Friedrich Ani

Der bayerische Mensch an und für sich

Der Bayer dümpelt satt und selbstgefällig in seiner Lederhose vor sich hin und lässt den Herrgott einen guten Mann sein. Das Weltgeschehen ist ihm wumpe. Eh klar, gell?

Bayern - Der bayerische Mensch an und für sich
© Philipp Guelland / Getty Images

Bayern ist lustig. Von außen gesehen, in den Augen vieler Nichtbayern. Der Bayer – und daran hat sich seit Menschengedenken in der Vorstellung einschlägiger Bayernbeobachter nichts geändert – haut sich morgens auf die Schenkel, um wach zu werden; zum Frühstück genehmigt er sich ein Weizenbier; den Rest des Tages verbringt er entweder in einer Lederhose in einem Kuhstall oder in einem Anzug bei BMW oder, als Bayerin, mit Shoppen auf der Maximilianstraße. Diese Straße ist benannt nach … Egal. Weiter„Der bayerische Mensch an und für sich“

Katerina Poladjan

Das Schweigen ist ein lauter Ruf

An der Bosporuspromenade sitzen Familien. Man angelt und grillt. Über Politik wird nicht gesprochen. Ich bin fremd in Istanbul und finde hier doch, was in Europa fehlt.

Istanbul: Das Schweigen ist ein lauter Ruf
© Ozan Kose/AFP / Getty Images

Ich bin in Istanbul, nun schon den achten Monat. Ich kenne verschiedene Jahreszeiten, kenne die Mimosen, Hortensien, den blühenden Judasbaum, reife Feigen auf dem Glasdach der Bushaltestelle, unreife Haselnüsse von der Schwarzmeerküste. Ich kenne sogar das Unkraut und ich weiß, wie der Staub riecht. Ich kenne den Winterwind und die feuchtheißen Stürme des Sommers. Vor kaltem Regen fliehe ich manchmal in ein Teehaus und die Männer fragen sich, was sie mit dieser Ausländerin anstellen sollten – ihr einen heißen Tee bringen, eine weiche Katze, einen Stuhl? Weiter„Das Schweigen ist ein lauter Ruf“

Michael Ebmeyer

Katalanische Hirngespinste

Mit dem Regierungswechsel in Madrid bestünde die Chance auf konstruktive Entspannung im spanisch-katalanischen Konflikt. Aber leider drehen wesentliche Teile der Unabhängigkeitsbewegung jetzt durch.

© TOBIAS SCHWARZ/AFP/Getty Images

 

Oft habe ich in den letzten Jahren über die politische Lage in Katalonien und immer wieder auch über das geschrieben, was ich den katalanischen Masochismus nenne. Nun scheint es mir, und das macht mich traurig, an der Zeit, über einen neuen wahnhaften Zug in der katalanischen Politik zu schreiben.

Carles Puigdemont, der Ex-President, in dessen Amtszeit sowohl der internationale PR-Coup des Unabhängigkeitsreferendums vom 1. Oktober 2017 als auch die gründlich missglückte Ausrufung der „katalanischen Republik“ fielen, schlug in seinem belgischen und deutschen Exil anfangs eher versöhnliche Töne an. In letzter Zeit aber gebärdet er sich als machthungriger Fanatiker, der versucht, Katalonien aus der Ferne zu beherrschen. Weiter„Katalanische Hirngespinste“

Dagmar Leupold

Hetzparolenindustrie

Politik ist Wahlkampf ist Werbung. Sie funktioniert mit infamer Rhetorik, wie wir in Bayern sehen. Asyltourismus? Flüchtlingstsunami? Es fehlt der Widerstand gegen die Verrohung der Sprache.

Markus Söder im Wahlkampf für die CSU, Juli 2018 © Matthias Merz/dpa

Hier bin ich Mensch, hier kauf‘ ich ein: So wirbt ein großer Drogeriemarkt für sich. Und eine Supermarktkette verheißt auf einem Banner, welches sich über die gesamte Wand eines Gebäudes in München spannt, dass man sich in 800 Metern endlich wieder verlieben könne – dann nämlich, wenn besagte Filiale wieder eröffne. Das Menschliche am Mensch ist also der Konsum, in den Konsumkathedralen ist das Menschenkind wesenhaft bei sich. Kunde und Dienstleister paaren sich zu glücklichen Liebesbeziehungen; matchen, nennen Partnerbörsen das. Überhaupt hat der Mensch Konjunktur; auch die Politiker wenden sich kaum mehr an die Bürgerinnen und Bürger (oder Wählerinnen und Wähler), sondern an die Menschen. „Die Menschen in unserem Lande erwarten …“ – so beginnt jeder zweite Satz. Weiter„Hetzparolenindustrie“

Viktor Martinowitsch

Freiheit ist Papier

Das Internet ist kein Synonym mehr für Demokratie. Wer von Gleichheit, Protestkultur und mutigen Äußerungen träumt, muss sich vom digitalen Zeitalter verabschieden.

© Manolo Chrétien/Unsplash

Читайте этот текст на русском языке.

Erinnert sich noch jemand an die blauäugigen Tage, da eine vom eigenen Rechner verschickte E-Mail kein gerichtsfester Beweis dafür war, dass man selbst an diesem Mailwechsel beteiligt war? Weil „Dritte den Computer unter ihre Kontrolle gebracht“ haben könnten? Erinnert sich noch jemand an den wunderbaren Begriff des Avatars? Der den Autor vom elektronischen Erzähler unterschied? Erinnert sich noch jemand, wie wir im LiveJournal-Zeitalter, noch bevor die Ära der totalen digitalen Sklaverei anbrach, unseren Alter Egos im Netz fiktive Nicknames gaben? Damit sich niemand über die literarischen Versuche unserer Avatare mokiert? Das war doch erst gestern, ist vielleicht läppische zehn Jahre her! Weiter„Freiheit ist Papier“

Norbert Niemann

Nur die Quote zählt

Aufmerksamkeit bekommt derzeit nur populistisches Geschrei, nicht die kritische Reflexion. Gerade in Deutschland sollte man sich an die Gefahr von Propaganda erinnern.

Populismus – Nur die Quote zählt
© plainpicture/Millennium/Attura Nadia

In dem klugen, differenzierten Beitrag von Michael Ebmeyer vom 6. Juni gibt es einen einzigen Punkt, den ich mir noch präziser und differenzierter gewünscht hätte – und der steht gleich in der Überschrift. Die undogmatische, selbstkritische „linke Erzählung“, die der Autor vermisst und verzweifelt sucht, gibt es nämlich längst. Ein Nachdenken kritischer Intelligenz darüber, „wie wir uns von der neoliberalen Irrlehre lösen und erkunden, wie eine neu und demokratisch fundierte internationale Solidarität aussehen kann“, findet an vielen Orten statt – unter anderem auch hier im Freitext. Weiter„Nur die Quote zählt“

Tanja Maljartschuk

#FreeSentsov

Der ukrainische Regisseur Oleh Senzow wurde zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Seit Wochen ist er im Hungerstreik. Der Geschmack der Freiheit ist rar in Russland.

Der ukrainische Regisseur Oleh Senzow © Sergey Pivovarov / Reuters

Essen. Als Kind aß ich viel zu viel, weil ich entdeckt hatte, dass es unglaublich angenehm ist, voll zu sein, man fühlt sich sicher, geschützt, sorglos. Essen hat weniger mit Ernährung und Überleben zu tun, sondern viel mehr mit Beruhigung, es tröstet und entspannt. Sehr oft nach dem üppigen Feiertagsessen hatte ich schreckliche Bauchschmerzen und musste in der Nacht erbrechen, dennoch habe ich es nie bereut, und wenn sich wieder eine Möglichkeit ergab, das schmackhafte Salzige mit dem noch schmackhafteren Süßen, Scharfen, Sauren oder gar Geschmacklosen zusammen in den Hals zu stopfen, tat ich es ohne zu zögern. Weiter„#FreeSentsov“

Katja Oskamp

Herr Hübner ist da

Unsere Autorin ist Schriftstellerin und nebenher Fußpflegerin in Marzahn. Vielen ist ein Besuch bei ihr peinlich, manche entschuldigen sich im Voraus. Und dann gibt’s noch die spezielle Laufkundschaft.

© Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Dieser Text ist Teil unserer Miniserie „Fußpflege in Marzahn“. Alle Folgen finden Sie hier.

Seit drei Jahren arbeite ich in Berlin-Marzahn als Fußpflegerin. Die meisten meiner etwa sechzig Kunden sind Stammkunden. Sie statten mir alle vier bis sieben Wochen einen Besuch ab. Im Lauf der Zeit habe ich diese Kunden kennengelernt, ihre Eigenheiten und Marotten, ihre Lebensgeschichten, ihre Schicksale. Ich mag sie, weiß sie zu nehmen und freue mich immer, sie nach einigen Wochen wohlbehalten wiederzusehen. Die Füße der Stammkunden sind dank regelmäßiger Pflege in gutem Zustand. Weiter„Herr Hübner ist da“

Dagmar Leupold

Mut zur Lücke

Meinungsbildung war gestern. Heute liken wir oder werden zu Followern. Ein Vorschlag zur Wiederauferstehung der Vernunft: innehalten, nachdenken, mündig werden.

Mut zur Lücke - Vernunft und die mündige Gesellschaft
© Caesar Aldhela / unsplash.com (https://unsplash.com/@caldhela)

Als Nescafé erfunden wurde, warb man für den neuen Kaffeegenuss mit dem Prädikat: sofort löslich. Polaroids ließen sich in kürzester Zeit mit einer Sofortbildkamera erstellen, und die Sofortreinigung suggerierte, dass der Übergang von schmutzig zu sauber ohne Zeitverlust über die Bühne gehen könne. Das sind alles Beispiele aus analogen Zeiten – und entsprechend rührend. Aber eines verbindet sie mit den medialen Instant-Formaten – Twitter, Instagram etc. – des digitalen Zeitalters: die Wertschätzung des nahezu Simultanen, des kurzen Prozesses. Weiter„Mut zur Lücke“

Adriana Altaras

Eine Wohltat ist eine Wohltat ist eine Wohltat

Eine gute Tat tun? Der Sohn verdreht die Augen. Soll ich doch gleich sagen, dass er den Müll runterbringen soll. Und überhaupt: Was hilft es denn, selbstlos zu sein?

© Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Gutes zu tun, ist notwendig. Darüber sind wir uns alle einig, oder? Die Religionen predigen Wohltaten. Im Judentum gilt die „Mitzwa“, die gute Tat, neben der Verehrung Gottes als eines der wichtigsten Gebote. Keine Sorge, ich habe gerade keinen religiösen Schub, aber angesichts der immer stärkeren Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich mache ich mir so meine Gedanken. Weiter„Eine Wohltat ist eine Wohltat ist eine Wohltat“