Olga Grjasnowa

Mit Brüsten heißt nicht ohne Hirn

Offenbar herrscht noch der Glaube, Literatur von Frauen sei schlechter als von Männern. Und seit wann spielt das Herkunftsland eine Rolle? Eine Replik auf Feridun Zaimoglu

Von Olga Grjasnowa, Nino Haratischwili und Lena Gorelik

Ich sitze nicht in der Bahn. Weil sie streikt. Ich muss zum Flughafen, aber zum Glück dauert der Flug nicht allzu lang. Das bedeutet, dass ich euch meine bestimmt sehr „welthaltigen“ Reisestrapazen der aktuellen Lesetour, meine Wehleidigkeit und mein grippales Leiden ersparen kann. Ebenfalls berücksichtige ich die misogynen Neigungen des Kollegen Feridun Zaimoglu, der es leid sei, „Placebo-Romane“ lesen zu müssen. Warum sollte man sich gezwungen sehen, sie zu lesen, frage ich mich. Weiter„Mit Brüsten heißt nicht ohne Hirn“

Florian Werner

Meine Ohrwürmer (2): Das Wandern ist des Müllers Lust

Unser Autor Florian Werner wird andauernd von Ohrwürmern heimgesucht. Sein neuer will ihn ideologisch beeinflussen: Migranten verließen ihre Heimat aus Lust, nicht aus Not. Wer’s glaubt.

Beschreibung: Nicht etwa das bekannte Volkslied gleichen Namens, sondern die Vertonung in B-Dur aus dem Zyklus Die schöne Müllerin von Franz Schubert; der Text stammt passenderweise von Wilhelm Müller. Allerdings kennt mein Ohrwurm nur die erste Strophe, die nicht minder schönen Strophen über „das Wasser“, „die Räder“ und „die Steine“ lässt er einfach weg. Stimmlich ahmt mein Ohrwurm täuschend echt den jungen Dietrich Fischer-Dieskau nach; wie dieser hält er sich brav an die Tempobezeichnung: „mäßig geschwind“.

Vorkommen: Mäßig häufig. Auslöser sind in der Regel − wenig überraschend − Wanderungen.

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Roman Ehrlich

Der Verlust am Ende der Welt

Fundamentalismus begegnet uns heute überall. Nicht nur in religiösen Zusammenhängen. Während einer Veranstaltung der Zeugen Jehovas im Berliner Olympiastadion wurde unserem Autor einiges klar.

An einem Tag im Juli bekam ich an meiner Wohnungstür eine Einladung zum Jahreskongress der Zeugen Jehovas überreicht. Auf dem Faltblatt stand: „Offen für alle!“ Und: „Der Eintritt ist frei.“ Außerdem stand auf dem Faltblatt noch das Thema des Kongresses: „Der neue Herrscher der Erde – wer ist dafür geeignet?“
Ich hatte noch nie eine Veranstaltung der Zeugen Jehovas besucht, wusste und weiß auch heute noch wenig über sie. Der Vortrag über den neuen Herrscher der Erde sollte in dem vor achtzig Jahren von Adolf Hitler in Auftrag gegebenen Olympiastadion in Berlin gehalten werden. Ich dachte: unglaublich. Weiter„Der Verlust am Ende der Welt“

Ulrike Draesner

Fluss mit E: Ebola!

Die Angst vor der Epidemie ist überall. Auch in dem Flugzeug, mit dem unsere Autorin unterwegs ist. Sind mal wieder die Computerspiele schuld?

16. Oktober 2014: United Airlines, Flug 902. Mehr als 500 Passagiere richten sich in ihren Sitzen ein für elf Stunden Reise nach San Francisco. Wir sind noch nicht lange in der Luft, als nach einem Arzt an Bord gefragt wird. Die meisten Passagiere sind unter Kopfhörern verschwunden. Meine Nachbarn verstehen kein Englisch. Eineinhalb Stunden später fragt die ältere, mit starkem Schweizer Akzent sprechende Flugbegleitern ob wir die Kursänderung bemerkt hätten (wie macht man das über einer geschlossenen Wolkendecke?). Kurz darauf landen wir in Island auf einem Flughafen irgendwo bei Reykjavík. Militärisch-zivil. Wir die einzige größere Maschine weit und breit.

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Nora Bossong

Unter dem Gefrierpunkt

Eizellen einfrieren für die Karriere, wie Apple und Facebook es planen? Unsere moderne Arbeitsgesellschaft hat den Respekt vor dem biologischen Eigensinn des Individuums verloren.

Wenn Sie Ihr eigenes Leben verschieben könnten, damit es besser in die Unternehmensstruktur Ihrer Firma passt, würden Sie es tun? Wären Sie bereit, statt beispielsweise im Jahr 1974 im Jahr 1984 geboren zu sein, weil Ihre Qualifikationen, ihre Persönlichkeit, Ihre Begabungen zehn Jahre später besonders gefragt sind? Möglich, dass Sie auch noch einmal um zehn Jahre zurückgestellt werden und noch einmal, bis die Firma merkt, dass Sie eigentlich gar nicht mehr gebraucht werden und Ihre Geburt gänzlich ausbleibt. Wir wissen es ja: Etwas, das man endlos vor sich her schiebt, hat gewisse Chancen, nie gemacht zu werden. Weiter„Unter dem Gefrierpunkt“

Ingo Schulze

Wir leben von der Verdrängung

Über die historische Bedeutung des Mauerfalls herrscht Einigkeit – womöglich zu viel. Ob wir wollen oder nicht: Wir müssen weiterreden. Über falsche Selbstverständlichkeiten zum Beispiel, die sich nach 1989 eingeschlichen haben.

Wo ich denn am 9. November 1989 gewesen sei, ist die mir am häufigsten gestellte Frage. In aller Regel strahlen die Fragenden mich dabei fröhlich an, als erwiesen sie damit auch mir einen Gefallen. Denn bei diesem Datum lässt sich Persönliches wie Historisches auf glückliche Art und Weise verbinden und zur Sprache zu bringen. Wenn ich dann bekenne, an jenem Herbstabend früh ins Bett gegangen zu sein und deshalb nur sagen kann: „Als ich aufwachte, war die Mauer weg“, ist man doch etwas enttäuscht.

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Adriana Altaras

Eingeklemmt zwischen Kissen und Generationskonflikten

Familie und Beruf – das ist doch machbar, findet Ursula von der Leyen. Unsere Autorin kann dazu nur sagen: Schreiben mit Kindern ist zwar möglich, macht aber irre.

Ich habe einen sehr liebevollen Mann, zwei reizende Söhne, aber wenn ich schreiben will, würde ich gerne alle drei kurzzeitig entsorgen. Da das strafrechtlich verfolgt wird, geht ein Heidengeld für Babysitter, Sportvereine und Großbildfernseher drauf, um die drei ruhig zu halten. Das klappt während der EM und WM hervorragend, sonst gar nicht. Kaum zu glauben, aber es gibt immer noch zu wenig Fußball im Fernsehen. Weiter„Eingeklemmt zwischen Kissen und Generationskonflikten“