Angst vor Verlusten.
6) Dadurch kommt es zu einem Rückgang in der Produktion, im Handel und bei der Beschäftigung. Konkurse und steigende Arbeitslosigkeit bewirken
7) einen Vertrauensverlust; Pessimismus macht sich breit.
8) Das Horten von Geld und Gütern sowie Zurückhaltung bei wirtschaftlichen Transaktionen führen zur Verlangsamung des Güter- und Geldumschlags.
9) Die acht vorangegangenen Faktoren haben Auswirkungen auf die Zinsen. Nominal gesehen fallen sie, real aber steigen sie, da die Inflation in den Minusbereich rutscht. Die reale Schuldenlast nimmt zu.

Irving Fisher beschreibt auch das Umfeld, welches den Nährboden für einen Schulden-Deflations-Prozess bildet. Immer wieder gibt es Zeiten, die von den Menschen als Beginn einer neuen Ära gedeutet werden. Erfindungen werden gemacht, die neue Investitionsmöglichkeiten eröffnen und außerordentliche Gewinne versprechen. Ein überbordender Optimismus macht sich breit, die Verschuldung steigt. Es kommt zu Übertreibungen und zu einer Kreditblase. Wie das so ist mit Blasen – am Ende platzen sie immer.

Welche Parallelen sind zur aktuellen Situation erkennbar?
Nach der Ära des Internet und dem Platzen der TMT-Blase wurden zu Beginn des neuen Millenniums die Zinsen weltweit gesenkt. Es folgten einige Jahre mit hohem Wirtschaftswachstum und steigenden Immobilienpreisen. Dies verführte viele Menschen – in den USA, Großbritannien, Spanien, aber offenbar auch in China und Russland – dazu, sich zu verschulden und in Immobilien zu investieren, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Durch Überkapazitäten und den darauf folgenden Rückgang der Immobilienpreise sind viele Käufer plötzlich überschuldet und müssen zwangsverkaufen. Dies hat negative Auswirkungen auf andere Vermögenswerte, vor allem auf Aktien.

Das setzt die Schulden-Deflations-Spirale in Gang, aus der es nach Fisher nur zwei Auswege gibt, entweder “laissez faire”, dass heißt Konkurse und Zusammenbruch der Wirtschaft, oder Reflation. Irving Fisher hält Letzteres für das kleinere Übel und vertritt die Meinung, dass das Schlimmste verhindert werden kann, wenn nur rechtzeitig reflatorische Maßnahmen ergriffen werden.

Pest oder Cholera?

Auch die heutige Politik setzt auf Reflation.

Im Prinzip ist es richtig, dass die Staaten alles tun müssen, um der Kreditkrise Herr zu werden und das Vertrauen der Bürger in das Wirtschaftssystem aufrecht zu erhalten. Nur so können die deflatorischen Effekte zumindest eingedämmt werden. Dass dies selbst von konservativen Staaten so gesehen wird, zeigen die Zinssenkungen der Eidgenossen; die jüngste war mit einem Prozentpunkt die bei weitem größte seit der Fokussierung der SNB auf Inflationsziele. Auch die EZB hat die Zinsen in den letzten Monaten um einen Prozentpunkt gesenkt, allerdings in zwei Schritten à 50 Basispunkte.

Das größte Übel an der Deflation ist, dass Schulden in Kaufkraft gerechnet de facto steigen. Dem kann der Staat entgegenwirken durch die Entwertung des Geldes. Keiner dürfte dies besser wissen als der aktuell amtierende US-Notenbankchef Ben Bernanke, der sich jahrelang mit der Großen Depression und deren Folgen(4) auseinander gesetzt hat und bereits 2002 eine Blaupause(5) für das richtige Vorgehen in einer Krise wie der heutigen entwarf .

Als mittelfristige Folge dieser Aktionen ist jedoch mit einer anderen unangenehmen Erscheinung zu rechnen – steigenden Inflationsraten. Bei der Rettungsaktion des “Patienten Weltwirtschaft” wird dies bewusst in Kauf genommen. Erst einmal lautet die Diagnose “Deflation”. Sie zu überwinden ist schwierig genug. Wie das Beispiel Japan zeigt, ist es bei der Reflationierung nicht mit halbherzigen Maßnahmen getan.


Fußnoten:

1) Irving Fisher (1933): The Debt-Deflation Theory of Great Depressions, Econometrica, Vol. 1, pp. 337-357 (zurück zum Text)

2) Thomas Attwood (1817): Prosperity Restored; or Reflections on the Cause of the Present Distresses and on the Only Means of Relieving Them, London. (zurück zum Text)

3) Henry Thornton (1802): An Enquiry into the Nature and Effects of the Paper Credit of Great Britain, London: George Allen and Unwin (1939) (zurück zum Text)

4) Ben S. Bernanke (2000): Essays on the Great Depression, Princeton, N.J.: Princeton University Press (zurück zum Text)

5) Ben S. Bernanke: Deflation: Making Sure “It” Doesn’t Happen Here, November 21, 2002 (zurück zum Text)

Ulrich Voss ist Mitglied im Asset-Allokation-Team bei Flossbach & von Storch (FvS)

Leser-Kommentare
  1. 1.

    iCH HABE ES SCHON BEI ANDEREN ONLINE ZEITUNGEN
    KOMMENTIERT:

    DIE USA STEHEN SEIT – iHRER GRÜNDUNG- VOR EINER DER GRÖßTEN WELTWÄHRUNGSREFORMEN ÜBERHAUPT

    SOLLTE DIE NEUE REGIERUNG DER USA – ES NICHT FERTIGBRINGEN DIE WÄHRUNG ZU REFORMIEREN, SONDERN IMMER NOCH DER MEINUNG SEIN, DASS OHNE AUSREICHENDE SPARRATEN DER BÜRGER – DIE ES JA NICHT GIBT – DURCH IMMER NEUE SUBVENTIONIERUNG DER FINANZINSTITUTE – DAS PROBLEM LÖSEN ZU WOLLEN -; SO WERDEN WIR DIESES SCHLIMMSTE SCENARIO DER FREIEN WELTWIRTSCHAFT ALLE BEZAHLEN MÜSSEN; DAS IST REINE GELDDRUCKEREI; DAS HAT MIT WIRTSCHAFT NICHTS MEHR ZU TUN; DAS GEHT NICHT GUT, DER WICHTIGSTE FAKTOR WIRD VÖLLIG ÜBERSEHEN – DAS IST DER VERBRAUCHER – KANN DIESER NICHTS MEHR KAUFEN -
    GEHT AUCH NICHTS MEHR – AUCH NICHTS MEHR BEI UNS -
    das hat schlimme Folgen.

    bleiben Sie gesund

    • 26. November 2008 um 19:25 Uhr
    • MFK24
  2. 2.

    Ich schlage vor, den Artikel der Federal Reserve Bank “Monetary Policy in a Zero-Interest-Rate Economy” dallasfed.org/research/swe/2003/swe0304a.html zu lesen, da wird auch auf Irving Fisher eingegangen. Seine Ideen diesbezüglich sind natürlich bisher weiter entwickelt worden inwo.de/modules.php…article&sid=170, werden aber beharrlich von der Weltöffentlichkeit ignoriert. Daher wird es im Kleinen realisiert regiogeld.de/.

    W.R. aus Frankfurt

    inwo.de/modules.php..topic=31

    • 27. November 2008 um 12:00 Uhr
    • W.R.
  3. 3.

    Ich habe ein Problem mit einer Reflationierungspolitik, wenn die Ursache für die Deflation ein Sinken der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ist.

    Steigt diese Umlaufgeschwindigkeit danach wieder an, so gibt es dann zu viel Geld, was dann eine viel zu starke Inflation verursacht.

    Ist es da nicht besser Maßnahmen zur Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit zu ergreifen?

    • 27. November 2008 um 19:17 Uhr
    • Thomas
  4. 4.

    Herr Voss,

    jeder Artikel, der von der kontemporären Subbrain-Krise handelt, aber das Wort “Greenspan” NICHT enthält, hat das Thema verfehlt. Mein Browser antwortet mir auf die Suche in Ihrem Text mit “Couldn’t find the word “Greenspan” “.

    So wie sie Fisher’s “Debt-Deflation-Theorie” schildern, muss man urteilen, dass auch Fisher das Wesen des Geldes gar nicht begriffen hat. Das würde dann auch zu seinem Versagen bezüglich der Antizipation der Weltwirtschaftskrise passen.

    Die jetzige, ECHTE DEFLATION ist einzig und allein die FOLGE von 20 Jahren greenspan’scher Inflation. What goes up, must come down! So war es immer und so wird es immer bleiben.

    Die Geldillusion ist aufgeflogen. Zuerst waren es nur die “Bankiers”, die gemerkt haben, dass etwas nicht stimmt. Sie haben dann das gegenseitige “Vertrauen verloren”. Nun, sie haben es aus gutem Grund verloren, denn insgeheim wissen sie ja, dass das nominale Volumen der Kredite, die von ihnen in der letzten Dekade geschöpft wurden und die jetzt in ihren Büchern auch als Forderungen stehen, ein vielfaches der physisch vorhandenen oder produzierbaren Güter darstellen (zumindest, wenn man die jetzigen Güter-Preise beibehalten will).

    In der Zwischenzeit haben es immer mehr Leute begriffen oder ahnen es wenigstens. Die breite Masse ist freilich immer noch gänzlich ahnungslos. Aber der Prozess der Erkenntnis ist m.E. jetzt nicht mehr aufzuhalten. Sollte Ihr Lösungsvorschlag der “Reflationierung”, wie Sie es nennen, nochmals für ein paar Jahre gelingen (woran ich aber nicht glaube), lohnt sich ein Blick auf das wertvollste aller Mises-Zitate:

    „Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur ob die Krise früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion kommen soll, oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems kommen soll“ – Ludwig von Mises.

    Wenn Sie sich für die wahre Ursache des jetzigen Einbruchs der Realwirtschaft interessieren, empfehle ich Ihnen, sich mit dem Thema “Wicksell’scher Prozess” (bekannt mindestens seit 1899) mal auseinander zu setzen. Die auf den künstlich verfälschten Kapitalpreisen („Zins“, „Risikoprämie“ bei den Aktien) aufbauenden globalen Produktions- und Konsumstrukturen erfahren jetzt innerhalb kürzester Zeit ihre Katharsis. Zeit ist es!

    Was die Cash- & Credit-Junkies von der Psychosekte um Voodoo-Guru Keynes nicht begreifen können ist, dass das “Lange Ende”, also die massive und letztlich stets letale Zerstörung des Währungssystem aufgrund stetiger Zinsfälscherei und Geldpanscherei, halt irgendwann doch kommt. Und jetzt kommt es ihnen entgegengerauscht – als D-Zug-Lichter am Ende des Tunnels. Panisch versuchen sie nun, den “Neoliberalen” die Schuld für ihren heimtückischen und bestialischen Mordanschlag auf das Weltfinanzsystem in die Schuhe zu schieben. Und aufgrund ihrer Dominanz in den Mainstream-Medien wird ihnen das womöglich sogar gelingen.

    Die einzig vernünftige Lösung ist nicht die „Reflation“, sondern die sozialverträgliche Abwicklung des unrettbar am Kreditkrebs dahin siechenden Weltfinanzsystems, mit anschliessender Wiederauferstehung eines Neuen, auf Basis einer vitalen und fairen Geldpolitik. Genau dieses wollen die Schuldigen am jetzigen Desaster aber, zur Not wohl mit ALLER Gewalt, verhindern:
    Die Finanzmafia will ihr billionenschweres Raubgut nicht rausrücken, dass sie sich durch den grössten anzunehmenden Weltgeldbetrug ergaunert hat, die geistig und moralisch unterqualifizierten, z.T. korrumpierten Politiker, Gelpolitiker und Beamten wollen sich ihrer Verantwortung nicht stellen und die ideologischen Mittäter, die Keynesianer, wollen ihre makroökonomische Ahnungslosigkeit und ihre Geistige Brandstiftung nicht eingestehen, sondern lieber weiter in Schuld und Lüge unter ihren durch sie schwer geschädigten Mitmenschen leben.

    Retroliberale Grüsse

    • 28. November 2008 um 14:50 Uhr
    • Wi-Ing-030
  5. 5.

    Deflation vs. Reflation…

    Die Börse interessiert es vom Grundsatz her nicht, ob Obama beliebt oder unbeliebt ist. Er gibt 850 Mrd. Dollar raus, das ist interessant. Der Startschuss ist seine Amtseinführung. Der Beliebtheitsfaktor wird dann relevant, wenn er beginnt, Erfolg…

    • 25. Januar 2009 um 15:06 Uhr
    • Goowell
  6. Kommentar zum Thema

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