Der tägliche Blick nach München. Was wird verhandelt? Wie berichten die Medien?

“Unbestritten bleibt der Kern der Geschichte” – das NSU-Medienlog vom 23. Mai 2013

Von 23. Mai 2013 um 06:54 Uhr

An jedem Werktag fassen wir im NSU-Prozess-Blog die wichtigsten Medienberichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Weniger geheim als behauptet: Ein Dokument über den NSU, das das ARD-Magazin “Report Mainz” vor Tagen angeblich exklusiv enthüllte, war gar nicht so neu wie in dem Beitrag dargestellt. So schildert es jedenfalls der Chef des NSU-Untersuchungsausschusses, der SPD-Politiker Sebastian Edathy: Das Dokument liege dem Ausschuss seit April 2012 vor, sagte er der Frankfurter Rundschau.

Es sei zwar als geheim eingestuft gewesen, doch jedes Ausschuss-Mitglied habe Zugang dazu gehabt. Vermutlich sei das Schreiben ohnehin aus taktischen Gründen zugespitzt worden, damit die damit beantragte Überwachung genehmigt werde, sagte Edathy.

Aus dem Papier geht hervor, dass Verfassungsschützer den NSU bereits 2000 als Terrorgruppe einstuften. Die Behörde wollte damals den Briefverkehr und den Telefonverkehr der Gruppe überwachen.

Report Mainz über Verfassungsschutz-Geheimbericht zur #NSU aus Jahr 2000: “Alles,was wir heute wissen,steht da drin” is.gd/UHCsSi

— Lucomo (@Lucomo) 22. Mai 2013

Die Rundschau hat in die Archive geschaut: “Tatsächlich gab es bereits im vorigen Jahr Medienberichte über den sächsischen Antrag und seine Motive”, heißt es in dem Bericht. “Allerdings stammen die Berichte erst vom Herbst 2012 und nicht vom April jenes Jahres, als der Ausschuss davon Kenntnis bekommen haben will. Auch taucht der Satz, das Vorgehen des flüchtigen Trios ähnele der Strategie terroristischer Gruppen, nirgends auf.”

Unbestritten bleibe schließlich der Kern der Geschichte: “Dass man zumindest in Sachsen ahnte, welches tödliche Potenzial im Nationalsozialistischen Untergrund steckte”, resümiert die Frankfurter Rundschau.

 

Schon seit Sommer 2012: Die Tageszeitung Junge Welt befasst sich ebenfalls mit dem Beitrag von “Report Mainz”. Die Linken-Politikerin Kerstin Köditz sagte der Zeitung, der als “brisant und sensationell präsentierte Antrag” liege dem Ausschuss seit Sommer 2012 vor. Auch Sie vermutet, daß die zuständige Kommission des sächsischen Landtags getäuscht werden sollte, um deren Zustimmung zur geplanten Abhörmaßnahme zu erhalten.

Desaströses Bild: Die taz zieht ihren eigenen Schluss: “Eine Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufklärung der NSU-Affäre: Hätten die Sicherheitsbehörden ihre Arbeit richtig gemacht, hätten die Morde des Terrortrios verhindert werden können. Ein weiteres Puzzlestück zu diesem desaströsen Bild liefert ein Dokument, über das nun “Report Mainz” berichtet.”

Die türkischsprachige Hürriyet hatte schon am Mittwoch über die Recherchen des ARD Magazins “Report Mainz” berichtet. Nun griff die Hürriyet Daily News, eine englischsprachige Zeitung in der Türkei, das Thema ebenfalls  auf.

Charmeoffensive: Die Süddeutsche Zeitung macht die Arbeitsbedingungen für Journalisten zum Thema: Das Gericht wolle die Lüftungsanlage verstärken und Tische und Stühle aufstellen, heißt es in dem Bericht. “Höhepunkt der jetzigen gerichtlichen Charmeoffensive: Neben dem Wasserspender wird auch ein Kaffeeautomat im Sicherheitsbereich aufgestellt”, schreibt der Autor.

Buch über NSU: Die Europa-Ausgabe der türkischen Tageszeitung Sabah stellt das Buch Der NSU-VS-Komplex von Wolf Wetzel vor, erschienen im Unrast Verlag. Das Buch begutachtet die Verbindungen von NSU und Verfassungsschutz und untersucht besonders den Mord an Halit Yozgat in Kassel. Ein Aspekt ist in dem Bericht besonders hervorgehoben: Der Autor des Werkes hinterfragt die Rolle des Agenten Andreas T., der kurz vor dem Mord am Tatort gewesen sein soll.

Das nächste Medienlog zum NSU-Prozess erscheint am Freitag, 24. Mai 2013.

Kategorien: Medienschau
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich möchte gerne Bezug nehmen auf den Artikel der SZ. Ich halte mal fest, man streitet über Monate hinweg über Plätze in diesem Gerichtssaal, beginnt ne riesige Diskussion wer rein darf und wer nicht. Und nun berichtet die SZ darüber, dass es nun Kaffeeautomaten und Wasserspender gibt. Mich interessiert auch nicht was Frau Zschäpe für einen Rock trägt oder ob sie Haare färbt. Mich interessieren die Fakten im Prozess. Irgendwie scheinen da manche Journalisten ihren Beruf verfehlt zu haben. Also bitte weniger Artikel über Kaffeeautomaten und Modesachen beim NSU-Prozess, sondern mehr Fakten zu den Mordfällen.

  2. 2.

    “Das nächste Medienlog zum NSU-Prozess erscheint am Freitag, 23. Mai 2013.”(?)
    Heute ist der 23. Mai 2013 und es ist ein Donnerstag! Liebes Zeit-Online-Team, bitte auf den Kalender achten!

    • 23. Mai 2013 um 09:45 Uhr
    • Tobias Busch
  3. 3.

    Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert.
    Gruß aus der Redaktion, Mirjam Schmitt

    • 23. Mai 2013 um 11:41 Uhr
    • Mirjam Schmitt
  4. 4.

    Eine Frage:

    Landen nun alle Artikel zum NSU Komplex in diesem Blog,das sich dem Namen nach mit dem “NSU-Prozess” beschäftigt und warum werden LeserInnen Kommentare hier moderiert ? Die Geschichte des von “Report Mainz” veröffentlichten Dokuments hat ja nun keinen direkten Bezug zum Prozess in München. Falls nun tatsächlich alles mit NSU Bezug in diesem Blog abgedeckt wird, möchte ich Ihnen gerne einen hervorragenden Artikel von Thomas Moser ans Herz legen, der m.E. Beachtung verdient:

    Doppelspiel der Schlapphüte?

    http://www.kontextwochenzeitung.de/pulsschlag/112/doppelspiel-der-schlapphuete-452.html

    • 23. Mai 2013 um 12:29 Uhr
    • Realpolitik
  5. 5.

    Könnte es Personen oder Gruppen geben, die daran interessiert waren, die NSU-Täter solange gewähren zu lassen, bis das Ganze eine fast globale Ausdehnung angenommen hat? Wenn ja – was wären die Interessen dieser Leute? Was der Hintergrund? Und wer könnte die Macht haben, das solange zu steuern? Wenn also so viele brisante Details schon sehr frühzeitig bekannt waren, erscheint diese Frage nicht mehr vollkommen irrsinnig.

    • 23. Mai 2013 um 12:30 Uhr
    • Ullrich
  6. 6.

    Diese ständige Nabelschau der Journalisten (hier durch die Süddeutsche, in den letzten Wochen von allen möglichen Journalisten) ist widerlich und wird dem Ernst der Sache nicht gerecht.

    • 23. Mai 2013 um 13:42 Uhr
    • Ulim
  7. 7.

    Lieber/Liebe Realpolitik,

    danke für den Hinweis. Wir beschäftigen uns auf diesem Blog hauptsächlich mit dem NSU-Prozess, weisen aber hin und wieder auf Berichte hin, die sich mit dem “NSU-Komplex” beschäftigen. Anregungen sind natürlich immer willkommen.
    Kommentare auf blog.zeit.de werden immer zuerst moderiert.

    Viele Grüße, Mirjam Schmitt, ZEIT ONLINE

    • 23. Mai 2013 um 15:55 Uhr
    • Mirjam Schmitt
  8. 8.

    “Viel Lärm, wenig Substanz”, so kommentiert die LINKE Sachsen den gestrigen Beitrag von Report Mainz über den #NSU. linksfraktionsachsen.de/index.php?sect…

    Wäre schön, wenn man den Link auch anklicken könnte…

    • 23. Mai 2013 um 19:31 Uhr
    • Stefan S.
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)