So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Eine Kritik am Mainstream

Von 23. September 2010 um 11:52 Uhr

Dass der Kapitalismus nicht so funktioniert, wie es uns die ökonomische Schulweisheit glauben machen will, gehört zum Konsens in diesem Blog. Dennoch wird auch hier sehr oft so argumentiert, als seien die neoklassischen Weisheiten im Großen und Ganzen richtig. Wie oft und an wie vielen Stellen die kapitalistische Realität von der an den Universitäten gelehrten Theorie und dem immer stärker von dieser Theorie geprägten politischen Alltagsbewusstsein entfernt ist, hat Norbert Häring jetzt aufgeschrieben. Ich empfehle sein “Markt und Macht” (Schaefer-Poeschel Verlag, Stuttgart, 19,95 €) Herde und Hirten zur gefälligen Lektüre.

Nicht nur weil Norbert Häring seit gemeinsamen Tagen bei der Börsen-Zeitung ein guter Freund von mir ist und nicht nur, weil er einer der wenigen kritischen Autoren im “Handelsblatt” ist. Ich empfehle es, weil es eine Fülle von interessantem Material über althergebrachte Weisheiten enthält, die einfach falsch, unsinnig oder widersprüchlich sind. Am besten gefällt mir persönlich der Abschnitt, in dem die Theorie auseinander genommen wird, wonach die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit gemäß ihrer Grenzproduktivität entlohnt werden. Es war mir schon länger klar, dass diese Theorie blühender Unsinn ist. Aber hier wird der Nachweis, den andere kluge Ökonomen geliefert haben, knapp und schlüssig referiert. In diesem Fall waren es die neoricardianischen Ökonomen Joan Robinson und Piero Sraffa aus dem englischen Cambridge, die zeigen konnten, dass die neoklassische Vorstellung, der relative Preis von Arbeit und Kapital bestimme, wie viel von den beiden Faktoren eingesetzt wird, auf einem Zirkelschluss beruht.

Dass weder die Gütermärkte, noch der Kapitalmarkt oder gar der Arbeitsmarkt so funktionieren, wie es uns die volkswirtschaftliche Mehrheitsmeinung glauben machen will, ist von großem politischen Interesse. So berichtet Norbert ausführlich über die Kontroversen, die die Einführung von Mindestlöhnen in den USA begleiteten, sowie diverse Studien, die keine oder leicht positive Beschäftigungswirkungen von Mindestlöhnen festgestellt hatten. Ungerührt davon lehnte der Sachverständigenrat 2004 und 2005 unter Federführung von Wolfgang Franz unter Hinweis auf empirische Studien die in Deutschland intensiv diskutierten gesetzlichen Mindestlöhne als “untaugliches, sogar kontraproduktives Mittel” ab. Nachdem Norbert und sein Kollege Olaf Storbeck im Handelsblatt darüber berichtet hatten, dass der SVR die Literaturlage stark verzerrt wiedergegeben und die wichtigsten Studien unterschlagen hatte, machte der SVR einen Teilrückzieher: In den USA seien zwar keine negativen Beschäftigungseffekte mehr festzustellen, doch komme die Übertragung dieses Ergebnisses auf Deutschland nicht in Frage.

In Norbert Härings Buch geht es nicht darum, dass die philosophischen Grundlagen der neoklassischen VWL, namentlich die Annahme des homo oeconomicus, heroisch sind und mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben. Dieser Aspekt kommt auch vor. Doch ist das Buch vor allem in den vielen Details lehrreich. Norbert stützt sich vor allem auf Sekundärliteratur und dabei vor allem auf Artikel in den Journals, die es geschafft haben, die Hürden der orthodox geprägten Auslese zu überspringen. Besonders erhellend sind die Exkurse, die sich mit der Entstehung der Einzeltheorien befassen. Wissenschaft generell, besonders aber die Wirtschaftswissenschaft ist interessegeleitet. Der Untertitel des Buches lautet: “Was Sie schon immer über die Wirtschaft wissen wollten, aber bisher nicht erfahren sollten”. Warum der Leser es nicht erfahren sollte, erfährt er außerdem.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Gemessen an der bereits veröffentlichten Kritik dürfte die Neoklassik eigentlich schon längst nicht mehr Mainstream sein. Dass sie es ist, dürfte an der Konsitenz des Theoriengebäudes und vor allem daran liegen, dass eine neue Hermeneutik und ein darauf aufbauender, überzeugender Gegenentwurf, der die Wirtschaft besser verstehen hilft, nach wie vor fehlt.

    • 23. September 2010 um 13:01 Uhr
    • Stefan L. Eichner
  2. 2.

    um zu begreifen, dass “die Theorie …, wonach die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit gemäß ihrer Grenzproduktivität entlohnt werden” hahnebüchender Unsinn ist, bedarf es keiner wissenschaftlichen Theorien. Ein Blick auf die Realitäten reicht. Welche “Grenzproduktivität” bestimmt die Entlohnung von Arbeitern/Angestellten in einem Kernkraftwerk, in einer Anlage zur Herstellung von Mikrochips, in einer Anlage zur Herstellung von Grundchemikalien oder Massenkunststoffen?

    Welche “Grenzproduktivität” bestimmt die Kapitalrendite eines Software-Herstellers oder Buchverlages oder eines Altenpflegedienstes?

    Wirtschaftswissenschaftliche “Theorien” werden nur gebraucht, um wirtschaftliche Interessen zu legitimieren.

    • 23. September 2010 um 16:04 Uhr
    • bioshark
  3. 3.

    Auch Robinson, Sraffa und selbstredend Keynes wären zur Schlussfolgerung gelangt, dass die spezifische ökonomische Situation Deutschlands keine Einführung von (effektiven) Mindestlöhnen “einfach mal so” ermöglicht, ohne dass negative Konsequenzen den gutgemeinten Effekt des Ganzen konterkarrieren. Ich halte das Argument des SVR, dass die US Verhältnisse nicht mit den deutschen zu vergleichen sind, daher durchaus für valide. Was allerdings nicht bedeutet, dass man Mindestlöhne nicht partiell in einigen Branchen einführen sollte/könnte, wo die Dinge besonders im Argen liegen.

  4. 4.

    Mindestlöhne für Ärzte, Rechtsanwälte, Architekten und Ingenieure?
    Abschaffung der garantierten Honorare?
    Wer setzt seine Interessen durch?
    Warum keiner der betroffenen darüber reden will ist doch klar !
    Es würde erkennbar, wie privilegiert sie sind und das Einschnitte beim Status Quo unabweisbar sind.

    • 23. September 2010 um 18:29 Uhr
    • Rebel
  5. 5.

    @ TS
    “Ich halte das Argument des SVR, dass die US Verhältnisse nicht mit den deutschen zu vergleichen sind, daher durchaus für valide.” – klar, schließlich geht es um Lohndrückerei in Deutschland, da helfen amerikanische Verhältnisse wenig. Der Sinn (pun intended) erschließt sich, wenn man unterstellt, das Angebot keiner Nachfrage bedarf ;-)

    “Mindestlöhne partiell in einigen Branchen” – sicher, ein wenig Sozialklimbim hat noch keinem neoliberalen geschadet :-)

    • 23. September 2010 um 18:30 Uhr
    • bioshark
  6. 6.

    @Lucas Zeise: “Wissenschaft generell, besonders aber die Wirtschaftswissenschaft ist interessegeleitet.”

    Sehr richtig. Gilt allerdings auch für Vulgärkeynesianer.

    • 23. September 2010 um 19:04 Uhr
    • rawe64
  7. 7.

    Was ist eine spezifische ökonomische Situation?

    • 23. September 2010 um 19:22 Uhr
    • Marlene
  8. 8.

    @ Marlene

    Zum Beispiel die aktuelle Umverteilung in der Krankenversicherung durch Beendigung der Parität von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen für Honorarsteigerungen der Ärzte.

    • 23. September 2010 um 19:45 Uhr
    • Rebel
  9. Kommentar zum Thema

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