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Die Zeit der Ehrenproleten

 

Männer, die einen Kodex haben. Frömmler, die Frauen strafen. Unser Kolumnist sagt: Ein Leben ohne Ehre und Eide ist das bessere Leben.

Späte Nacht, bin abgekämpft, an den Nebentischen sitzen Abgekämpfte meines Schlages: ohne Begleitung, mit leerem Becher oder Glas auf dem Tisch. Starre in den Himmel und erschrecke – Stern bewegt sich. Flugzeug? Nein, zu hoch. Satellit, der die Erde in Bahnen umläuft, bis er herabstürzt.

Der Wirt spannt flink die Schirme auf, es gibt einen kurzen heftigen Regen. Es tritt aus dem Dunkeln heraus eine Frau, sie kennt mich aus der Zeitung. Sie fragt, ob sie sich setzen darf, ob sie stört. Ich sage blöd: Bitte ja, wieso nicht? Wir sprechen, wir sprechen über die Ehre. Was ist das? Etwas, was mit dem echten Leben nichts zu tun hat: Ehre ist das Kostüm aus Rattenhäuten, in das ein Mann schlüpft. Ein Wahn, für den die Frauen mit ihrem Blut bezahlen. Die Zeit der Ehrenduelle ist vorbei. Es ist jetzt die Zeit der aufgepumpten Ehrenproleten.

Sie spricht: Männer, die beim Schwur die Hand aus Herz legen. Männer, die die Himmelsmacht beschwören. Onkel, Cousins, Vettern haben sich mir unsittlich genähert. Ich war ein keimendes Mädchen. Und ich dachte: Wofür bestrafen sie mich? Habe ich gesündigt? Ist mein Schweiß der Sündenseim, der mir die Haut glänzen macht? Sie gingen ins Gotteshaus, sie legten das Strickkäppchen aufs Haar, sie lauschten den Worten des Predigers. Nachts, wenn sich auf alles ein Schleier legte, wenn ich im Dunkeln lag, kamen sie über mich und ich lag danach im verschmutzten Bett. Das Laken und die Bettdecke brannten. Und ich brannte, weil ich schlecht war. Die Männer brachten mir Schlechtigkeit bei.

Von Ehre und Proleten - FreitextDie Sünde, das war ich, ich war der Lockstoff: Meine Lehrer im Dunkeln haben es mich gelehrt. Später ging ich weg, ich verließ meine dunklen Verwandten. Sie nannten mich eine Verräterin. Ich verriet das Bett ihrer Wollust. Ich verriet das Mädchen ihrer Wünsche. Ich verriet meine Mutter, die mir sagte: Der feuchte Schritt des Mannes ist ein Greuel, aber lerne es zu übergehen. Ich spuckte auf sie alle. Genug, danke für die Zigarette, machs gut…

Schrott am Hamburger Himmel, ich schlüpfe in den Mantel, bestelle eine Karaffe Wasser. Ehre. Eine Kultur der Männer mit Ehre, die von der Keuschheit der Kindsfrauen reden, die sie heiraten – was ist das? Eine Perversion. Die Männer sagen: Das Ahnengesetz bindet uns. Scham und Schicklichkeit, darauf legen wir uns fest. Durch die Schande wird eine Frau ruchlos … Was steckt hinter dem Geschwätz? Die Ehrenmänner stricken an der Lüge, die sie sich über die Schultern werfen wie einen alten geerbten Überwurf. Ich denke über die Männer nach, die in Scharen nach Deutschland kommen. Deutsche Frauen helfen ihnen unentgeltlich und doch müssten sie ein Unbehagen spüren. Werden die vertriebenen Kurden und Araber am Brauchtum ihrer Herkunftsländer festgehalten, weil es Rettung verspricht in einer unverständlichen Welt? Kippt die Stimmung, wenn die ersten Ehrenrächer die Frauen ihrer Sippe strafen?

Albaner, Türken, Kurden und Araber – was haben sie gemeinsam? Den Ehrenkodex, den viele fiese Frömmler heiligen. Treueschwur und Eidbruch, das sind für sie keine hohlen Worte. Großherzig sind die Deutschen, da sie die Flüchtlinge willkommen heißen. Fremde Männer fremder Sitten: Sie sind dankbar für das Bleiberecht, das ihnen gewährt wird. Leben sie sich ein, erkennen sie die Verkommenheit der Ordnungen denen sie entflohen sind? In den kleinen Parallelwelten, die man Türkenviertel nennt, gibt es uneinsehbare Abseiten, dunkle Katakomben, Hinterzimmer in Häusern auf Hinterhöfen. Sektenjünger und Splittergruppenmarxisten lehren hier die Regeln der Frechheit: Erkennt das Andere, das Fremde, nicht in euch. Erkennt es an den Deutschen, beben die Eiferer vor Glück, weil sie auf Anhang unter den neuen Einwanderern hoffen? Ich denke an die Kinder, an die Mädchen. Man erlaubt es ihnen nicht, dass sie heraustreten aus der Gemeinschaft der wahnverstrickten Männer. Ich hoffe, dass sie es schafften. Ein Leben ohne Ehre und Eide ist das bessere Leben.

5 Kommentare

  1. Avatar  Vakit

    Ein Leben ohne Ehre und Eide ist das bessere Leben.

    Das sehe ich auch so.

    Oft überlege ich ob sich die letzten Jahre da was geaendert hat in der Türkei…bin mir aber nicht sicher.Eher nicht…

    Die Frau ist immer der Besitz des Mannes.Das ist so….ekelhaft.

  2. Avatar  zehwa

    Immer wieder lesenswert, das Deutsch mit arabischem Sound, auch wenn oft die Aussage unter dem Klangteppich verschwindet.
    Diesmal nicht. Anachronistisch sozialisierte Horden kommen also auf uns zu? Wieviele noch?
    Ohne Zweifel kommen diverse zweifelhaft eingestellte Maenner nach Deutschland, aber hatten wir diese Debatte nicht vor 40 Jahren schonmal?

    Warum kommen die tuerkischstaemmigen Deutschen in dieser Fluechtlingsdebatte nie vor: die Anwaelte namens Alkin, die Gemuesehaendler namens Coban, die Offiziere names Yildiz, der Tischlermeister namens Guezel, der Autor namens Zaimoglu?

    Panikmache gilt nicht.

  3. Avatar  irrenistmenschlich

    Danke, danke Feridun,

    dass du uns „Deutschen“ mal erklärst, dass „Deutschsein“ nichts bedeutet!
    Immo sehen wir einen Wandel von der „Leitkultur“ zur „Leidkultur“, dennoch sehen wir nichts….jedenfalls nichts, was uns menschlicher machen würde!

  4. Avatar  Philomena

    Dieses Phänomen ist keines, der hier ansässigen „Fremden“, der deutsche Mann macht das genauso! Meine Erfahrungen zeigen mir, dass es mit „Ehre“ nicht viel zu tun hat, was Mann heute so umtreibt. Schade es könnte so schön sein, mit uns Frauen und euch Männern.

  5. Avatar  B.

    Lieber Autor, Sie schreiben mir direkt aus meiner Seele. Gern aber von Peinlichkeit berührt denke ich an meine Zeit als naiver Gutmensch zurück. Wie einfach war die Welt, wie hoch das gesellschaftliche Ansehen und wie erhebend die eigene Selbstgefälligkeit. Was habe ich in meiner Unwissenheit nur angerichtet?

 

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