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So sehen türkische Medien das NSU-Urteil

 

„Ein Prozess mit vielen Fragezeichen“ schreibt die Cumhuriyet am Tag nach der Urteilsverkündung gegen Beate Zschäpe. Platz für Analysen und Kommentare widmeten die türkischen Medien dem Prozessende aber nicht.

Fast zeitgleich mit der Urteilsverkündung in München im NSU-Prozess wurden gestern auch in der Türkei bedeutende Urteile gesprochen. So müssen einige Manager, die im Zusammenhang mit dem Grubenunglück von Soma stehen, für mehrere Jahre ins Gefängnis. Bei dem Unglück in der türkischen Kleinstadt Soma starben vor vier Jahren 301 Kumpel. Zudem räumen fast drei Wochen nach der Präsidentschaftswahl in der Türkei regierungsnahe Zeitungen weiterhin auf ihren Titelseiten viel Platz frei für den frisch gewählten Staatschef Recep Tayyip Erdoğan. Bleibt da noch Platz für den NSU-Prozess? Ja, aber nur wenig. „Lebenslänglich“ schreiben heute viele Blätter auf ihren Titelseiten und melden so die Verurteilung von Beate Zschäpe.

Die Hürriyet und die regierungskritische Cumhuriyet haben das Urteil vor allem nachrichtlich zusammengefasst. Analysen und Kommentare ihrer Kolumnisten gibt es nicht. „Ein Prozess mit vielen Fragezeichen“ schreibt die Cumhuriyet und zitiert noch einen Sprecher des Zentralrats der Juden mit der Aussage: „Vieles über den NSU ist noch im Dunkeln. Es muss weiter ermittelt werden.“ Die türkische Regierung hatte das Urteil als „nicht zufriedenstellend“ kritisiert, da mutmaßliche Hintermänner und mögliche Verbindungen der NSU-Täter zum deutsche Geheimdienst nicht aufgeklärt seien. An der Kritik aus Ankara orientieren sich vor allem regierungsnahe Hetzblätter wie Sabah und Yeni Şafak.

„Berlin schützt seine Mörder“

Über einem Bericht von Yeni Şafak steht die Überschrift: „Berlin schützt seine Mörder“. Die Korrespondentin schreibt: „Die deutschen Medien haben dem Prozess große Beachtung geschenkt. Allerdings sehen viele die Aufarbeitung der Mordfälle als nicht vollständig. Die Hintermänner und Verbindungen zwischen dem tiefen Staat und dem deutschen Geheimdienst seien nicht aufgeklärt worden.“

Die Kritik, dass hinter der NSU-Zelle womöglich ein Netzwerk steckt und der Prozess dem aber nicht nachgegangen ist, wird auch in anderen Berichten aufgegriffen. Wegen der eher nachrichtlichen Berichterstattung wurde der Prozess aber insgesamt auch von den deutschlandfeindlichen Medien nicht weiter (politisch) ausgeschlachtet. Anderes war offenbar wichtiger.

 

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