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Donnernde Deutsche Republik

Untergangsparolen werden geschmettert, der deutsche Traum wird beschworen. Was für ein gruseliges Wintermärchen entspinnt sich da gerade! Das Fax der Woche

Ich sah Frauen, die hinauf schauten: Krähen hackten das Moos in den Dachtraufen in Stücke, Heißer Herbst, es regnete Moos vom Himmel, und die Frauen hauchten Atemwolken aus und blickten blind auf die Moosstücke vor ihren Füßen, dies war der deutsche Traum, den sie träumten, der deutsche Augenblick, den sie lebten, ich lief vorbei und da rief ein Mann, der mich wiedererkannte:

Ich zeuge deutsche Kinder für den kommenden Volksaufstand, die Frau an seiner Seite lief rot an und zerrte ihn in den Hauseingang, Heißer Herbst, kleine Triumphe, aufgespannte Regenschirme, die Bürger im Lottoladen riefen den Volkstrauertag aus: Sie kommen, wir zerfallen, die Kassiererinnen im Supermarkt waren ernüchtert: Arabien siegt; am langen Tresen saßen auf Barhockern wie Veteranen die Trinker und schrien: Bald werden die Schnapser öffentlich geköpft.

Überall ging die Rede vom bezwungenen Imperium, von der ewigen Nacht nach der Kapitulation, vom fremden Volk, das erwacht mitten unter uns, statt dass wir erwachten in unserem Land. Beschneidung wird Pflicht, sagte der Besiegte im Vorlesungssaal, sagte der Besiegte in der Arbeitsagentur – war ich besiegt? Waren die Scharen über mich gekommen und hatten mich niedergeschlagen? Das Gerücht der Stunde: Wir sind erloschen. Das Geflüster des Volkes: Vorbei ist vorbei, mein Herzblatt. Das letzte Glas, die letzte Liebe, der letzte Seufzer, das letzte Gebet, der letzte Aufruf, die letzten wenigen Schritte vor dem Fall.

Welcher Himmel bläute morgen, wessen Knechte würden wir werden, weil wir beizeiten nicht wachsam gewesen waren? Volkes Schmerzstunde, Volkes böses Erwachen; Heißer Herbst, eroberte Gebiete, erstürmtes Land. Ich lass mir eine Glatze schneiden, sagte die Erstsemesterin, dann leuchtet mir der Kopf wie der Vollmond, das ist doch denen ihr Zeichen, oder ich trag die lange Perücke, die mir den Hals bedeckt, dann bin ich verhüllt und werd’ nicht gesteinigt… Pissbecken werden verboten, rief ein Mann in der Kasseler Innenstadt, die schaufeln Löcher innen Boden und wir kacken nur noch in der Hocke… Wer hat Angst vor dem Plumpsklo? Der Kasseler Mann. Nicht alle Kasseler Männer.

Faksimile des Faxes von Feridun Zaimoglu

Deutschlandende. Weltende. Klein-Damaskus in Berlin. Klein-Bagdad in München. Eine Frau, keine Besiegte, nannte mich beharrlich Knabe und Knäbchen aus dem Morgenland, sie rief: Vergangen ist dein Reich. Vergangen ist mir die Lust, Männer deines Schlages zu achten… Deutsch ist gut, rief ich, was wollen Sie mich bekämpfen? …

Sie zog von ihrem Tisch zu meinem Tisch, ihr Mann zog nach, und da sie unbeherrscht waren, bat ich sie um Mäßigung, um einen maßvollen Ton. Heißer Herbst, Nebel in den Gassen, beschlagene Scheiben im Wirtshaus, Aufbruch West, schrie die Dame, wir fangen hier an und zerschmettern die Horden, sie hielt sich am Arm ihres Mannes fest, als wäre er eine Stange, an der das neue deutsche Banner wehte. Zerschmetterung: Vokabel der Erbosten. Tod den Teufeln: Parole der Exorzisten.

Ich aber aß Kalbsbäckchen und dachte im Wortschrotthagel der Dame nach: Gehören sie und ihr Mann zum Volk? Hassen sie mich, weil sie mich für den Führer der Fellachen halten? Habe ich nicht Ihnen vorgeschlagen, mal das Jammern einzustellen, und haben sie mich nicht deswegen noch ärger beschimpft? … Es gibt die Hysteriker und die Hybriden, es gibt die Trüben, die Trottel und die Tröten; es gibt die Kämpferischen und die im Kampf ungeübten – Heißer Herbst, die Übergangsjacken wurden eingemottet, die Besiegten zeigten sich als Sieger in Mänteln der neuen Kollektion, das war die Vorbereitung auf das Wintermärchen.

Was nicht zusammen gehörte, wurde auseinander geklopft: Schwüre des Zusammenhalts unter den Linden, unter den Eichen. Dresden den Dresdnern, Kasseler raus. Die Sieger beschrifteten Pappschilder: Hitler = Europa! Donnernde Deutsche Republik! Wir geben nix, ihr habt alles! Jede Lügenfresse träumte vom großen Auftritt. Ich aber verdaute das Kalbsbäckchen. Darmgrollen.

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21 Kommentare

  1.   Bayerisch Crème

    Auf Deutschland lässt sich das nicht reduzieren. Nicht nur auf plakativer Ebene, vgl. in anderen EU Staatem wie zB Frankreich oder in den, in Deutschland häufig als „liberales Wunderland“ überhöhten, Niederlanden viel etabliertere Rechtspopulisten, sowohl in Gesellschaft wie auch Politik. Auch tut sich nicht nur Deutschland schwer mit dieser modernen Völkerwanderung (ja, über 1 Mio. Menschen die zu Fuß in einem Trek eine neue Heimat suchen, das ist so klassisch Völkerwanderung wie es nur sein kann, egal, ob man es so nennen will oder nicht) und auch mit Identitätsfragen in der Globalisierung.

    Wir haben es hier mit einer viel breiteren Problematik zu tun:

    Wir erleben derzeit eine weitere Kränkung der Menschheit (d. h. der westlichen Welt, die ja generell dazu tendiert, sich auf die ganze Welt zu universalisieren).

    Nach Freud waren die ersten drei die kopernikanische Wende, die Abstammung vom Tier sowie die Entdeckung des Unterbewusstseins („Nicht Herr im eigenen Körper“).

    Der Westen erlebt nun, dass die von ihm in der Aufklärung erarbeitete Ethik scheitert. Sie scheitert politisch, in Form der informellen Plutokratien, zu denen sich unsere Demokratien sukzessive entwickelt haben, sie scheitert nun auch in Form der sog. Menschenrechte, die über die westlichen Organisationen wie die UN und westliche Proklamationen wie zB die Flüchtlingskonvention einseitig von den westlichen Gesellschaften als „universelle Menschenrechte“ bezeichnet wurden.

    In einer Welt der enormen und weiter galoppierenden Überbevölkerung, in der 1 Mrd. Menschen in Wohlstand über 6 Mrd. Menschen in Armut gegenüber stehen – davon 800 Mio. akut hungernd – können diese Ansprüche nur an der Realität zerbrechen. Nicht mehr der politische Wille oder die alte Debatte „Egoismus Vs. Altruismus“ sind der Grund, sondern schiere Überforderung bzw. Selbstüberschätzung auf Seiten jener, die tatsächlich denken, es wäre anders.

    Geronnen ist diese Hybris wohl am prägnantesten im fast rührend-unschuldigen Ausspruch „Wir schaffen das!“. Der Westen erlebt gerade seine Ohnmacht. Eine Kränkung für all jene, die der Hybris erlagen, dass politische Ideale die Welt verändern.

  2.   Tezcatlipoca

    Bin ja mal gespannt, ob diejenigen, die uns zumuten, Sarrazin zu ertragen, ihrerseits dies hier ertragen.

    Zu dick aufgetragen ist beides, demokratisch freie Meinungsäußerung aber auch.

    Da Zuwanderer, ist aber auch mir und meiner Familie der entgegenschlagende „Wortschrotthagel“ (tolles Wort) der dunkeldeutschen Milieus nicht fremd, weswegen sich Zaimoglu doch um einiges näher (weil: erlebter) anfühlt.

  3.   GrinnyLittlebum

    Ich hatte viel Spaß beim Lesen dieses Textes. Vielleicht kann man sich mit dem Thema gar nicht mehr anders auseinandersetzen, ohne depressiv zu werden. (Ich habe seit Wochen aufgegeben, Leserkommentare zu Artikeln über Asylsuchende zu lesen. Das Ausmaß an widerlicher Kleingeistigkeit, das in der Mehrzahl der Beiträge erkennbar ist, macht mir die Lektüre solcher Hasstiraden mittlerweile unmöglich.) Danke für die unterhaltsame, intelligente Verschnaufpause, Herr Zaimoglu!

  4.   Die Gefühle der Selfie-Kanzlerin halten nicht.

    So schön hätt’s werden können, haben sich viele Deutsche wohl gedacht. Aber jetzt wird Deutschland von den restlichen Europäern einfach im Regen stehen gelassen. Wir beobachten langsam wachsendes Chaos, beginnende Selbstzerfleischung der Deutschen. Die Betroffenheit der restlichen Europäer ist nicht gefühlsmäßig sondern real. Wir dürfen das mittragen, was Merkel ins Blaue hinein versprochen hat. Warum sollten wir also die Deutschen bedauern?

  5.   Die Gefühle der Selfie-Kanzlerin halten nicht.

    Da hat die Selfie-Kanzlerin also was ins Blaue versprochen und weil sie ja genau weiss, was Europa guttut, gar nicht erst die europäischen Nachbarn gefragt, was sie vom neuen deutschen Wintermärchen halten. Die hätten ihr nämlich gleich ordentlich den Marsch geblasen. Und so ignoriert sie nachhaltig das Erfordernis, Menschen vor Ort finanziell zu helfen, sondern sie heißt die Völkerwanderung willkommen. Deutschland ist nicht zu helfen und kurz- bis mittelfristig werden die europäischen Nachbarn den Hut drauf hauen und selbst ihre Interessen wahren. Höchste Zeit dafür.

  6.   Zakk

    Mir fällt bei diesem Kolumnisten eigentlich nur ein Wort ein: Redundanz. Immer geht es um um hinterwäldlerischere, rückständige, ewig-gestrige Mitbürger. Im Grunde um Deutsche, die nicht erkannt haben, dass sie eigentlich Dinosaurier sind. Die Darstellung erfolgt schon mit unterschiedlichem Einschlag. Bildungsbürger, die das hohe Lied des Werte-Kanons singen, ostdeutsche und/oder rechte Loser, Schrebergarten-Spießer usw. usf. Ich werde hier das Gefühl nicht los, dass einer sich ärgert im Club nicht aufgenommen worden zu sein und nun sucht er Gründe dafür, dass es ja sowie nichts Schrecklicheres gibt als einer von denen zu sein. Vielleicht würde eine persönliche Aufarbeitung helfen aus dieser thematischen Monotonie herauszukommen. Dann könnte er als Autor sich auch mal weiter entwickeln. Oder ist sein Migrationshintergrund die einzige Legitimation für sein Schreiben?

  7.   Kajaal

    Gäähn!
    Herr F postet, ach ja……inhaltlich wie stilistisch lächerlich!
    Was schlucken, spritzen, rauchen Sie eigentlich, um auf so einen Quark zu kommen?.

  8.   SubversiverDemokrat

    Vollmondnacht und Windstille. Die Herde ist nervös. Der Schall trägt weit in dieser Nacht.
    Blechnäpfe in Tüchern. Sporen abgelegt. Stampede liegt in der Luft. Warmes Feuer. Geducktes Essen. Ein Löffel fällt. Böse Blicke. Es ist zu spät. Die Herde zieht. Und der Cowboy schwingt sein Lasso und ruft laut: „yippie ya yeah!“

  9.   Sepp-Gomulka

    Warum gehen Sie nicht mal nach Passau an die deutsch-österreichische Grenze und sehen sich an, was zur Zeit läuft? Oder machen sich mal die Mühe, auf youtube nach entsprechenden Beiträgen zu suchen? Da werden Sie sich u.U. solche sedierenden Beiträge in Zukunft ersparen.

  10.   CarlitoJ

    ZON vermarktet das als „heitere Kolumne“. Die Gründe für Heiterkeit vergehen einem so langsam in diesem Herbst, in dem Politiker von Massenknästen für Flüchtlinge – exterritorial selbstverständnis – (nicht nur) träumen, und militanta Rechte meinen, den Rest erledigen zu müssen.

    „Darmgrollen.“ Ja, mindestens!

 

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