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Das Unglück ist eine ungekochte Süßkartoffel

 

Die Affenforschung offenbart mal wieder tiefe Einblicke in das Wesen des Daseins. Unser Autor hat der Wahrheit ins Auge gesehen: Ein besseres Leben ist nicht möglich.

O je, wir Schimpansen. Wir essen gerne Gekochtes, aber wir können kein Feuer machen, wir können keinen Herd bedienen, wir können nicht gut grillen. Dank ein paar Verhaltensforschern wissen Sie das jetzt. Das ist okay und bestimmt ein wenig interessant. Nicht okay ist es, dass wir das jetzt auch wissen. Das ist sogar ziemlich schlimm: Plötzlich herauszufinden, dass man etwas will, was man aber beim besten Willen nicht kann.

Dann hätte man es lieber nie erfahren, dann hätte man lieber nie etwas Gekochtes probiert, so wahnsinnig toll war es nun auch nicht. Die Verhaltensforscher sind nun aber weg, und wir Schimpansen sitzen da und kauen lustlos auf einer Süßkartoffel herum, die für uns ab jetzt nie mehr eine Süßkartoffel sein wird, sondern eine rohe Süßkartoffel. Eine Süßkartoffel, die schon einmal besser geschmeckt hat. Bei jeder Süßkartoffel schmecken wir jetzt die Differenz zwischen dem, was sein könnte, und dem, was leider nun einmal so ist, und Differenzen schmecken staubig.

Man kommt leicht ins Seufzen, wenn man auf Differenzen herumkaut, und vom Seufzen ist es nur ein kurzer Weg ins Grübeln, und im Grübeln, das weiß man, das wissen sogar wir, wartet nichts Gutes. Im Grübeln warten die Möglichkeiten. Im Grübeln wartet all das Glück, dem man selbst im Weg steht, all das verlockend Unerreichbare. „Erdbeerdaiquiris“, grübelt es dann. Vielleicht mögen wir ja auch gerne Erdbeerdaiquiris, ja, fast ganz bestimmt mögen wir die, aber wir können die Slush-Maschine nicht bedienen, an denen ist oben diese kleine Sicherung, die wir einfach nicht aufbekommen, so sehr wir es auch versuchen. Und je länger wir über die verdammte Sicherung nachdenken, desto köstlicher erscheinen uns die Daiquiris, verheißungsvoll und unbekannt und ganz und gar unmöglich.

„Und Oboe“, grübelt es weiter. Genau, Oboe! Wie gerne spielen wir vielleicht Oboe, und können es nur leider nicht, nicht gut genug jedenfalls, nie gut genug. Da sind all die Klappen, da sind all die Noten, diese Vorzeichen, und wir kommen uns auf einmal schlacksig vor und ungeschickt und vollkommen lächerlich. Aber wir vermissen die Oboe, die wir nicht kennen, die wir nicht können. Wir hören genau, wie wir sie nicht spielen. Und wir vermissen wahrscheinlich auch Häkeln, wir vermissen Mofa-Fahren, wir vermissen Immobilienspekulationen, wir vermissen Online-Poker und Hessisch.

Wir vermissen Pampadourfrisuren. Wir wissen nicht genau, was Pompadourfrisuren sind. Wir wissen nur, dass wir sie uns nicht schneiden können, dass sie uns wahrscheinlich auch nicht stehen würden, aber vielleicht wären wir sehr fröhlich, wenn wir eine hätten. Vielleicht war all unsere Fröhlichkeit bisher gar keine echte Fröhlichkeit, wir hielten sie nur dafür, weil wir die wahre, frisierte Fröhlichkeit einfach noch nicht erlebt haben. Wir fassen auf unsere Köpfe, aber da ist nichts, nichts, was uns hilft. Und wer weiß, vielleicht wären wir auch gerne Zahnärzte. Schlechte Zahnärzte, zugegeben, aber sehr euphorische. Und vielleicht lässt uns irgendein Verhaltensforscher mal einen Tag lang Zahnarzt sein, und es wäre der schönste Tag unseres Lebens, und dann ist er vorbei, und wir stehen da, bekittelt und bekümmert, und wissen nur, dass unsere Praxis nun auf immer geschlossen ist. Wir können sie schon kaum mehr sehen. Es ist gar nicht so leicht, als Schimpanse kein Zahnarzt zu sein, sobald man es einmal in Betracht gezogen hat, sobald man die Unmöglichkeit in Betracht gezogen hat. Man muss dann erst wieder lernen, kein Zahnarzt zu sein, ganz und gar keiner.

Man muss erst wieder lernen, ein Fell zu haben und diese plötzlich viel zu großen Hände, man muss sich erst wieder mühsam daran erinnern, wie gut man doch klettern kann, und wie das mal ausreichte, wie ausreichend gut man doch lausen kann, blecken kann, und wie gut einem mal Süßkartoffeln geschmeckt haben, zumindest ziemlich gut. Man muss das ziemlich wieder lernen, das halbwegs, das okay, das immerhin, das och ja, das besser als nichts. Man muss sich erst wieder daran erinnern, dass man als Schimpanse nicht grübelt, dass sich für Schimpansen das Grübeln einfach nicht gehört, und man muss hoffen, sich all das zu glauben, fürs Erste mal zu glauben, weil es doch die Wahrheit ist, die ungekochte Wahrheit, weil wir doch Recht damit haben, und dann schauen wir es uns an, das gehabte Recht, von allen Seiten, wir drehen es nach links, nach rechts und wieder zurück und kratzen uns am Kopf.

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5 Kommentare


  1. Waren da nicht so weise, dazu passende Worte über dem Eingang zum Orakel angebracht in Delphi?

  2. Avatar  Raoul_Mülheim

    „Glück ist vergänglich. So schnell vergänglich, dass man im Glück schon ein Bedauern spürt – man hat es gehabt, man kann es nicht wiederholen.“ (Dieter Hildebrandt)


  3. Die eigentliche Erkenntnis war, das es für Shimpansen keinen Sinn macht kochen zu lernen, weil denen sonst das Alphatier mit grosser Sicherheit das Essen klaut.

    Offensichtlich war das Sozialsystem der Menschen also der Grund für den Sprung zum Homo Sapiens.

  4. Avatar  Yadgar

    …Fahrradreisen nach Afghanistan! Seit 32 Jahren! Aber es wird wohl niemals möglich werden – denn sollte Afghanistan jemals wieder bereisbar werden, hätte es mit dem Afghanistan, das ich eigentlich bereisen will, sehr wahrscheinlich nicht einmal mehr den Namen, geschweige denn sonst irgend etwas gemeinsam. Kurz, es wäre nicht mehr Afghanistan! Damit zu leben habe ich bis heute nicht gelernt…

  5. Avatar  frank

    Ja, es ist nicht leicht als Schimpanse sich fragen zu müssen, ob es einen Schimpansenhimmel gibt oder eine Schimpansenhölle.

 

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