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Wer ist heute deutschfidel?

Wer mag sagen: Deutschsein ist selbstverständlich schön? Zu viele sprechen in diesen Tagen von der Verschüttung der Landessitten und dem Ende der Kultur.

Ich sah die Verrenkten aller Stämme in Bahnhofsnähe, sie sprangen mich an, sie suchten meine Nähe, sie wollten sich verschwenden in wilden Gebärden, sie zischten, sie kollerten, sie hechelten, sie schluckten Luft, was hatten sie im Blut, Korn, Keim, Crystal Meth, Mett-Kristall, rief der Marokkaner, der sich als Zeichen der Ankunft im Norden einen Anker unterm Unterlid gestochen hatte, Blutkristall, das ist mein deutscher Stolz, rief er, und ich geriet in einer anderen Stadt, vor einem anderen Bahnhof an einen anderen Verrenkten. Roh und rabiat war er, er paukte laut die Lehrsätze seiner neuen Bestimmung: Ich will keine Maus im Maul der Katze sein, ich will kämpfen gegen die Rotten, die mein Land besiedeln, ich will das Jesuskind beschützen, ich will…

Ich wandte mich ab, ich wurde vom national erlösten Jungalkoholiker verflucht. Es lauerte an der Ecke der übernächtigte Gottlose, er klaubte die Stumpen vom Pflaster, schnickte sie ins Genick der Schulschwänzer, die ihn anfallen wollten, ich ging dazwischen, ich dachte: Der Onkel schlichtet den Streit. Gossengoethe, schrie der Eckensteher, ich kenn dich, du bist es, ich schlag dich tot. Ich lehnte den nassen Stumpen ab, ich wollte mir kein Herpesbläschen anrauchen, der zitternde zappelnden Drogenjunge sprach von der Rassenschärfe, von der scharfen weißen Rasse, alte Worte, alte Zähne, altes Maul.

Die Deutschen und die Nichtdeutschseinwollenden und die Deutschgewordenen der Gosse, sie stehen zur Unzeit stramm, sie strecken den kaputten Leib, als wären sie an den Fahneneid gebunden, sie singen lallend Hymnen, hätten sie ein Fell, würden sie es sträuben wie Schakale. Was habe ich mit ihnen zu schaffen? Die Verrenkten sagen: Sei gut zu uns, gib ne Münze her – sind wir dir fremd?

feridunfreitag

Ich erfahre die Herbstbelebung, in den Städten im Osten, in den Städten im Westen. Im Lokal erster Wahl aß ich in Aachen einen Flammkuchen nicht-elsässer Art (Ziegenkäse, Honig, Rucola), fünfundzwanzig Zentimeter Durchmesser, ich verbiss mich beim Zerbeißen des Salats, es tropfte mir das Blut von der Lippe auf die Hand.

Kurz vor Mitternacht lief ich durch die Straßen, ich wollte mich müde laufen, ich wollte nichts entdecken. Ein Student entdeckte mich, Kind von Türken, der erste Deutsche seiner Sippe, Spätdeutscher, klug geworden, deutsch geworden. Wurde beschimpft als Hilfsvolkfellache, klein geraspelter Knaller, Geierfutter, vermuster Kanake. Ich dachte: Öde Geschichte, gibt’s denn nicht die Aufregung, gibt’s denn nicht den Übersprung, den Himmel, der uns auffrisst, und gegen den wir uns wehren, gibt’s denn nicht diesen schönen poetischen Blödsinn, dass wir den harten langen Winter überleben?

Von seinem Grab in Deutschland sprach der Student, der Flammkuchen in meinem Magen war verdaut, und also fuhr ich ihn an, nein, das stimmt nicht, ich war wieder einmal höflich, und sagte: Gute Nacht. Von Tod und Gräbern sprechen mir zu viele in diesen Tagen, von Verschüttung der Landessitte und der Kultur, und keiner ist deutschfidel, keiner ist hoffnungsfroh, Deutschsein heute: Wer zu uns will, kann zu uns und muss aber all die schönen Dinge achten, die auch wir achten. Der Student drängt auf ein Bekenntnis, ich bin es leid, ich bezahle und fliehe ins Freie.

Die einen lärmen mir zu viel, die anderen sind mir zu blass. Die einen brauchen bunte Fetzen an Stangen über ihren Köpfen, die anderen weisen sich aus über den Heldenmut ihrer Ahnen. Die einen wollen als Volk aussterben, die anderen glimmen in ihren Bürgerstuben aus. Wer ist heute deutschfidel? Wer mag sagen: Deutschsein ist selbstverständlich schön…?

Da traf ich den nächsten Verrenkten, Klappergeraffel an den Handgelenken, Nieten im Gesicht, er blökte im Biersuff Syrer an, er brüllte: Deutsche Härte!, er schritt wie ein angeschossener Soldat auf und ab, er verstellte mir den Weg und fragte: Deutsch?, ich rief: Deutsch! Er reichte die Dose her, ich aber wollte mir kein Herpesbläschen antrinken und lehnte ab. Macht ein Deutscher so etwas? Lehnt er einen guten Schluck ab? Manchmal ja.

10 Kommentare

  1.   berndsandmann

    Und….?

  2.   Marty Tothero

    Fair is foul and foul is fair: es gibt eben auch Verlierer, da wo man Gewinner wähnt. Und der Habitus des Verlierers maskiert zuweilen den wahren Gewinner. Wer ist Herr und wer ist Diener? Man möchte meinen, Denis Diderot hat diese Glosse geschrieben. Vom ex-türkischen Jacques und seinen deutschen Meistern in der Gosse. Nur: ist ein Verlierer gern ein Verlierer?

  3.   Antoninus

    „Deutschfidel“ – Warum nicht „deutschfreundlich“ – wie es das schon 1898 gab, in Bismarckscher Prosa:
    „In dem Radziwill‘ schen Hause seien die Damen deutschfreundlich, der ältere Bruder Wilhelm durch das Ehrgefühl des preußischen Offiziers in derselben Richtung gehalten, ebenso dessen Sohn Anton, bei dem die persönliche Anhänglichkeit an Se. Majestät hinzukomme.“ (Otto von: Gedanken und Erinnerungen. Bd. 2. Stuttgart, 1898. – Wie deutlich wid am Konjunktiv, er OvB gibt eine andere Meinung wieder; nicht erkennbar, ob er sich distanzieren wolle?)

  4.   MIGs über Berlin

    Für einen der das frühere deutsche Wertesystem, das Gemeinschaftsgefühl und die gelebte Kultur nie kennengelernt hat ist es natürlich lustig zynisch zu spotten und das Opfer auf dem Boden liegend weiter zu treten.

    Wer sich die Bilder des 18 bis frühen 19 Jahrhunderts kennt weis das es einmal in Europa ein soziales Paradies gab.

  5.   Standpunkt?

    Und wo ist Ihr Standpunkt?
    Keinen zu haben ist derzeit am Gesündesten.
    Frau Uekermann wurde von ihrem Parteifreund bescheinigt ganz krank im Kopf zu sein.
    Weil sie schamhaft anmerkte dass nicht nur die Armen die Zeche zahlen sollen – für die orgiastische Humanität unserer Schickeria.
    Da bin ich erschrocken Weil sich oben und unten, rechts und links, krank und gesund plötzlich verschoben haben. Wo ich mich doch viele Jahre an ihre Position gewöhnt hatte.
    Bei welchem Bahnhof bekommt man Chrystal?

  6.   berndsandmann

    so what?

  7.   g.wissen

    Wo treiben Sie sich denn herum, Herr Zaimoglu?
    Haben Sie keine Menschen getroffen, die mit harter Arbeit und viel Idealismus dieses Land so aufgebaut haben, daß es heute mit seiner Kultur und seinem Wohlstand ein begehrtes Touristen- und Eineanderungsziel geworden ist?
    Aber stimmt ja, die arbeiten am Tage und schlafen in der Nacht.
    Kulturlos eben.

  8.   Werner Barth

    Ist schon ein harter Brocken, der Autor, dass er es jetzt schon 40 Jahre in Deutschland ausgehalten hat.

    W. Barth

  9.   DieMora

    „Deutschfidel“ – Warum nicht „deutschfreundlich“ – wie es das schon 1898 gab, in Bismarckscher Prosa:
    Vielleicht weil „deutschfidel“ etwas anderes meint?
    Nehmen wir’s als ein kleines Stück Literatur – und Antwort auf den einen oder anderen Abgesang- dann ist dieser Text doch richtig gut!

  10.   elblette

    @MIGs über Berlin: Wer sich die Bilder kennt, muss natürlich auch nicht schreiben können oder auch nur ansatzweise verstehen, was er da schreibt. Lesen Sie mal ein Geschichtsbuch, junger Mann, dann wird Ihnen klar, dass Ihre Familie in dem angeblichen Paradies damals höchstens die Böden wischen durfte.

 

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