Das kleine Frühstück „Moabit“

Beim Extrembäcker, morgens um neun, Bauarbeiter: „Machsse eene Schrüppe mit Salarmi, eene mit Eiasalaat und eene mit – dis hier – mit Moppelkotze“.

Moppelkotze=Fleischsalat. Rock and Roll, Leute.
Mit Dank an Kleska.

 

Warum ich in Bangkok keinen Wurst-Maxe aufmache

Es muss gebrochen werden, und zwar eine Lanze. Eine Lanze für mutige ausländische Gastronomen. Ich finde es ehrlich bewundernswert, dass Menschen, die außer der Frage „Mit Swibel?“ oder „Schaff odä Sesam Sose?“ oder „Möhte Si Bahmati Lei ohdä nohmáa Lei?“ keinen einzigen Satz Deutsch können, ausgerechnet einen ESSENLIEFERSERVICE aufmachen.

Gerne stehe ich bei meinem Stammthailänder in der Schöneberger Rheinstraße, dessen Saucen ausschließlich aus Kokosmilch, Glutamat, Pepperoncini, Kerosin, gentechnisch verändertem Zitronengras und Chilikonzentrat bestehen, und schaue ihm einfach bissl beim Kochen zu. Der Koch lässt parallel vier Woks durch die Luft wirbeln, gießt hier Kerosin nach, streut dort Glutamat rein, im nächsten Wok pupst siedendes Öl und in der Friteuse dämmert Krabbenbrot wellenschlagend der Knusprigkeit entgegen. Das dampft und duftet und macht Gemütlichkeit, sodass ich eigentlich immer gleich Cola bestellen möchte, um das frische Krabbenbrot hineinzutunken, denn wie herrlich muss das knistern!! [Ein Fetisch, mit dem ich wohl weltweit alleine da stehe.]

Gleichzeitig telefoniert der Koch und nimmt Bestellungen entgegen. Er versteht grundsätzlich kein Wort, kritzelt vage Vermutungen auf seinen Notizblock und kocht ansonsten um sein Leben. Irgendwann geht die Tür auf, der Fahrer kommt rein, ein drahtiger, 80 cm großer Thailänder mit zerfleddertem Stadtplan unterm Arm, er empfängt vom Koch eine Runde vokalreiches Kauderwelsch und eine dampfende Styroporschachtel mit eingesargten Speisen. Währenddessen pappt draußen eine blau bemützte Politesse Knöllchen an den Liefer-PKW. Tapfer schleppt der Lieferfahrer das Essen aus dem Laden und fädelt sich mit seinem kleinen Fiat Ford-CorsaPolo in den Berliner Feierabendverkehr ein.

Eine kleine liebe Frau steht da auch noch, die macht den ganzen Tag nur benutzte Woks sauber und kocht Reis bzw. „Lei“. Wie schaffen die das? Gewerbeanmeldung, Gesundheitspass, Umsatzsteuererklärung, u.v.m., daran scheitert doch schon ein Ortsansässiger!!

Also, andersrum, ich würde nicht unbedingt in Bangkok einen Wurst-Maxe aufmachen. Aber ich bin ja auch Weichei.

 

Mein erster Abend in Berlin

Heute vor zehn Jahren bin ich nach Berlin gezogen. Mein erster Abend in Berlin sah so aus:

Ich war frisch nach Berlin gezogen. Hui, aufregend! Die Eisenacher- Ecke Motzstraße, da hatte ich mich einquartiert. Eine sicherlich nicht unzweifelhafte Gegend, und dies in mehrerlei Hinsicht. Kenner munkelten von verrufenen Bars, übelriechenden Darkrooms, Haschisch spritzenden Halbstarken und ähnlichem.

Nun mache ich also an meinem ersten Abend eine kleine Erkundung durch die Gegend. Fange im damals noch seligen Café Swing an, erfrische mich dort mit Kaltgetränken wie ein Fürst, erlebe eines der seinerzeit dort gereichten herrlichen Gratiskonzerte und alles ist fein. Von dort aus unter Zuhilfenahme grundlagenfördernder Imbissstuben noch weiter durch die eine oder andere Rabaukenschwemme, eine davon heißt sogar „Heckmeck“ und wirbt an der Außenseite mit dem rhythmisch beleuchteten Schild: „BIER UND SCHNAPS“. Ja das ist doch großartig!

So gegen vier stolpere ich beseelt nach Hause. Und stelle fest: Oh, das ist ja eine Gaststätte bei mir unten im Haus. Und die ist auch noch offen. Ballin Ballin ick komme! Die Gaststätte heißt „The Thistle“, zu deutsch „DIE DISTEL“ (!!) [sprechen Sie das mal betrunken aus!]. In dieser Gaststätte: Hochprofessionelle Schwerst- und Randalesäufer, teils direkt von der Gefühllosenschule auf den Tresenplatz rübergewandert und dort mittels Saugnapf festgeschweißt. Mir doch egal. Ich halte es mit Milva und denke mir „ICH HAB KEINE AHAHAANGST!“ Da muss ich rein, durch die verschmierte Schaufensterscheibe der Lokalität funkelt gülden eine wohlsortierte Scotch Malt-Auswahl.

Innendrin stark verwestes Personal. Es dudelt ein Geldspielautomat. Am Geldspielautomaten: Ein Pärchen. Es schmeißt während ich die ersten Erfrischungen einnehme, ca. 100 DM in den Automat. Offensichtlich die letzten Ersparnisse, denn als das Geld alle ist, sacken beide in sich zusammen und legen Ihre Häupter auf den Tresen zum Schlafen nieder. In einer anderen Ecke wird bereits halbherzig geprügelt. Hektisch zuckt eine Neonröhre in der Musikbox.

Angestachelt und im Furor meiner inzwischen eingetretenen Verwahrlosung werfe ich mutig ein Markstück in den Geldspielautomaten. Es erscheinen zwei Kronen, noch zwei Kronen, und dann noch eine Krone in der Mitte. Das bedeutet 100 Sonderspiele. Auf Anhieb. Erhebliche Kadenzen in Dur sondert der Automat ab und macht dann sehr lange „taktaktaktaktak“ (Der Sonderspielzähler).

Binnen kurzem gewinne ich etwas mehr als 100 Mark. Es wäre wahrscheinlich nicht völlig falsch zu sagen, dass ich mit dem Einsatz von einer Mark die letzten Ersparnisse des Pärchens eingefahren habe, welches soeben noch auf dem Tresen schlief und jetzt wach wird und mich ungut anschaut. Eigentlich, stelle ich fest, schauen mich ALLE in der Kneipe ungut an. Kein Wunder, ich passe in diese Schankwirtschaft etwa so nahtlos hinein wie ein Rabbiner in einen Schienenersatzverkehr zwischen Oranienburg und Jüterbog nachts um halb drei.

Was tun? Ich tue das nächstliegende.

Werfe 10 DM in die Musikbox, drücke 20x hintereinander „Take me to the matador“ von Garland Jeffreys, ziehe sodann am „Lokalrunde“-Tau, das an einem Klöppel hängt, welcher wiederum an einer Glocke biblischen Ausmaßes hängt.

Mit der Miene eines Vollstreckers zapft der Zapfmann 24 große Pils, ich bin meine 100 Mark gleich wieder los und gehe freundlich lächelnd rückwärts raus, einem Schäferhund latsche ich auf den Schwanz dabei, aber der Hund blinzelt mich nur an. Nicht mal unfreundlich, eher gelangweilt.

Jetzt wohne ich in Friedenau.

 

Labern mit Lab.

Im Biosupermarkt. Da stehe ich an der Käsetheke und will meine tägliche Ration Parmeggiano, Pecorino Sardo und blutjungen Gouda abholen. Aber vor dieses Einkaufserlebnis hat der liebe Gott eine Frau Anfang vierzig in zweiter Reihe geparkt. Sie trägt Entenstiefel, langen Kordrock, eine unterarmdicke Strickstrumpfhose, Medienschaffendenbrille (klein, eckig, Hornimitat), einen schwarzen, langen Zopf, sowie eine dieser farbenfrohen Kinder-Indio-Wintermützen, also mit so Klappen an den Ohren, die man unten um den Hals rum festbinden kann. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt gut beschrieben habe.

Jedenfalls hat sie aus der Kühltheke einen vorgeschnittenen, abgepackten Käse geangelt, beugt sich gramumwölkt über das Etikett und schaut nach, was für böse, böse Sachen in dem Käse – außer dem Käse selbst – noch drin sind. Und da hat sie was gefunden, was ihr nicht gefällt.

Obwohl ich also jetzt an der Reihe wäre und schon eingeatmet habe, um gleich den schönen Satz, „ein markiges Stück Parmeggiano bitte“ auszusprechen, schneidet sie mir das Wort ab und ich kucke genau so, wie Loriot in dem einen Sketch, in dem er andauernd versucht, in eine Kartoffel zu beißen, aber immer wenn es tun will kommt ein Kellner und fragt ihn aufmunternd. „Schmeckt’s?“

Sie sagt zu meiner Käseverkäuferin: „WAS BITTESCHÖN IST DENN LAB?“
Käseverkäuferin: „Das ist ein Bestandteil von dem Käse.“
Frau: „Ist das ein Zusatzstoff?“
Käseverkäuferin: „Nein, das kann man so nicht sagen.“
Frau: „Kann ich diesen Käse auch ohne Lab haben?“
Käseverkäuferin: „Nein, den gibt es nur mit Lab“.
Frau: „Und wenn ich aber kein Lab in dem Käse möchte? Ich möchte reinen Käse.“
Käseverkäuferin: „Dann müssen Sie eine andere Käsesorte aussuchen. Zum Beispiel Feta.“
Frau: „Ich will aber keinen Feta“
Käseverkäuferin: „Dann müssen Sie entweder DOCH diesen Käse nehmen oder versuchen in Berlin ein Geschäft zu finden, was diesen Käse OHNE Lab anbietet. Wird aber schwierig.“
Frau: „Was ist denn überhaupt LAB“?
Käseverkäuferin: „Soll ich Ihnen das jetzt wirklich noch erklären“.
Frau: „JA.“
Käseverkäuferin macht Klospülungsgeräusche und will sich gerade aufmachen zu einer Kollegin, um zu fragen, was Lab ist, da beginne ich einen Monolog, schreiend:

„LAB, (AUCH LAAB, KÄLBERLAB, KÄSEMAGEN), IST EIN GEMISCH AUS ENZYMEN (CHYMOSIN UND PEPSIN) UND WIRD ZUM DICKLEGEN DER MILCH BEI DER HERSTELLUNG VON KÄSE VERWENDET. LAB WIRD AUS DEM LABMAGEN JUNGER WIEDERKÄUER IM MILCHTRINKENDEN ALTER GEWONNEN UND HAT DIE EIGENSCHAFT, DAS MILCHEIWEIß KASEIN SO ZU SPALTEN, DASS DIE MILCH EINDICKT, OHNE SAUER ZU WERDEN, DAHER WERDEN MIT LAB ERZEUGTE KÄSE AUCH ALS SÜßMILCHKÄSE BEZEICHNET. DAS LAB WAR SCHON IM ALTERTUM BEKANNT, UND ARISTOTELES RÜHMT DAS LAB VON JUNGEN HIRSCHEN ODER REHEN ALS BESONDERS WIRKSAM.
DAS IM LAB ENTHALTENE FERMENT BRINGT SCHON IN GERINGER DOSIS SEHR GROßE MENGEN (1:6000-600.000 TEILE) MILCH ZUR GERINNUNG. ES ÄUßERT DIE STÄRKSTE WIRKUNG BEI 41-42 °C, BÜßT SEINE KRAFT BEI HÖHERER TEMPERATUR DAGEGEN SEHR SCHNELL EIN. SCHWACH SAURE REAKTION BEGÜNSTIGT DIE LABWIRKUNG, ALKALISCHE DAGEGEN UND GEWISSE SALZE HEBEN SIE AUF. DIE ZUR GERINNUNG FÜHRENDE WIRKUNG DES LABS IST AUF DIE ABSPALTUNG EINES TEILS (GLYCOMAKROPEPTID) DER KASEINMIZELLE (GENAUER DES Κ-KASEIN) DURCH DAS CHYMOSIN ZURÜCKZUFÜHREN. DADURCH VERLIEREN DIE MIZELLEN IHRE ‚SCHUTZHÜLLE‘ UND ES ERFOLGT EINE AGGREGATION DER MIZELLEN, WAS SCHLIEßLICH ZUR GELBILDUNG FÜHRT. DAS GEL BESTEHT NACH SEINER AUSBILDUNG IM WESENTLICHEN AUS EINER FESTEN PHASE, DEM PROTEINNETZWERK, SOWIE DER DARIN EINGESCHLOSSENEN SÜßMOLKE. DAS LABFERMENT WIRKT DABEI NUR ALS KATALYSATOR, WIRD BEI DER SPALTREAKTION ALSO NICHT VERBRAUCHT. DAHER REICHEN SCHON SEHR GERINGE MENGEN ZUM DICKLEGEN DER MILCH AUS. EINE GRÖßERE MENGE AN LAB UND ERHÖHTE TEMPERATUREN VERGRÖßERN DIE REAKTIONSGESCHWINDIGKEIT UND VERÄNDERT SO DIE STRUKTUR DES SICH BILDENDEN GELS. DIE REAKTION KOMMT NACH EINIGER ZEIT ZUM ERLIEGEN, DA DAS SUBSTRAT VERBRAUCHT WIRD (ENZYM-REAKTION). ABGEBROCHEN WERDEN KANN DIE REAKTION NUR DURCH INAKTIVIERUNG DES ENZYMS, Z.B. DURCH HITZE, SÄURE, LAUGE ETC. DIES IST ABER BEI DER KÄSEPRODUKTION NICHT NÖTIG UND WÜRDE ZUDEM ZU BETRÄCHTLICHEN VERÄNDERUNGEN DES DARAUS ENTSTEHENDEN KÄSES FÜHREN. NACH DEM SCHNEIDEN DES GELS IN WÜRFEL (–>KÄSEBRUCH) TRITT WÄHREND DER SYNÄRESE EIN TEIL DER SÜßMOLKE AUS DEM GELNETZWERK AUS. ÜBER DIE TEMPERATUR, GRÖßE DER BRUCHWÜRFEL/BRUCHKÖRNER SOWIE DIE DAUER DER SYNÄRESE LÄßT SICH DIE TROCKENMASSE DES ENTSTEHENDEN KÄSES STEUERN. MIT NIEDRIGER TEMPERATUR UND GROßEN BRUCHKÖRNERN ERZIELT MAN WEICHKÄSE, MIT HOHER TEMPERATUR UND KLEINEN BRUCHKÖRNERN HARTKÄSE. IN DER PRAXIS WIRD DAS LAB BEI DER KÄSEBEREITUNG MEIST IN TEMPERATUREN ZWISCHEN 25 UND 40 °C ANGEWANDT.

REICHT IHNEN DAS????????

Es ist still geworden hinein. In die Stille hinein sage ich vorsichtig: „ein markiges Stück Parmeggiano bitte“

P.S. Danke an die wikipedia.

 

Berliner Wirtschaftswunder: Das Geheimnis der Curry-Station

Wenn ich des Abends aus meinem Fenster kucke, sehe ich direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite zwei Gaststätten. Die eine heißt „Pilsstübchen“, es handelt sich um eine nicht ungemütliche, quasi archetypische Berliner Schankwirtschaft, sie verfügt über einen kleinen Tresen, an dem mehrere braune Holzhocker stehen. Gereicht wird das stets leicht nach Eigenurin schmeckende Schultheiß Pilsener, ansonsten kann man sich auch an einer Magnumflasche Asbach Uralt eines oder mehrere Stamperl zapfen lassen. Zwei Daddelautomaten und eine Musikbox mit Schlagermusik und Kirmestechno sorgen für Geräuschkulisse. Der Wirt ist Mitte 60, resolut und drahtig.

Direkt nebenan gibt es die sogenannte „Curry Station“. Ein neonbeleuchteter gekachelter Imbiss mit insgesamt fünf bestuhlten Tischen. In der Vitrine der Curry-Station liegt, soweit ich zurückdenken kann, immer genau das gleiche, Tag für Tag: Ein zu einem Viertel gefülltes Töpfchen mit Fleischsalat, ein halbvolles Töpfchen mit an den Rändern leicht beigefarbenem Kartoffelsalat, ein dreiviertelvolles Backblech mit Pizza, sowie mehrere belegte Brötchen, deren Belag (Kochschinken und Gouda) sich schulterzuckend der Neonröhre zuwendet, nur die obenliegende Gewürzgurkenscheibe verhindert wohl, dass der Belag völlig davonfliegt. Nie habe ich in der Curry Station jemanden etwas essen gesehen. Es ist nicht völlig auszuschließen, dass es sich beim Inhalt der Vitrine um Speisenattrappen handelt.

Man müsste also meinen, in der ungemütlichen leicht verwest wirkenden Curry-Station sei nichts los, und nebenan im Pilsstübchen tobe der Bär. Pustekuchen. Jede Nacht das gleiche Schauspiel, welches mich immer wieder aufs Neue abends an meinem Fenster Platz nehmen und nach gegenüber starren lässt. Gegen 20 Uhr trudeln in der Curry Station die ersten Gäste ein, durch die Bank Schwersttrinker ab vierzig. Die Stimmung muss erregt-aufgepeitscht sein, man hört zwar nichts, aber stets herrscht aktive Gestik, ich sehe Menschen herumfuchteln, der Wirt reicht im Zehnsekundentakt Bierflaschen über den Tresen. Nebenan, im Pilsstübchen gähnende Leere. Ich sehe durchs Fenster, wie der Wirt ein sehr dickes Kreuzworträtselheft durcharbeitet, langsam und gewissenhaft.

Die Curry-Station hingegen ist bis 21 Uhr proppenvoll. Zeit für den Wirt, das Radio (Spreeradio) ein wenig aufzudrehen. Jetzt höre ich es auch ganz leise bis über die Straße in meine Wohnung. Der Wirt hat langsam alle Hände voll zu tun, geschäftig rast er hin und her und verteilt weitere Bierflaschen. Blick nach rechts, ein einziger Gast steuert wankend auf das Pilsstübchen zu und geht hinein. Blick zurück nach links, völlig unfassbar, in der Curry-Station wird getanzt. Getanzt. Es handelt sich hierbei nicht um einen einzelnen volltrunkenen Tänzer, wie man es gerne Nachmittags auf Stadtfesten sieht, nein, hier tanzen sicherlich zehn Leute. Besonders schäumend ist die Stimmung zum Monatsersten, wenn Arbeitslosengeld und Sozialhilfe auf den Postpank-Girokonten der Curry-Station-Gästen eingetrudelt sind.

22 Uhr. Auftritt Else. Else kommt jeden Abend Punkt 22 Uhr. Sie ist knapp sechzig Jahre alt, 150 cm groß und die Gattin eines des Herren, der sich gerade in der Curry-Station bewusstlos säuft. Irgendwann muss sie mal etwas sehr schreckliches in der Curry-Station gemacht haben, jedenfalls hat sie Hausverbot. Einerseits. Andererseits will sie ihren Mann abholen, er soll nach Hause. Und das geschieht immer nach dem gleichen Ritual. Sie schleicht sich in gebeugter Haltung zur Eingangstür der Currystation und versucht unerkannt hineinzugelangen. Geht natürlich schief, denn die gesamte Frontseite der Currystation besteht aus einem großen Schaufenster. Der Wirt sieht sie schon, wenn sie noch 100 Meter entfernt ist. Kaum ist sie drinnen, wird sie gleich wieder rausgeworfen. Nun beginnt sie eine Litanei mit dunkel raunendem, aber gleichzeitig metallisch-scharfem Otto-Sander-Bariton:

||:Doo Schlappschwanz, komm herauès, doo Aaschloch!
Komm sofocht darauès doo blöde Sau.
Biss wieda besoffen doo Aaschloch,
wachte, kannzich uff wát jéfàsst machen doo Arsch doo
wenne da rauèskommen tust. :||

Manchmal tritt sie dabei auch rhythmisch gegen die Scheibe.

Nach einigen Strophen kommt normalerweise einer der Mittrinker ihres Gatten in schlichtender Absicht heraus und versucht Else in versöhnliche Gespräche zu verwickeln. In über 90 Prozent der Fälle entsteht daraus aber ein Handgemenge, das üblicherweise in eine handfeste Schlägerei übergeht, in die sich schnell Unbeteiligte einmischen, sodass sich – wenn das Wetter nicht allzu schlecht ist – defaultmäßig gegen 23 Uhr etwa acht bis zehn Menschen vor der Curry-Station prügeln. Gegen 23.08 Uhr LALÜ LALA! LALÜ LALA! – lautstarker Einmarsch dreier Polizeiwagen, es endet je nach Gemütszustand der Schupos mit Allgemeinversöhnungen oder Festnahmen, um 23.30 ist der Spuk normalerweise vorbei. Nebenan, im Pilsstübchen, immer noch ein einzelner Trinker.

Ab Mitternacht sind in der Curry-Station erste Ausfälle zu verzeichnen, ein Mann wird aus der Eingangstür gestoßen, er schafft es bis zur Straßenlaterne, diese hält er fest und beginnt unverzüglich zu erbrechen. Der aufmerksame Wirt der Curry-Station eilt meist mit einem vollen Wassereimer hinterher, um die Spuren en passant zu verwischen, da kann man sehen, wie viel ihm die Kneipenlizenz wert ist.

Dann gibt es noch den tragischen Haltestellenheld, das ist auch so eine Sache. Umittelbar vor der Curry-Station befindet sich eine Bushaltestelle, es ist dies die Starthaltestelle der Buslinie 174. Eine unbeliebte Haltestelle bei Busfahrern, lädt man sich ab 22 Uhr normalerweise gleich erst mal drei Besoffene in den frisch gewienerten Bus. Na, jedenfalls, unser Held, sieht durch das Schaufenster den Bus kommen, trinkt gierig sein Bier aus, zieht Hut und Jacke über, um den Bus dann um drei Sekunden zu verpassen. Schulterzuckend geht er wieder in die Curry-Station zurück und trinkt weiter. Das Spiel wiederholt sich alle zehn Minuten bis 01:12 Uhr, denn da fährt die Linie zum letzten Mal. Meist kriegt er diesen letzten Bus dann aber; ähnlich wie dem Diener bei Dinner for One, der irgendwann schon Meter VOR dem Tigerkopf in die Höhe hüpft, gelingt auch unserem Helden das, was man Antizipation nennt. Gelingt es ihm jedoch, wie an einigen wenigen Abenden, nicht, dann wackelt die Heide. Ein langgezogenes

„VAFLUCHT! ICK GLAU ICK WER ZUN SCHWEIN!“
und mehrere sehr sehr feste Tritte gegen den Busfahrplan sind die Folge. Im Anschluss Rückzug in die Curry-Station mit finalem Komasuff.

Da! Die Augen rechts! Der Gast aus dem Pilsstübchen wird jetzt auch aus dem Pilsstübchen geworfen wg. Trunkenheit. Er erbricht eine Runde, versucht in das Pilsstübchen zurückzukehren, wird erneut des Hauses verwiesen und wankt dann sehr sehr bedächtig die drei Meter weiter zur Curry-Station, öffnet die Tür – und wird hereingelassen.

Und vielleicht ist ja genau dies das einzige kleine und doch so große Geheimnis der Curry-Station – dass deren Wirt ein klein wenig mehr abkann als der des Pilsstübchen. Vielleicht.

 

21.11.2005 – 08:42 Uhr

Stehe wie Reinhold und Helge gekleidet (25 Schals, 3 Mützen, Teewurstjacke, 8 Paar Socken, Kasten Cola, Kasten Fanta (zum Mischen)) an der Bushaltestelle und kucke so rum.

Neben mir ein Mittdreißiger in Jeans, Sneakers und darüberhinaus mit Harry Potter-Baseballkappe. Er hat einen Alu-Tretroller dabei. Schaut ins Nichts, schüttelt den Kopf und macht mit rechtem Arm und rechter Hand in der Luft Bewegungen, die (es tut mir wirklich leid, aber es sieht genau so aus) an verzweifelte Versuche gemahnen, eine Frau manuell zu befriedigen.

Ein weiterer öffnet einen riesengroßen, braunen Umschlag und betrachtet dann großformatige Aufnahmen (MRT) seines Knies. Leise brabbelnd.

Auch an der Bushaltestelle, vorm Eingang zur Sparkasse, Filiale Kaisereiche, steht ein dicker Mann um die Fünfzig. Er grüßt ganz freundlich jeden, der in die Sparkassenfiliale reingeht. Als Antwort bekommt er ein Schweigen, ein doofes Gesicht, ja einmal sogar ein „Schnauze“.

Berlin oder Winter oder beides bekommt den Menschen schlecht.

Busfahrt.

Gemächliches Frühstück in der Espressostube. Ein LKW mit Anhänger versucht von der Leipziger aus nördlich in die Friedrichstraße einzubiegen. Übersieht dabei eine Laterne. Knacks. Rangiert zurück, Anhänger verkeilt sich. Nochmal Knacks. Armer Mann. Der LKW hat Magdeburger Kennzeichen. Sieht nach Überstunden aus. Zigarette aus. Mütze auf. Ins Büro. Frischluft.