Ihre Notizen, Gedichte und Bilder für die gedruckte ZEIT
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Zeitsprung


Auf den Bildern sehen Sie meinen Mann, Otto Kirchner, vor dem Neuen Schloss in Stuttgart. Die erste Aufnahme stammt aus dem Jahr 1950, das Schloss ist ausgebrannt, und die Fenster sehen aus wie die Augenhöhlen eines Toten.
Das zweite Foto habe ich erst vor wenigen Wochen gemacht. Mein Mann und ich sind seit 1948 durch dick und dünn miteinander gegangen. Die Ruine des Neuen Schlosses wollte man abreißen, die Bürger haben sich dagegen gewehrt. Heute ist der Stuttgarter Schlossplatz einer der schönsten Plätze, die ich kenne. Nicht auszudenken, wie er mit der Fassade eines modernen Gebäudes aussehen würde!
Ursula Kirchner, Stuttgart

Bei der ersten Aufnahme handelt es sich um ein Wandbild aus der Reihe Westermann, wie man es noch aus der Schule kennt. Es kam durch Zufall in meine Hände: Ein Freund, der sich mit Weinbau beschäftigt, hatte es als Flohmarkt-Souvenir geschenkt bekommen und versehentlich bei mir liegen gelassen. Ich stellte fest, dass die Aufnahme nur etwa 200 Meter von meinem Elternhaus entfernt entstanden sein muss, in Maikammer an der Weinstraße. Auch mein Vater erkannte den Birnbaum wieder, dessen Früchte er als Kind gepflückt hatte. Das Bild blieb bei mir, der Kontakt zu seinem rechtmäßigen Besitzer ist leider eingeschlafen. Durch die ZEIT kam ich jedoch auf die Idee, zur gleichen Jahreszeit am gleichen Standort ein aktuelles Foto zu machen. Einige Details haben sich im Laufe der Zeit durch die Flurbereinigung verändert, aber im Großen und Ganzen hat die Landschaft ihre Schönheit bewahrt. Das alte Bild hängt mittlerweile an einem Ehrenplatz in meinem Weinkeller. Wenn sich der Freund, der es liegen ließ, meldet, bin ich aber gerne bereit, es ihm zurückzugeben …
Christoph Schädler, Bonn


Die beiden Fotos zeigen meine Mutter Ursula Güntzel in Hamburg-Eimsbüttel. Auf dem Bild von 1952 sind im Hintergrund, an der Ecke Kaiser-Friedrich-Ufer/Heymannstraße, die sogenannten Nissenhütten zu erkennen, Notunterkünfte für Flüchtlinge und Hamburger, die durch Bombenschäden obdachlos geworden waren. Heute ist meine Mutter 75 Jahre alt, die Hütten sind verschwunden und die Bäumchen von damals zu stattlicher Größe herangewachsen. Weit in die Welt hinausgekommen sind wir nicht: Die gesamte Familie wohnt noch heute dicht beieinander in Eimsbüttel.
Ragna Curic, Hamburg
Im Frühling vergangenen Jahres habe ich meine Großeltern in Österreich besucht und das Bild aus dem Jahr 1946 entdeckt: mein Opa beim Springen mit einem Haflinger. Opa arbeitete schon als Kind auf dem elterlichen Hof mit Pferden, im Krieg leistete er Heimatdienst bei der Arbeit mit Pferdefuhrwerken – was ihm den Fronteinsatz ersparte. Ich habe die Liebe zum Reiten wohl von ihm geerbt: Das rechte Bild zeigt mich beim Herbstturnier 2005 in Sonsbeck am Niederrhein. Vermutlich hätte er sich sehr über diesen Zeitsprung gefreut. Leider bekam ich das alte Foto erst wieder in die Hand, als wir im Februar in Österreich waren, um meinen Großvater zu beerdigen.
Claudia Stangl, Duisburg


»Wir sind so klug, und dennoch spukt’s in Tegel«. So steht es in Goethes Faust, in der Walpurgisnachtszene. Und so wurde das Dorf Tegel in der Weltliteratur bekannt. 1920 wurde es von Groß-Berlin eingemeindet. Das alte Bild habe ich in einem Nachlass gefunden, es stammt etwa aus dem Jahr 1910, ist also mehr als hundert Jahre alt.
Ich habe leider die idyllische Zeit mit den Vorgärten nicht mehr erlebt, aber als ich 1935 in dem rot geklinkerten Haus geboren wurde, fuhr noch die quietschende Straßenbahn von Tegel nach Heiligensee und Tegelort. Sie fuhr noch bis zum Jahr 1958.
Das Haus hat den Krieg gut überstanden, das Uhrengeschäft, das einst meinem Großvater gehörte, existiert auch noch, aber ansonsten ist die Berliner Straße zu einer vierspurigen Durchgangsstraße geworden. Das im Jahr 1900 erbaute Haus wurde liebevoll renoviert und erinnert wenigstens äußerlich noch an die gute (?) alte Zeit.
Peter Schumacher, Hamburg


Unser Vater ist jetzt 60 Jahre alt. Auf dem Schwarz-Weiß-Foto sieht man ihn als den Kleinsten mit seinen beiden älteren Brüdern, seiner Cousine sowie dem Hund des Vermieters in Bierbergen 1954. Das Bild steht für vieles: Geschwister, die zusammenhalten, Tierliebe, aber auch für eine Flüchtlingsfamilie, die langsam wieder auf die Beine kommt. Auf dem anderen Bild sieht man uns, die drei Töchter, mit unserem Familienhund Gina im Jahr 1992. Auch dieses Bild steht für vieles, etwa für gemeinsame Ausflüge mit Papa, aber auch für seine Liebe zum Detail: Es hat ewig gedauert, bis wir standen, wie wir sollten.
Kira, Saskia und Corinna Geisler, Schlückingen, Nordrhein-Westfalen


Am Ostersonntag 2001 bekamen unsere Enkel, die damals dreijährigen Zwillinge Amir und Skander, je einen Porzellan-Osterhasen geschenkt, den sie in dem noch frühlingshaft kahlen Garten liebevoll umklammern. Zehn Jahre später, im Sommer 2011, erklärten sie sich nach einigem Zureden bereit, das ursprüngliche Bild am gleichen Ort nachzustellen.
Außer dem veränderten Hintergrund fällt auf, dass die Tierchen hinter den mächtig gewachsenen Händen fast vollständig verschwinden.
Hilde Schlömann und Werner Kullbach, Jülich

1993

2011
22 Jahre hatten wir in Berlin gelebt, da wurde uns kurz nach der Wende unser Atelier in einer Fabriketage gekündigt. Schließlich fanden wir hier, am nordwestlichen Harzrand, eine neue Bleibe: ein langes, schmales Bahngrundstück mit einem ehemaligen Getreidespeicher; im vorderen Teil eine reine Industriebrache, weiter hinten mit rudimentären Resten von Weiden und alten Obstbäumen. Achtzehn Jahre lang haben wir an der Renaturierung gearbeitet, haben Vogelschutzhecken, Obstbäume, diverse Gehölze, Blumeninseln und einen Rosengarten gepflanzt – und unser Grundstück ist ein Paradies für Flora und Fauna geworden. Zum Teil ist es in ein Landschaftsschutzgebiet mit Binsenbiotop eingebunden, zum Teil grenzt es an eine Gewerbezone.
Gudrun Petzold und W. Jo Brunner, Seesen

1962

2011
Im vergangenen Sommer entstand das Farbfoto von meiner dreijährigen Enkeltochter Hanna. Als ich es sah, musste ich an meine eigene Kindheit zurückdenken. Ich suchte in meinem alten Fotoalbum und wurde tatsächlich fündig: Auch von mir gibt es ein Bild in genau so einer Zinkwanne. Es stammt aus dem Sommer 1962 und zeigt mich als Vierjährige mit einem Nachbarsjungen. Ist es nicht schön, dass auch nach fast 50 Jahren so eine einfache Wanne, ein wenig Wasser und Sonne reichen, damit Kinder sich freuen?
Petra Riemerschmid, Reichertsheim, Oberbayern

1989

2010
Als ich mit immerhin 45 Jahren erstmals Laufschuhe anzog, ahnte ich nicht, wie sehr sich mein Leben ändern würde. Ein Arbeitskollege hatte gefragt, ob ich mit ihm joggen gehe auf den Sportplatz, als Ausgleich zum Büroberuf als Buchhalter. Nach Runde 15 machte er schlapp – ich aber lief und lief … Zwei Jahre darauf, 1989, gelang mir in Hamburg mein 1. Marathon (Foto 1). Ende April 2012 geht es nun wieder an die Elbe – Marathon Nr. 89. Und natürlich träume ich davon, die 100 zu schaffen! Gelaufen bin ich unter anderem auf Usedom und Terschelling, in Barcelona, Zürich, Berlin, Rom (Foto 2); oft gewann ich in meiner Altersklasse, meine Bestzeit war 2:48:19 Stunden. Nebenher koordiniere und betreue ich Lauftreffs. Aber denken Sie nun bitte bloß nicht, dass ich mich für den Sport kasteie! Ich habe einen großen, wunderbaren Familien- und Freundeskreis, genieße das Leben, schlemme beim Italiener, feiere gern, gehe oft ins Kino, lese viel und sitte meinen Enkel Jakob (3), fühle mich fit und wohl und trinke meinen guten Rotwein.
Leonhard Doetsch, Essen