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Freiheit vom Liberalismus!

Das Gerede von der Freiheit hat dasselbe Problem wie die französische Revolution und Scientology (und die meisten Religionen): Seine Anhänger sind entweder Betrüger oder naiv. Ich schreibe in der Hoffnung, dass letztere überwiegen – sonst hätte es gar keinen Sinn zu schreiben.

© .marqs/photocase.de
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Kollegin Nora Bossong schrieb also letztens in der Mitte ihres Berichts über eine Dreikönigsgesellschaft einige leidenschaftlich klingende Sätze über den Liberalismus. Unter anderem erwähnte sie die bekannte liberale Definition der zulässigen Freiheit: Man sei Liberale(r), „Wenn man daran glaubt, dass es besser ist, dem erwachsenen Menschen so viele Entscheidungen wie möglich selbst zu überlassen, solange sie nicht mit der Freiheit eines anderen in Konflikt geraten.“

Diese Formel ist, glaube ich, deswegen so beliebt, weil sie jedem, der sie liest, schmeichelt. Der Liberalismus traut jedem viel zu und erzeugt eine berauschende Gründungsatmosphäre. Yes, we can! Man bekommt Lust, sich verantwortungsvoll und erwachsen zu benehmen und fühlt sich dank diesem Zutrauen auch unendlich kompetent dazu.

Für Pessimisten und Menschenhasser ist der Liberalismus freilich so anziehend wie ein Smileyface. Die Pessimistin traut gerade dem entfesselten Selbstvertrauen, der in den Worten der Liberalen schmatzt, großes Unheil zu.

Auch in der Wirtschaft wird bei den Anfängen groß und zuversichtlich und voller Selbstvertrauen geredet. Zweifel sollen schweigen, Bedenken gusch. Die Praxis, die Probleme, alle Schattenseiten, alle kleinen und großen Verbrechen, die gerade beim Versuch, scheiternde Unternehmen zu retten, oft begangen werden, sollen möglichst nicht in den Fokus kommen. Im Gerede des Liberalismus funktioniert alles besser als sonst, und freiwillig. Sie schlagen einfach die perfekte Welt vor, und deuten nur vage an, dass die, die das skeptischer sehen, einfach nicht so toll sind wie sie (und daher vielleicht auch besser entfernt oder nicht reingelassen werden sollten – aber es ist besser man spricht nicht über sie. Es geht um Wirtschaftswunder, nicht KZs). Insofern setze ich mich vielleicht in die Nesseln, wenn ich äußere:

In Wirklichkeit sind wir von der potentiell unendlichen Menge von Entscheidungen, die uns überlassen werden, ohnehin schon komplett überfordert. Was ist, wenn ich mit all diesen Entscheidungen so beschäftigt bin, dass mir gar nichts auffällt, was mir nicht als Entscheidung aufgetischt wird? Ich halte mich in guter amerikanischer Tradition nicht für bescheuerter als meinen Nachbarn, und doch treffe ich täglich in meinem schriftstellerisch freien Alltag sehr viel mehr falsche Alltagsentscheidungen als er, der täglich ins Büro muss – in den harmlosen, aber auf Dauer für mich nicht konsequenzenlosen Bereichen meiner Freiheit, die da heißen Zeitpunkt von Schlafengehen und Aufstehen, Ernährung, Kleidung, Zeiteinteilung, Lektürewahl, Satzbau, und was ich im Netz poste. Ich pointiere noch mal: uneingeschränkte Entscheidungsfreiheit für mich = uneingeschränkte Chancen zu falschen Entscheidungen. Das ist der Haken, der im gründungsamerikanischen Weltbild nicht vorkommt: Tocquevilles Mensch, wie der der meisten amerikanischen Philosophen insbesondere des Positivismus, scheint unfähig zum kontraproduktiven, irrigen oder ambivalenten Verhalten. Er trifft magischerweise die für ihn und die anderen maximalst richtige Entscheidung – auch wenn zugestanden wird, dass er sich theoretisch irren kann, findet diese Tatsache keinen Eingang ins Gedankengebäude. Das kennzeichnet eben die Anfänge systematischen Denkens: Die Möglichkeiten von Irrtum, Unentschiedenheit etc. verlangen fast schon einen Computer. Deswegen hat man sie immer weggelassen und ist vom Idealmenschen ausgegangen, hoffend, die reale Unschärfe hält sich einfach in Grenzen. Das war sehr, sehr optimistisch und verlangt bis heute von Amerikanern das Leben und Denken in einer künstlichen Version der Wirklichkeit.

Ich glaube also, bei den Entscheidungen ist Qualität wichtiger als Quantität. Um gute Entscheidungen zu treffen, vor allem über wichtige Dinge, muss man sehr viel Energie aufwenden. Es ist wirklich ein Vollzeitjob. Liberale spekulieren entweder damit, dass die meisten Bürger keine Zeit haben, alles zu entscheiden, sich aus den meisten Angelegenheiten heraushalten und bei den großen Geschäften nicht stören. In der Praxis, so ihre Hoffnung, werden sie selbst und ein paar betuchte Rentner-Aktionäre, die sich die Pacht der Weisheit leisten können, die Welt nach ihren Interessen gestalten, weil die, die anderer Meinung sind, malochen und die Naiven die ganze Zeit Start-ups gründen. Das Phänomen der ignoranten, leicht nasführbaren Wähler ist ja schon bekannt.

Oder aber die Formulierung mit der maximalen Anzahl von Entscheidungen für jeden ist etwas unüberlegt.

Der andere Punkt ist, ob beim Entscheiden die richtigen Entscheidungen im Sinn einer nachhaltigen Gemeinschaft getroffen werden.

Falsche Entscheidungen, die mich selbst betreffen, interessieren den Staat ja jetzt schon nicht. Die meisten Dinge, die von Regierungen geregelt werden, betreffen Dinge, bei denen man nicht realistisch erwarten kann, dass jeder sie richtig einschätzt. Die Politik ist dazu da, unbeliebte Maßnahmen, deren Durchsetzung langfristig für ein angenehmes Zusammenleben wichtig sind, zu erzwingen. Hundetrümmerl aufsammeln, Aufnahme von Flüchtlingen, Unterstützung von Arbeitslosen, Einbau von Abgasfiltern JETZT, und so weiter. (In manchen Dingen, wie dem von Bossong beanstandeten Colaverbot in Bibliotheken, agieren Regelwerke sogar ein bisschen freundlich-erzieherisch – beweg dich ein bisschen, mach, wenn du Erfrischung brauchst, kurze Pause draußen; im Übrigen ist Leitungswasser zum Glück dem Menschen zumutbar.) Gesetze sind notwendig, um diese Notwendigkeiten unabhängig zu machen von den Entscheidungen all der kleinen Entscheider da draußen. Ich will vielleicht keine Autobahnausbesserungen finanzieren, der hingabevolle Autofahrer sicher keine Literaturveranstaltungen. Das ist ja genau die Idee von Regierung, dass es gewissermaßen Profis gibt, die mit Palästen und großen Gehältern in eine möglichst interessenlose Situation gebracht werden, sodass sie sich ganz der schwierigen Aufgabe widmen können, diese Art von Entscheidungen zu treffen. Die Bildung von Parteien ist ein wohl notwendiges Übel, die Stellung der Wirtschaft dabei heikel. Sie bindet ja viele fähige, kluge Köpfe und ist sicherlich essentiell für das Blühen von Talenten – die starke Seite vom Liberalismus. Zugleich ist völlig klar, dass man nicht damit zu rechnen braucht, dass Entscheidungen, die die Protagonisten der Wirtschaft treffen, gerecht, unparteiisch und selbstlos, also objektiv sind. Ganz besonders nicht jetzt, wo der Informationsfluss, der bloß künstlich gebremst und getaktet wird (die Metapher vom leak sagt eigentlich schon alles über ihre bedrohliche Physik), einen potentiell unendlichen Druck auf Betriebe ausübt, der sie zu immer kurzfristigerem, also desperaterem Denken treibt. Wer zum Teufel soll in die Art von Sachen investieren, die lange halten und für alle da sein sollen, wie Infrastrukturen, Bildung, Natur? Wollen schon, aber was sind die Prioritäten? Die Zuweisung von Verantwortlichkeit für Schaden an Mitmenschen, die Bossong vorschlägt, klingt nur auf der Oberfläche nach einer Lösung – zu groß sind die bereits vorhandenen Schäden, die Widerstände, die Unmöglichkeiten – und das Geheul, das losginge. Solche Regeln fallen niemals, wie vorgeschlagen, einfach und nicht überbordend aus, aus dem Grund, dass alle sich mit den irrsten Mitteln zu entziehen versuchen, man betrachte nur die Steuervermeidungskultur.

Es bleibt der blanke Fakt, man kann nicht mit Profit wirtschaften und dabei alle Pflichten als nachhaltiger, anderen nicht schadender Bürger erfüllen. Der Profit ist genau der Anzeiger des Schadens, den man anderen zufügt. Nur, wenn jeder Betrieb die Gesamtheit seines Profits der Umwelt und dem Gemeinwohl spendete, könnte man von einem Ausgleich der Schuld sprechen. Wie aber Freunde des Kapitalismus gut wissen und eh andauernd sagen, ist übermäßiger Profit ein wichtiger Antrieb für Fleiß, Kreativität, Einsatz, Risikobereitschaft und so weiter. (Freilich, manche machens eher für den Ruhm, aber dieser Gedanke riecht verdächtig nach Normerhöhungswunschdenken. Sogar im Kommunismus musste man mit Prämien arbeiten.)

Man sehe sich aber das völlig dysfunktionale Eisenbahnnetzwerk Südenglands an, um zu sehen, wie gut privatisierte Infrastrukturen funktionieren. Eine Negativspirale von Nachfrage und Angebot. Es braucht in Wirklichkeit nicht nur die ehrgeizigen Talente und die verantwortungsfreudigen Gschaftlhuber, sondern auch die Art von Leuten, denen es Freude macht, jahrzehntelang für ein niedriges, aber sicheres Gehalt eine kaum benutzte Bahnstrecke zu fahren, damit die Welt nicht verengt. Dass das möglich ist, ist eine Freiheit, die erst durch ein staatliches Denken künstlich hergestellt werden muss. Keine Firma wird je solche Aufgaben übernehmen.

Den Liberalismus gibt es nicht. Der Liberalismus ist eine Chimäre, ein naiver und altmodischer Traum. Prinzipielle Phrasen des Liberalismus – reine Propaganda. Den Liberalismus gibt es nicht. Auf konkreter Ebene kann wer möchte ja diskutieren, welche Angelegenheiten geregelt gehören und welche nicht, wie man gesunde Zwänge baut, damit nicht alle Ananasbesitzer in Steueroasen abwandern, kann seine Meinung auf einer Skala zwischen Reformbürokratismus und Anarchismus fein justieren. Den Liberalismus gibt es nicht.

Offensichtlich gibt es ihn ja leider noch. Ich möchte anregen, ihn unverhohlen mit dem Gemüt zu rezipieren, wie auch Bossong sicher gemacht hat: Es sind hübsche, erbauliche, Kooperationen stiftende Worte. Vor der Politik, die in seinem Namen gemacht wird, kann man nicht entschieden genug warnen.

P.S.: Die Selbstentscheide-Ideologen erinnern an die Kommentierer hier auf dieser Seite. Genau die, die ihren Post für postenswert halten, sind die, deren Entscheidung zu posten überdurchschnittlich oft eine zweifelhafte ist (Sie werden das in Bezug auf die jeweils anderen abnicken). Die Leute mit dem angemesseneren Urteil, es sei nicht unbedingt notwendig, zu posten, bleiben unwahrgenommen. Ich bin überzeugt, dass auch sie denken und handeln. Ihnen einen lieben Gruß.

53 Kommentare


  1. Wie schließen sie bitte von

    „dem erwachsenen Menschen so viele Entscheidungen wie möglich selbst zu überlassen“

    auf

    „Liberale spekulieren entweder damit, dass die meisten Bürger keine Zeit haben, alles zu entscheiden, sich aus den meisten Angelegenheiten heraushalten und bei den großen Geschäften nicht stören.“

    Freiheit bedeutet für mich, sich selbst zu entfalten bis man an die Grenzen der Entfaltung anderer stößt.

    Für sie sind eigene Entscheidungen offenbar nicht so wichtig:

    „uneingeschränkte Entscheidungsfreiheit für mich = uneingeschränkte Chancen zu falschen Entscheidungen“

    Daher treffe ich spontan die „richtigen“ Entscheidungen für sie: Heute Abend gibt es Hund zu Tisch und ab Morgen arbeiten Sie als Bundeskanzler.

    Gott sei Dank ist heute Freitag!

  2.   daniel greystone

    Ist ist schon ironisch, wenn ein Autor Naivität kritisiert, mit Argumenten, die selbst an Naivität schwer zu überbieten sind.

    „Das ist ja genau die Idee von Regierung, dass es gewissermaßen Profis gibt, die mit Palästen und großen Gehältern in eine möglichst interessenlose Situation gebracht werden, sodass sie sich ganz der schwierigen Aufgabe widmen können, diese Art von Entscheidungen zu treffen.“

    Angele Merkel, Obama und Putin befinden sich in einer „Interessenlosen Situation?“ Und Sie sind der Meinung, diese Sichtweise ist nicht „naiv“?
    Sie glauben allen ernstes, dass ausgerechnet Regierungen, Parteien und Politiker „gerecht, unparteiisch und selbstlos, also objektiv sind.“

    Der Gegensatz zwischen Wirtschaft und Regierung, den sie da aufmachen, existiert so überhaupt nicht. Warum werden wohl die Banken gerettet oder maschiert die USA in rohstoffreiche Staaten ein und warum werden gigantische Großbauprojekte finanziert, obwohl sie nachweislich unnötig sind und eine reine Verschwendung von Steuergeldern?

    Richtig! weil es wirtschaftliche Interessen gibt, die auf Politik Einfluss nehmen. Schauen Sie einmal, wo Politiker arbeiten, nach dem sie aus ihren steuerfinanzierten „Palästen“ ausgezogen sind. Ganau in den Vorständen und Aufsichtsräten und als Berater bei den Unternehmen und Verbänden, für die sie vorher Politik gemacht haben.

    Ein richtig verstandener Liberalismus ist schlicht eine Abwehrhaltung gegen den Zugriff des Staates und der organisierten Interessen auf das Privatleben und die persönliche Freiheit. Wer mit diesem Zugriff kein Problem hat, soll sich gerne freiwillig von der NSA abhören und sich von den Banken schröpfen lassen, aber den übrigen Teil der Bevölkerung da raus halten.

    Ja, Entscheidungen zu treffen ist oft schwierig, auch ich fühle mich manchmal überfordert und treffe oft falsche Entscheidungen, aber ich lebe lieber auch mit meinen falschen Entscheidungen als mein Gehirn bei der Regierung abzugeben.

  3.   DerAndreas

    Zitat: „Der Profit ist genau der Anzeiger des Schadens, den man anderen zufügt.“
    Ich selbst bin Inhaber und Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens. Meine Angestellten (alle über dem Mindestlohn) und ich erwirtschaften seit vielen Jahren „Profite“. Ohne auch nur einen einzigen Euro an Steuern in dubiose Steueroasen oder -sparmodelle zu verschieben, zahlen wir seit Jahren Lohnsteuer, Krankenversicherungs“beitrag“, Pflege“beitrag“, Renten“versicherungs“beitrag, Körperschaftssteuer, Gewerbesteuer, Mineralölsteuer, Stromsteuer, Ökosteuer usw. Und von den versteuerten Nettobeträgen zahlen wir auf alles, was wir kaufen nochmals „Mehrwertsteuer“. Als technisch-wissenschaftliche Dienstleister im Bereich Maschinen- und Fahrzeugbau haben wir dabei sicher noch niemandem einen „Schaden“ zugefügt. Wie kann man so einen wirtschaftstheoretischen Quatsch schreiben? Widerlich.

  4.   Martin Stolzer

    Autorin hat sich wohl nie die Mühe gemacht die großen Denker des Liberalismus zu lesen. Diese Vordenker zitiert die auch nicht wenn sie den Liberalismus schon angreift, kennt sie somit anscheinend gar nicht richtig. Der Text ist zusammenhangslos und sprunghaft und voller falscher Unterstellungen an liberale Menschen. Jeder Schulabschlußgänger kann präziser und tiefgründiger über den Liberalismus schreiben als diese Autorin hier mit ihrem den Menschen verdammenden Gefühlsinnenleben, auch wenn man den Liberalismus nicht mögen muss…

    Was will die Autorin eigentlich genau sagen und welche Argumente bringt sie gegen den Liberalismus? Etwa ihre Gefühle? Liberalismus ist vor allem ein -ismus:…ein Glaube an und für den Menschen, dass es am Besten für den Menschen ist frei zu sein von irgendwelchen Grundbedingungen oder angeblichen Notwendigkeiten: vom Staat, von Kirche oder anderen linken Dogmen, die in ihrem Artikel klar hervorspringen…somit IST Der Mensch frei in seinen Entscheidungen…sie „fühlt“ sich unfähig zu entscheiden und schließt von ihren Mangel auch noch auf andere Menschen..das finde ich link(s). .sie ist halt nicht frei und sie gehört einer Generation an, die es anscheinend auch nicht mehr werden will weil es ihr so gut geht in ihrer sozialen Hängestaatsmatte!

    Nee….der Artikel ist inhaltlich und stilistisch eine Zumutung für Leser der „Zeit“, die besseres von ihrer Zeitung gewöhnt sind!


  5. Irgendwie geht im Artikel alles etwas wild durcheinander – er liest sich ein bisschen, als wäre er zum Frustabbau beim Warten auf die englische Bahn geschrieben worden.

    Mit Loriot fragt man sich, ob hier liberal im liberalen Sinne nicht nur liberal heißen soll, wenn im Artikel es über Grundeinstellungen, Entscheidungen, Frust über Fehlentscheidungen und Überforderung schließlich zur Erkenntnis der Autorin kommt, dass sie über etwas schreibt, was es gar nicht gibt. So erklärt sich vielleicht auch, dass im ganzen Artikel nicht so richtig klar wird, worüber die Autorin eigentlich schreiben will.

    Nimmt man Freiheit mit dem alten Königsberger als das, glücklich zu sein und diese Glückseligkeit im Rahmen der allgemeinen Gesetze auf dem Wege zu suchen, den man selbst für richtig hält, statt von einem anderen gezwungen zu werden, nach seiner Art glücklich zu sein, ist das ja zunächst einmal nicht verwerflich. Es wird ja aber auch niemand gezwungen, dass er sich so verhalten muss.

    In letzteres Extrem scheint die Autorin zu verfallen, wenn sie sich mit einer Vielzahl von Entscheidungen anscheinend überfordert fühlt. Es muss niemand ein erfolgreicher Unternehmer werden, sondern wenn man sich dazu nicht geeignet fühlt, nimmt man z.B. einen Job von 9-17 Uhr an. Dafür nutzt man dann evtl. das Mehr an Freizeit für andere Zwecke.

    Es geht dabei ja auch nicht darum, dass mit der Möglichkeit, sich zu entscheiden, automatisch auch immer die beste Wahl getroffen wird. Vielmehr ist sich selbst zu entscheiden kein Zwang, sich alleine zu entscheiden. Auch hier gibt es kein Verbot, jemanden zu fragen, der sich damit auskennt.

  6.   Tetsu

    Sorry, dass ich es wage meine „überdurchschnittlich oft zweifelhafte Ansicht“ vorzubringen, obwohl Kritik offensichtlich Unerwünscht ist.

    Tatsächlich gebe ich zu dass ich nicht genau weiß was ich bei einer derart Staatsfetischistischen Anbiederung an die organisierte Verantwortungsabwehr anfangen soll.

    Vielleicht damit, dass die Autorin die Prinzipien des Ordoliberalismus nicht verstanden zu haben scheint (nein die FDP hat damit spätestens nach ihrer Neuausrichtung ’82 höchstens am Rande zu tun) – wenn man diese Ansammlungen aus Induktionsschlüssen liest, drängt sich die Frage auf, ob überhaupt die Unterschiede zwischen Anarchie und Anomie bekannt sind.

    Oder doch vielleicht damit, das Risiken hier als etwas Grundsätzlich negatives: Risiken sind Entwicklungschancen, die Möglichkeiten etwas zu verbessern oder anders gesagt gute Von schlechten Entscheidungen zu unterscheiden – der Liberalismus ignoriert sie nicht, wie hier behauptet, er bejaht sie.

    “A failure is not always a mistake, it may simply be the best one can do under the circumstances. The real mistake is to stop trying. ”
    ― B.F. Skinner

    Liberalismus (Popperianischer Natur) hat nichts mit Positivismus zu tun – er ist nicht die Verneinung von Risiken sondern die Bejahung der Methode von try and Error.

    „Wir müssen für die Freiheit planen und nicht für die Sicherheit, wenn auch vielleicht aus keinem anderen Grund als dem, daß nur die Freiheit die Sicherheit sichern kann.“ (K. Popper)

    Nicht liberale sind oft naiv um nicht zu sagen bisweilen essentialistisch – sie sind es die glauben Verantwortung und Risiken würden verschwinden, indem man sie auf andere überträgt, dass aus Titeln und hohen Gehältern soetwas wie Kompetenz ableitbar sei und fordern darum:

    „Das erste Prinzip von allen ist dieses: Niemand, weder Mann noch Weib, soll jemals ohne Führer sein. Auch soll die Seele von keinem sich daran gewöhnen, etwas im Ernst oder auch nur im Scherz auf eigene Hand allein zu tun. Vielmehr soll jeder, im Kriege und auch mitten im Frieden, auf seinen Führer blicken und ihm gläubig folgen. Und auch in den geringsten Dingen soll er unter der Leitung des Führers stehen. Zum Beispiel soll er aufstehen, sich bewegen, sich waschen, seine Mahlzeiten einnehmen … nur, wenn es ihm befohlen wird. Kurz, er wird seine Seele durch lange Gewöhnung so in Zucht nehmen, dass sie nicht einmal auf den Gedanken kommt, unabhängig zu handeln, und dass sie dazu völlig unfähig wird.“ (Platon von Athen)

    Risiken sollen dadurch vermieden werden, indem die Verantwortung auf „Experten“ übertragen werden, die einem alle Entscheidungen abnehmen (und die man dann Aufhängen kann, wenn sie einen einmal in die S*** geritten haben – wieder raus ziehen werden sie einen deshalb nicht).

    Der Liberalismus ignoriert Risiken nicht, er vermeidet sie nur nicht; sonder versucht lediglich die negativen Auswirkungen von Negativeentscheidungen minimieren (Inkrementalismus bzw. Stückwerksozialtechnik), was nicht funktionieren kann, wenn die Verantwortung auf Parteien und Ideologen übertragen wird, denen es nur darum geht die Anfallenden Kosten für ihren Protektionismus auf ihren Nachfolger zu übertragen.

    Im Liberalismus geht es um Empowerment – sie sagen selbst: der Nachbar sei nicht Klüger als man selbst, sehen aber die Regierung scheinbar nicht als Nachbarn – Risiken minimiert man nicht durch die Abgabe von Verantwortung, vielmehr ist das die tatsächliche Form sie zu leugnen. Sicherheit ist nur durch Freiheit Verwirklichbar, weil man nur in Freiheit die Chance hat aus seinen Fehlern zu lernen – wenn einem die Entscheidungen abgenommen werden ist man dazu verdammt nicht nur dann Fehler zu machen, wenn man es nicht besser weiß, sondern sie auch dann zu wiederholen, wenn man es besser weiß.

  7.   Eleanor

    Als Erstes müsste einem Autor auffallen, dass hier eine Begriffsklärung vonnöten wäre. Ein Blick ins Wikipedia zeigt uns schon: Es gibt zahlreiche „Liberalismen“ und obendrein das Libertäre.

    Man kann es doch recht einfach auf den Punkt bringen: Wieviel Freiheit hat ein Migrant, der in Neukölln aufwächst und wegen seines Namens keine Wohnung und keine Lehrstelle bekommt?

    Wir haben nur die Freiheit, uns faire Regeln des Zusammenlebens zu geben, erst sie ermöglichen Freiheit. Alles andere ist Darwinismus.

    Beide Damen werden dem Thema leider in keinster Weise gerecht. Aber wer es schon als kolossales Problem sieht, dass er keine Cola mit in eine Bibliothek nehmen darf, sollte mal den Begriff des Infantilismus reflektieren.

  8.   Christian Vymetal

    Neben kleinen inhaltlichen Fehlern (Alexis de Tocqueville war Franzose, und beschrieb in Band 2 von „Über die Demokratie in Amerika“ ein keineswegs positivistisches Gesellschaftsbild), fokussiert sich das Essay auf die prozessseitigen Probleme der Freiheitslehre (Liberalismus). Das ist unterm Strich eine Strichaufzählung der Nachteile, aber weder konstruktiv noch geschickt argumentiert.

    Freiheit ist mehr, als ein fauler Kompromiss zwischen den Individualinteressen. Freiheit ist die Möglichkeit, dass Unrecht beseitigt wird, wenn es offenbart wird. Freiheit ist das Recht, die eigene, wenn auch unpopuläre, Meinung unbeschadet äußern zu dürfen. Freiheit ist die Hoffnung es besser machen zu können und auch zu dürfen. Ohne Freiheit kein Fortschritt, weder ökonomisch, technisch noch gesellschaftlich.

    Es gibt nur ein Lob zu Ihrem Essay: Ihr Paradoxon in der Überschrift führen Sie konsequent weiter. Sie nutzen Ihre Meinungsfreiheit um die Freiheit an sich in Frage zu stellen. Aus Langeweile? Aus Überzeugung? Aus Frustration? Aus Leid?

  9.   me

    Ich glaube, dass der von Politik und Wirtschaftsinteressen gepraegte Begriff des Liberalismus nicht unbedingt dem entspricht, was sinnvoll fuer die Gesellschaft ist. Da stimme ich Ihnen vollkommen zu.

    Ich halte allerdings Ihre Argumentation zu ‚Selbstentscheidern‘ fuer invalid.

    Ja, es stimmt. Ich habe mit liberaleren Arbeitsbedingungen mehr Entscheidungen zu treffen als ein ’normaler‘ Arbeiter. Aber das schraenkt mich nicht ein oder blockiert mich gar, im Gegenteil macht es mich effizienter. Bsp:

    Es gibt nach gaengiger Forschung Laerchen und Nachteulen unter den Menschen.
    Die jeweilige Eigenschaft ist (teilweise) umerziehbar, aber nicht ohne Verluste an Effizienz, in meiner Vorstellung in etwa wie die Umerziehung von Linkshaendern.

    Durch meine liberalen Arbeitsbedingungen kann ich mir nun einen fuer mich perfekten Arbeitsrhythmus erarbeiten.
    Ich bin eine Nachteule, dh meine effektivste Zeit ist zwischen 23 und 3 Uhr. Dazu kommt, dass zu dieser Zeit weniger Ablenkung herrscht. Da ich mind. 6, besser 7 Stunden Schlaf brauche, heisst das rein rechnerisch ich kann morgens fruehestens um 9, eher um 10 Uhr anfangen. Das sind Eigenschaften, die man rauskriegt indem man sich selbst beobachtet, ehrlich zu sich ist, und die Freiheit hat dies auszuprobieren.
    Ist die Entscheidung dann mal getroffen, kann ich mir das Verhalten ueber gaengige Ritualtechniken binnen max. 2 Monaten antrainiern. Danach ist keinerlei Entscheidung mehr notwendig, und ich bin vermutlich effizienter als eine Laerche die zur Nachtschicht oder eine Nachteule die zur Fruehschicht gezwungen wird.

    Um mal von der anderen Seite zu kommen: Was bedeutet es fuer mich persoenlich, wenn das Subsidiaritaetsprinzip wegfaellt, und ich mein Leben komplett extrinsisch regeln lasse?
    Wenn ich mir Menschen anschaue, die Lebensumstaende haben, die sie nicht zufrieden stellen, oder gar ungluecklich machen, gibt es 2 Kategorien.
    Die einen aendern *irgendwas* und loesen ihr Problem damit. Ob das nun rein virtuell durch Auto-Suggestion
    oder durch tatsaechliche Veraenderung der Umstaende passiert ist dabei relativ nebensaechlich, diesen Menschen geht es danach besser.
    Die andere Kategorie sind Menschen die das Gefuehl haben (uU ists auch wirklich so) nichts aendern zu koennen. Ihnen bleibt nur zu kapitulieren, was sie langfristig entweder bricht oder aggresiv gegenueber der ganzen Umwelt werden laesst.

    Das heisst, eine uniforme Welt mit unendlichen Regelsaetzen (drunter kommt man nicht raus, ist doch jedes Regelwerk unvollstaendig) die jedwedes Verhalten vorgeben, wuerde das Menschliche an den Menschen zerstoeren und die Menschheit unglaublich ineffizient machen. Vllt sogar existenziell ineffizient.

    Ob meine Entscheidung fuer diesen Post eine falsche war, vrmtl. Wahrscheinlich war ich an einer Stelle nicht eindeutig genug oder vielleicht sogar falsch. Aber am Ende ist es doch nur der Diskurs, welcher uns persoenlich weiterbringt. Das immer wiederkehrende auf die Probe und zur Diskussion stellen der eigenen Ansichten und Weltanschauung, ist doch das einzige was letztlich zu *der* ausgewogenen und richtigen Grundhaltung fuehrt, mit der man seine Entscheidungen richtig treffen kann.
    Je mehr Entscheidungen ein Mensch treffen muss, desto weniger trifft er faktenbasiert.
    Daraus ergibt sich in meinen Augen das Weltbild als Schluessel zum erfolgreichen Leben eines Selbstentscheiders: Man kann damit (1) nicht-faktenbasierte Entscheidungen richtiger treffen und (2) Entscheidungen richtig priorisieren, um ‚dontCare’s und faktenbasierte Entscheidung richtig einzusetzen. Und je mehr Diskurs zum Weltbild, desto besser funktioniert es fuer diesen Job. Voraussetzung: Man kommt vorwaerts. Deshalb sollte man sich dafuer diejenigen mit denen man diskutiert danach aussuchen wie sie mit falsifizierten Thesen (zB ‚Vorratsdatenspeicherung kann man in einer Demokratie machen‘) umgehen. Ansonsten ists kein Diskurs, sondern schlicht Nachhilfe mit mehr oder weniger Erfolg. Aber ja, vrmtl war die Entscheidung fuer diesen Post die falsche, weil ich grade meine Mittagspause in einen Beitrag gesteckt habe, den niemand interessiert – anstatt einfach in die Sonne zu sitzen.


  10. Das der Liberalismus in gewissen Kreisen zur Phrase verkommen ist.

    Aber ganz ehrlich… da ich täglich dem Würgegriff von Staats- und Paragraphenverliebten, bis in die Knochen verunsicherten, ironiefreien Eltern ausgesetzt bin, weiss ich dass nicht mal das Lernen ohne Freiheit und Individualismus funktionieren kann.

    Und ich vermute dass Sie nie in der Situation waren als Mittelständler gegen alle sinnvollen und sinnfreien Vorschriften eine schmale Marge zu erwirtschaften.

 

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