Ein Blog mit Ihren Notizen, Gedichten und Bildern für die gedruckte ZEIT
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Zeitsprung

Zeitsprung: Wessi, Ossi

Von 22. November 2014 um 18:00 Uhr

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Meine Eltern besuchten im September 1991 Freunde in Sachsen. Wegen der Mauer hatten sie sich nur schwer treffen können; jetzt wollten sie die neue Reisefreiheit nutzen. Auf dem Rücken meines Vaters war ich auch dabei, und als ich damals als importierter Wessi von der Basteibrücke in der Sächsischen Schweiz auf die Elbe blickte, war mir noch nicht klar, dass ich genau 20 Jahre später an derselben Stelle stehen sollte. Diesmal allerdings als echter Ossi. Inzwischen nämlich studiere ich in Sachsen. So kam ich im September 2011 während einer Radtour nach Tschechien mit meiner Freundin wieder auf die Bastei. Als ich später meine Eltern in Bayern besuchte und ihnen meine Fotos zeigte, kramte meine Mutter das Kinder-Fotoalbum hervor und fand prompt das alte Bild.
Interessant ist auch der abgebrochene Felsen im Hintergrund: Der Zahn der Zeit nagt am Elbsandstein. Ebenso am Haar meines Vaters, was man allerdings beim Vergleich der Bilder nicht sehen kann. Vielleicht ist das auch ganz gut so.

Justus Ehras, Freiberg, Sachsen

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Zeitsprung: So viele Züge

Von 21. November 2014 um 12:00 Uhr

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Der Bahnhof von Ansbach hat für meine Familie eine besondere Bedeutung. Hier nahm mein Großvater Anfang August 1961 Abschied von seinem Vater, den er nach dem Mauerbau nicht mehr wiedersehen sollte. Erst 20 Jahre später konnten meine Großeltern wieder hin und wieder die Verwandtschaft in Ansbach besuchen. Das linke Bild zeigt die Großeltern vor der Rückfahrt in die DDR 1987 – einer von vielen Abschieden am Bahnsteig.

Die fernen Verwandten im »anderen Deutschland« und der Herbst 1989, als mich meine Mutter an ihrer Hand mit auf die Demonstrationen nahm, sind prägende Erinnerungen an meine Kindheit. Kürzlich haben Freunde meine Frau Maria und mich zu ihrer Hochzeit nach Franken eingeladen, heutzutage ein ganz normaler Ausflug. Am Ansbacher Bahnsteig erinnert nichts mehr an die Abschiede in der Zeit der deutschen Teilung.

Thomas Karlas, Leipzig

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Zeitsprung: Eingesperrte Liebe

Von 12. November 2014 um 15:00 Uhr

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Im August 2013 hab ich die Lampionblume (Physalis) in unserem Garten fotografiert, im Dezember darauf machte ich eine weitere Aufnahme von den Lampions in ihrer filigranen Form. Eine französische Freundin, der ich die Bilder zeigte, erzählte mir, die Lampionblume hieße auf Französisch amour-en-cage, eingesperrte Liebe. Daran musste ich jetzt denken, wo die trockenen Lampions wieder auf unsere Gartenmauer zu purzeln beginnen.

Thomas Staiber, Stuttgart

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Zeitsprung: Noch im Einsatz

Von 5. November 2014 um 15:00 Uhr

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Diese beiden Fotos zeigen – von verschiedenen Seiten aufgenommen – dasselbe Fahrzeug, einen »Geräte­träger« der Firma Lanz. Auf dem ersten Bild freuen sich meine Kinder Bärbel (damals 12 Jahre alt), Friedrich (8) und Brigitte (5) zusammen mit ihrer Cousine Iris (5) und ihrem Cousin Peter (7) im Jahr 1959 auf einen Nachmittag bei der Heuernte. Das farbige Bild ist 55 Jahre später entstanden, zu Brigittes 60. Geburtstag. Auf der Pritsche zu sehen sind Friedrich, Martin (der Jüngste und damals für die Ausfahrt ins Heu noch zu klein) und Bärbel. Ich selbst (92) sitze am Steuer. Der restaurierte Traktor erstrahlt in neuem Glanz, wir Men­schen aber sind deutlich in die Jahre gekommen.

Hans Reitter, Schwanau-­Ottenheim, Baden

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Zeitsprung: Der Apfelbaum

Von 30. Oktober 2014 um 16:00 Uhr

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Im Jahre 1942 – zufällig auch mein Geburtsjahr – verewigte der Maler Eduard Gabelsberger (1861–1950) den schiefen kleinen Apfelbaum in seinem Garten. Es wird erzählt, der Baum habe dort nicht stehen bleiben wollen – wegen Wasseradern oder irgendwelcher Energiefelder. Und weil er mit den Füßen nicht wegkonnte, habe er es mit seiner Krone versucht.
Heute, nach 72 Jahren steht der Baum immer noch an seinem Platz. Oder: Er liegt beinahe. Innen ist er durchgehend hohl, aber er wird umhegt und gepflegt, blüht so manches Jahr und trägt dann köstlich duftende, wohlschmeckende Früchte.
Ich hoffe sehr, er stirbt nicht vor mir!

Frigga Dettmer, Dießen am Ammersee, Oberbayern

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Zeitsprung: Das Salettl

Von 26. Oktober 2014 um 18:00 Uhr

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Manches alte Haus kann nur noch ein Freilichtmuseum retten. Für das Salettl von Passau-Mariahilf, 1881 an der frequentierten Straße nach Schärding errichtet, schien nach 129 Jahren das Ende gekommen. Ein Stützgerüst bewahrte es gerade noch vor dem Einsturz.
Getrunken und getanzt wurde in diesem lichten Sommer-Tanzsaal zuletzt im Kriegsjahr 1915. Als die benachbarte Schule 1918 zum Lazarett wurde, verlegte man den Unterricht in den Tanzsaal. 1924 zog eine Autolackiererei ein, die 1976 schließen musste. Zuletzt diente das Gebäude dem zugehörigen Wirtshaus noch als Brennholzschuppen. Dann stand das Salettl – so werden in Bayern dergleichen Sommerbauten genannt – jahrzehntelang leer und verfiel.

Von der bayerisch-österreichischen Grenze ist es nun an die bayerisch-böhmische Grenze gewandert: Die Zimmerer des Freilichtmuseums Finsterau haben Balken für Balken abgetragen, kaputte Bauteile ersetzt und am neuen Ort alles wieder aufgebaut. Ein Wirtshaus samt Biergarten mit hochgewachsenen Linden gab es da schon, direkt daneben steht jetzt das Salettl. Die kunstvoll maserierten Türen wurden restauriert, ein Kirchenmaler hat die reiche Farbfassung an den Wänden und Balken erneuert.

Seit ein paar Monaten wird wieder gefeiert im Salettl von Passau-Mariahilf.

Martin Ortmeier, Finsterau im Bayerischen Wald

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Zeitsprung: Ost-West-Freundschaft

Von 20. Oktober 2014 um 18:00 Uhr

Vor 25 Jahren fiel die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland, und vielleicht erinnert sich noch jemand an die Aktion, die die ZEIT damals startete: Westdeutsche Abonnenten wurden dazu aufgerufen, ostdeutschen Lesern für ein halbes Jahr die ZEIT zu sponsern. Dank dieser Idee entstand zwischen unse- rer Familie aus Jänschwalde (Brandenburg) und Familie Perchermeier aus München eine tolle, bereits 25 Jahre währende Freundschaft.
Die Abonnenten-Paarungen wurden wie bei einer Kontaktanzeige nach Interessen und Berufen zusammengestellt. Die Perchermeiers (Arzt und Lehrerin, damals ein Kind, zwei weitere sollten noch folgen) wurden dabei meinen Eltern (Arzt und Kindergärtnerin, drei Kinder) »zugeteilt«. Keiner hatte Ost- beziehungsweise Westverwandtschaft, umso größer war die Freude bei meiner Familie, als plötzlich eine Einladung nach München kam.
Im Sommer 1990 machten wir uns auf. Ein Trabbi auf der Autobahn, mit drei kleinen Kindern – die an uns vorbeiziehenden Wessis schüttelten den Kopf. Unsere Familienkutsche schaffte es aber ohne Anschieben in den Westen.
Hier prallten zwei verschiedene Lebensentwürfe aufeinander: Meine Eltern waren gerade 30 Jahre alt, das älteste Kind aber bereits fünf. Perchermeiers waren zehn Jahre älter und hatten erst eine einjährige Tochter. Trotzdem – oder gerade deshalb – war die Vermittlungsaktion ein Erfolg: Für uns wurden dadurch Ost und West auf persönlicher Ebene zusammengebracht! Und die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 feierten wir schon zusammen in Leipzig. Es folgten jährliche Unternehmungen mit Spreewald-Paddeltour, Wanderung auf die Zugspitze, Skifahren, Oktoberfest, Einladung zur Einschulung und zur Silberhochzeit… Mittlerweile sind wir Kinder erwachsen. Meine Schwester studiert in München Medizin, genau wie die älteste Tochter von Perchermeiers. Die jüngste Tochter studiert Biologie in Jena – und hat durch uns meinen Cousin kennengelernt. Jetzt sind die beiden seit fast zwei Jahren ein Paar.
Nach 25 Jahren sind unsere Familien also fast verwandt!

Anne Holzschuh, Jänschwalde, Brandenburg

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Zeitsprung: Pedalo

Von 19. Oktober 2014 um 09:00 Uhr

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Als Kind war ich klein und schwächlich, deshalb suchte meine Mutter (Ruth Weidenbach) nach einem Spiel- und Sportgerät, um mich zu kräftigen. Es fand sich nichts Passendes, weshalb sie mit meinem Vater (Richard Weidenbach), der als Grafiker bei WMF arbeitete und technisch sehr begabt war, schließlich selbst ein passendes Vehikel entwickelte: das Pedalo. Meine Eltern begannen es auch zu vermarkten, waren davon aber bald überfordert – insbesondere als die ersten Plagiate auftauchten. So verkauften sie ihre Erfindung an die Firma Holz-Hoerz, die das Pedalo bis heute im Programm hat. An seinem kommerziellen Erfolg haben wir seither zwar keinen Anteil mehr, dennoch freue ich mich jedes Mal (ich bin Erzieherin von Beruf), wenn ich Kinder mit einem Pedalo spielen sehe, und natürlich fahre ich – auch nach 50 Jahren noch – ab und zu selbst gerne damit.

Winni-Sophie Gunzenhauser, Kuchen, Baden-Württemberg

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Zeitsprung: Fahrrad

Von 5. Oktober 2014 um 18:00 Uhr

Das Bild links zeigt unseren Sohn Lukas auf einem Kinderrad, das er kurz vorher von seiner älteren Schwester übernommen hatte. Und auch für sie hatten wir das Rad schon gebraucht erworben. Als Lukas dem Rad dann entwachsen war, verkauften wir es weiter, und zwar an eine Frau, mit der wir damals beruflich zu tun hatten. Es sollte fortan ihrem Enkelkind gehören – damit schien die Fahrradgeschichte für uns zu Ende.
2014 knüpften wir Kontakt zu einer Familie, die seit Kurzem in einer Flüchtlingsunterkunft wohnt. Ahmed, 4, und seine Eltern kommen aus Syrien und sind erst seit ein paar Wochen hier. Über einen E-Mail-Verteiler erfuhren wir, dass zwei Kinderräder abzugeben seien. Name und Adresse verrieten uns, dass wir die Spenderin kennen. Und tatsächlich ist das eine Fahrrädchen das, das wir ihr vor fast 20 Jahren verkauften. Dank sorgfältiger Wartung hat es derweil fünf Enkelkindern treue Dienste geleistet. Das nicht mehr ganz zeitgemäße Mintgrün des Rahmens war zwischenzeitlich durch eine orangerote Lackierung ersetzt worden.
Der kleine Ahmed kann zwar noch nicht Fahrrad fahren, aber wir sind sicher, auf einem so kindererfahrenen Rad wird er es in kürzester Zeit erlernen.

Heike und Georg Schiller, Schöffengrund, Hessen

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Zeitsprung: Apfelbäumchen

Von 30. September 2014 um 18:00 Uhr

Meine Sucht sind nicht Schokolade oder Nikotin, sondern Äpfel. Also warum nicht einen eigenen Apfelbaum anpflanzen? Endlich, nach über einem Jahr des Probierens keimte am 28. April ein kleiner Apfelkern, und in den folgenden Wochen konnte ich ihm förmlich beim Wachsen zusehen.
Ich bin unglaublich stolz. So muss sich Mutterschaft anfühlen. Spätestens wenn mein Bäumchen Früchte trägt, sollte ich aus meiner kleinen Berliner Altbauwohnung in die Uckermark ziehen.

Evelin Valentin, Berlin

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