So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Wie viel wollt ihr noch verdienen?

Von 6. März 2011 um 16:32 Uhr

Es ist etwas faul im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Die Unternehmen machen Rekordgewinne, auch jetzt schon wieder, nur zwei Jahre nach der großen Krise. Die Investitionen indes bleiben schwach. Dabei sind die Nettoinvestitionen das Elixier. Sie schaffen Einkommen und Beschäftigung und lösen so das Versprechen des Kapitalismus auf Fortschritt und ein besseres Leben ein.

Werfen wir einen Blick auf diese Grafik, die der DGB vergangene Woche rumgeschickt hat, und die der HERDENTRIEB mit Daten für 2010 aktualisiert hat.

Grafik: Gewinne und Nettoinvestitionen seit 1991

Diese Grafik schockiert, weil sie fast einen inversen Zusammenhang zwischen Nettoinvestitionen und Gewinnen darstellt. Dabei lautet doch das Mantra der Angebotstheoretiker, der herrschenden deutschen Ökonomenschule: Höhere Gewinne bedeuten mehr Investitionen bedeuten mehr Jobs. Was ist bloß faul?

Grob gesagt, gibt es drei Erklärungsmuster für diese Anomalie, die allerdings – wie immer in der Makro – miteinander zusammen hängen. Das Erklärungsmuster eins, das viele Anhänger hier im Blog hat, zielt auf die Realzinsen. Mit der Einführung des Euro im Jahr 1999 hat sich der Zinsvorteil der D-Mark in einen Zinsnachteil gekehrt. Denn das Wachstum Eurolands war höher als das Wachstum Deutschlands. Deshalb waren die Zinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) für Deutschland zu hoch, was hier die Investitionen nach unten gedrückt hat.

Im Gegenzug waren die Zinsen etwa für Spanien und Irland zu niedrig, was in diesen Ländern einen heftigen Investitionsboom ausgelöst hat. Dieser Effekt lässt sich aus den Nettoinvestitionen in der Grafik ablesen. Nach dem Höhepunkt der Dot.com-Blase im Jahr 2000 brachen die Nettoinvestitionen ein. Sie erholten sich erst 2006 ff. wieder, nachdem das Wachstum hierzulande halbwegs zu den EZB-Zinsen passte. Heute sind die EZB-Zinsen eindeutig zu niedrig für Deutschland. Deshalb müsste es nun zu einem Investitionsboom kommen. Einige Indizien gibt es. Warten wir es ab.

Wenn sich also die Realzinstheorie als richtig herausstellen sollte, dann wäre das Mantra der Neoliberalen höhere Gewinne gleich höhere Investitionen widerlegt. Dann müsste man nur auf die Zinspolitik der Notenbank schauen.

Der als notwendig erachtete Umbau des Rheinischen Kapitalismus hin zu mehr Gewinnen und weniger Lohneinkommen war mühsam und hart, wie folgende Grafik zeigen soll.

Grafik: Funktionale Einkommensverteilung seit 1991

Es hat eine massive Umverteilung hin zu den Unternehmereinkommen gegeben. Um rund fünf Prozentpunkte hat sich die Gewinnquote zulasten der Lohnquote seit der Schröder-Regierung erhöht. Das macht über den Daumen gepeilt 95 Milliarden Euro, die heute mehr in die Taschen der Firmeninhaber und Aktionäre fließen und nicht in die Portemonnaies von Arbeitnehmern und die Kassen des Sozialstaates. Der Staat finanziert sich ja vornehmlich aus dem Einkommen der Beschäftigten. Bei einer Steuer- und Abgabenquote von rund 50 Prozent bei den Beschäftigten, gäbe es geringere Defizite und öfters Überschüsse im Staatshaushalt, ohne diese Umverteilung!

Damit sind wie beim Erklärungsmuster zwei für diese Anomalie: Es ist die falsche Wirtschaftspolitik, die die Binnennachfrage sträflich vernachlässigt hat, indem sie permanent die Angebotsbedingungen verbessert hat. Angebotsverbesserungen über den Ausbau des Niedriglohnsektors, die Senkung der Unternehmenssteuern und das Gewähren von Investitionsanreizen. Kehret um, fordert etwa der DGB in seinem jüngsten Klartext. Erst wenn die Binnennachfrage steigt vor allem durch höhere Löhne, werden die Unternehmen auch wieder beginnen zu investieren. An dem Argument der falschen Wirtschaftspolitik, die die Nachfrageseite viel zu lange (bis zum Herbst 2008) ausgeblendet hat, ist etwas dran. So wurde etwa der negative Realzinseffekt Anfang des Jahrtausends durch eine restriktive Fiskalpolitik von Hans Eichel flankiert, worunter die Wirtschaft unnötig litt. Allerdings reicht mir diese Erklärung als alleinige nicht aus. Sie kann vor allem den Strukturbruch nach 2000 gut erklären, als Rot-Grün zur neoliberalen Wirtschaftspolitik umgeschwenkt ist.

Das Erklärungsmuster drei, das mich umtreibt, ist die Deregulierung der Kapitalmärkte samt des Entstehens völlig unrealistischer Renditevorstellungen in Höhe von 15 Prozent und mehr. Historisch betrachtet sind solche hohen Renditen nicht zu erzielen, weshalb das Anstreben dieser Renditen zu schwachem Wachstum und Oligopolen führt, die ihrerseits das Wachstum schwächen. Unternehmen und Firmen stehen immer vor der Wahl, wo sie ihr Geld unterbringen. Sie können es investieren, am Kapitalmarkt anlegen oder den Anteilseignern geben in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen. Meine These ist, dass die Option Kapitalmarkt mit der Aussicht auf schnelle Rendite die langfristigen Investitionen in einem shareholder-value-Regime unattraktiv macht. Solange die Gehälter der Vorstände am Return on Equity gemessen werden, solange 15 Prozent und mehr Gewinn erzielt werden müssen, solange werden die Nettoinvestitionen nicht anziehen.

Kurzum, ich gewichte die Erklärungsmuster eins und drei gleichhoch, kurz danach Erklärungsmuster zwei. Sicher ist, dass 2011 ein wichtiges Jahr für unsere deutschen Ökonomen wird. Bleiben die Investitionen schwach, wird der Glaube an die Angebotstheorie weiter schwinden. Steigt die Gewinnquote weiter, kann es ungemütlich werden. Denn wie sagte der Chef des arbeitgebernahen Institutes der deutschen Wirtschaft so schön? “Für all diese Quoten gibt es weder theoretisch begründbare noch normative Richtwerte. Die kritische Frage ist, was die Gesellschaft langfristig akzeptiert.”

Kategorien: Wissen und Glauben
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich versteh nicht, warum die “Angebotstheorie” bei all den angeführten Erläuterungen als falsch hingestellt wird. Inländische Invesitionen gingen mit der Währungsunion zurück, das hat die Exportüberschüsse verursacht. Deutschland hat zu China und Japan als größter Kapitalexporteur aufgeschlossen. Kapital ging dorthin, wo die besseren Renditen zu erwarten waren. Mit den Agenda-Reformen haben sich die Voraussetzungen etwas gebessert und Investitionen zogen wieder an. Wir waren auf dem richtigen Weg. Gewinne waren bis zur Agenda stagnierend, dann stiegen sie, plus zaghaft die Inlandsinvestitionen. Zur selben Zeit aber (2003/04) ging die Post insb. in den USA im Finanz- und Immobilienmarkt ab. 2004 war das einschneidende Jahr für die Verbriefungsexzesse – bis die Blasen nach 3 Jahren platzten. Kapital war massiv dorthin geflossen.

    • 6. März 2011 um 19:34 Uhr
    • Tobias Fuentes
  2. 2.

    Ich finde es immer schrecklich, was alles zu „neoliberaler Politik“ gemacht wird: Rot-Grün hat keine neoliberale Wirtschaftspolitik gemacht, sondern schlicht Industriepolitik – fragen Sie Gerhard Schröder oder lesen Sie mal richtig nach. Letztere ist interventionistisch, neoliberale Politik nicht. Gemeinsam ist beiden heute – im Unterschied zur Nachkriegszeit (Ordoliberalismus)! – die Präferenz für Oligopole. Oligopole und Großunternehmen werden als ideal für Innovation respektive Wachstum angesehen – das ist allerdings eine nicht bewiesene Hypothese. Der Unternehmenskonzentrationsprozess wird deswegen jedoch wirtschaftspolitisch gefördert und zwar schon seit mehr als vier Dekaden!

    Das hat also mit der Deregulierung der Kapitalmärkte wenig zu tun. Es stimmt allerdings, dass die Kapitalmärkte den Konzentrationsprozess massiv fördern. M&A sind eben das einfachste Mittel für Unternehmens- und Umsatzwachstum und wird von den Kapitalmärkten belohnt.

    Das Problem ist m. E., dass die Wirtschaftspolitik in der beschriebenen Form über einen langen Zeitraum hinweg eben nicht immerfort zu Wachstum führt, sondern irgendwann in eine Phase der Sättigung und Instabilität mündet, mit verkrusteten, nicht mehr von wirksamem Wettbewerb geprägten, oligopolistischen Märkten, in denen enormer Kostendruck herrscht mit entsprechenden Folgen für Beschäftigung und Löhne.

    Für mich ist deswegen die falsche Wirtschaftspolitik die richtige Erklärung für die von Ihnen sehr anschaulich dargestellte Anomalie.

    Gruß
    SLE

    • 6. März 2011 um 20:58 Uhr
    • Stefan L. Eichner
  3. 3.

    @ Fuentes

    Aha, die strukturellen Probleme gab es also erst ab 2001, das Jahr, in dem die Investitionen stark abgenommen haben. Was war das von 1991 bis 2000? Der letzte Aufschrei des reformgestauten Unternehmertums?

    “Kapital” floss nicht aus Deutschland ab, sondern Banken, die im Inland keine Nachfrager für ihre Kredite fanden, haben eben ausländische Häuser und anderes finanziert.

    Wenn die Renditen im Ausland wirklich höher waren, dann vor allem durch Blasen, vor allem im Häusermarkt. Blasen in Deutschland aufzupumpen wäre wohl nicht die richtige Alternative gewesen, oder meinen Sie doch? Realinvestitionen bieten eben nicht so viel wie stetig steigende Häuserpreise – bis die Blase platzt.

    In der Zwischenzeit hat sich das deutsche Kapital eine goldene Nase verdient, die Armut ist gestiegen und die Ungleichheit auch.

    @ Robert

    Super Artikel!

    Grüße,

    Fabian

    • 6. März 2011 um 22:07 Uhr
    • Fabian Lindner
  4. 4.

    Warum ist die Geldpolitik in Schweden erfolgreich und in den USA nicht?

    Ist das Wachstum nachhaltiger, wenn die Einkommen gleichmäßiger verteilt sind?

    • 6. März 2011 um 22:29 Uhr
    • Marlene
  5. 5.

    In der globalisierten Welt hat sich einiges verschoben, und die alten Messwerte haben ihren Sinn verloren. Beispielsweise kann man Außenhandelsbilanzen heute überhaupt nicht mehr miteinander vergleichen. Die großen globalisierten amerikanischen Firmen produzieren vor Ort in mehr als hundert Ländern — wozu sollten die USA also jetzt überhaupt noch exportieren? Ja, es gibt sogar US-Firmen, die gar nichts mehr in Amerika produzieren, sondern ihre weltweiten Werke nur noch von dort aus leiten. Amerika hatte eine Finanzkrise, doch die globalisierten Firmen fuhren unberührt ihre Gewinne ein.

    Auch die “Export”ziffern sehen mit der Globalisierung kurios aus und sind damit statistisch ziemlich wertlos geworden. Siemens z.B. exportiert aus USA nach Mexiko — das zählt bei den Statistikern als US-Export. Beliefert GM aus seinen Werken in Schanghai ganz Südostasien, so sind das chinesische Exporte, Volkswagen aus Paranà zählen als “brasilianische” Exporte, falls sie nach Argentinien verschifft werden.

  6. 6.

    @Fabian Lindner
    Ich habe die Kapitalwanderung nicht begrüßt. Natürlich diente das Kapital auch zum Aufblähen der Blasen in USA, Spanien, Irland & co. Natürlich waren diese Kapitalanlagen irrsinnig, und inländische Investitionen wären insofern segensreicher gewesen. (Und es ging hierbei, um genau zu sein, weniger um nicht gewährte Bankkredite für deutsche Unternehmen, sondern Anlage des massig vorhandenen (Eigen-)Kapitals, Direktinvestitionen / Investments.) Dass es zu Immobilienblasen kam, ist Ergebnis staatlicher Interventionen – in den USA beginnend mit dem verhängnisvollen Community Reinvestment Act 1995, in ESP/GB/IRE insb. seit der Währungsunion. Wir unterscheiden uns wohl letztlich nur in den Handlungsanweisungen – man hätte mit strikteren Regulierungen und Verboten manches verhindern können (die Blasen wären dann langsamer aufgebläht worden), aber das ist nur eine Seite.

    Was 1991-2000 betrifft, wie man sieht gab es nach der Wiedervereinigung ein Dahindümpeln ohne “neoliberaler” Wirtschaftspolitik. Ich glaube wir hatten sogar eine leicht überdurchschnittliche Lohnentwicklung als der EU-Schnitt.

    • 7. März 2011 um 00:28 Uhr
    • Tobias Fuentes
  7. 7.

    Tobias beantwortet die Frage in der Überschrift doch recht deutlich:

    Noch viel viel mehr, dann wird irgendwann auch wieder etwas mehr investiert.

    Weshalb Unternehmen jedoch investieren sollten, wenn der Absatz nicht steigt, bleibt unklar.

    • 7. März 2011 um 10:04 Uhr
    • Thom78
  8. 8.

    @dunnhaupt

    “Siemens z.B. exportiert aus USA nach Mexiko — das zählt bei den Statistikern als US-Export. Beliefert GM aus seinen Werken in Schanghai ganz Südostasien, so sind das chinesische Exporte, Volkswagen aus Paranà zählen als “brasilianische” Exporte, falls sie nach Argentinien verschifft werden.”

    Was ist daran kurios? Wenn Siemens etwas in den USA produziert und nach Mexiko liefert, ist das das wohl selbstverständlich ein US-Export? Weshalb sollten die Exporte dem Land mit dem Unternehmenshauptsitz zugerechnet werden?

    • 7. März 2011 um 10:13 Uhr
    • Thom78
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)