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So trickst Sarrazin

Von 23. Mai 2012 um 09:18 Uhr

Das neue Buch von Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin hat überraschend häufig attestiert bekommen, es argumentiere wirtschaftlich korrekt (etwa Micha Brumlik in der taz oder auch David Hugendick auf zeit.de). Aber ist das wirklich so, oder haben es nur Feuilletonisten rezensiert, die bei einer Tabelle mit ein paar Prozentzahlen schon von der Ehrfurcht gepackt werden? In Wirklichkeit hat Sarrazin bei “Europa braucht den Euro nicht” dieselben Tricks angewendet wie bei seinem Bestseller “Deutschland schafft sich ab”. Das Buch ist keine rationale Abwägung der wirtschaftlichen Vor- und Nachteile des Euro, sondern ein ganz klar auf die These: Zurück zur D-Mark hingeschriebenes Pamphlet. Dafür ist Sarrazin alles recht: Auslassen, weglassen, umdeuten, bewusst falsch interpretieren. Vor allem das bewusste falsche Interpretieren von Statistiken werden wir uns gleich genauer anschauen. (Was ich vom Buch halte, mein Verriss steht hier.) Zwei Tabellen in dem Buch sind zentral, um seine These, der Euro hat Deutschland keine Vorteile gebracht, zu stützen. Das BIP pro Kopf in Kaufkraftparitäten sowie die Entwicklung des Außenhandels Deutschlands mit der Eurozone, der Rest-EU und dem Rest der Welt. Aber der Reihe nach.

“Gemessen am Wohlstandsindikator BIP brachte die Währungsunion für viele Länder schwere Nachteile, für Deutschland hingegen keine Vorteile”, behauptet Sarrazin. Dazu gibt es eine Tabelle, die die Entwicklung des Brutto-Inlandsprodukt pro Kopf in Kaufkraftparitäten abbildet (Seite 109). Der Indikator ist grundsätzlich zur Messung des Wohlstandes okay. Was aber macht Sarrazin? Er schaut sich anhand dieses Indikators an, wie sich einzelne Länder relativ zur gesamten EU, der EU der 27 Staaten, entwickelt haben. Und siehe da: Der Wohlstand in der EU der 27 hat sich zwischen 1998 und 2010 besser entwickelt als in fast jedem anderen Land. Das, so Sarrazin, zeige, dass der Euro kein Vorteil für Wachstum und Wohlstand gebracht habe.

Doch ist es redlich, mit diesem relativen Vergleich die Wachstumseffekte des Euro herausfiltern zu wollen? Nein, im Gegenteil, das ist ziemlicher Unsinn. Sein Trick: Indem er die EU wählt, hat er die osteuropäischen Staaten, die in den zwölf Jahren sehr stark aufgeholt haben, in den Vergleichsmaßstab eingearbeitet und damit die relative Messlatte sehr hoch gelegt. Denn die osteuropäischen Staaten befinden sich immer noch in einem ökonomischen Aufholprozess nach dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft. Solche Länder sind in der Regel durch relativ hohe Wachstumsraten gekennzeichnet, weil sie von eine niedrigen Einkommensniveau kommen und große Entwicklungspotentiale haben. Dadurch sehen die Euroländer relativ alt, wachstumsschwach, aus. Ist doch klar! Das folgende Diagramm zeigt dann auch, dass es eben keine Rolle spielt, ob ein Land Mitglied der Eurozone ist oder nicht, wenn man die relativen Wachstumsraten vergleicht.

Grafik: Relative BIP pro Kopf (KKP) in der EU 1999 (2010)

Was man sieht, ist, dass je geringer das BIP pro Kopf eines EU-Landes in Relation zu dem der EU27 insgesamt in 1999 war, desto stärker ist es bis 2010 gewachsen. Länder, deren BIP pro Kopf in 1999 geringer als das der EU27 war, sind über die 12 Jahre relative schneller gewachsen als die EU27 insgesamt und Länder deren BIP pro Kopf in 1999 größer als das der EU27 insgesamt war, also die reichen Länder, sind relativ langsamer gewachsen. Denn gestiegen ist das BIP pro Kopf über diesem Zeitraum in allen Ländern der EU. Deshalb bedeutet eine relative Verschlechterung des relativen BIP mitnichten, dass die alten Euroländer Wohlstandsverluste erlitten hätten

Das beste Gegenbeispiel zu Sarrazins These sind Großbritannien, Schweden und Dänemark (im Diagramm die drei orangefarbenen Punkten im Quadranten unten rechts). Keines der drei Länder hat den Euro eingeführt, sie sind aber ebenso relativ zur EU der 27 insgesamt zurück gefallen, wie die einkommensstarken Länder der Währungsunion.

Die Korrelation zwischen “Mitglied der Währungsunion Ja/Nein” und “niedriges/hohes Wachstum”, die Sarrazin gerne aus den Daten herauslesen möchte, gibt es nicht, stattdessen sieht man das, was Ökonomen hier erwarten würden, eine Korrelation zwischen der Einkommenshöhe und dem Wachstum, das heißt die Konvergenz der Wohlstandsniveaus in der Europäischen Union.

Die Tabelle für Sarrazins wichtigstes Argument zeugt also vor allem vom Aufholprozess Polens, Tschechiens und Ungarns. Erwähnt Sarrazin auf den betreffenden Seiten den Aufholprozess Osteuropa? Natürlich nicht!

Die zweite zentrale Aussage lautet: „Trotz der gemeinsamen Währung sinkt die Verflechtung Deutschlands mit dem Euroraum.“ Paradoxerweise sei der Euro dafür auch noch der Grund, weil die unbefriedigende Entwicklung in den Südländern, deren Möglichkeit begrenze, deutsche Waren zu kaufen, behauptet Sarrazin flott. Auch dazu gibt es eine Tabelle (Seite 115), die das Gegenteil belegt, wenn man sie versteht.

Denn die Ausfuhren Deutschlands in den Euroraum haben sich zwischen 1998 und 2011 fast verdoppelt – von 220 Milliarden Euro 1998 auf 417 Milliarden im vergangenen Jahr. Von wegen weniger Verflechtung! Was das Argument Sarrazins stützen soll, ist wieder eine relative Betrachtung: Die Ausfuhren in die EU der 27 haben sich noch besser entwickelt (natürlich wegen Osteuropa). Und in den Rest der Welt haben sie sogar um 150 Prozent zugelegt (natürlich wegen China und Asien). Erwähnt Sarrazin auf diesen Seiten den Aufholprozess? Natürlich nicht.

Worauf er rumreitet sind die relativen Gewichte: Der Anteil der Ausfuhren in die Eurozone ist von 45,2 Prozent im Jahr 1998 auf 39,3 Prozent 2011 gesunken. Die Exporte der deutschen Firmen nach China wachsen halt rascher, weil China mit seinen zehn Prozent plus Wachstumsraten schneller wächst als reife Industriestaaten.

Aber daraus ein Argument gegen den Euro zu machen, gar von abnehmender Verflechtung zu sprechen, ist leider typisch für das ganze Buch! Ist typisch Sarrazin!

Kategorien: Wissen und Glauben
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Das war aber auch genug Aufmerksamkeit für den Scharlazin, oder?

    Jeder der übliche Verdächtigen, der hierzu NICHT mehr postet, steigt in meinem Ansehen :-)

    • 23. Mai 2012 um 10:43 Uhr
    • bmmayr@googlemail.com
  2. 2.

    Herr Heusingner,
    Ihre Aversion und Voreingenommenheit gegenüber der Person Sarrazin und seinen Thesen versuchen Sie sowohl hier im Blog als auch in Ihrem Verriss in der FR ja gar nicht erst zu verstecken. Trotzdem können Sie auf über 400 Seiten Text nichts angreifbareres finden, als diese beiden Stellen? dann scheint das Buch jedenfalls besser geschrieben zu sein als die meisten Politikerdissertationen.
    Sarazzin: “Europa braucht den Euro nicht”
    Heusinger: “Das folgende Diagramm zeigt dann auch, dass es eben keine Rolle spielt, ob ein Land Mitglied der Eurozone ist oder nicht, wenn man die relativen Wachstumsraten vergleicht.”
    q.e.d.

    • 23. Mai 2012 um 10:52 Uhr
    • JMQ
  3. 3.

    “Denn die Ausfuhren Deutschlands in den Euroraum haben sich zwischen 1998 und 2011 fast verdoppelt – von 220 Milliarden Euro 1998 auf 417 Milliarden im vergangenen Jahr. Von wegen weniger Verflechtung!”
    Der Exportüberhang wird doch hier immer als die Wurzel allen Übels dargestellt. Auf einmal spricht er für den Euro! Wie sieht es den mit dem Importwachstum aus dem Club Med. aus?

    • 23. Mai 2012 um 11:02 Uhr
    • JMQ
  4. 4.

    Apropos weglassen, wo ist die Meldung: “Erstmals in der Geschichte muss der Bundesfinanzminister für deutsche Staatsanleihen keine Zinsen mehr bieten.”

    • 23. Mai 2012 um 11:09 Uhr
    • PBUH
  5. 5.

    @JMQ

    Es geht nicht darum, dass an zwei Stellen Kritik angebracht wäre. Es geht um die zentralen Aussagen: Der Euro bringt Deutschland nichts, schadet aber den anderen. Und: Der Euro hat dazu geführt, dass die Verflechtung Deutschlands mit dem Euroraum abgenommen hat, anders als gedacht. Wenn die beiden Annahmen getürkt sind, wie ich behaupt, ist das ganze Buch Mist!

    Und noch was zu der relativen Entwicklung des Wohlstands: Seine Tabelle zeigt, dass der Reichtum pro Kopf in Deutschland gegenüber der EU in den vergangenen 12 Jahren um 2,1 Prozent langsamer zugenommen hat, in der Eurozone insgesamt um 4,2 Prozent. Doch Großbritannien hinkt gegenüber dem Wohlstandsanstieg in der EU um fünf hinterher, die USA gar um 8,6 und Japan um zehn Prozent.

    Vielleicht hat der Euro doch etwas gebracht? Darüber finden Sie auf den Seiten keinen GEdanken! Dass sich Japan und die USA versus der EU viel schlechter entwickelt hat als Euroland, seis drum. Sowas nenne ich bewusstes Täuschen.

    Grüße, Robert Heusinger

    • 23. Mai 2012 um 11:13 Uhr
    • Robert von Heusinger
  6. 6.

    >>>Ihre Aversion und Voreingenommenheit gegenüber der Person Sarrazin und seinen Thesen versuchen Sie sowohl hier im Blog als auch in Ihrem Verriss in der FR ja gar nicht erst zu verstecken. <<<

    Ja, und das ist auch vollkommen berechtigt!

    MfG
    M. Höfer

    • 23. Mai 2012 um 11:42 Uhr
    • M. Flöger
  7. 7.

    “Ja, und das ist auch vollkommen berechtigt!”

    Wenn man sich als politischer Gegner versteht schon, wenn man als Journalist objektiv berichten will definitiv nicht.

    • 23. Mai 2012 um 12:00 Uhr
    • JMQ
  8. 8.

    Das mit der journalistischen Ausgewogenheit ist so ein Problem:

    Wenn es auf der einen Seite vernünftige Leute gibt, die um der Sache Willen diskutieren und auf der anderen Seite Leute gibt, die eine feste Agenda verfolgen und deren Meinung feststeht und sich die Argumente so zu Recht legen, dass es dem vorgegebenen Ziel nützt, auch wenn die Wirklichkeit dafür zurechtgebogen werden muß, was soll der Journalist tun.

    Zwischen beiden Seiten abwägen und so tun als seine beide Seiten an der Sache orientiert (d.h. ausgewogen berichten), oder sollen sie einfach die Wahrheit beim Namen nennen und die eine Seite als das bezeichnen was sie ist:

    Zynisch und nur an eigennützigen Zielen interessiert, aber nicht an der Sache und am Gemeinwohl.

    • 23. Mai 2012 um 12:27 Uhr
    • bmmayr@googlemail.com
  9. Kommentar zum Thema

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