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Die Saugpumpen schlürfen wie Seeungeheuer

 

Sylt und Rügen locken den Urlauber genauso wie den Künstler. Aber mitunter liegen Inseltraum und Frustrationsraum auch sehr nah beieinander.

Sylt: Die Saugpumpen schlürfen wie Seeungeheuer
© Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Wenn Inseln überhaupt jemandem gehören, dann dem Meer, den Fischern und den Künstlern. Mag das Schaffen Letzterer noch so anders sein, etwas vereint beide: die Unbehaustheit, in der sie einen großen Teil ihres Lebens verbringen. Sind die einen auf offener See täglich den Launen der Natur ausgesetzt – Unwettern, der fortwährenden Umwälzung des Meeresgrunds und dem nie gänzlich ergründeten Geheimnis der Fischzüge –, wissen die anderen oft nicht, was der nächste Tag, die nächste Stunde ihrer Arbeit bringen.

Was für den Künstler die „Inspiration“ ist – ein ideales Zusammenspiel von Innenraum und Außenwelt, Idee und Wirklichkeit –, beschert dem Fischer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort einen guten Fang. Er muss das Meer kennen wie kein anderer und sich gleichzeitig auf seinen Instinkt verlassen können, ähnlich wie der Künstler, der sich bei seinem Vorhaben auf unbekanntes oder gefährliches Terrain wagt. Auf den richtigen Moment kommt es an, von Kairos geschenkte Zeit. In der mythologischen Ikonographie hat der Gott des günstigen Augenblicks geflügelte Fersen und eine Balkenwaage in der Hand; die eine Schale sinkt unterm Fingerzeig der Gottheit, die um die Flüchtigkeit des Glücks weiß, bereits ab.

Die Insel ist für den Fischer und den Künstler Flucht- und Ausgangspunkt zugleich, ein Ort, der ein Zuhause bietet und Identität stiftet – nach der Arbeit mit einer unkalkulierbaren, sich ständig verformenden Materie kehren beide auf sie zurück – der Fischer zu seiner Familie, der Künstler zu sich selbst. „Wir lieben Inseln, weil sie die einzige geografische Formation sind, die unserer Isolation und Individualität entspricht“, schreibt der Klangkünstler Gerriet K. Sharma. Inseln, die realen wie die immateriellen, sind das Reich von Kairos Gegenspieler Chronos, des Gottes der Zeit, der mit Sichel und Stundenglas in der Hand über ihre Bewohner wacht. Es sind dem Untergang geweihte oder bereits versunkene Orte der Utopien, Verkörperungen von Atlantis, auf Sand gebaut und getragen von der Brandung, dem Mythos und den wegbrechenden Fundamenten des Archaischen – Orte der Enttäuschung.

Während seiner Odyssee scheitert Odysseus auf den meisten Inseln, die er ansteuert. Ernüchtert durch Mord und Tod, Gefangenschaft, Verführung und Intrige kehrt er am Ende als armer Mann nach Hause zurück – und findet seine Frau im Kreise schmarotzender Freier, die seinen Besitz aufzehren. „Länger ziemt es sich nicht (…) ferne zu irren/Da du alle dein Gut, und so übermütige Männer/in dem Palaste verließest; damit sie nicht alles verzehren/Deine Habe sich teilend, und fruchtlos ende die Reise!“

Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, Inseln aufzusuchen. Für den Historiker und Autor Thurston Clarke scheint „eine Insel, die nicht einen Besuch wert sei, (…) unvorstellbar“. Doch der Reichtum einer Insel besteht nicht aus ihren Städten und der touristischen Infrastruktur, die von den Besucherströmen erschaffen wird. Was Inseln zu Sehnsuchtsorten macht, sind die Erzählungen und Fiktionen, die dort entstanden sind oder auf sie verweisen, über das Meer hinaus auf einen unscharfen Streif am Horizont, wo sich die Träume niederschlagen. Man muss eine Anstrengung auf sich nehmen, um eine Insel zu erreichen, und der Weg dorthin ist nicht immer ungefährlich; die wirklichen Inseln – den Robinson-Strand, die Zyklopen-Küste des menschenfressenden Riesen Polyphem, Neverland, die Insel, wo die Kinder nie erwachsen werden –, sie alle findet man nur, wenn man Fantasie riskiert und auf der Reise zu einem größeren und weiteren Horizont Sicherheiten über Bord wirft. Erst dann taucht das isolierte Stück Land im Meer auf – blass und flimmernd am Horizont wie eine Fata Morgana. Allein aufgrund ihrer Abgeschiedenheit vom Festland mit seinen konsistenten Systemen kann die Insel so durchlässig und von Visionen durchwirkt erscheinen. Es ist ihre extreme Begrenztheit, die unsere Wahrnehmung zwingt, sich aufzufächern, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen, gedankliche Brücken zu schlagen, Verbindungen zu schaffen. Inseln sind Verdichtungen von Illusionen und deren Nichterfüllung im Spiegel der aufgelösten und elementaren Weite von Himmel und Meer, Wasser und Luft, und nur in der Verbindung der festen Landmasse mit der amorphen Unendlichkeit der Ideen entsteht darüber Dichtung und Kunst.

Sylt, ein künstliches Paradies

Die Dichotomie zwischen Inseltraum und Frustrationsraum ist auch auf Deutschlands meistbesuchter Ferieninsel zu spüren: Sylt. Schon beim Sand fängt es an, des Strandurlaubers liebstem Element. Deutschlands längster Sandstrand, die 40 Kilometer lange Westküste von Sylt, ist ein künstliches Paradies. Ein ganzer Fuhrpark von Baggern, Planierraupen und Müllschluckern arbeitet zum Ende des Winters an der Illusion vom feinkörnigen weißen Gold, das im Sommer Tausende Touristen auf das schmale Land zwischen stillem Watt und tosender Brandung lockt. Die Saugschiffe des Küstenschutzes fahren vor Sylt auf und ab, steuern backbord und öffnen ihren Rumpf gleich einer übergroßen Muschel. Vom Strand aus gesehen wirken sie pittoresk – Kinder heben die Köpfe aus ihren Sandburgen und zeigen mit dem Finger auf das Schiff – man mag es, so schemenhaft in der sonnenspiegelnden, windgeriffelten Weite, für einen Fischkutter halten.

Tatsächlich aber pumpen die Schiffe vom Meeresgrund große Mengen Sand in ihre stählernen Leiber. Wer beim Baden untertaucht, hört das ferne Schürfen der Saugpumpen, ein fremdartiges, subkutanes Geräusch aus dem Innern des Meeres wie vom Maul eines Seeungeheuers, das sich langsam an die Küste heranfrisst. Über Rohrsysteme wird der so gewonnene Sand auf den Strand geschwemmt und umverteilt. Ohne diese aufwendigen und kostspieligen Maßnahmen wäre Sylts Strand längst vom „Blanken Hans“ verschlungen worden, wie die Friesen die Sturmfluten nennen, die vor allem im Winter die Küsten heimsuchen, ganze Halligen unter Wasser setzen und so manches Eiland aus ihren wütenden Gischten nicht mehr haben auftauchen lassen.

„Nordsee ist Mordsee“, das geflügelte Wort geht auf den norddeutschen Dichter Detlev von Liliencron zurück, der in seiner Ballade Trutz, Blanke Hans, 1882 die Rungholtsage verarbeitet. Darin wird Rungholt als reiche, aber gottlose und in lasterhaftem Luxus lebende Stadt beschrieben, ein friesisches Sodom, das in einer Sturmflut versank. Tatsächlich war das historische Rungholt ein gut schiffbarer und florierender Handelshafen auf der ehemaligen Insel Strand, dessen Reichtum nach dem wirtschaftlichen Untergang in immer schillernderen Darstellungen überliefert wurde. In diesen Legenden wird Rungholt ähnlich wie die alttestamentarische Stadt im Mittelmeerraum vom Zorn Gottes vernichtet. Archäologische Funde im Watt bestätigen die einstige Existenz Rungholts, und die Dichtung konserviert die versunkene Stadt als Mythos. In Liliencrons Ballade ist der zürnende Gott der Nordsee ein Seeungeheuer, das vor den Küsten Englands auf dem Meeresgrund haust und mit seinen Kiemen die Gezeiten verursacht: „Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen/ und treibt ihn, sechs Stunden, wieder von hinnen.“ Manchmal aber holt es richtig Luft …

Liliencrons romantische Ballade liest sich wie eine Allegorie auf das moderne Sylt. Deutschlands teuerste Straße, der Hoboken-Weg, liegt in Kampen, der Hochburg der „Reichen und Schönen“, vielmehr Halbreichen und Halbschönen, denn wer wirklich Geld und Gesicht hat, baut sein Haus nicht in der Nähe des prominenten Badestrands am Roten Kliff, sondern an anderen, blaueren und wärmeren Meeren. Kampen, der Nobelort mit Hermès-Boutique in Friesenkate, ist eine Rotklinker- und Reetdachhölle, wo ein Haus wie das andere aussieht, der gleichgeschaltete Traum vom individuellen Zweitleben auf der Insel, geträumt und realisiert von Deutschlands unterer Oberschicht, die für ein paar Wochen im Jahr den inneren Spießer in BMW und Porsche zum Lüften an den Strand karrt – Massentourismus der Luxusklasse. „Kampen ist wie Kudamm und Kö, nur mit zerzauster Frisur“, wirbt eine Fluggesellschaft, die Direktflüge aus Deutschlands Großstädten auf die Insel anbietet. Kehren die neuen Kampener, Wind und Weite in Haar und Herz, wieder nach Berlin und Düsseldorf zurück, werden vor den verrammelten Häusern die Buchsbaumhecken und Rollrasen von einem Gärtnerheer nach Schema F zurückgeschnitten – kostengünstig und pflegeleicht, denn die „reichen Fremden“ sind, wie ein Sylter Dachdecker zu berichten weiß, an den richtigen Stellen „knausrig“. Das Reet, mit dem nach strengen Bauauflagen die Dächer aller Neubauten in Kampen gedeckt werden müssen, stammt aus Ungarn und der Türkei. Schilfschnitter gibt es auf Sylt längst keine mehr, abseits der Naturschutzgebiete auch kaum mehr Schilf.

Die Kolonialisierung der Insel durch die Macht und das Geld der sand- und sansibarsüchtigen Großbürger, die korrupte Immobilienspekulation, die einen Exodus der Sylter aus ihren ehemaligen Häusern auf das Festland zur Folge hat, von wo aus die Insulaner nun mit der chronisch überfüllten Nordostseebahn täglich über den Hindenburgdamm pendeln, um die Touristen zu bedienen und Klobrillen in Kampen zu putzen; die Schließung von Schulen und Kindergärten aufgrund fehlenden Nachwuchses; die Wohnungsnot für Einheimische, Saisonarbeiter, die wie Tagelöhnertrupps in ranzigen Wohnwägen und windschiefen Zelten hausen, die überfüllten Straßen und Strände; all das, subsummiert unter dem allgemeinen Verlust des „Inselgefühls“, ist ein in den Medien vieldiskutiertes deutsches Drama, ein Jammerthema, wie es die Bürger dieses Landes, die wohlhabenden wie die armen, lieben.

Lokalpolitiker stöhnen im Spagat zwischen den Verlockungen des Kapitals und dem in Demonstrationen bekundeten Leid der Insulaner. Von ihrer Insel verdrängte Sylter gründen Solidaritätskampagnen auf Facebook mit dem pathetischen Aufruf „Rettet die Sylter“, als seien sie genauso vom Aussterben bedroht wie die Seehunde auf den Sandbänken im Watt, denen es, was Wohnraum, Population und Nahrungsangebot angeht, mittlerweile wieder besser geht als so manchen Sylter Familien, die das Angebot der „Sylter Tafel“ in Anspruch nehmen müssen. Und selbst die neuen Herrscher der Insel im Klinkerpalast mäkeln beim Frizzante, dass Sylt nicht mehr das sei, was es einmal war.

Aber was war die Insel denn, als der Strandhafer noch ungestört wucherte und es in List, dem Touristenort im Norden, so still war, dass man die Wanderdünen bei ihrem unaufhaltsamen Vorstoß ins Inselinnere kriechen hören konnte? Nur ein temporäres Paradies vielleicht, eine Imagination vom besseren und anderen Ort, der, wird er in Besitz genommen und verkauft, zum Unort werden muss, weil Traum und Wirklichkeit sich genauso wenig vertragen wie der Walfang, von dem Sylt einst lebte, mit Golfen am Budersand vor der Kulisse des Hafens von Hörnum, wo statt der Kutter jetzt die Dreikabiner im Wasser dümpeln. Auch Robinson Crusoe ist, abseits der Palmenromantik, eine Geschichte von Inbesitznahme, Macht und Unterwerfung.

Aus der Inselphantasmagorie wird eine Höllenmaschine. Wer den Verheißungen der Insel folgt und sich aufs Meer hinauswagt, findet manchmal nur einen Haufen Sand, einen kargen Felsen oder eben das Sylt unserer Tage, einen touristischen und kapitalistischen Hades wie der innerste Höllenkreis aus Dantes Göttlicher Komödie, wo die schlimmsten Sünden bestraft werden. Das moderne Rungholt, bevölkert von den Geistern, die es rief, den Botoxfratzen, Rosahemdträgern und einer Handvoll schattenhafter Insulaner, ausgemergelt von Frust und Zukunftsangst. Ihre eigene Insel scheint ihnen verloren gegangen, jener Ort, der sie selbst im Innern sind, an dem sie geboren wurden und vielleicht auch sterben möchten, denn ihre Insel, sie ist nicht mehr und nicht weniger als das Leben, das sie zwischen diesen beiden Punkten passiv erleiden oder aber gestalten und beackern, auf Chronos’ sandigem Boden und manchmal berührt von Kairos’ Schwingen – vielleicht der über den Strand huschende Schatten einer Silbermöwe? Sind die Sturmwolken abgezogen, ist der Himmel über Sylt oft beunruhigend leer und hoch. Die alten wie die neuen Inselbewohner erwachen aus ihrem Traum und blinzeln amnestisch in die Weite über der Brandung, die unablässig gegen das Vergessen anerzählt. Draußen atmet der Blanke Hans.

Sie ziehen am Abend hinaus auf den Deich:

„Wir trutzen dir, Blanker Hans, Nordseeteich!“

Und wie sie drohend die Fäuste ballen,

zieht leis aus dem Schlamm die Krake die Krallen.

 

Mahnmal des Scheiterns

Ist Rügen, die ungleich landreichere Schwesterinsel in der monsterärmeren Ostsee, eine Alternative für den deutschen Sehnsuchtsort? Die charakteristischen Kreidefelsen, die auf Caspar David Friedrichs Gemälde von 1818 Rügen weltberühmt machten, sind abgebrochen. 2005 rutschten auch die Wissower Klinken ins Meer. Neben dem Königsstuhl war die zerklüftete Felsgruppe Rügens meistfotografierte Sehenswürdigkeit, nun existiert sie nur noch auf den Bildern und in der Erinnerung. Auch an den 600 Kilometern Küste der Ostseeinsel nagt der Zahn der Zeit, kratzt und schabt Chronos’ Sichel. Die beständige Veränderung der Insel durch Meer und Mensch schafft neue Orte der Projektion, sie wachsen herauf aus den Tiefen der Ideale und Ideologien und stoßen auf Wirklichkeit; im Versuch, ihrer habhaft zu werden, entstehen nicht nur Abrieb und Verwitterung, sondern auch Perversion, Größenwahn und verbrecherisches Gedankengut.

An Rügens schönstem und längstem Strand in der Prorer Wiek wurde im letzten Jahrhundert der Versuch unternommen, einen solchen Ort zu realisieren. „Kraft durch Freude“ sollten die fünf Kilometer langen Wohnblocks der nationalsozialistischen Ferienanlage Prora den deutschen Urlaubern bringen. Der Plan sah im Wochentakt wechselnde Einheiten zu je 20.000 Besuchern vor, vorzugsweise junge Paare aus der Arbeiterklasse, die für das Leben und den Krieg fit gemacht werden sollten. Proras Erholungszellen waren Brutstätten für den nationalsozialistischen Nachwuchs, die Männer sollten zeugen, die Frauen empfangen, dazwischen durfte gebadet werden, im arischen Meer, dem majestätischen, endlosen, das den deutschen Kleinbürger, der dreißig Jahre später Mallorca für sich entdecken wird, in seinem Bewusstsein stärken sollte, der erhabenen Rasse anzugehören.

Signifikant für die Hybris des Unterfangens ist die riesige Plattform, die Hitler wie einen steinernen Schild gegen den Angriff der Vergänglichkeit ins Meer hinausbauen ließ, ein brutaler Vorstoß in die Natur, kriegerisch, vermessen. Der Platz, auf dem in Massenaufmärschen die Neuankömmlinge begrüßt werden sollten, ist heute abgesackt und vom Kiefernwald überwuchert, die Mauern sind eingefallen. In den windgeschützten Sandkuhlen erledigen die Strandgäste ihr dringendes Geschäft, etwas weiter hinten, im Schutz des Waldes, treffen sich, Ironie der Wandlung, die Schwulen zum schnellen Sex.

Das Deutsche Reich, die Insel der Auserwählten, ging unter. Der „Koloss von Prora“ blieb leer, nach Kriegsende versuchten die Sowjets einen Teil zu sprengen. Wie ein Mahnmal des Scheiterns einer Insel-Utopie, die den fragilen Streifen Land zwischen Dünen und Schilf, Ostsee und Kleinem Jasmunder Bodden in eine Festung für die Ewigkeit verwandeln wollte, ragt das Skelett der verkohlten Stahlträger und Mauerreste über den Strand. Das nächste diktatorische System nutzte die Blocks als Soldatenkasernen, dann, nach der Wende, begann zwischen Bund, Kommune und den Immobilienspekulanten der Streit um die Nutzung.

Proras Geschichte fordert von den Investoren verantwortungsvolles Handeln. Die Initiative „Denk-MAL-Prora“ hat im mittleren Gebäudetrakt ein Dokumentationszentrum eingerichtet, das die einstige Bedeutung der Anlage veranschaulicht und festschreibt – paradoxerweise eine temporäre Institution, denn der Mietvertrag des Museums ist nicht gesichert. Er wird, abhängig von Gutwillen und Kulturbewusstsein des Besitzers, jährlich verlängert. Entscheiden sich die Verantwortlichen, Proras Geschichte zu vergessen, könnte auch dieser Block bald zum Urlaubstempel mit Luxuswohnungen umgestaltet werden. Nebenan bricht eine Berliner Baufirma unter dem Slogan „Neues Prora“ mit Baggern und Betonfräsen die historische Architektur auf. Denn für die neuen Besitzer, die bis zu 6.500 Euro pro Quadratmeter für eine „Sonnenwohnung mit Masterbad und Dschungelbrause“ zahlen, sind die Fenster zu klein und die ehemaligen Wände der zeugungsfreundlichen Wohnkojen zu eng. Die Jugendherberge, die 2011 ins Nebengebäude einzog, hatte da noch strengere Denkmalschutzauflagen zu befolgen. Die Fassade durfte nicht verändert, Fenster nicht vergrößert werden. Die Kinder, die nun im ehemaligen KDF-Bad ihre Sommerferien verbringen, erhalten, auf den schmalen Betten kauernd, vielleicht noch eine Ahnung von der Idee des deutschen Volkskörpers.

Die neuen Nachbarn dagegen blicken von den großzügigen Balkonen träumend aufs Meer. Am westlichen Horizont schimmern die Kreidefelsen im Dunst. Im Osten erheben sich die weißen Strandvillen des Ostseebads Binz. Dort, in die erste Reihe an der Promenade, gleich neben dem Kurhaus und mit Blick auf die Seebrücke, hat sich ein Restaurant der Fisch-Fast-Food-Kette „Gosch Sylt“ gedrängt. Mit großer Wahrscheinlichkeit stammt das Dorschfilet nicht von den Fischern aus Sassnitz – in diesem Jahr haben nur 3 Jugendliche die Ausbildung in der Fischereiklasse der Berufsschule begonnen. Aber immerhin ist das Gericht hier noch zwei Euro günstiger als bei Gosch in List auf Sylt. „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, zitiert eine Werbebroschüre der Investorengruppe „Neues Prora“ den Romantiker Victor Hugo. Sozialer Wohnungsbau oder sogar ein Heim für Flüchtlinge aus verbrecherischen politischen Systemen sind in dieser Idee nicht vorgesehen.

Rungholt ist reich und wird immer reicher,

kein Korn mehr faßt selbst der größeste Speicher.

Wie zur Blütezeit im alten Rom

Staut hier täglich der Menschenstrom.

Die Sänften tragen Syrer und Mohren,

mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.

 

Die Insel lockt und verführt

„Die Inseln sind aus der Zeit vor dem Menschen oder für die Zeit danach“, schreibt Gilles Deleuze.

Im Spätwinter, nach dem Trubel der Weihnachtsferien, wenn der Sylt-Shuttle die letzten Sportwagen mit Hamburger und Stuttgarter Kennzeichen zurück ans Festland gebracht hat, herrscht auf der Insel die Stille des ersten oder letzten Tages. Dann versammeln sich die Sylter – die wenigen, die noch auf der Insel sind – an ihrem großen Strand, wo sie die Biike-Feuer entzünden. „Petritag“ heißt der 21. Februar, auf Sylt eine Art Nationalfeiertag; der weit aufs Meer hinausflackernde Schein der Feuer markiert das Ende des Winters. Im Mittelalter diente der friesische Brauch des Biikebrennens dazu, die bösen Geister zu vertreiben und die neue Saat auf den Feldern zu schützen. Doch auf Sylt haben die Strandfeuer noch eine andere Bedeutung; einst zündeten die Frauen sie zur Verabschiedung der Walfänger an, die zum Ende des Winters wieder für mehrere Monate aufs Meer hinausfuhren. Das Feuer sollte ihnen noch lange Geleit geben, und die Legende reicht noch weiter: Die hell lodernden Lichter signalisierten den Männern an der nahen dänischen Küste, dass die Sylter Frauen nun wieder allein in ihren Häusern waren und bereit für männliche Unterstützung jedweder Art.

Die Insel, sie lockt und verführt seit jeher. Denn noch eine andere, in Vergessenheit geratene Geschichte scheint beim Biikebrennen auf dem dunklen Spiegel des Meeres auf: Jahrhundertelang versammelten sich die Sylter getreu der alten Losung „Frei ist der Strandgang, frei ist die Nacht!“ bei Dunkelheit am Flutsaum, um ein Feuer zu entfachen. Das Licht lockte Handelsschiffe an, die vom Kurs abkamen, strandeten und von den Syltern geentert und geplündert wurden. Nicht selten brachten sie die Schiffsbrüchigen um – Sylts Geschichte, ein Kreislauf des Ausbeutens und Ausgebeutet-Werdens im unveränderlichen Rhythmus der Gezeiten.

Am Petritag waren die Sylter bisher meist unter sich. In den letzten Jahren aber mischen sich immer mehr Zweithausbesitzer und Sylt-Fans unter die Feierlichkeiten – für ihr ganz persönliches Insel-Gefühl auch im Winter. Sind es womöglich die Seelen der einstigen Seefahrer, die nun kommen, um sich ihren Besitz und ihr Leben zurückzuholen?

Gemeinsam feiert man bei Bier, Grünkohl und klirrender Kälte. Die Nationalhymne Sylts Üs Söl’ring Lön’ – Unser Sylter Land, die auf Sölring verfasst ist, der nordfriesischen Sprache, die auf Sylt nur noch wenige Alte sprechen, schallt dabei meist aus der Konserve. Sowohl die Nachfahren der Walfänger als auch die „reichen Fremden“ bewegen dazu ein wenig die Lippen, während weit draußen im Meer der Blanke Hans gewaltige Wassermassen aus seinen Kiemen strömen lässt.

Ein einziger Schrei – die Stadt ist versunken,

und Hunderttausende sind ertrunken.

Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,

schwamm andern Tags der stumme Fisch.

Heut bin ich über Rungholt gefahren,

die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.

Trutz, Blanke Hans!

 

 


 

Im Jahr 2011 war ich „Inselschreiber“ auf Sylt. Während eines Sommer- und eines Wintermonats konnte ich die gegensätzlichen Gesichter der Insel kennenlernen. „Inselschreiber Sylt“ ist ein Literaturstipendium, das von der Stiftung „Sylt Foundation“ vergeben wird. Sie hat ihren Sitz in Rantum auf Sylt – umgeben vom Meer ist es ein Ort des Austauschs und der Kooperation internationaler Künstler. Die Sylt Foundation engagiert sich mit Förderprogrammen für Schriftsteller, bildende Künstler und Musiker in Südafrika, vergibt Residencies in Johannesburg, betreut Ausstellungen oder bringt in Kunstprojekten so unterschiedliche Inseln wie Sylt, die Philippinen und Indonesien einander näher. „Das Fremde auszuhalten fällt mir leicht, weil ich selbst überall fremd bin“, erzählte mir Indra Wussow, die Gründerin der Stiftung, in einem Gespräch zur Vorbereitung auf diesen Text – und nennt damit den Grundgedanken der Stiftung, geografische und geistige Inseln miteinander zu verbinden und weltweit neue entstehen zu lassen.

Ich danke Indra Wussow und der Sylt Foundation für die wertvollen Informationen, die zu diesem Text beigetragen haben, und für die Zeit, die ich als „Inselschreiber“ auf Sylt verbringen durfte.

 

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