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Das Glück zu wissen, was schön ist

Bald ist wieder Fashion Week in Berlin. Für Stadthunde eine besonders aufregende Zeit. Wie erklärt man Mode einem Vierbeiner?

© Getty Images
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Adele, komm mal her, ich muss dir was erklären. Mach Sitz und hör schön zu! Heute werde ich versuchen, dir begreiflich zu machen, was Mode ist. Ich fürchte, das wird ziemlich schwierig, weil Mode eine reine Menschenangelegenheit ist und in deinem Hundeleben gar nicht vorkommt.

Das heißt, halt!, eine gewisse Verbindung gibt es doch. Hast du dich schon einmal gefragt, warum wir auf unseren Hunderunden so vielen Labradoren, Jack Russel Terriern und Golden Retrievern begegnen und so wenigen Samojeden, Komondoren, Pulis und Portugiesischen Wasserspanieln? Ja, jetzt guckst du! Das sind Hunderassen, von denen du noch nie gehört hast. Auch ich kenne sie nur aus den Hundefilmen auf Animal Planet. Diese Hunderassen sind nämlich hierzulande gerade nicht in Mode, obwohl sie sich nur in Details von deinesgleichen unterscheiden. Und damit hast du schon gelernt: In Mode zu sein, das bedeutet, alle oder wenigstens sehr viele finden es gut und tun dabei mit.

Adele, der geduldig lauschende Labrador von Burkhard Spinnen
Adele, der geduldig lauschende Labrador von Burkhard Spinnen.

Und warum gibt es die Mode? Also warum so viele Jack Russel Terrier und so wenige Samojeden? Nun, die Existenz der Mode ist die momentane Antwort auf eine der großen ungelösten Fragen der Menschheit. Die Frage lautet: Wer oder was ist eigentlich der, die oder das Schönste von allen?

Menschen lieben es, sich solche Fragen zu stellen. So wie du für Gehacktes mit rohen Eiern schwärmst, so schwärmt der Mensch für den Superlativ. Wo immer er geht und steht, will er wissen, was hier das Höchste, Stärkste oder Schnellste ist. Vermutlich stammt dieses Interesse aus der Zeit, in der wir Menschen noch in Höhlen wohnten, aber gerade begannen, einen gewissen Profit aus unseren erweiterten Denkfähigkeiten zu ziehen. Weiß man nämlich, um nur ein Beispiel zu nennen, wer in welcher Höhle der Stärkste ist, dann muss man sich nicht mit allen prügeln, sondern kann sich gezielt nur einen, nämlich den Stärksten, zur Brust nehmen. Haut man den um, ist man selbst der Stärkste in der Höhle und hat eine Menge Zeit gespart.

Man kann übrigens auch, wie es in der Linie meiner persönlichen Vorfahren wahrscheinlich eher üblich gewesen ist, dadurch, dass man weiß, wer der Stärkste in der Höhle ist, effektiver planen, vor wem man am ehesten weglaufen soll. Das spart dann nicht nur Zeit, sondern rettet eventuell sogar das Leben.

Um etliches später in ihrer Geschichte haben die Menschen dann die sogenannte Wissenschaft erfunden. Deren Aufgabe ist es vor allem herauszukriegen, wer oder was genau das Höchste, Schnellste und so weiter ist. Diese Wissenschaft war ein ziemliches Erfolgsmodell; heute kann sie sogar herauskriegen, ob ein Erdbeben stärker als ein anderes war oder was härter ist: ein Backstein oder ein Mäusezahn.

Leider aber hat die Wissenschaft eines nie bestimmen können: nämlich das Schönste. Es gibt zwar auch eine Wissenschaft, die sich mit dem Schönen beschäftigt. Sie heißt Ästhetik und hat viele dicke Bücher hervorgebracht, in denen das Problem ausführlich diskutiert wird. Doch vor einer Antwort auf die Frage, wie man objektiv und zweifelsfrei ermittelt, was das Schönste ist, drückt sie sich seit ein paar Hundert Jahren. Neuerdings hat sie sogar selbst aufgegeben zu fragen.

Nun scheinen die Menschen allerdings ohne eine Antwort auf die Frage nach dem Schönsten nicht glücklich und zufrieden leben zu können. Und deshalb haben sie schon vor der Wissenschaft zwei weitere Dinge erfunden: die Kunst und die Mode. Die Kunst muss ich dir später noch ausführlicher erklären. Heute nur so viel dazu: Die Kunst macht am laufenden Band Vorschläge, was denn das Schönste sein soll, und meistens sind die Vorschläge ziemlich extrem. Die Menschen geraten darüber ins Grübeln oder ins Debattieren. Ersteres führt leicht zur Depression, Zweiteres zu Schlägereien. Glaub mir, Adele, die Kunst wirft wesentlich mehr Probleme auf, als sie löst.

Die Mode hingegen ist ein richtig cleveres Verfahren, mit dem man die Frage nach dem Schönsten zwar nicht löst, aber wenigstens das depressive Grübeln darüber deutlich reduziert. Das Verfahren funktioniert so: Irgendwelche Instanzen, die sich mit windigen Begründungen für zuständig erklärt haben, entscheiden, was jetzt mal das Schönste sein soll: das schönste Kleid, der schönste Hut, das schönste Sofa, Auto, Bettgestell, Halstuch, Küchenmesser und so weiter. Ja, und übrigens auch der schönste Hund.

Und dann passiert Folgendes: Ein Teil der Menschen, meistens der größere, schreit wie besessen: Jawohl, das isses! Und besorgt sich umgehend für teuer Geld das entsprechende Kleid, Sofa, Küchenmesser oder den entsprechenden Hund. Diese Menschen bilden dann eine Gruppe, die gemeinsam in dem glücklichen Gefühl lebt, zu wissen, was schön ist. Die anderen, die Minderheit, die nicht mittut, bildet auch eine Gruppe. Deren Glück ist es allerdings zu wissen, dass die anderen bescheuert sind und keine Ahnung von Schönheit haben.

Aber jetzt kommt erst der eigentliche Trick. Normalerweise würde nach einiger Zeit in der Gruppe eins, also bei den Mode-Mitmachern, wieder ein Streit darüber ausbrechen, ob dieses Küchenmesser oder dieser Hund wirklich die Schönsten sind. Da es sich aber nicht um wahre Schönheiten, sondern um Modeschönheiten handelt, ist von Anfang an klar, dass die Vereinbarung nur für eine gewisse Zeit gilt.

Verstehst du, Adele? Das ist der Trick! Das Modeschöne gilt immer nur auf Zeit! Am besten klappt das bei Damenoberbekleidung, da entspricht schon seit vielen Jahrzehnten die Dauer einer Mode genau der Dauer einer Jahreszeit. Und so wie es im Herbst die Blätter von den Bäumen weht, so fliegen im Oktober auch die Gewissheiten und Überzeugungen davon, mit denen man im verflossenen Sommer geglaubt hat, dass kurze Röcke, geblümte Blusen oder schwarze Samttops das Schönste vom Schönen seien. Nackt wie die Bäume sind dann auch wieder die Gehirne der nach Schönheit suchenden Menschen und also empfänglich für die nächste von irgendwo ausgegebene Botschaft über den Charakter des ultimativ Schönen.

Das Verfahren ist mit Recht genial zu nennen. Man löst ein Problem nicht, sondern verabredet sich dazu, einfach eine Zeit lang so zu tun, als sei das Problem gelöst, um sich dann zu schütteln, wie du es tust, wenn du im Weiher geschwommen bist, und mit der Problemlösung von vorn zu beginnen. So verhindert man zuverlässig das depressive Grübeln und hat stattdessen viel Zeit gewonnen, um sich an den modeschönen Dingen zu erfreuen, die man demnächst angeekelt in den Müllsack werfen wird.

Übrigens profitieren von diesem Verfahren auch wieder diejenigen, die es nicht mitmachen. Es handelt sich bei diesen Menschen nämlich zum größten Teil um sogenannte Besserwisser, die vom depressiven Grübeln einfach nicht lassen wollen und keine größere Befriedigung kennen als die Bestätigung ihrer negativen Prognosen. Wandert also wieder ein Schwung von Sachen, die jetzt nicht mehr Mode sind, in den Müll, können die Besserwisser jubilieren, und es geht ihnen, wenn auch nur für kurze Zeit, auch einmal gut. Und das ist wichtig, denn es gibt nichts Gefährlicheres für die ganze Menschheit als Besserwisser, die niemals Recht bekommen. Aus denen werden nämlich Terroristen.

Aber das, Adele, ist wieder ein Thema für sich.

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2 Kommentare


  1. Nachdem die Bread & Butter Insolvenz angemeldet hatte, bestand ja kurz die Hoffnung, dass diese langweilen Versuche, Berlin als Modestadt zu etablieren, endlich ihr Ende gefunden hätten.

    Aber nein. Der Autor läuft sich sogar jetzt schon zwei Wochen vorher warm. Wie gut, dass ich dann im Urlaub bin. Da bleiben mir dann diese aufgepumpten Belanglosigkeiten erspart.

  2. Avatar  coolray

    aha..und dann dieses Bild dazu. Das was man darauf sieht, ist ehrlich gesagt,absolut HÄSSLICH. Daran ist gar nichts schön. Nichts ästethische.Einfachnur Farben und Formen die den Augen wehtun. Und die so teuer sind, dases sich nur Leutemit viel Geld und ohne Geschmack leisten können.

 

Kommentare sind geschlossen.