Ein Blog mit Ihren Notizen, Gedichten und Bildern für die gedruckte ZEIT
Kategorie:

Zeitsprung

Zeitsprung: Klare Entscheidung

Von 12. September 2014 um 15:00 Uhr

Ein Sonntagnachmittag im Garten, die ganze Familie ist versammelt. Der Schwager hat einen großen Fisch in der Elbe gefangen, der hängt jetzt im Räucherofen. Schönes Wetter, plaudern, essen. Als dann doch einige Wolken heraufziehen und bald die ersten Tropfen fallen, zögern wir: Schnell alle Sachen zusammenpacken und ins Haus gehen? Das wäre naheliegend, aber auch sehr schade.
Der Regen wird stärker, jetzt müssen wir uns wirklich entscheiden! Und da kommt jemand mit einer Handvoll Regenschirme aus dem Haus. Die sind schnell verteilt, alle sitzen wieder im Trockenen, die
Gespräche werden fortgesetzt. Nun begleitet vom gemütlichen Klang der Regentropfen. Und auch die Kleinen lassen sich nicht stören: Sie planschen gut beschirmt in ihrem Ballbecken.

Jörg Lipskoch, Halle an der Saale

Kategorien: Zeitsprung

Zeitsprung: Das Klassenbild

Von 4. September 2014 um 15:00 Uhr

Das linke Foto zeigt unsere Oberprima auf dem Schulhof der Liebig-Schule, des städtischen Realgymnasiums für Jungen in Frankfurt am Main. Etwa ein Vierteljahr vor dem Abitur hatten wir uns während der Pause zum Gruppenbild aufgestellt. Der Sohn unseres Klassenlehrers spielte gerade draußen und wollte unbedingt mit aufs Bild. Auf dem rechten Foto sieht man uns – besser gesagt: die verbliebenen sechs – am gleichen Ort während des Abi-Treffens 60 Jahre später. Wir haben intensive Stunden miteinander verbracht, und auch wenn wir nicht dauernd von früher redeten, wurde uns der Zeitsprung von damals zur Gegenwart sehr bewusst. Erst nach zwei Tagen trennten wir uns – dankbar auch für die Zeit mit denen, die beim Abi-Treffen nicht mehr dabei waren.

Jürgen Steffen, Hamburg

Kategorien: Zeitsprung

Zeitsprung: Sallieu lebt!

Von 28. August 2014 um 12:00 Uhr

Auf dem Foto links ist mein Patenkind Sallieu Bundu aus Sierra Leone zu sehen, das mir Plan International im Jahr 1991 vermittelt hat. 1993 bekam ich die Nachricht, Sallieus Familie habe »das Projektgebiet verlassen«. Es war Krieg in Sierra Leone, ein unvorstellbar brutaler Krieg. 20 Jahre lang stand Sallieus Bild auf unserem Kaminsims, dreimal habe ich Organisationen erfolglos nach dem Jungen suchen lassen. Vor einiger Zeit gab ich seinen Namen bei Google ein, und – ich konnte mir aussuchen, ob ich zuerst ein YouTube-Video ansehe oder bei Wikipedia nachlese, wie sein Lebensweg verlaufen ist: Seine Familie hat bei einer Green-Card-Lotterie ein US-Visum gewonnen, Sallieu ist heute Profifußballer in den USA und hat auch schon in der Nationalmannschaft von Sierra Leone gespielt. Natürlich habe ich versucht, Kontakt zu Sallieu aufzunehmen, aber er konnte sich nicht an eine Patin erinnern. Er war damals ja noch sehr klein gewesen und hat seither viel erlebt. Ich aber bin einfach nur froh, dass Sallieu lebt! Und Tore schießt.

Carolin Böse-Krings, Bremen

Kategorien: Zeitsprung

Zeitsprung: Zuwachs

Von 20. August 2014 um 15:00 Uhr

Links ein Bild von mir aus dem Spätsommer 1983, aufgenommen in Saarbrücken. Es zeigt mich als stolzen Vater mit meinem im Winter zuvor geborenen deutsch-französischen Sohn. Im Saarland ist das eigentlich keine seltene Kombination, nur komme ich aus Freiburg, meine Frau kommt aus Paris, und kennengelernt haben wir uns in Cochabamba, Bolivien. Und dreißig Jahre später: Der stolze deutsch-französische Vater hält seine im Sommer geborene kanadisch-schweizerisch-deutsch-französische Tochter in den Armen, und zwar in Paris, wo die junge Familie zurzeit wohnt. Weniger originell haben sich die Eltern in Neuchâtel, Schweiz, kennengelernt, aber sie vererben zusammen vier Nationalitäten! Wie viele Pässe werden unsere Urenkel haben?

Hanns Ulrich Henn, La Queue Lez Yvelines, Frankreich

Kategorien: Zeitsprung

Zeitsprung: Zweimal Nepal

Von 10. August 2014 um 12:00 Uhr

Nach Beendigung meines Studiums konnte ich Anfang 1988 mit meiner (jetzigen) Frau einen lang gehegten Traum verwirklichen: Ein Jahr lang reisten wir durch Thailand, Birma, die Philippinen, Hongkong, Südchina, Indonesien und Malaysia. Zuletzt verbrachten wir drei Monate in Nepal, genossen die Freundlichkeit der Nepalis und das Wandern in der fantastischen Himalaya-Landschaft. Im Frühjahr 2013 reiste unsere Tochter Teresa mit einer Freundin ebenfalls nach Nepal. Als wir ihre Bilder anschauten, stellten wir fest, dass sie offenbar am selben Ort namens Chomrong auf dem Weg zum Annapurna-Basiscamp übernachtet hatte und den Rhododendron-Busch vor dem Annapurna-Massiv ebenfalls fotogen fand. Nur die Sitzmöbel vor der Lodge haben sich verändert…

Hermann Baldauf, Albstadt-Ebingen

Kategorien: Zeitsprung

Zeitsprung: Dem Schicksal mit der Schere trotzen

Von 14. Juli 2014 um 16:11 Uhr

s72-zeitsprung-1 s72-zeitsprung-2

Eierstockkrebs! Völlig unglaublich für mein Alter – 24 Jahre –, aber im Dezember 2013 bekam ich die Diagnose. Und von einem Tag auf den anderen war alles anders. Plötzlich hatte ich nicht mehr die Kontrolle über das, was in meinem Leben passierte. Wegen der vielen Komplikationen verbrachte ich fast die ganze Zeit im Krankenhaus. Ende Februar kämpfte ich dann für zwei Tage zu Hause. Das war, bevor die extrem heftige Chemotherapie anfing. Die Ärzte versicherten mir, dass die Haare ausfallen würden. Bis dahin waren meine Haare mein absolutes Heiligtum. Also beschloss ich, mir zumindest einen kleinen Teil meines Selbstbestimmungsrechtes zurückzuholen, indem ich sie mir in Anwesenheit vieler Freunde selbst abschnitt und dies auch fotografisch dokumentierte. Die ganz pragmatische Nützlichkeit (man schwitzt während der Chemo oft, da ist so eine Glatze ganz vorteilhaft) und mehr noch der Zuspruch meiner Freunde und meiner Familie halfen mir, meinen Entschluss nicht zu bereuen und mich auch ohne lange Haare weiblich und schön zu fühlen. So schafften wir es gemeinsam, dem Schönheitsideal und dem Schicksal einen Streich zu spielen. Seit vier Wochen ist die Chemo überstanden. Tumorfrei (und mit ersten Stoppeln auf dem Kopf ) gehe ich nun in die vorbeugende Strahlentherapie.

Natalie Müller, Aalen

Unser Körper soll attraktiv sein und problemlos funktionieren. Was aber, wenn wir den Idealvorstellungen nicht entsprechen? Oder unser Körper kaputtgeht? Mit diesen Fragen befassen sich unsere Leser aktuell in der Serie Körperbilder. Wir freuen uns weiterhin auf Ihre Einsendungen – bitte per E-Mail an leseraufruf@zeit.de, Betreff “Körperbilder”.

Kategorien: Zeitsprung

Zeitsprung: Stürmisch

Von 10. Juli 2014 um 15:00 Uhr

Liebe ZEIT der Leser-Redaktion,
am 3. Juni 2014 mailte ich Ihnen ein Foto (linke Abbildung) von unserem schönen Zwetschgenbaum für Ihre Rubrik Mein Freund, der Baum. Dann fegte am Pfingstmontag das Sturmtief Ela über Düsseldorf, und das angrenzende Ruhrgebiet und unser alter Baum hatte nicht mehr genug Kraft, sich dem Wind zu widersetzen (rechte Abbildung). Wir mussten ihn schweren Herzens absägen.
Liebe Grüße

Sophie Reich, Bochum

Kategorien: Zeitsprung

Zeitsprung: Fußball

Von 2. Juli 2014 um 15:00 Uhr

Als mein Vater (Jahrgang 1949) zehn Jahre alt war, schenkte ihm meine Großmutter einen Fußball aus echtem Leder (links) – ein wahrer Schatz für ein fußballbegeistertes Kind. Damit der Ball sich nicht mit Wasser vollsog (was ihn unbrauchbar gemacht hätte), musste er regelmäßig gefettet werden. Als mein Vater zum Wehrdienst eingezogen wurde und schließlich meine Mutter kennenlernte, wanderte der Fußball in den Keller. Trotz der sich lösenden Nähte brachte meine Großmutter es nicht übers Herz, ihn wegzuwerfen. Den Ball rechts daneben schenkte mir meine Mutter, als wiederum ich etwa zehn Jahre alt war, und zwar zur Fußball-Weltmeisterschaft 1994. Er ist bereits aus modernem Kunstleder, allerdings sind die einzelnen Stücke auch hier noch mit der Hand zusammengenäht. Anders als die heutigen Bälle haben beide weder aufwendiges Design noch hochtrabende Namen, dafür aber die Spuren von vielen glücklichen Momenten auf dem grünen Rasen.

Stefanie Mayer, Reichertshausen, Bayern

Kategorien: Zeitsprung

Zeitsprung: Pappboot

Von 25. Juni 2014 um 15:00 Uhr

Links sehen sie ein Bild der Titanic, bei ihrer Indienststellung 1912 war sie das größte Schiff der Welt und galt als unsinkbar – was sich tragischerweise schon bei der Jungfernfahrt als Irrtum erwies. Gut hundert Jahre später gelang mir jetzt vor der Hamburger Rüschhalbinsel das Foto eines Titanic-Nachbaus, der allerdings weit von den früheren Größenrekorden entfernt ist: Das Schiff misst nur 1,30 Meter (und es handelt sich um ein von mir gefertigtes Papiermodell).

Helmut Beutel, Hamburg

Kategorien: Zeitsprung

Zeitsprung: Auswanderer

Von 18. Juni 2014 um 15:00 Uhr

Die Aufnahme links stammt aus einem für mich sehr kostbaren Familienalbum und zeigt meinen Großvater, Wilhelm Haslbeck, im Jahr 1935 in Buenos Aires, wohin er als junger Mann seiner Mutter gefolgt war. Meine Familie lebte eigentlich in Lengfelden bei Passau. Doch auf dem bayerischen Land war es für meine Uroma als ledige Mutter und ihren unehelichen Sohn nicht unbedingt einfach in den Jahren der Weltwirtschaftskrise. Deshalb ging sie nach Argentinien, wo sie sich als Dienstmädchen verdingte, und er kam nach, nachdem er zu Hause seine Schreinerlehre abgeschlossen hatte und arbeitete auf dem Bau. So konnten sie sich als Auswanderer endlich eine Existenz aufbauen. Tragischerweise fassten sie kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs den folgenschweren Entschluss, nach Passau zurückzukehren. Mein Großvater wurde daraufhin prompt eingezogen und kam ausgehungert und magenkrank aus dem Krieg zurück – wovon er sich nie mehr erholte. Das rechte Bild entstand am Bahnhof Retiro in Buenos Aires, als ich 2007 mit dem Album im Gepäck aufbrach, um mehr über den Großvater herauszufinden, den ich leider nicht kennengelernt habe: Er starb, als ich gerade ein halbes Jahr alt war.

Gwendolyn Windpassinger, Nizza

Kategorien: Zeitsprung