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Wer zu viele Ängste hat, der sollte zum Arzt gehen

 

Wer als junger Mensch Helmut Schmidt zuhörte, der begriff plötzlich das Denken der eigenen Generation. Lernen konnte man noch etwas anderes: den Mut zur Widerständigkeit.

Der Kanzler meiner Großeltern war Willy Brandt, der Kniefall in Warschau das Bild, mit dem sie sich ihr Leben nachträglich erklärten. Der Kanzler meiner Eltern war kein Kanzler, sondern die Sponti-Bewegung, Joschkas Turnschuhe im Bundestag, „besetzt Springer statt Nato-Doppelbeschluss“. Gegen Helmut Schmidt gingen sie auf die Straße. Mein Kanzler war ein Kanzler zum Abwählen. Sechzehn Jahre reichten. Wir wählten nicht Schröder, wir wählten Kohl ins Aus. Viele von uns zumindest. Doch wie auch immer wir politisch sozialisiert wurden, es gab eine Stimme, die, für manche leiser, für andere lauter, uns bei einer Zigarette erklärte, in welcher Welt wir eigentlich lebten – und vor allem: aus welcher wir kamen.

Das Amt stirbt nicht, hat man früher gesagt. Seit Jahren aber verbesserte man sich: Helmut Schmidt stirbt nicht. Das Amt hatte er schon lange überlebt. So ungewöhnlich ist es natürlich nicht, wenn ein hochrangiger Politiker seine Karriere als Elder Statesman fortsetzt. Wir lassen uns schließlich gerne die Welt deuten von Menschen, die durch dreierlei legitimiert sind: sie waren dabei, sie haben Verantwortung getragen, und sie überblicken Zusammenhänge besser als andere. Format gehört dazu, um aus diesem Potpourri eine moralische Instanz des gesellschaftlichen Geschehens zu machen, eine Portion Mitteilungsbedürfnis auch und vielleicht, um ein wenig pathetisch zu reden, eine Sorge ums Land, die größer ist als die Sorge um das eigene finanzielle Vermögen. Man traut einem Kanzler a. D. eher über den Weg als seinem amtierenden Kollegen oder der Kollegin, ganz einfach, weil er von Machtinteressen, Ränkespielen und parteiinternen Querelen gelöst scheint. Macht macht korrumpierbar, so zumindest das Vorurteil, vergangene Macht hingegen gelassen und weise.

In diesen Tagen hat man allerdings das Gefühl, nicht ein Staatsmann sei gestorben, elder or not, sondern die alte Bundesrepublik selbst, 25 Jahre nach ihrer Metamorphose. Und daran ist ja auch etwas dran, war Helmut Schmidt doch die Personifikation der alten BRD mindestens für jene, die zu spät geboren wurden, um sie wirklich als ihre Heimat erlebt zu haben (wenngleich die BRD nicht an jedem Fleck so elegant ausgesehen haben mag wie dieser Stellvertreter). Willy Brandt äußerte sich zu wenig und starb zu früh, um uns noch zu erklären, was das wohl gewesen sein mag, das Land aus dem wir kommen. Helmut Kohl war süddeutsch, war Birne und Saumagen und der Aufbruch zur Wiedervereinigung, Kanzler der Einheit, der das Versprechen blühender Landschaften gab, an das wir besonders dann gerne denken, wenn wir durch eines der ausgestorbenen Dörfer Mecklenburgs fahren.

Helmut Schmidt: Wer zu viele Ängste hat, sollte zum Arzt gehen
© dpa

Die BRD und die Welt drum herum war während des Kabinetts Schmidt die Ölkrise, war der Nato-Doppelbeschluss, waren RAF, Mogadischu und Schleyer. Retrospektiv gesehen ist unter Helmut Schmidt vieles, wie man so sagt, noch mal gut gegangen. Nicht alles. Schmidts Pragmatismus hat dabei oft härtere Konsequenzen in Kauf genommen, als viele seiner Kollegen das gewagt hätten. So blieb er handlungsfähig. Vielleicht war es auch das, was wir uns von Schmidt, dem Welterklärer, gewünscht haben: dass alle Bedrohung, jede aktuelle Unwägbarkeit doch Geschichte sein möge so wie die Befreiung der Geiseln aus der gekidnappten Landshut 1977.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, hat Schmidt einmal befunden, ein trockenes Bekenntnis zur Realpolitik, ein Satz seiner Generation, der eben auch vor den Folgen irrationaler Politik warnt, die er selbst im Dritten Reich miterlebt hat. Auf eigentümliche Art gewandelt, geschichtslos geworden, hat sich dieser Satz meiner Generation eingeschrieben, die geboren wurde, als Schmidt schon nicht mehr Kanzler war. Die 1980er, vielleicht auch noch die 1990er Jahrgänge, die mit diesem Satz geimpft sind und genau daran kranken: Utopien allenfalls für eine literarische Gattung zu halten. Wir haben keine Visionen mehr, wir studieren lieber Medizin und denken an unsere Rente.

Ausgerechnet eine LBS-Werbung hat unsere Generation einmal sehr treffend entlarvt. Während unsere Eltern als Teilzeithippies mit guten Pensionsansprüchen von Bauwagenkolonien träumten, wollen wir lieber Bausparen: Doppelhaushälfte und Carport, Spießer werden. Steht es wirklich so schlimm um uns? Aber wir sind eben auch hierin die Nachkommen der Amtszeit Schmidt. Dass der Sozialstaat genauso wie staatliche Verschuldung Grenzen haben könnte, daran scheiterte 1982 die sozialliberale Koalition. Wofür der Staat nicht mehr sorgt, darum müssen sie sich eben selbst kümmern. Der Freiheitsdrang der 68er und Spät-68er war durch Staatsfürsorge gut abgefedert. Bevor hingegen wir Luftsprünge machen, bringen wir erst mal unsere Schäfchen ins Trockene. Moment – ziehen wir uns überhaupt erst mal Schäfchen auf. Ob sich der Horizont verengt hat oder nicht – wissen wir das überhaupt oder starren wir nur noch auf den Alltag vor uns wie das paralysierte Kaninchen auf die Schlange?

Während man gegen die Eltern rebelliert, akzeptiert man die Großeltern oft eher, gerade weil sie nicht im Kleinklein unserer Routinen herumpfuschen, ihre Werte ferner sind und sich uns nicht so aufdrängen. Vor vier Jahren fuhr ich nach Hamburg, um Helmut Schmidt zu treffen oder, genau genommen, um an einer Redaktionssitzung der ZEIT teilzunehmen. Aber nein, eigentlich fuhr ich eben doch vor allem, um den ehemaligen Bundeskanzler zu erleben. Bernd Ulrich und Jan Ross witzelten vorab ein wenig darüber und dann, ehe die Eminenz den Flur entlanggefahren kam, wurde mir der Platz neben Schmidt zugewiesen, was mir viel zu nah war an diesem Gravitationsfeld. Am Ende der Sitzung werde die Luft zum Schneiden sein, wurde ich noch gewarnt, Schmidt rauche eine nach der anderen.

Und dann saß er neben mir, auf dem Schoß einen Stapel Artikel, die er mit Textmarker durchgearbeitet hatte wie in einem Uni-Seminar, vor sich ein Döschen Schnupftabak, aus dem er alle zehn Minuten eine Prise herausklopfte. Musste man sich Sorgen machen, dass er nicht rauchte? Artikel wurden gelobt, andere kritisiert, Themen für die nächste Woche besprochen, eine gewöhnliche Redaktionssitzung eben.

Und dann, nach einer halben Stunde etwa, sprach die Autorität. Es war schlagartig still im Raum und die gestandenen Redakteure um mich wirkten wie Schüler, die Schmidt, ohne überheblich zu sein, aber doch bestimmt, von ihren Höhenflügen runterholte auf den Boden der Tatsachen. Man müsse das doch mal verständlich machen mit dem Rettungsschirm, meinte er, mit der ihm eigenen hanseatischen Nüchternheit, in der Träume zu dem werden, was man mit viel schwarzem Kaffee von sich wegschiebt, um dann zum Wesentlichen überzugehen. Schon als Loriot-Figur hat er so gesprochen, ohne falsche Allüren: „Ich verstehe, wie gesagt, meine Wasserrechnung nicht, obwohl ich mir jedes Mal, wenn sie kommt, wieder Mühe gebe, dieses Kauderwelsch da, dieses computerausgedruckte Kauderwelsch zu verstehen.“

Um das Kauderwelsch, genannt Weltpolitik, zu begreifen, müssen wir uns jetzt andere suchen. Es wird vielstimmiger werden, so viel ist sicher, denn es ist auch die letzte Deutungshoheit, von der wir uns nun verabschieden müssen. Eine intellektuelle und moralische Instanz, wie Schmidt sie war, wird so bald nicht wiederkommen, eben auch, weil der Welterklärer eine Figur seiner Generation ist.

Günter Grass war ein Rollenverwandter Schmidts, ein sozialdemokratischer, intellektueller Hanseat mit moralischem Weisungsmonopol. Anders als Schmidt, war Grass schon zu Lebzeiten demontiert worden, und der Unterschied zwischen den beiden ist trotz aller Gemeinsamkeiten doch eklatant: Grass hatte sich als Schriftsteller aufgemacht, um in der Politik mitzumischen, war dabei aber immer Dichter geblieben. Schmidt war vom Politiker zum Zeitungsherausgeber und Autoren geworden, ohne dabei den Blick des Politikers aufzugeben.

Grass hat, je älter er wurde, aus der Sicht vieler immer häufiger daneben gelegen, zuletzt mit zwei politischen Gedichten, die schon kaum eine Zeitung mehr abdrucken wollte. Schmidt war vor Jahrzehnten bei seiner Klientel angeeckt durch den Nato-Doppelbeschluss, den er als Kanzler mit zu verantworten hatte.

Je länger er aus dem Amt war, desto größer, ungebrochener, ja vielleicht auch nostalgischer wurde die Anerkennung für ihn. Dazu trug auch seine pragmatische, um nicht zu sagen, konservative Weltsicht bei. Ein radikaler Sozialdemokrat war Schmidt nicht. Während Grass links blieb, blieb Schmidt Hanseat. Er war das, was man als vernünftig verstand, worauf man sich einigen konnte, auch unter den Jungen. Von Großvätern erwarten wir schließlich nicht, dass sie mit uns auf ein Popkonzert gehen. Vielleicht haben wir uns eher ein wenig Strenge gewünscht, die unsere Bauwageneltern nicht so recht hinbekommen haben.

Und noch eines hat Schmidt konsequenter gekonnt als die meisten unserer Eltern: Auf der einen Seite zu sehen, wo der Staat in der Verantwortung ist. Auf der anderen Seite sich aber über das hinwegzusetzen, was bürokratisches Hemmnis und Hysterie ist. Zum ersten Mal fiel Schmidt damit bei der Sturmflut 1962 auf, aber es war bis zuletzt bei ihm deutlich, im Kleinen wie im Großen.

Nach der Redaktionssitzung hat er natürlich wieder den Schnupftabak gegen Zigaretten eingetauscht. Im öffentlichen Raum, im privaten Raum, jeder Raum war ihm fürs Rauchen recht. Für die Bachelorgeneration, die mit dem Rauchverbot schon vertraut war, ehe sie überhaupt Partys feierte, für die Kontrolle, Angepasstsein und staatlicher Eingriff sich zu kleinen lästigen Selbstverständlichkeiten gemausert haben, ist das schon ein geradezu anarchisches Zurückdrängen administrativer Macht, eines, das viele sich nicht mehr trauen und manche, gar nicht wenige, überhaupt für einen Skandal halten. Die Gesundheit! Denen sei entgegnet: Wer zu viele Ängste hat, sollte zum Arzt gehen – Ängste sind nämlich, anders als in Schmidts Generation, für uns gefährlicher als Visionen.

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