
1984

2013
Auf dem ersten Bild bin ich zwei Jahre alt und stehe vor einer Installation des amerikanischen Künstlers Dan Flavin. Mein Vater hat die Aufnahme 1984 gemacht, beim Familienbesuch einer Ausstellung in Basel. Vater erzählt, dass ich zuvor verängstigt gewesen sei von den unheimlichen Figuren von Oskar Schlemmer und den lärmenden Maschinen von Jean Tinguely und Bernhard Luginbühl. Vor den Flavin-Neonröhren jedoch sei ich zur Ruhe gekommen und hätte lange staunend dort gestanden und ins Licht geguckt. Die Fotografie begleitet mich seither bei jedem Umzug, in jedem Leben. Das faszinierte Staunen ist eine Fähigkeit, die ich nie verlieren will. Kürzlich fand in Wien (wo ich seit zehn Jahren lebe), im Museum Moderner Kunst eine Dan-Flavin-Ausstellung statt: ein guter Anlass, das Bild zu »aktualisieren«, wenn auch die Arbeit von damals leider diesmal nicht ausgestellt war. Fotografiert hat diesmal mein Mann.
Simone Mathys-Parnreiter, Wien

Samstag

Freitag
In nur sechs Tagen verwandelten sich meine wunderbaren Tulpen von einem frischen Frühlings- in ein barockes Vanitas-Stillleben. Beide Zustände und jeder Tag dazwischen waren auf ihre eigene Art schön.
Sabine Schwarz, Stuttgart


Im Mai 1963 wurden wir in der Evangelischen Kirche von Breithardt im Taunus konfirmiert, konnten also kürzlich goldene Konfirmation feiern. Und wir schätzen uns glücklich: Alle Konfirmanden von damals leben noch, und alle, die geheiratet haben, sind noch mit demselben Partner zusammen. Wie vor 50 Jahren stellten wir uns neben der Kirche auf und fragten uns dabei, was sich in der Zwischenzeit verändert hat. Also: In der Mitte, wo früher ein Pfarrer stand, steht jetzt eine Pfarrerin. Der große Baum im Hintergrund ist nicht mehr da. Das Schulgebäude links steht noch, wird aber nicht mehr als Schule genutzt. Die Fachwerkscheune wurde abgerissen; an ihrer Stelle steht nun ein Gemeindezentrum. Die Kirche hat neue Fenster und ein neues Dach bekommen. Am meisten haben wir uns, am wenigsten hat sich der mehr als tausend Jahre alte Kirchturm verändert.
Roland Ziss, Wiesbaden


Zwischen den beiden Fotos liegen genau hundert Jahre: Zu sehen ist das Elternhaus meiner Großmutter väterlicherseits in Kahla, Thüringen. Mein Großvater, geboren 1888, stammte aus Arzberg und lernte in Kahla seine spätere Frau, meine Großmutter Luise kennen. Er ist auf dem Bild von 1908 der junge Mann mit Strohhut und Stock neben dem Mädchen im weißen Kleid und hat das Foto später sauber beschriftet. Meine Oma hatte noch drei Schwestern. Zusammen wurden sie laut den Erzählungen meines Großvaters die »Pfortenprinzessinnen« genannt. Das Haus steht nämlich direkt gegenüber der Brücke über den Fluss Saale, am östlichen Ortseingang von Kahla. Im Jahr 2008 war ich auf Urlaub in Thüringen, besuchte Kahla und fand das Haus tatsächlich wieder. Es war noch sehr gut zu erkennen, so wenig wurde es baulich verändert. Meine Großeltern waren übrigens über 60 Jahre lang glücklich verheiratet, und noch heute gibt es die Porzellanfabrik Kahla, in die mein Großvater damals von Arzberg aus versetzt wurde und so meine Großmutter kennen lernen durfte.
Britta Hering, Reichenau im Bodensee


Mein Urgroßvater Felix von Cube, ein Naturforscher und Bergsteiger, bestieg Anfang des letzten Jahrhunderts viele noch unberührte Gipfel im korsischen Gebirge und erstellte eine detaillierte Karte. Für seine Pioniertätigkeit dankten ihm die Korsen, indem sie einen ihrer Berge nach ihm benannten.
Im letzten Sommer nun ging für meinen Vater Thomas ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung: Wir schafften es, den 2043 Meter hohen Pic von Cube zu erklimmen. Papa ist mit seinen inzwischen 60 Jahren nicht mehr der Jüngste, und der zum Teil gefährliche Aufstieg erfordert eine gute Vorbereitung. So kamen Enkel und Urenkel erschöpft, aber auch ein wenig stolz auf dem Gipfel an. Und bei dem traumhaften Ausblick über das Gebirge bis hin zum Meer verstanden wir alle, weshalb unser weit gereister Uropa damals immer wieder aufs wildromantische Korsika zurückfand.
Charlotte von Cube, Kirchheim unter Teck


Vor einiger Zeit fand ich diese alte Postkarte aus dem Jahr 1912 auf dem Flohmarkt. Sie zeigt den im Jahr zuvor aufgestellten Brunnenknaben auf dem Aachener Fischmarkt. Seiner Nacktheit wegen sorgte das sogenannte Fischpüddelchen des Bildhauers Hugo Lederer sofort für moralische Entrüstung. Es wurde bemalt (mit Herbstblättern, um seine Männlichkeit zu kaschieren), abmontiert und – unter Polizeischutz – wieder aufgestellt. Nachdem es 1943 zu Rüstungszwecken eingeschmolzen worden war, fertigte man schließlich 1954 eine originalgetreue Nachbildung an. Sie erfreut sich inzwischen großer Beliebtheit – auch bei der Aachener Polizei, die die rechte Abbildung zur Verfügung stellte.
Arthur Kaiser, Aachen


Mein Großvater war Maler, und meiner Mutter war sehr daran gelegen, uns Kinder für Kunst zu begeistern. Deshalb las sie mit mir das Kinderbuch Linnea im Garten des Malers. Es erzählt von einem Besuch in Claude Monets Garten in Giverny, wo seine berühmten Seerosenbilder entstanden. Meine Mutter ermöglichte es mir, wie Linnea auf Spurensuche zu gehen. Das Bild links zeigt mich 1992 als kleinen Jungen in Giverny. 20 Jahre später bin ich (rechts) auf Hochzeitsreise mit meiner Frau zurückgekehrt. Mit Bedauern stellte ich fest, dass aus dem Geheimtipp offenbar ein touristisches Highlight geworden ist. Monets ehemaliges Atelier dient als Souvenirshop. Darin gibt es zwar das Kinderbuch zu kaufen. Aber die Ruhe, mit der ich einst auf Entdeckungsreise ging, werden meine Kinder wohl nicht mehr erleben.
Matthias Fürstenberger, Augsburg


Als Arbeitsloser habe ich gelegentlich als Komparse gearbeitet. So etwa 2003 für eine Fernsehproduktion (Der Wunschbaum), die im Ersten Weltkrieg spielt. Bei den Dreharbeiten, bei denen wir uns oft auch gegenseitig fotografierten, entstand die rechte Aufnahme. Mein Erstaunen war groß, als ich einige zeit später alte Familienfotos sortierte und dabei (links) auf eine ganz ähnliche Fotografie meines Vaters aus dem Jahr 1915 stieß. Mein Vater (Jahrgang 1897) diente – ungern – in beiden Weltkriegen. Er überstand sie aber mit geringen Verletzungen, sodass er bis zu seinem Tod 1973 eine Buchhandlung in Hamburg führen konnte. Mein Bruder und ich wurden pazifistisch erzogen. Wir durften nicht einmal mit Plastikwaffen spielen – worauf ich sehr stolz bin. Der Bundeswehr entging ich in Berlin.
Jürgen Wallenstein, Berlin


Seit einem Autounfall vor zwölf Jahren kann ich – 30 Jahre alt – keine Hand mehr rühren und keinen Fuß. Nur noch den Kopf (man nennt diese Art der Querschnitt- lähmung auch Tetraplegie). Stifte und Pinsel bewege ich mit dem Mund. Ein Lehrer der Heidelberger Schule für Kunst (Franz Baumann alias Keuchenius) sah ein paar unbeholfene Kritzel von mir (Abbildung links) und sagte: »Das wird bald Hand und Fuß haben.« Seither kam er jede Woche für eine Stunde zu mir, und aus den Kritzeln wurden Aquarelle von Landschaften und räumen, die ich nicht mehr betrete und die sich mir nun dank der Kunst wieder öffnen.
So entstand auch eine weitere Ansicht meines derzeitigen Wohnorts Heidelberg (rechts), die nun sogar – ohne mein Wissen – in ein Buch (Heidelberg – Geist und Rätsel) aufgenommen wurde. Ich wollte es nicht glauben: ich, zwischen lauter berühmten Menschen, die diese Stadt gemalt haben, nur ein paar Seiten von William Turner entfernt, ein paar Seiten nach dem zeichnenden Goethe. Als ich fragte, wie das sein kann, sagte mein Lehrer: »Das kommt davon, vom Kritzeln.«
Christian Lärz, Heidelberg


Wohl 20-mal verbrachten wir als Kinder und Jugendliche einige Urlaubstage auf einem Bergbauernhof in Südtirol, oft gemeinsam mit Tante, Onkel und Cousinen. Viele gemeinsame Abenteuer haben uns fünf Cousinen und Cousins (im unteren Bild als Kinder zu sehen) zu einem eingeschworenen Team gemacht. Schon lange träumten wir von einem »Revival« – und reisten schließlich mit zwölf Personen aus fünf Städten an, im Gepäck auch die Videos und Fotos von damals. Der alte Bauernhof wird zwar nicht mehr betrieben, die Mühle von Spiluck aber steht noch und bildet wie eh und je Wanderziel und Fotomotiv. Die selbst geschnitzten Wanderstöcke sind durch Hightech ersetzt, die Kinder sind gewachsen, und die Wanderrouten erscheinen kürzer als früher. Die Familie aber bleibt die gleiche, immer noch harmonisch, erweitert um zwei Ehemänner und die nächste Generation.
Elisabeth Thiede-Kumher, Würzburg