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Religionen und Rituale

Haben Juden in Europa eine Zukunft?

Von 20. Januar 2011 um 15:51 Uhr

Ich war in den letzten zwei Wochen in Malmö, Amsterdam, Budapest und wieder in Amsterdam, um mir ein Bild von den Schwierigkeiten der jüdischen Gemeinden mit einem neuen (?) Antisemitismus zu machen. Ich habe mit Rabbinern, Gemeindevorständen, gewöhnlichen Juden (fromm, säkular, orthodox, liberal) und auch mit aktiven Gemeindemitgliedern gesprochen.

Und das vorläufige Ergebnis ist: nicht gut. Der Sohn des bekanntesten Amsterdamer Rabbiners sagt mir, dass er in einem Jahr emigriert, wenn sein Studium fertig ist. In Budapest traf ich zwei betont weltgewandte, moderne ungarische Juden, die sich erst gegen den Holocaust- und Opferdiskurs der etablierten Gemeinde verwahren. Und dann, nach ihrer Zukunft befragt, sagen sie: Wahrscheinlich nicht in Budapest, obwohl sie diese Stadt “wie verrückt lieben”. Sie müssen sich permanent für ihr Judentum rechtfertigen, und für Israel. Der Sohn des Rabbiners sagt, er selber komme schon damit klar, man trägt halt Baseballkappe statt Kippa in bestimmten Vierteln. Aber seinen Kindern will er das nicht zumuten.

In Malmö ist die Lage so, dass vor allem junge Paare mit Kindern wegziehen. Erkennbare Juden werden beschimpft und bespuckt. Der sozialdemokratische Bürgermeister hat der Gemeinde zynischer Weise geraten, sie solle sich vom Gaza-Krieg Isarels distanzieren, dann werde die Lage schon besser werden. Schwedische Juden werden also als Agenten und Repräsentanten einer fremden Regierung behandelt – von einem schwedischen Bürgermeister (eine Art geistige Ausbürgerung).

Ein Großteil des neuen Antisemitismus kommt von muslimisch geprägten Einwanderern und ihren Kindern. In Amsterdam sind es vor allem marokkanischstämmige Jungs, in Malmö Somalier. Aber das ist nur eine Facette. Die islamisch/islamistische Judenfeindschaft tritt neben den linken Antiisraeldiskurs (mit dem sie sich teils vermischt). In Ungarn hingegen lebt der “klassische” faschistische Antisemitismus wieder auf. Dort sind Rechtsradikale die Hauptquelle, wie auch im deutschen Osten.

Die Regierungen tun nichts oder zu wenig. Gestern war ich in Amsterdam bei Frits Bolkestein, dem ehemaligen EU-Komissar und zuvor Vorsitzenden der liberalen VVD. Er hat mit seiner Äußerung, Juden hätten in den Niederlanden keine Zukunft, wenn sie als solche erkennbar leben wollten, die jüngste Debatte ausgelöst. Bolkestein ist hoch beunruhigt und beschämt über diese Entwicklung in seinem Land. Er hat den Krieg in Amsterdam erlebt und weist daraufhin, dass die Holländer schon unter den Nazis gut im “wegkijken” (wegschauen) waren. Er sieht heute (ohne die Situation gleichsetzen zu wollen) eine ähnliche Haltung am Werk, wenn im Stadion gegen die Spieler von Ajax Amsterdam gilt als “jüdischer” Verein) gehetzt wird mit Sprüchen wie “Hamas, Hamas, die Juden ins Gas”.

Die Frage ist, ob sich nicht gerade ganz Europa im “wegkijken” übt. Über die möglichen Folgen davon schreibe ich für die nächste Nummer einen ausführlichen Bericht.

Ist Religion gut für die Welt?

Von 6. Dezember 2010 um 12:27 Uhr

Ich habe gestern auf BBC World Service die großartige Debatte zwischen Christopher Hitchens und Tony Blair gehört (Transskript hier). Die beiden haben sich vor einigen Tagen in Toronto über die Frage unterhalten, ob “Religion gut für die Welt” sei. Anrührend, wie der schwer krebskranke Hitchens sich hier aufrecht hält und auch bei seinen atheistischen Überzeugungen bleibt.

Für mich klarer Sieger: Hitch, der natürlich zeigt, dass Religion schlecht ist, weil sie in den Menschen überwiegend das Schlechte hervorbringt. Und weil man für das Gute, das in ihrem Namen geschieht, die religiöse Begründung nicht brauche (na ja, stimmt nicht immer…).

Der Nahostkonflikt, sagt er zum Beispiel, wäre längst lösbar, wenn es nicht von beiden Seiten die Vermischung von “Grundbesitzfragen mit Offenbarung” gäbe. Darum werden sich dort die Menschen immer weiter gegenseitig umbringen und sich dabei im Recht fühlen. Dabei sind sich doch alle Seiten eigentlich über die Konturen einer Lösung einig. Also: Gelobtes Land, verfluchtes Land? Nicht leicht zurückzuweisen.

Blair hält eigentlich immer den gleichen Punkt dagegen, dass es zwar Missbrauch der Religion gebe, aber auch sehr viel Gutes in ihrem Namen geschehe. Nicht richtig stark argumentiert.

Das Ganze ist auch eine fantastische Werbung für die Debattenkultur, Englands vielleicht wichtigster Beitrag zum Weltkulturerbe. (Man kann alles hier auf Youtube sehen.)

Zum Thema interessant: diese Umfrage zum Thema. Saudis und Schweden bilden die Extreme, Deutschland ist auf der Skeptiker-Seite. Das ganze Gerede über ein Revival der Religion ist doch sehr erklärungsbedürftig. Die Länder, in denen die politisierte Religion die meisten Verwüstungen anrichtet, haben die höchste Meinung von ihrer Kraft zum Guten. Interessante Pointe: Die Türkei liegt im europäischen Skepsis-Bereich, sogar klar hinter Italien.

Die Zukunft des Christentums (?)

Von 19. Mai 2010 um 09:45 Uhr

Der Unterschied zwischen Kirchenkritik und Antisemitismus

Von 8. April 2010 um 23:15 Uhr

Wie immer sehr schön erklärt in Jon Stewarts Daily Show:

The Daily Show With Jon Stewart Mon – Thurs 11p / 10c
Pope Opera
www.thedailyshow.com
Daily Show Full Episodes Political Humor Tea Party

Muslime, baut vaterländische Moscheen!

Von 10. Dezember 2009 um 14:22 Uhr

Gestern war ein lesenswerter Text von Dieter Bartetzko in der FAZ, in dem auf die auch von mir schon gelegentlich erwähnte Parallele zwischen Synagogenarchitektur (im 19. Jhdt.) und der Moscheebaudebatte heutzutage hingewiesen wurde.

Die Juden bauten in Deutschland teils orientalisierende, teils “vaterländische” Synagogen. Die “maurischen” Elemente standen für die Wiederentdeckung des Andersseins der Juden, die sich als Emanzipierte trauten, Distanz zu den deutschen Sakral-Baustilen zu markieren. Manche Synagoge sah dann aus wie eine Moschee (etwa die Kölner Hauptsynagoge, hier zu besichtigen).

Bild 1

Rekonstrukton der Kölner Hauptsynagoge im orientalischen Stil

Auf diesen Stil antwortete der assimilierte Stil mit romanischen oder gotischen Elementen. Diese Synagogen waren teils von Kirchen nicht mehr zu unterscheiden. Berühmtestes Beispiel: Die Dresdener Synagoge von Gottfried Semper, von den Nazis 1938 zerstört. Sie war aussen wie eine romanische Kirche gestaltet, verbarg in ihrem Innern aber einen orientalisierenden Raum.

alte_synagoge_dresden_1860

Alte Synagoge in Dresden, Achitekt: Gottfried Semper

Hierzu nun schreibt Bartetzko:

“Den Orientalismus der Synagogen lösten seit etwa 1872 “vaterländische” Tendenzen ab, vorgezeichnet in Dresdens Hauptsynagoge von 1840, die Gottfried Semper entworfen hatte. Innen maurisch, glich sie außen den Kaiserdomen von Speyer, Mainz und Worms. Als im zweiten Kaiserreich Romanik und Gotik Inbegriff nationaler Identität wurden, entstanden in Bingen, Schweidnitz, in Lüneburg, Breslau, München oder Düsseldorf neoromanische und neogotische Synagogen, oft zweitürmig, die sich kaum noch von Kirchen unterschieden.
Der Appell dieser Synagogen war eindeutig: Integration. Das gilt sogar für den altorientalischen Monumentalismus der um 1900 entstandenen, heute wieder berühmten Großsynagogen in Essen, Berlin oder Frankfurt-Westend. (…) Wie sehr Synagogen integraler Teil der deutschen Kultur geworden waren, zeigte sich nach 1918. Während in Wilmersdorf 1923 Deutschlands erste von einer islamischen Gemeinde errichtete Moschee als Kopie der heimatlichen Moscheen errichtet wurde, bauten jüdische Gemeinden teils im konservativen Heimatschutz-, teils im umstrittenen avantgardistischen Bauhausstil und teilten so die ästhetischen und ideologischen Konflikte der Weimarer Republik.
Diese fast vollständige ästhetische Integration überdauerte selbst den Judenvernichtungsterror der Nationalsozialisten: Als nach 1945 wieder Synagogen in Deutschland gebaut wurden, entstanden sie, zuweilen mit dezent orientalisierenden Details versehen, im Stil der deutschen Wiederaufbaumoderne. Dass die Traumata des Massenmords nachwirkten, drückt sich außer in der zurückhaltenden Gestaltung auch in den zurückgezogenen, oft zusätzlich von Mauern geschützten Standorten der Synagogen aus.
Diese Isolation, die in den neuen Synagogen überwunden scheint, drückt sich aber in den älteren Moscheebauten in Deutschland immer noch aus. Verantwortlich für ihre Lage in Randgebieten und Hinterhöfen ist die Geldknappheit der auf Spenden angewiesenen islamischen Gemeinden, aber auch beiderseitige Ausgrenzung. Dieses Nischendasein, gepaart mit traditionellem Konservatismus und dem Nichtwissen um hiesige Berührungsängste, dürfte mitbewirkt haben, dass die Mehrzahl der Moscheen der ersten und zweiten Generation reine Orientkopien sind. Der Streit um Minarette geht von den neuen Moscheen aus, die zwar den Hinterhof, aber nicht das architektonische Außenseitertum verlassen haben. So kommt es, dass die nichtislamische Öffentlichkeit selbst in Paul Böhms unbestreitbar modernem Entwurf für die Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld nicht eine expressive Neudeutung der Blauen Moschee sieht, sondern einfach ein drohendes Monument, das den Orientalismus in Riesendimensionen treibt. Dem entspricht auf islamischer Seite, dass die Mehrheit der Gläubigen, obwohl der Islam außer der Ausrichtung nach Mekka keine Regeln für den Moscheebau kennt, Abweichungen vom Gewohnten strikt ablehnt.”

Ich bin, wie ich bereits an der Penzberger Moschee erklärt habe, durchaus ein Freund des “integrativen” Baustils. Aber ich finde es sehr problematisch, den Muslimen die jüdisch-deutsche Erfahrung normativ vorzuhalten.

Denn: Was war die Antwort der deutschen Gesellschaft auf die Botschaft der “Integration”? Brennende Synagogen und Völkermord. Es hat den Juden nichts gebracht, sich in die deutsche Gesellschaft einzufügen und ihre ästhetischen Vorlieben zu teilen.
Es gibt eigene, heutige Gründe für einen neuen islamischen Baustil, wie er in Penzberg versucht wurde.
Die deutsche Gesellschaft kann es sich aber nicht so einfach machen, die Vorbehalte gegen Moscheen allein (und in jedem Fall)  auf die “Selbstausgrenzung” der Muslime zu schieben (die es natürlich auch gibt). Dass man etwa in der modernen Böhm’schen Moschee für Köln ein “drohendes Monument” sieht, liegt sehr wohl im Auge des Betrachters.
Im übrigen sind es ja gar nicht so viele, die sich in Köln bedroht fühlen.
Man könnte darin ja auch eine lange Erinnerung an die Vorgeschichte sehen, in der orientalisierende Synagogen ebenso verbrannt wurden wie die hoch angepassten vaterländischen Exemplare. Vielleicht gibt es in Köln ein Gefühl für den Verlust, den man sich seinerzeit selbst beigebracht hat durch die Vertilgung des gebauten Orients?

Minarette: Wie du mir, so ich dir?

Von 3. Dezember 2009 um 20:06 Uhr

Guter Artikel zur Schweizer Minarett-Entscheidung auf dem immer wieder lesenswerten “Transatlantic Forum” von Michael Kreutz:

Obwohl auf dem Boden der gesamten Schweiz gerade einmal vier Minarette ihr Dasein fristen (weswegen die meisten Einwohner Minarette wohl nur aus dem Fernsehen kennen), ist das Alpenland, dessen gefühlte Grösse etwa der Liechtensteins entspricht, schon jetzt schwer überfremdet. Oder jedenfalls beinahe. Vier Minarette sind immerhin vier Minarette.

Freiheit verteidigt man daher am besten durch praktizierte Sippenhaftung: Weil in Dubai keine Kirchen gebaut werden dürfen, darf es in der Schweiz keine weiteren Minarette mehr geben. Symmetrie nennt man das. Symmetrie ist die neue Waffe im Kampf gegen die Islamisierung, wenngleich diese bislang eher darin bestand, dass ein Teil der Muslime sich selbst ausgrenzt (bis jetzt jedenfalls wurde noch keine Nicht-Muslimin unter die Burka gezwungen)…

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Ganz ähnlich übrigens argumentiert Yassin Musharbash auf SPON.

Minarettverbot – Krise des Liberalismus?

Von 1. Dezember 2009 um 15:24 Uhr

Themenvorschlag: siehe Überschrift. Ist vorerst nur so eine Intuition, dass sich in dem Vorschlag, die Verfassung der Schweiz durch ein Verbot zu ergänzen, Türmchen an Moscheen zu bauen, die Krise des Liberalismus in Europa zeigt.

Denn: Wir kritisieren den Islam doch (seit Jahren, auch hier) im Namen des liberalen Rechtsstaats. Wir sind ja skeptisch, was die Integrierbarkeit dieser Religion in unsere Werte- und Rechtsordnung angeht, weil wir im Islam Defizite beim Verständnis der individuellen Freiheitsrechte erkennen, Defizite bei der Gleichbehandlung der Geschlechter, Defizite bei der Religionsfreiheit etc.

Allerdings bringt diese Kritik im Namen des Liberalismus immer mehr problematische Zuckungen des Antiliberalismus zum Vorschein. Überall soll verboten, erzogen und reglementiert werden.

Und es wird massiv herumfantasiert über die Einschränkung der Rechte einer Minderheit.

Den Koran verbieten. Gebete auf Arabisch verbieten. Schächten verbieten. Minarette ab einer bestimmten Höhe verbieten. Ach was, alle Minarette verbieten. Zwangsehen verbieten. Ach was, auch arrangierte Ehen verbieten. Kopftücher verbieten. Befreiung vom Schwimmunterricht und von der Sexualkunde verbieten. Burka verbieten. Moscheebauten verbieten. Und so weiter. Noch Vorschläge?

Kann es sein, dass der westliche Liberalismus sich selbst aufgibt, weil er seiner Kraft und Attraktivität nicht mehr vertraut? Das wäre doch ein ziemliches Paradox, dass diejenigen, die sich in eine Notwehrsituation gegenüber dem Islam hineinfantasieren und im Namen des Liberalismus gegen ihn zu kämpfen glauben, eben jenen Liberalismus leichtfertig aufgeben?

In ganz Europa gibt es schon diese Parteien, deren sog.  Liberalismus sich auf zwei Punkte konzentriert: Staatsfeindlichkeit (Steuern runter!) und Islamfeindlichkeit (Koran verbieten etc.). Nur Deutschland hat so etwas (noch) nicht. Und ich sage: zum Glück.

Also: Wie wäre ein liberaler Umgang mit der Herausforderung Islam möglich, der ohne Selbstaushöhlung auskäme?

Mein Lieblings-Minarett

Von um 10:07 Uhr

Gestern habe ich in dem Thread über die Schweizer Volksbefragung zum Minarettverbot geschrieben, ich sei kein “Minarettbefürworter”. Damit war gemeint: Wer für das Recht auf Moscheebau mit Minarett eintritt, muss nicht zugleich für jedes Minarett in jedem städtebaulichen Kontext sein. Es ist legitim, gegen konkrete Bauvorhaben zu argumentieren und auch zu mobilisieren, wenn man dafür andere Gründe hat als den Generalverdacht gegen “den Islam”. Moscheebauvorhaben müssen sich in den städtebaulichen Kontext einfügen.

Nun bin ich aber Befürworter eines ganz bestimmten Minaretts und der dazugehörigen Moschee. Es steht im bayrischen Voralpenraum, in Penzberg.

So sieht es aus:

Postkarte$20minarett

Und siehe da: Die oberbayrischen Alteingesessenen sind mittlerweile regelrecht stolz auf “ihre Moschee”. Das Minarett besteht vollständig aus stilisierten Schriftzügen. Das Moscheegebäude hat auch keine osmanische Kuppel. (Mehr hier.)

Es wurde gestaltet von dem jungen bosnischstämmigen Architekten Alen Jasarovic, der mit seinem Moschee-Design auch ein Zeichen für eine genuin europäisch-muslimische Baukultur geben will, die sich nicht sklavisch an einem traditionellen osmanischen oder maurischen Stil orientiert.

Das Gebäude ist sehr licht und hell. Es öffnet sich auch bausprachlich der Umgebung.

Die Gemeinde hat das Bauprojekt sehr stark mit der Bevölkerung debattiert. Es gab zwar einige Vorbehalte, aber kaum Proteste. Man kennt sich von der Arbeit und aus der Nachbarschaft.

Merkwürdig: In Penzberg ist eine größere Offenheit für die islamische Gemeinde spürbar, als etwa in Köln. Die Penzberger Muslime haben selber einen grossen Anteil daran, weil sie  Offenheit für ihre Umgebung zeigen – schon in der Architektur.

Ich zitiere den Architekten Alen Jasarevic:

“Wir sind der festen Überzeugung, dass sich ein mitteleuropäischer Moscheetyp entwickeln wird, mit dem sich die muslimischen Einwanderer, vor allem der dritten und vierten Generation, wie auch die nichtmuslimischen Bürger leichter identifizieren können als mit Übernahmen traditioneller Moscheetypen aus der islamischen Welt.

Neben der Kirche und dem Rathaus wird sich die Moschee wie auch die Synagoge als selbstverständlicher Bestandteil unserer Städte etablieren. Wir stehen noch ganz am Anfang dieser Entwicklung. Über Generationen gefestigte Bilder von Moscheen und Vorurteile müssen auf beiden Seiten aufgebrochen werden.
Noch gilt die osmanische Interpretation mit Zentralkuppel und spitzem Minarett als einzig legitimer Typ für einen Moscheebau. Sogar die Moscheegegner berufen sich auf ihren Protestplakaten auf dieses Bild. Dabei ist dieser Typ nur ein Element im weiten Spektrum der islamischen Architekturvielfalt.
Die erste Moschee war das Wohnhaus des Propheten Mohammed: ein einfaches, teilweise überdachtes Hofgeviert. Der Muezzin rief vom Dach des Hauses zum Gebet. Das Minarett und die Kuppel entwickelten sich erst in der Folgezeit unter den ersten Kalifen.
Die folgenden Jahrhunderte brachten ganz unterschiedliche Moscheetypen hervor. So erinnert uns ein chinesisches Minarett eher an eine Pagode oder eine schwarzafrikanische Lehm-Moschee an einen Ameisenhaufen.
Dennoch erfüllen alle Moscheen die gleiche Aufgabe, sie sind Gebetsplätze und Orte der Niederwerfung (arabisch für Moschee) und damit gleichwertig. Eine mitteleuropäische Moschee mit eigenen Gestaltungsmerkmalen ist daher genauso legitim wie etwa die Hallenmoschee im Maghreb. Umgekehrt wäre eine traditionelle chinesische Moschee in der Türkei genauso deplatziert wie eine traditionelle osmanische Moschee in Deutschland.

Moscheen waren immer Orte der Kommunikation und nicht primär Orte der Repräsentation. Gerade in einer offenen und pluralistischen Gesellschaft ist die kommunikative Aufgabe von grundsätzlicher Bedeutung. Fruchtbare Gespräche gelingen gerade in einer ungezwungenen und vorurteilsfreien Atmosphäre. Gebäude, die auf Traditionen beharren, können dagegen zu Barrieren werden.
Als mich die islamische Gemeinde Penzberg das erste Mal zu einem Gespräch in ihre Räumlichkeiten einlud, wunderte ich mich über den provisorischen Charakter der Gebetsstätte. Er überträgt sich mit der Zeit auf die Arbeit der Gemeinde und ihres Vorstandes. Alles ist ein Provisorium.
Doch in Penzberg war alles im Fluss. Der junge, charismatische Imam entwickelte in unserem Gespräch eine mitreißende Vision von der Zukunft der Muslime in Deutschland. Endlich! Eine Gemeinde, die sich und ihre Religion als selbstverständlichen Teil der deutschen Gesellschaft sieht.
Während des Schlussspurtes waren auch wir Architekten täglich auf der Baustelle, um die Arbeiten zu koordinieren und zu überwachen. In dieser Zeit fiel mir ein älterer Herr auf, der regelmäßig die Baustelle besuchte. Eines Tages nahm er mich zur Seite und fragte nach dem Minarett, wann es denn komme und ob es in die Umgebung passe.

Es stellte sich heraus, dass er genau gegenüber der Moschee wohnte und zusammen mit seiner Frau besorgt war. Ich versicherte ihm, dass ich nach wie vor zu meinem Wort stünde und dass die Gemeinde der Stadt mit dem Minarett ein bemerkenswertes Kunstwerk schenken würde.
Der Nachbar bedankte sich nach der Eröffnung beim Vorstand und erzählte, dass er nun mit seiner Frau abends seinen Kaffee am Fenster mit zurückgezogenen Gardinen trinkt und die schöne Aussicht genießt.
Ich frage mich häufig, welchen Anteil am Erfolg der islamischen Gemeinde die Architektur tatsächlich hat. Das Haus ist natürlich nur ein Passepartout, ein Rahmen für die Gemeinde, und ohne die Aktivität und Offenheit ihrer Mitglieder wäre auch die schönste Moschee kein Erfolg.
Allerdings trägt die Architektur entscheidend dazu bei. Ein ungewöhnliches, kunstvoll, offen und transparent gestaltetes Gebäude verhilft der Gemeinde zu Identität und Selbstbewusstsein.
Rückblickend lässt sich sagen, dass der Vorstand klug und vorausschauend gehandelt hat. Die Befürchtungen der Bevölkerung wurden von allen ernst genommen und in vielen gemeinsamen Gesprächen entkräftet. Insgesamt wurde ein Projekt realisiert, das Leuchtturm-Qualität besitzt und hoffentlich auch andere Städte und Gemeinden inspiriert.”

Wo man Minarette verbietet

Von 30. November 2009 um 11:21 Uhr

Braucht ein Land mit 4 (!) Minaretten ein Gesetz gegen den weiteren Bau solcher Türme?  Ist es überhaupt statthaft, ein Sonder-Gesetz gegen bestimmte religiös motivierte Bauformen zu erlassen? Gibt es in der Schweiz etwa kein Baurecht, in dem alles Nötige ohnehin geregelt ist?

Das sind alles ebenso naheliegende wie sinnlose Fragen. Denn der siegreichen Initiative zum Minarettverbot geht es ja gar nicht um dieses spezielle Bauwerk. Und dass ein Europäischer Gerichtshof die Sache wahrscheinlich stoppen wird, ist den Initiatoren um die SVP natürlich sehr recht: Wieder einmal wäre bewiesen, dass Europa schlecht für die Schweizer ist, weil es ihre Souveränität einschränkt.

Sie haben die Volksabstimmung ja gerade so formuliert, dass sie quer zu den obigen Fragen das Unbehagen am Islam und an den Fremden im Lande abfragt: Ein Minarett, so die Suggestion, ist ja eben nicht einfach Teil einer üblichen Sakralarchitektur, sondern Symbol einer mit den schweizerischen Werten nicht vereinbaren Ideologie namens Islam. Letztlich heißt das: Islam ist keine Religion, sondern eine politische Idee, die zurückgewiesen werden muss und mit allen Mitteln bekämpft werden darf. Für den Islam gilt die Verfassung nicht, gilt das Religionsprivileg nicht, gilt die Religionsfreiheit nicht.

Das ist die radikale Kampfansage, die in dem Volksbegehren steckt.

Es gibt sicher Leute, die diese Botschaft verstehen werden. Dann beginnt eine andere Debatte.

Zum Ende der Papstreise ins Heilige Land

Von 15. Mai 2009 um 15:12 Uhr

Man kann sich die Erleichterung des Papstes vorstellen, wenn heute nach einem Treffen mit orthodoxen Christen sein Besuch im Heiligen Land zuende geht. Noch nie ist der Pilger-Besuch eines Pontifex so skrupulös beobachtet worden. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass das Schicksal dieses Pontifikats an dieser Reise hing: Noch ein falsches Wort, noch ein Skandal – und Benedikt wäre als Versager auf dem heiligen Stuhl in die Geschichte eingegangen.

So ist es nicht gekommen. Die Papstreise ist – gemessen an den Befürchtungen – gut verlaufen. Der Papst hat in einigen Fragen sogar – was etwa die Wünschbarkeit eines palästinensischen Staates angeht – erfreulich klare Worte gefunden.

Aber eine große Reise war es dann doch nicht. Und das hat mit einem merkwürdigen Ungleichgewicht des Mitgefühls zu zu tun, das der Papst bei seinen Stationen an den Tag legte.

Dass diese Pilgerreise so heikel werden würde, hatte der Papst sich selbst eingebrockt – zuletzt durch sein Missmanagement der Affäre um den Holocaustleugner Bischof Williamson. Es war klar, dass manche in Israel darum eine besondere Geste erwarten würden. Und es war zugleich klar, dass er sie nicht würde bieten können. Ein Papst, der sich – etwa in der Gedenkstätte Jad Vaschem abermals entschuldigt, dass er und seine Beamten leider, leider übersehen haben, dass ein Bischof der Piusbrüder offenbar der Meinung ist, die Gaskammern hätte es nicht gegeben – wie peinlich und unangemessen wäre das gewesen!

Doch hätte Benedikt sich in Jad Vaschem zur Haltung der Katholischen Kirche im Nationalsozialismus unter Pius XII äussern sollen? Im Ernst wurde dies nicht erwartet, auch wenn manche Stimmen in Israel so etwas lauthals gefordert hatten. Eine Pilgerreise ist nicht geeignet zur Fortsetzung eines immer noch nicht angeschlossenen Historikerstreits um Schuld und Verstrickung der Kirche.

Aber hätte Benedikt, wenn er schon diese Erwartungen nicht erfüllen konnte, nicht etwas anderes tun können, um die Israelis für sich einzunehmen? Eine menschliche Geste, ein paar bewegte, persönliche Worte wären genug gewesen. Sie kamen ihm nicht über die Lippen. Er wirkte wie eingemauert in die Angst, etwas falsch zu machen. Jedenfalls beim israelischen Teil seiner Reise.

Das ist das Erstaunliche: Dieser Papst kam besser bei seinen palästinensischen Gastgebern an als bei den Israelis.

Anders gesagt: Benedikt kommt überraschender Weise mit den Muslimen besser zurecht als mit den Juden, mit denen er doch theologisch eine größere Nähe (“unsere älteren Brüder”) zu haben reklamiert. Das ist nach dem Skandal seiner Regensburger Rede erstaunlich, die vor Jahren zu großer Empörung in der muslimischen Welt geführt hatte.

Aber vielleicht ist das bei diesem Papst eine Konstante – dass er mit den ferneren Glaubensrichtungen eigentlich besser kann als mit den nächsten Verwandten im Geiste: Es fällt ihm ja auch leichter, freundliche Gesten gegenüber der christlichen Orthodoxie zu machen als in Richtung der Protestanten.

Und so schien Benedikt mehr in seinem Element, als er Messen in Amman, Nazareth und Bethlehem feierte, als auf israelischem Boden. Er fand ergreifende Worte für das Leid der Palästinenser unter der Besatzung. Er ging voller Engagement in die politischen Tageskämpfe, als er das Recht der Palästinenser auf ein eigenes “Heimatland” forderte (auch wenn er dabei das Wort “Staat” vermied”).

In Jad Vaschem hingegen erging er sich in eher dürren und abstrakten Erklärungen gegen den Antisemitismus, ohne die unheilige Rolle der Kirche über Jahrhunderte dabei auch nur zu streifen. Es hätte gar nicht das große “nostra culpa” sein müssen: Ein persönliches Wort des Mannes, der als Joseph Ratzinger ja auch ein Zeitzeuge der Barbarei war, hätte genügt.

Die israelische Öffentlichkeit war zu Recht enttäuscht über diesen Mangel. Und dies besonders angesichts der Tatsache, dass es Benedikt auf der palästinensischen Seite offenbar nicht an lebendiger Empathie gebrach.

Am Ende hat er noch einmal versucht, seinen allzu kühlen Ton in Jad Vaschem zu korrigieren. Am letzten Tag sagte er, in Erinnerung an den Besuch in dem Museum: “Diese sehr bewegenden Momente haben mich an meinen Besuch im Todeslager Auschwitz vor drei Jahren erinnert, wo so viele Juden, Mütter, Väter, Ehemänner und Frauen, Brüder, Schwestern und Freunde brutal vernichtet wurden – von einem gottlosen Regime, das eine Ideologie von Antisemitismus und Hass verbreitete.” Er hat es also spät auch selber verspürt, das da etwas gefehlt hatte.

Trotzdem war diese Reise ein Erfolg: Der Papst hat sich immer wieder leidenschaftlich dafür ausgesprochen, dass die Religionen – alle großen monotheistischen Religionen, die im Nahen Osten ihre gemeinsamen Wurzeln haben – eine Ressource zur Überwindung der haßvollen Kulturkämpfe unseere Tage sein können. Und er fand auch starke Worte gegen jene, die im Namen Gottes den Hass säen – und so noch vor dem Leben “ihre Seele verlieren”. Das war ins Gewissen jener gesprochen, die Selbstmordanschläge im Namen Gottes rechtfertigen oder verharmlosen.

Hätte Benedikt seine Anti-Bin-Laden-Botschaft, dass die Religionen der Liebe und dem Respekt der Menschen untereinander dienen sollen, auch mit etwas mehr menschlicher Bewegtheit angesichts der Shoah vorgetragen, es hätte eine ganz große Reise werden können.