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Magda bummelt

Frau Thannert liegt im Bett und erinnert sich. An früher, ihre Jugend, an alte Gerüche und ihr vergangenes Glück. Draußen ist Sommer – oder hat es schon geschneit? Eine Erzählung.

Copyright: David von Diemar/unsplash.com

Magda streckt den Hals. Lichtstreifen, Schattenstreifen. Ein Gefängnis an der Decke und keine Aussicht. Vor dem Fenster Lamellen, steif wie Hemdkragen. Auf dem Tisch ein Weihnachtskaktus, die Triebe vertrocknet. Ist bereits Sommer? Wie ist das möglich? Sie müsste einen Wärter rufen und nach dem Schnee fragen.

Ein Duft in der Luft. Marillenknödel, das allerhöchste Glück. Marille, Erdäpfelteig, Brösel in Beurre Noisette. Die Dielen unter ihren Füßen dürfen nicht knarren, wenn sie den Knödel von Vaters Teller stiehlt. Sie sind frisch poliert. Selbst der Schmutz in den Fugen glänzt. Die Schwestern Dangl helfen im Geschäft aus, der Vater sucht in der Bibliothek seine Brille. Trude Dangl, zu Magdas Wartung bestellt, ist bärtig, Katharina Dangl, das Zweitmädchen zum Putzen, Waschen und Bügeln, eine kundige Lippenpfeiferin. Auf dem Teller Brösel und Beurre. Aber kein Knödel. In der Luft nur ein Duft. Jaschko, der Schuft.

Rumoren hinter der Tür. Blech klappert auf Blech. Dann geht eine Spülung. Magda trägt ein Bußgewand auf dem bloßen Leib, beige, mit aufgedruckten Kaffeebohnen. Wer trägt denn so etwas? Wo ist der Gürtel aus Schlangenimitat? Wo der Rock aus rotem Chiffon? Wo, verdammt noch mal, ist das gefütterte Cape? Der Schnee scheint geschmolzen zu sein. Zwischen den Lamellen erkennt Magda jetzt Sommerrasen. Grün wie Jägerloden.

Licht flackert von der Decke. Ein Wärter tritt ans Bett. „Guten Abend, Frau Thannert, dann wollen wir mal.“ Er trägt die weißen Handschuhe eines Hausdieners. Vorsichtig fasst er unter die Decke und beginnt, ihr Bein zu bewegen. Nein, nicht ihr Bein. Es ist. Ihr Bein. Nein. Am Schein-Bein den Fuß nennt man Hand. Geädert und bleich ragt er aus dem Gewand. Liegt schlaff und wie tot auf des Bettes Rand. Tot und gestorben und dennoch warm. Was hast du gedacht? Das Bein heißt Arm.

„In Ihrem Alter und noch so beweglich.“

„Yoga“, murmelt Magda, und es scheint ihn zufriedenzustellen. Er verlangt, dass sie ihr Knie, tatsächlich ihr Knie, gegen seinen Handballen presst. Es gelingt ihr tadellos.

Mit Jaschko sammelt sie Bucheckern und Hagebutten. Der Spitzwegerich hilft gegen Rachenkatarrh. Der Huflattich ebenso. Wegen der weichen Haare auf der Unterseite seiner Blätter nennt man ihn auch Wanderers Klopapier. Aus dem Zinnkraut, sagt Jaschko, bereitet man Equiseti herbae recentis extractum liquidum. Es wirkt gegen Nierengries. Nach dem Krieg wird er das Medizinstudium fortsetzen, doch später mit dem Doktortitel lediglich im Musikalienhandel angestellt sein, wegen einer aufmüpfigen Liebe zum Jazz.

Gerhard bringt einen Apfel, in Folie verpackt, geschält und zerteilt, nicht in vier, sondern in fünf Stücke, er ist der erste von fünf Brüdern und musste teilen lernen. Drei Brüder sind bereits gestorben. Gerhard ist Magdas Gatte. Er hat mittlerweile eine Freundin, er hat sie im Konzertabonnement kennengelernt, und nun glaubt er, Magda würde es nicht verstehen. Er hat recht, sie versteht es nicht. Aber sie kann die Freundin riechen. Iris, pudrig, ein billiger Duft.

„Was hast du heute gemacht?“

Blödsinnige Frage, der Tag beginnt doch erst.

„Ich war bummeln.“

„Das ist gut“, sagt Gerhard. Er hat nicht zugehört.

Man hätte die Männer wegsperren sollen. Auf den Zug nach Prag und der Duchesse de Montbazon in die Arme. Eigentlich ein Fräulein Sünkel aus Erfurt, Modistin, doch nun, obwohl noch jung, bereits französisch verwitwet. Sie raucht die Zigaretten aus der Bakelitspitze und hält sich ein Zwergpudelweibchen, das zu Nervosität neigt. Sie sitzen auf der Hotelterrasse und schmieden Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Der Ober serviert Mehlspeisen. Magda zählt die Sommersprossen auf der schönen Schulter der Duchesse. Die Männer sind dumm. Man wird sie ausnehmen müssen, nach Strich und Faden, die Herren Konsuln und Direktoren, und den Anfang wird Dr. Spücker machen, Sekretär der Theosophischen Gesellschaft, der wochentags in einem abgelegenen Teil des Parks sein gymnastisches Morgenprogramm absolviert. Die gemeinsame Zukunft wird eine Villa auf einer der Inseln des kanarischen Archipels sein und ein cremeweißes Auto mit Faltdach und roten Ledersitzen.

Magda unternimmt einen Versuch: „Der Himmel war heute ungewöhnlich rot.“

„Ja“, sagt Gerhard ohne aufzublicken. „Ungewöhnlich rot. Für nächste Woche ist Regen vorausgesagt.“

Ein roter Himmel. Selbst der größte Unsinn erfährt keinen Widerspruch.

Elly entfernt den Kern der Marille mit einem Kochlöffel und lässt die Marille im Teig verschwinden. Sie nennt es ummanteln. Der Knödel kocht in gesalztem Wasser. Elly gießt die zerlassene Butter durchs Passiertuch. Trude bevorzugt fleischreiche Kost. Katharina pfeift Triolen.

Die Zeit faltet sich nach innen. Es entsteht eine Wulst, über die Magda nicht hinwegkommt. Sie rät: Dies ist die Heimat. Dies ist eine Insel des kanarischen Archipels. Dies ist ein Gefängnis. Dies ist ein Altenheim. Dies ist der ewige Sommer. Egal, wo sich Magda befindet, die Erschöpfung ist bereits da. Sie ist es leid, zu raten.

Gerhard teilt ihr Schokolade zu. Er bewilligt einen halben Riegel. Den Rest der Tafel legt er in den Nachttisch und hofft aufs Vergessen. Nicht eine Sommersprosse auf der Haut. Auf seiner Schulter nicht und auch sonst nirgendwo.

In der Nacht steht Magda auf. Sie geht zum Fenster und schiebt die Lamellen zur Seite. Draußen steht ein Zwergpudelweibchen im Schnee. Es zittert.

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4 Kommentare

  1. Avatar  Rotkehl

    Ein wunderbarer Text von einem Träumer über das Traumwandeln…

  2. Avatar  Don Krypton

    Das war unerwartet hart. Wir werden alle mal alt werden und uns mit Wärtern rumschlagen müssen, denen wir so egal sind wie die langweiligen weißen Tischtücher in den Lokalen. Danke für den Text.

  3. Avatar  bobbel66

    Ergreifender Text! Vielen Dank!

  4. Avatar  Karuna

    Ein wunderschöner und sehr berührender Text, da sind wir – meine Kolleginnen und ich – uns einig. Besonders hat uns beeindruckt, wie sensibel und überzeugend der Autor sich in die Gefühls- und Erlebenswelt einer Demenzkranken eingefühlt hat. Seine Worte lassen Magda so lebendig werden, dass man sie gerne einmal besuchen würde, wenn das denn ginge. Chapeau und vielen Dank!

    #Don Krypton: Angesichts der Zustände in deutschen Pflegeeinrichtungen kann ich Ihre Reaktion gut nachvollziehen. Aber bitte glauben Sie mir, dass die Pflege- und Betreuungskräfte wirklich ihr Bestes geben. Nur arbeiten sie unter Bedingungen, die menschenwürdige Pflege im Grunde unmöglich machen. Und solange mit der Pflege alter, hilfsbedürftiger Menschen Gewinne in Millionenhöhe gemacht werden dürfen, wird sich daran auch nichts ändern, da kann ein Herr Spahn noch so viele putzige, weil jeglicher Sachkenntnis entbehrende Vorschläge machen.
    Dabei wäre menschenwürdige Pflege so einfach: Profitmöglichkeiten im Pflegebereich stark einschränken (dann wäre nämlich genug Geld für ausreichend Pflegekräfte da), Auflösung der Massenpflegeeinrichtungen, statt dessen Pflege in kleinen, dezentralen Wohneinheiten (Alten-WGs) in ganz normalen Wohnhäusern, eingebunden in das soziale Umfeld der Nachbarschaft. Aus meiner beruflichen Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass man unter diesen Bedingungen auch Demenzkranke so pflegen und betreuen kann, dass es ihnen trotz Demenz gut geht und sie sich geborgen und in ihrem Erleben und Empfinden angenommen fühlen. Und dann können selbst hochgradig demente Menschen noch Momente der Zufriedenheit und sogar des Glücks erleben. Und für diese Momente arbeiten wir, meine Kolleginnen und ich. Wir sind keine Wärter.

 

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