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Kurze Einführung in die Philosophie der Aufklärung

 

Aus unserer Serie: Einführung in die Philosophie

Einführung in die Philosophie der Aufklärung
Manche Philosophen der Aufklärung sahen in den Bergen ein Symbol für das Erhabene. © Christof Stache/Getty Images

Mit der Französischen Revolution leitet das 18. Jahrhundert Umbrüche ein, die das Leben in Europa fundamental verändern. Eine Machtverschiebung findet in der Gesellschaft statt, die von Aufklärungskünstlern, Literaten und Philosophen wort- und lehrreich begleitet wird. Das Bürgertum beendet die Herrschaft des Adels. Und zunächst einmal prägt Gewalt das Bild vom neuen Europa. Das aufbegehrende Bürgertum kennt mit den Adeligen keine Gnade. Unter dem Jubel der Massen werden selbst diejenigen noch enthauptet, die sich kampflos ergeben.

Doch auf die Gewalt folgt der Wandel: Noch im selben Jahr werden in den USA und in Frankreich Menschenrechte deklariert. Erste republikanische Verfassungen werden parlamentarisch abgestimmt. Das Bürgertum hat erreicht, wonach es so lange gestrebt hat: Selbstbestimmung. Individuelle Rechte. Die Macht, seine Geschicke zu lenken, oder zumindest doch: sie zu beeinflussen. In der Philosophie werden nun Modelle wie Staat und Gemeinschaft, aber auch Begriffe wie Bürger oder Individuum völlig neu diskutiert. Immanuel Kant fordert, der neue Staat möge sich von den feudalen Strukturen des Alten verabschieden. Stattdessen solle ihn ein Bürgerbild bestimmen, das nicht länger von der Willkür des Adels abhängig ist.

Der Schlüssel zu diesem Staat liegt für Kant in der Begabung eines jeden Menschen zur Vernunft. Schon 1784 – fünf Jahre vor der Revolution – fordert er in seinem Essay „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“ von seinen Lesern: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Und er beschreibt den selbstständigen Verstandesgebrauch als die Möglichkeit jedes Menschen, sich aus einer Unmündigkeit zu befreien, die er als selbstverschuldet bezeichnet. Wer also von seinem Verstand nicht Gebrauch macht, meint Kant, der ist auch nicht mündig.

Aufklärung im philosophischen Sinne ist nach Kant ein Prozess, der sich nicht etwa auf eine Epoche beschränkt, sondern immer wieder stattfinden muss. Sie ist eine Aufforderung an jeden einzelnen, sich diskursiven Machtverhältnissen nicht unhinterfragt zu fügen, sondern sich immer wieder mündig zu machen, indem man sich mit ihnen befasst. In seinem achten Brief „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ bemerkt Schiller etwa zehn Jahre nach der französischen Revolution: „Der Geist der freien Untersuchung hat die Wahnbegriffe zerstreut, welche lange Zeit den Zugang zu der Wahrheit verwehrten“.

Vorbereitet wurden große Diskussionen der Philosophie der Aufklärung durch Philosophen wie den Franzosen René Descartes oder den Engländer Thomas Hobbes. 1641 zweifelt Descartes in einem Gedankenexperiment an, dass es irgendeinen sicher wahren Eindruck gibt, der uns durch unsere Sinne vermittelt wird. Seine radikale Skepsis führt ihn zu der Annahme, es gebe im Leben nur eines, das sicher sei: Nämlich, dass das Denken sich selbst beweist. Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich: Landläufig ist seine Lehre heute unter diesem Satz bekannt.

Ähnlich radikal verfährt Thomas Hobbes im Jahr 1651 in seiner Schrift Leviathan; darin überlegt er: Was wäre das Ergebnis, wenn wir uns zur Begründung für unsere Staatsformen das wahre Wesen des Menschen vor Augen halten? Um sich dieses „wahre Wesen“ erschließen zu können, stellt sich Hobbes einen hypothetischen Naturzustand vor, in dem der Mensch sozusagen vor aller Kultur lebt. Mit diesem Gedanken arbeitet Jean-Jacques Rousseau später weiter.

Leicht sieht man: Sowohl Descartes als auch Hobbes, beide eigentlich vor-aufklärerische Philosophen, arbeiten mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, den man sich denken kann. Von hier ausgehend können ihre Nachfolger vieles völlig neu aufbauen. Es entsteht eine Dynamik in der Geschichte der Philosophie, die Ihresgleichen sucht. Im Dossier werfen wir einen Blick auf die wichtigsten Philosophen der Zeit der Aufklärung und versuchen gleichzeitig, ihre Positionen didaktisch sinnvoll zu vernetzen.

Dossier: Philosophie der Aufklärung

1. John Locke: Empirismus und neues Bürgerrecht
2. René Descartes: Der methodische Zweifel
3. Immanuel Kant: Formen der Anschauung, eine neue Ethik und der Staatenbund
4. Thomas Hobbes: Wie ist der Mensch eigentlich von Natur aus?
5. Jean-Jacques Rousseau: Kommen die Schwierigkeiten nicht erst durch die Kultur?
6. Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Kann Aufklärung scheitern?
7. Weitere Materialien

 

Einführung in die Philosophie der Moderne

Einführung in die Philosophie der Moderne
© Christof Stache/Getty Images

Die Einführung in die Philosophie der Moderne behandelt die wichtigsten Fragen dieser Epoche. Die Industrialisierung verändert die Lebenswelt im 19. und im 20. Jahrhundert radikal. Die Philosophie steht vor vielen ethischen Fragen, die es in den vorherigen Jahrhunderten nicht gegeben hat. Angesichts des schwindenden Einflusses der Kirchen muss man sich neu orientieren.[Zum Dossier]

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4 Kommentare

  1.   Dieter Freundlieb

    Zitat: „1641 zweifelt Descartes in einem Gedankenexperiment an, dass es irgendeinen sicher wahren Eindruck gibt, der uns durch unsere Sinne vermittelt wird. Seine radikale Skepsis führt ihn zu der Annahme, es gebe im Leben nur eines, das sicher sei: Nämlich, dass das Denken sich selbst beweist.“

    Hier wird etwas gesagt, das so nicht richtig ist. Rein sprachlich ist schon der erste Satz problematisch. Schlimmer ist der letzte Satz. Es ging Descartes nicht darum zu zeigen, dass „das Denken sich selbst beweist“, wobei nicht einmal klar ist, was das eigentlich heißen soll: ‚das Denken beweist sich selbst‘.

    Descartes wollte mit seinem radikalen methodischen Zweifel zeigen, dass man an allem zweifeln kann, nur nicht daran, dass man beim Zweifeln denkt, dass es also ein selbstgewisses denkendes Ich gibt. Später versucht er dann mit Hilfe eines Gottesbeweises zu zeigen, dass es auch noch andere Wahrheiten gibt, die man erkennen kann. Aber darauf will ich hier nicht eingehen

  2.   Leser

    Die Dossier Links funktionieren nicht (mehr?).


  3. Bei Emanuel Kant zu diesem Thema:
    Was kann ich wissen oder was ist der Mensch.

    Um über eine solche Frage zu philosophieren ist ein Langzeitgedächtnis sehr hilfreich.
    Beispiel:
    Als Kind hörte ich des Öfteren den Spruch,
    hast du was bis du was, hast du nichts bis du nichts!

    Und wie gibt sich dieser Spruch heute zu erkennen ?

    Eine aktuelle Wohnungssuche veranlasste mich auch bei einer Wohnungsbaugesellschaft an der Rezeption wie folgt nachzufragen:

    „Guten Tag, ich bin auf der Suche nach einer Wohnung;
    und die prompte Gegenfrage von der Person an der Rezeption lautete,
    bekommen Sie Geld vom Amt ?“
    Und somit habe ich wohl schon als Kind ein wenig philosophische Erkenntnis
    erfahren.

  4.   Novyjicin

    Er fehlt mir in der Aufzählung der Philosophen, Michel de Montaigne ( 1533-1592)
    „Die Seele fühlt sich wohl, wenn die Philosophie in ihr wohnt. Diese seelische Gesundheit wird auch auf die körperliche Gesundheit übergreifen.
    Ihre Ruhe und ihr Glück werden auch nach außen ausstrahlen. Die ganze äußere Erscheinung wird sich nach dem Seelenbild formen; die ganze Haltung wird von liebenswürdigem Stolz, von einem tätigen und lebendigen Geist und von zufriedener und behaglicher Stimmung Zeugnis ablegen. Das deutliche Anzeichen der Weisheit ist eine immer gleichbleibende Heiterkeit.

    Wenn ich mit meiner Katze spiele, wer weiß denn, ob sie sich nicht eher die Zeit mit mir vertreibt, als ich mit ihr?
    Die Späße mit denen wir uns unterhalten, sind gegenseitig; ich kann anfangen und aufhören wann ich will; die Katze auch“

    Auszüge aus seinen Essays.