Heinz Helle

Es geht ihnen nicht um Deutschland

Alexander Gauland, Björn Höcke, Alice Weidel und all die Neuen Rechten: Was wollen sie eigentlich verteidigen? Sie scheinen nichts an Deutschland zu schätzen, sie scheinen es noch nicht einmal zu kennen.

Kurz vor einer AfD-Demonstration am 1. September in Chemnitz (© Sean Gallup/Getty Images)

Ich frage es mich jedes Mal, wenn ich diese Bilder sehe von wütenden Leuten mit schwarz-rot-goldenen Fahnen oder mit schwarz-weiß-roten, wenn ich in Videos sehe, wie sie ihre Fäuste recken und ihre Ärsche zeigen, wenn ich sie schreien höre, wenn ich sie auf die Straße springen sehe, zu dritt, um einem Mann hinterherzujagen, der etwas dunklere Haut hat als sie.

Ich frage es mich, wenn ich lese und höre, was gewisse Politiker so sagen zu diesen Bildern oder einfach so, weil ja Wahlkampf ist oder Donnerstag oder Herbst. Weiter„Es geht ihnen nicht um Deutschland“

Emma Braslavsky

Der Mensch bastelt weiter

Androiden und künstliche Wesen begleiten uns durch alle Epochen. Aber warum erfindet sich der Mensch überhaupt noch einmal als künstliche Art selbst?

 

Copyright: YOSHIKAZU TSUNO/AFP/Getty Images

Kennt ihr den Algorithmus Pou? Er existiert in einer App, die ihr euch aufs Smartphone laden könnt. Eine Kreatur, die man füttern, waschen, ja rundum pflegen und mit der man spielen muss. Pou ist der Tamagotchi des frühen 21. Jahrhunderts und für Kinder konzipiert, die kein Haustier haben können, damit sie “Verantwortung übernehmen” lernen. Nur dafür, dass man für Pous Wartung eigene Lebenszeit opfern muss, hätte er gern weniger unansehnlich sein können. Denn er posiert auf dem Display als Kothaufen mit Augen. Ich will den Entwicklern jetzt keinen Hintersinn oder Zynismus unterstellen. Kinder lieben Pou. Und mit jedem Tag Pflege wächst dieser braune Berg ein Stück heran. Pou gibt den Tag über verschiedene Laute von sich. Manchmal schmatzt oder ruft das Smartphone so lange, bis die App aufgerufen und Pou versorgt ist. Weiter„Der Mensch bastelt weiter“

Stephan Lohse

Magda bummelt

Frau Thannert liegt im Bett und erinnert sich. An früher, ihre Jugend, an alte Gerüche und ihr vergangenes Glück. Draußen ist Sommer – oder hat es schon geschneit? Eine Erzählung.

Copyright: David von Diemar/unsplash.com

Magda streckt den Hals. Lichtstreifen, Schattenstreifen. Ein Gefängnis an der Decke und keine Aussicht. Vor dem Fenster Lamellen, steif wie Hemdkragen. Auf dem Tisch ein Weihnachtskaktus, die Triebe vertrocknet. Ist bereits Sommer? Wie ist das möglich? Sie müsste einen Wärter rufen und nach dem Schnee fragen.

Ein Duft in der Luft. Marillenknödel, das allerhöchste Glück. Marille, Erdäpfelteig, Brösel in Beurre Noisette. Die Dielen unter ihren Füßen dürfen nicht knarren, wenn sie den Knödel von Vaters Teller stiehlt. Sie sind frisch poliert. Selbst der Schmutz in den Fugen glänzt. Die Schwestern Dangl helfen im Geschäft aus, der Vater sucht in der Bibliothek seine Brille. Trude Dangl, zu Magdas Wartung bestellt, ist bärtig, Katharina Dangl, das Zweitmädchen zum Putzen, Waschen und Bügeln, eine kundige Lippenpfeiferin. Auf dem Teller Brösel und Beurre. Aber kein Knödel. In der Luft nur ein Duft. Jaschko, der Schuft. Weiter„Magda bummelt“

Noémi Kiss

Die Toten sind lebendig

Auf georgischen Friedhöfen isst und trinkt man mit den Verstorbenen, damit es ihnen im Jenseits gut geht. Leider macht die Totenverehrung auch vor Stalin nicht halt.

© Vano Shlamov/AFP / Getty Images

Ich dachte immer, georgische Männer seien extrem stark, lebten sehr lange. Sie gewinnen bei den Olympischen Spielen im Judo Medaillen, genauso wie im Gewichtheben. Ihr Nationalsport spiegelt Ausdauer, Kraft und Macht. Sie sind klein, schwarzhaarig, haben dunkle Gesichter. Ihre Augen sind wunderschön. Und sie sind ungeheuer charmant. Ja, die georgischen Männer sind Helden. Die meisten von ihnen arbeiten in tausend Meter Höhe in den kaukasischen Bergen. Vor Jahrhunderten schon bauten sie Festungen aus Stein, um die Kloster mit den Ikonen aus der Zeit der Regenschaft von Königin Tamar (1184-1213) zu schützen. Weiter„Die Toten sind lebendig“

Manfred Rebhandl

Tschüss Flip, Ciao Flop

Nackte Männerfüße gehen gar nicht? Sagt wer? Seit Mai rekelten sich die Zehen unseres Autors in der Sonne. Aber mit dem Sommer schwinden auch die Latschen. Ein Abschied

© [M] Ian Waldie / Getty Images
Das war’s dann also mit uns dreien, nun ist es Zeit für den Abschied, hinweg mit euch zweien. Auf den Friedhof des Sommers mit euch, in den Plastikcontainer oder lieber doch in den Sondermüll? Wir haben schließlich viel erlebt miteinander, und an euren Sohlen klebt nicht nur Kaugummi. Weiter„Tschüss Flip, Ciao Flop“

Jackie Thomae

Erdbeerarsch mit Schlagsahne

Die Nackten fürchteten nichts: weder den Sonnenbrand am Hintern noch die verpasste Bikinifigur, weder die Kollegen noch die DDR. Mein erster Sommer neben dem FFK-Strand

FKK-baden in der DDR: Bikinifigur braucht nur, wer einen Bikini trägt.
Diorama eines FKK-Strandes im DDR-Museum in Berlin (Archivbild) © [M] imago/Steinach/DDR-Museum
Irgendwer musste uns direkt an die Abgrenzung gelegt haben. Ich glaube schon, dass uns dieser Platz gezielt zugeteilt wurde. Wir waren in der DDR, wo Zuteilung bekanntlich großgeschrieben wurde. Wir, zwei Busladungen voller Kinder plus Betreuer eines Ferienlagers, waren in Bansin, einem der drei Kaiserbäder auf Usedom und lagen zwei Wochen lang fast täglich am selben Strandabschnitt. Hinter uns weiße Villen, vor uns die Ostsee und direkt neben uns die größte Ansammlung Nackter, die ich in meinem bisherigen Leben gesehen hatte. Weiter„Erdbeerarsch mit Schlagsahne“

Stefanie de Velasco

Pharaos Traum

Der Flokati aus Laubbäumen ist verschwunden. Die biblische Dürre-Prophezeiung scheint wahr geworden. Werden wir bald auf rituellen Regenwegen wandern müssen?

© Sean Gallup/Getty Images

Seit Wochen hat es nicht richtig geregnet. Die einen finden das toll, andere leiden. „Dicke Füße und schlechte Laune!“, schrieb meine Schwester mir neulich, der es eigentlich nie heiß genug sein kann. Die Hitze macht eben doch nur so lange Spaß solange sie sich zwischendurch mit genug Regen abwechselt. Doch statt Regen macht das Wort „Dürre“ die Runde. „Dürre“ klingt unheimlich, nach der warnenden Vorbotin eines Unglücks, zwei schnelle Silben mit viel Geröchel in der Mitte, auf die dann das unvermeidlich Einsilbige folgt, wenn man nicht aufpasst: „Tod“. Weiter„Pharaos Traum“

Manfred Rebhandl

Come together! Das ultimative EU-Sommercamp

Wir lassen uns doch von Kurz, Orbán oder Salvini den Spaß nicht verderben: Alle in den Reise-Bus, Blaskapelle und Schnaps dazu. Die absolut beste Idee zur Rettung Europas

Come together! Das ultimative EU-Sommercamp

© Estonian Saunas / unsplash.com (https://unsplash.com/@estoniansaunas)

Neulich fuhr ich mit dem Bus durch die Berge Kretas (der Wiege Europas!), wo mir ganz warm ums Herz wurde, und schon kam mir die Idee, wie wir die EU doch noch retten könnten: Wir müssen uns nur endlich um die Menschen kümmern! (Was? Die Idee hatte schon jemand vor mir? Sorry, ist mir bisher echt nicht aufgefallen.) Weiter„Come together! Das ultimative EU-Sommercamp“

Dagmar Leupold

Die Summe aus Region und Person

Zu Hause wurde der ostpreußische Dialekt der Mutter geübt. Auf dem Spielplatz in Rheinhessen aber hörten wir andere Mundarten. Das Eigene und das Fremde mischten sich miteinander.

Dialekt: Die Summe aus Region und Person
© Kelly Sikkema/unsplash

Dies ist nicht die Entwicklung eines geschlossenen poetologischen Systems, sondern vielmehr ein Lokaltermin: Wo entspringt „das Schreiben“, „die Stimme“, „der Stoff“. Schreiben kommt niemals ohne das Wissen, die Erfahrung, die Gesellschaft der anderen, des anderen aus. Nur Einzeller vermehren sich über Parthenogenese; beim Erzeugen eines literarischen Texts hingegen ist das Hinzukommen von Fremdem unerlässlich. Erst die Vermischung von Eigenem und Fremdem, eigentlich eine Verunstaltung, bringt die Gestalt hervor. Weiter„Die Summe aus Region und Person“

Adriana Altaras

Ich wühle um mein Leben

Telefon? Lippenstift? Hilfe! Das halbe Leben verbringe ich kopfüber in meiner Handtasche. Fragen Sie nicht, was passiert, wenn im Urlaub noch die Koffer dazukommen.

Agustina San Martin/EyeEm

Die Hälfte meines Lebens verbringe ich kopfüber in meiner Handtasche. Mal ist der Hausschlüssel verschwunden, dann suche ich in den Tiefen meiner Tasche meinen Lieblingslippenstift. Der Boden meiner Handtasche scheint in solchen Momenten an Tiefe zu gewinnen, er wird gleichsam uferlos, ein sich ausdehnender Kosmos, und ich wühle und wühle um mein Leben, aber die geliebten Gegenstände bleiben verschollen. Weiter„Ich wühle um mein Leben“