Der Unterschied zwischen Beck’s und Beck’s Gold

Äußerst intime und freundliche Lokalität für einen entspannten Drink: die Minibar in der Gräfestraße (Kreuzberg). Im Sommer sitzen die Leute draußen zwischen Jugendstilfassaden, bei schlechtem Wetter geht’s rein in die gute Stube und die ist wirklich mini. Um die Theke herum hat nur eine handvoll Leute Platz und weil’s so kuschelig ist, nimmt man, oft unfreiwillig, an den Gesprächen anderer teil. Neulich diskutierten Zwei mal wieder das abgedroschene Streitthema: „Beck’s Gold ist ein Mädchenbier! “ Daraufhin inszenierte der Barkeeper einen spontanen Beck’s-Test, an dem gleich alle begeistert teilnahmen. Und der ging so:
Barkeeper gießt Beck’s (das grüne Original) und Beck’s Gold in zwei Gläser.
Gast kostet, ohne zu wissen, welches welches ist.
Gast versucht, Beck’s Gold am Geschmack zu erkennen.
Das verblüffende Ergebnis: Geht nicht! Die Tester waren sich einig, dass beide Biere genau gleich schmecken.
Vielleicht waren das jetzt alles Menschlein, deren Zungen vom vielen Rauchen und scharfes Essen Essen unter Geschmacksknospenverödung litten. Aber wenn’s mal wieder darum geht, dass echte Männer niemals Beck’s Gold trinken würden, muss ich jedes Mal schmunzeln.
Jetzt warte ich natürlich gespannt auf Ihre Testberichte: Kann man die beiden Biere am Geschmack unterscheiden, oder nicht? Aber nicht schummeln!

 

„Eine mitnehmen?!“

Die Karawane der Probeabo-Aufschwätzer macht mit Vorliebe vor Unis und Bibliotheken halt. So auch vor der Amerika-Gedenk-Bibliothek. Tag für Tag stecken hier die Promo-Teams ihre Claims ab, bauen große Stände auf, entfalten Sonnenschirme, auf denen schon von Weitem gut lesbar die Namen namhafter Zeitungen prangen.
Ein Stück weiter, strategisch günstig mitten auf dem Weg postiert, ein etwa 50-jähriger Mann ohne Stand und Schirm. Sein kariertes Hemd steckt in einer ausgebeulten Jeans, an der Gürtelschlaufe baumelt ein Schlüsselbund am Karabinerhaken, im Arm hält er einige zusammengefaltete Zeitungen. „Neues Deutschland“ ist darauf gerade so zu entziffern. „Eine mitnehmen?!“, knurrt er im Stakkato-Deutsch die Vorbeieilenden an. Natürlich bleibt keiner stehen, um sich noch ein bisschen mehr anknurren zu lassen. Könnte natürlich auch am „Neuen Deutschland“ liegen. „Endet automatisch!“, versucht der Maulfaule von Zeit zu Zeit eine neue Masche. Wie ein gratis verteiltes Probeexemplar automatisch enden kann, versteht allerdings wohl nur er.

 

Hurensöhne bei Karstadt

Man eiert so durch die Gegend und wird vom allgemeinen Fußgängerstrom in die Karstadt-Filiale am Herrmannplatz gespült. Im Foyer, zwischen den Doppelglastüren, steht ein Promotion-Stand für eine Billig-Telefonfirma, betreut von einem sehr gut gekleideten und schnittigen Araber Anfang zwanzig. In perfektem Deutsch spricht er mich an und versorgt mich mit einem Prospekt. Ich mache meinen Einkauf bei Karstadt, gehe wieder heraus – und sehe vor dem Karstadt, wild auf und ab laufend, jenen Araber in sein Handy fluchen: „DU ARSCHLOCH! DU HURENSOHN! WENN DU NISCH BEZAHLST SCHLAG ISCH DISCH FRESSE EIN UND ZIEH DISCH VON HASENHEIDE BIS HERRMANNPLATZ AN DEINE EIER DU VERFICKTER HURENSOHN“.

Wenig später verteilte er wieder höflich lächelnd Prospekte. Die Wandlungsfähigkeit der Menschen ist immer wieder erstaunlich.

 

Trabiklopfen revisited

Gestern Nacht nach dem Fußballspiel die Leipziger Straße über den Potsdamer Platz Richtung Schöneberger Heimat geradelt. Am Potsdamer Platz: Entrückte Fußballfans, die taumelnd das 1:0 feiern. Spalier stehen und auf die Dächer der durchfahrenden Autos klopfen. Und oben auf meinen Fahrradhelm! So fühlte sich das also damals an, als Trabant.

 

Das nächste Mal mit Waffengewalt

Da steht man nichts ahnend mit Freund Holger im Kreuzberger „Würgeengel“ und trinkt Gincocktails. Kommt plötzlich ein Mensch Anfang Dreißig rein, setzt sich neben mich trinkt schweigend drei Budweiserbiere, raucht dabei Selbstgedrehte. Dann steht er auf, bezahlt, schreit den Barkeeper an: „DAS NÄCHSTE MAL MIT WAFFENGEWALT!“ und geht raus.

Ist gerade Vollmond?

 

Großes Tennis in der U9

Nein. Das kann man nicht erfinden. Also:

Heute, Hinweg zum Kino. Am Friedrich-Wilhelm-Platz in die U9 gestiegen. In der Bundesallee steigen Kontrolleure ein und kontrollieren die Fahrscheine. An der Spichernstraße steigt die Lebensmut-Frau der Lebensmut-Mann zu. Es handelt sich bei ihm um einen Menschen, der bereits seit Jahrzehnten in den U-Bahnen um Geld bittet. Er leidet offenbar unter einer schweren, chronischen Krankheit oder Stoffwechselstörung. Sein Körper ist völlig abgemagert, er wiegt bei einigermaßen normaler Körpergröße maximal 25 Kilo. Seine Kniee und Ellenbogen hat er mit Schaumstoff gepolstert. Er ist humorvoll und hat stets gute Laune, ruft immer wieder: „Eine Spende für meinen Lebensmuuuuuuuut bitte!“ Manchmal verteilt er handgeschriebene und -kopierte Zettel mit Aphorismen.

Er steigt also ein; im selben Wagen steigt ein Obdachlosenzeitungsverkäufer ein, der nicht bemerkt, dass schon ein anderer zum Geldeinsammeln im Wagen ist. Der Lebensmut-Mann fängt sofort an, belustigt zu zetern: „Ach Gottchen, jetzt habe ich hier noch einen Junkie im Waggon“. Er, sofort beleidigt: „Die Frau, die ist doch ein Lügenbaron hoch zehn, stimmt alles nicht, was die sagt…“ (murmelt weiter unverständliches in seinen Bart. Die Kontrolleure wollen auch den Fahrschein vom Obdachlosenzeitungsverkäufer sehen. Der Lebensmut-Bettler lacht sich kaputt und der Zeitungsverkäufer wird immer saurer, brabbelt „Lügner, Lügner, die Frau ist steinreich, die hat zwei Villas….brabbelbrabbel…“. Der Lebensmut,amm sammelt Geld ein, wünscht allen einen schönen Tag und steigt unbehelligt von der Fahrscheinkontrolle aus, der Obdachlosenzeitungsverkäufer muss am Ku-Damm mit den Kontrolleuren aussteigen, die ihn dann aber von Lachanfällen geschüttelt ebenfalls laufen lassen.

Rückfahrt vom Kino, U9.

Kurfürstendamm, ein Obdachloser steigt ein, von oben bis unten in blaue Müllsäcke gekleidert, und zwar richtig in geschneiderter Passform.

Bundesallee: Zwei Mariachis steigen ein und machen Mexiko-Mistmusik. Der Obdachlose, supergenervt: Och komm, hört uff zu spielen, kommt, hier habter zwee Euro“. Holt zwei Euro aus einem Brustbeutel und wirft sie den Musikern vor die Füße.

Applaus.

 

Sparkasse heißt jetzt „Spar“

Bei mir zumindest. Und das kam so. Auf verschlungenen Wegen erhielt ich per Post ein handsigniertes Buch aus dem Frühwerk des von mir hoch geschätzten Autoren Thomas Kapielski. Die diesen Deal einfädelnde Person bat mich darum, den dafür zu entrichtenden Preis auf ihr Konto der Berliner Sparkasse zu überweisen. Da mir just die niedlichen, kleinen Transaktionsnummern ausgegangen waren, dachte ich, hey, dann mache ich es den Transaktionsnummern einfach nach und gehe auch mal wieder aus (Wahnsinns-Wortspiel, I know). Und da da, wo ich war, um die Ecke eine Filiale der Berliner Sparkasse ist, nämlich daselbst Ecke Leipziger-/Friedrichstraße, beschloss ich also, den erforderlichen Kleckerbetrag einfach in dieser Sparkasse bar auf das besagte Konto einzuzahlen.

Nun sind ja die Sparkassen leider nicht mehr so wie früher. Früher war das schön, da gab es düster gemusterte Teppichböden, einen Kassenbereich, ein paar mähende Geräusche machende Kontoauszugsdrucker und fünf bis sechs Schreibtische, wo Kundenberater den armen Kunden Sparbücher und hauseigene Fonds aufschwatzten. Heute sehen die Sparkassen aus wie Großraumbüros, man kann an allen Schaltern alles machen, oder eben nicht.

Ich also zum „Infodesk“.

„Guten Tag, ich möchte eine Bareinzahlung machen.“

„Haben Sie Ihre EC-Karte dabei?“

„Nein, ich möchte eine Bareinzahlung machen.“

„Dafür brauchen Sie Ihre EC-Karte“.

„Früher, als ich klein war, brauchte ich dafür nur einen Einzahlungsschein“.

„Sie können Einzahlungen nur noch am Automaten machen. Mit Ihrer EC-Karte“

„Ich kann… WAS?“

„Haben Sie kein Konto bei der Sparkasse?“

„Gott bewahre, nein, ich möchte auf ein Fremdkonto Geld einzahlen.“

„Ah, jetzt verstehe ich. Nein, das geht nicht. Wir haben keine Kassen mehr. Sie können nur auf IHR EIGENES Sparkassenkonto Geld einzahlen. Am Automaten. Der nimmt Scheine.“

„Sie wollen mir jetzt nicht sagen, dass Sie keine Kasse haben?“

„Doch.“

„Haben Sie überlegt, sich einfach in „Spar“ umzubennen? Jetzt wo Sie keine Kasse mehr haben?“

Alle bekloppt. Alle.

 

Arche Noah gelandet.

Ich saß am Winterfeldtplatz, schön dick eingemummelt, draußen vor einem Café. Da kam ein Spatz an, mit einem Blatt im Mund Schnabel. Er setzte sich auf den Tisch, zitterte langsam an meine Kaffeetasse heran und ließ dann das Blatt genau in meinen Kaffee fallen.

Ich würde sagen, ab sofort ist Frühling.

 

Ich habe Angst.

Schade, Kamera zu spät gefunden, aber da macht doch gerade eine Frau, Mitte 20, vermutlich irgendein hohes Tier im Reich Anorexia, Nordic Walking vor meinem Fenster. Scharfes „Klack! Klack!“, als Manifest der erzwungenen Muskellockerung. Sollte man mich einmal mit Skistöcken in der Stadt erwischen, bitte sanft medikamentieren.