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Einführung in die Philosophie der Moderne

 

Aus unserer Serie: Einführung in die Philosophie

Die Philosophie der Moderne sucht Antworten auf neue Fragen
Die Industrialisierung verändert die Gesellschaften radikal. Die Philosophie steht vor vielen neuen, schwierigen Fragen. © Ed Jones/AFP/Getty Images

Jena 1808. Um die Universitätsstadt tobt der Kampf der Truppen Napoleons gegen die preußischen und sächsischen Heere. Ein junger Philosoph erlebt den Einmarsch der Napoleonischen Truppen mit. Er begeistert sich für Napoleon. Der französische Feldherr personifiziert in seinen Augen den Anbruch einer neuen Epoche vernunftgeleiteter Staatlichkeit. Er wird Napoleon daher als „Weltseele zu Pferde“ bezeichnen. Der Philosoph heißt Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Seine These zur Weltseele wird Europa lange beschäftigen. Ihr zugrunde liegt eine Frage, die von der Aufklärung inspiriert ist: Wohin kann sich eine vernünftige Gesellschaft entwickeln?

Neue Technologien bringen neue ethische Fragen mit sich

Versetzen wir uns gedanklich ins Deutschland des beginnenden 19. Jahrhunderts. Das Heilige Römische Reich zerfällt. Die kommenden Jahre werden viele Umbrüche bringen. Die Bayern importieren die Dampflokomotive aus England, ausgehend von den Tälern der Ruhr bricht im Deutschland der Revolution von 1848 eine neue, privatwirtschaftliche Revolution aus. Überall entstehen Fabriken, die immer mehr Güter produzieren und verbrauchen. Das erfordert immer mehr Arbeitskraft. Die Lebensbedingungen des kleinen Mannes verändern sich zum Schlechten. Wer früher Bauer war, ist nun Teil eines Arbeiterheeres, das zwischen Schloten und rußgeschwärzten Mietskasernen sein Dasein fristet. Die Technik ermöglicht es: Nie zuvor hat man in so tiefen Schächten Grubenwasser abpumpen können, nie war man in der Lage, Güter so schnell und billig auf dem Landwege zu versenden. Die Vermassung und Technisierung von Gütern und Produktionswegen verändern den Alltag. Das wirft neue ethische Fragen auf, die es in den vergangenen Jahrhunderten nicht gegeben hat.

Auch in den empirischen Wissenschaften und der Philosophie verändert sich vieles. Die Autorität der Kirche hatte in den Jahren der Aufklärung bereits erheblich an Wirkmächtigkeit verloren. Darwins Erkenntnisse hatten die Schöpfungsgeschichte der Kirche widerlegt. Und es gab neue Kriterien dafür, was eine gute Handlung sei, die ohne Offenbarung auskamen und sich stattdessen auf die Vernunft beriefen. Die neuen Vorstellungen entlehnten sich dem Utilitarismus und Kants Idee einer vernunftgemäßen Ethik. Die Philosophen der Moderne suchen nun nach neuen Antworten auf ihre Fragen und finden sie. In der fernöstlichen Philosophie, wie es bei Schopenhauer der Fall ist. In der Natur und ihrer endlosen Bewegung des Überlebens des Mächtigeren, wie es Nietzsche zuspitzt. In der Unausweichlichkeit einer proletarischen Revolution, wie Marx und Engels sie vorhersagen. Später, im zwanzigsten Jahrhundert, kommen auch existenzialistische Ansätze hinzu, die den eigenen Lebensentwurf zum höchsten Ziel erklären. Kurz: Man will, man muss sich neu orientieren.

Führt die Aufklärung zwangsläufig in die Katastrophe?

Letztlich finden die Errungenschaften des Industriezeitalters in zwei Weltkriegen auch auf den Schlachtfeldern und in den Konzentrationslagern Einsatz: bei der massenweisen Vernichtung von Menschenleben, an der Front und im Lager. Zeitzeugen sind entsetzt. Welche „Weltseele“ und welcher „objektive Geist“, die Hegel noch gesehen hatte, könnten dahinter noch stehen? Oder, konkreter formuliert: Führt die Aufklärung in letzter Konsequenz vielleicht zwangsläufig in die Katastrophe?

Es entsteht für einige moderne Denker im 20. Jahrhundert eine grundlegende Frage. Wenn die moralisch schlechten Entwicklungen der vergangenen Jahrhunderte – die Kolonialisierung zum Beispiel, bei der die Europäer versuchten, anderen Völkern ihre Ansichten und ihre Kultur aufzuzwingen – Teil eines Systems waren, das zur Katastrophe führte: Wer hat denn dann eigentlich noch recht? Müssen wir nicht vielmehr der Weltsicht anderer Völker die gleiche Gültigkeit einräumen wie den abendländischen Wissenschaften? Und können wir überhaupt noch davon ausgehen, dass die Vernunft und damit die Wissenschaften uns weiterbringen?

Bringen die Wissenschaften uns gesellschaftlich weiter?

Wenn wir diesen letzten Gedanken akzeptieren, ergibt sich jedoch ein Problem, was die Wahrheit angeht. Denn wenn wir mit dem Zeitgeist viele Wahrheiten zugleich einräumen, geraten wir in Dilemmata. Dies geschieht dann, wenn sich die verschiedenen Wahrheiten widersprechen, wie Paul Boghossian zeigt.

Das folgende Dossier beleuchtet die Entwicklung der Philosophie in den vergangenen 200 Jahre exemplarisch und soll weiter wachsen. Dabei kann es nicht umfassend alle Theorien erschöpfen. In erster Linie soll es zum Philosophieren anregen. Beispielhaft greift es die Entwicklung des Begriffs der Postmoderne auf. Sie können ausgehend vom Lyotard-Beitrag über die Verlinkungen seine Entwicklung zumindest zurück bis zu Nietzsche und Schopenhauer nachvollziehen. Das Dossier bedient sich der Originaltexte, aber auch Songs, Videos und anderer Medien. Denn nach Kant: Philosophie lässt sich nicht lernen, sehr wohl aber das Philosophieren.

Dossier: Philosophie der Moderne

1. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Subjekt-Objekt-Dialektik
2. Karl Marx und die Industrialisierung
3. Friedrich Nietzsche: Es denkt
4. Charles Darwin: Die Entstehung der Arten
5. Jean F. Lyotard: Das postmoderne Wissen
6. Paul Boghossian: Angst vor der Wahrheit

 

Einführung in die Philosophie der Aufklärung

Einführung in die Philosophie der Aufklärung
© Christof Stache/Getty Images

Die Einführung in die Philosophie der Aufklärung stellt Ihnen die wichtigsten Philosophen dieser Epoche vor. Nach Immanuel Kant meint Aufklärung im philosophischen Sinne einen Prozess, der sich nicht etwa auf eine Epoche beschränkt, sondern der immer wieder wiederholt werden muss. Die Aufklärung ist eine Aufforderung an jeden einzelnen, sich diskursiven Machtverhältnissen nicht unhinterfragt zu fügen, sondern sich immer wieder mündig zu machen, indem man sich mit ihnen befasst. [Zum Dossier]

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