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Immer nur Erbsensuppe und „Wetten, dass..?“ geht eben nicht

 

Entspannt euch, liebe Migrationspanikmacher. Gesellschaft ist auch nichts anderes als ein Betriebssystem. Das Update von Windows 95 habt ihr schließlich auch überlebt.

© Adam Berry/Getty Images
© Adam Berry/Getty Images

Erinnert ihr euch noch an Windows 95? Das war mal so ein Computerbetriebssystem, vor sehr, sehr vielen Jahrhunderten. Damals, als Computer noch diese riesigen, hässlich beigen Staubfänger in Wohn- und Arbeitszimmern waren, Röhrenmonitore hatten und ganze Klangkaskaden von sich gaben, wenn man sie anschaltete. Laptops waren damals noch zentnerschwere Ziegelsteine, mit deren Transport in die Unibibliothek man sich regelmäßig an den Rand eines Bandscheibenvorfalls schleppte, und nicht diese federleichten Airbooks, hinter denen sich die jungen Leute von heute gern mal in Cafés verschanzen. Windows 95 war das System, mit dem viele von uns ihre ersten Schritte in der digitalen Welt gelernt haben. Es war uns warm und vertraut wie Omas Erbsensuppe, wie Wetten, dass..? am Samstagabend.

Doch Zeiten ändern sich, und in der Welt der Rechenmaschinen noch viel schneller als anderswo. Andere Betriebssysteme kamen, wurden erweitert und ergänzt. Und ihr habt alle geschrien – erinnert ihr euch noch? Nichts funktionierte mehr wie vorher. Alte Programme waren nicht mehr kompatibel, die Symbole auf dem Desktop sahen plötzlich so anders aus. Oh nein!, habt ihr geschrien, das kann doch nicht sein! Wie soll ich denn klarkommen jetzt? Ich muss mich beschweren, beim Kundendienst von Microsoft, was fällt denen denn ein, mir einfach meine digitale Erbsensuppe zu versalzen? Inzwischen hat auch Apple einen transatlantischen Siegeszug angetreten und diese federleichten Airbooks sind längst nicht mehr das Statussymbol der kreativen Hautevolee, sondern Mainstream.

Gesellschaften sind wie Computersysteme. Sie ändern sich, erneuern sich und werden ergänzt. Meistens ist auch da das Geschrei zunächst mal groß. Hilfe, London hat jetzt einen muslimischen Bürgermeister! Was gibt es denn da zu feiern! Oh nein, Homosexuelle dürfen jetzt heiraten! Da gibt es ja wohl erst recht nichts zu feiern! Hilfe, Hilfe, die einstigen „Asylanten“, Zuwanderer und deren Kinder sitzen plötzlich in der Politik, in Vorständen und auf den Bühnen des Landes, als Moderatoren, Musiker und Autoren! Aber unsere Werte! Unsere schönen, heteronormativen, weißen, christlich geprägten Werte! Unsere Erbsensuppe!

Bei meinen Lesungen geraten wir aneinander, die hartnäckigen Windows-95-Benutzer und ich. Sie sagen Dinge wie: „Aber das, was Sie da erzählen, ist ja total unrealistisch!“ – „Interessant“, sage ich, „und das wissen Sie, weil Sie so viele Araber kennen und mit der arabischen Kultur so vertraut sind?“ – „Nein, aber man liest ja so einiges!“ Totschlagargumente werden ausgepackt: Kopftücher, IS, Ehrenmord.

Hm, denke ich. Mein Buch haben Sie doch aber auch gelesen, aber glauben möchten Sie mir nicht. Nein, sie möchten sich weiter in ihrer Diskursüberlegenheit sonnen. Möchten auf Teufel komm raus hören, dass Araber, oder Mitbürger mit Migrationshintergrund, wie sie uns so niedlich nennen, irgendwie doch noch kleiner, weniger und vor allem weniger wichtig sind als sie selbst. Weil es sie bedroht. Weil sie gern möchten, dass alles so bleibt, in ihren Köpfen und in ihrer Welt, wie es war, wie es ist. Windows 95 und Erbsensuppe for life!

Früher hätten mich solche Diskussionen unendlich aufgeregt. Ich hätte gewütet und getobt, hätte gezetert: „Dann glaubt doch alle, was ihr wollt, mir egal!“ Ich war ein junger Hitzkopf, ausgestattet mit dem manchmal ziemlich wilden Temperament meines arabischen Vaters. Heute denke ich zum Glück manchmal ein wenig nach, ja, auch wir sind lernfähig, und versuche zu verstehen, was genau so bedrohlich, so befremdlich an dem Gedanken ist, dass Araber und andere Menschen mit Migrationshintergrund womöglich gleichwertig sein könnten, im Guten wie im Schlechten, dass sie in erster Linie mal Menschen sind, und nicht ausschließlich ihre kulturell zugeschriebenen Attribute. Ich denke dann, dass viele dieser Menschen, die zu meinen Lesungen kommen, sich nie mit diesen Fragen auseinander setzen mussten, die wir uns stellen. Dass sie in einer Welt aufgewachsen sind, die eben geprägt war von Erbsensuppe und Wetten, dass..? am Samstagabend. Das kann man ihnen nicht vorwerfen. Aber den Unwillen, dazuzulernen, zuzuhören und die eigene Weltsicht vielleicht mal zu überprüfen, das kann man ihnen schon ab und zu mal vorwerfen.

Veränderungen sind nie einfach, und manchmal auch nicht schön. Meine Oma musste sich auch an die Benutzung eines Geldautomaten gewöhnen, weil die kleine Bankfiliale bei ihr um die Ecke geschlossen wurde. Aber ich bin mit ihr zum Automaten gegangen, habe ihr alles erklärt und drei, vier Mal geübt, Geld abzuheben und den Kontostand zu checken, und schwupps, war die Angst verschwunden.

Wenn uns die Veränderungen zu viel oder zu groß werden, erschrecken wir uns und schlagen um uns vor lauter Abwehr, Angst und Überforderung. Vorurteile sind dabei eine schöne, warme Schutzdecke, unter die man sich dann gern zurückzieht. Und sich zurücksehnt in eine Zeit, als die Welt noch nicht so groß und kompliziert war, ohne so viel digitalen Schnickschnack, so viel Auswahl im Supermarkt, so viele Ausländer überall.

Tja, liebe Windows-95- Fans, schlechte Nachrichten: Wir sind gekommen um zu bleiben, deal with it! Denn wir sind wie ein großer gesellschaftlicher Computer. Wir brauchen Upgrades und neue Tools, Betriebssysteme müssen ständig überprüft und auf den neusten Stand gebracht werden, weil man die Rechenmaschine sonst ganz bald nicht mehr brauchen kann. Die Updates machen uns nicht immer besser, aber oft eben doch. Sie machen uns bunter und schneller und leistungsfähiger und international kompatibler.

Aber tröstet euch – am Ende hat sich noch jeder an das neue Betriebssystem auf seinem Computer gewöhnt, auch wenn er Windows 95 noch lange nachgeweint hat. Und hey, vor einigen Wochen entdeckte meine 62 Jahre alte Mutter die Emojis auf ihrem iPad und schickt seither begeistert bunte Bildernachrichten an ihre Kinder. Wenn das kein Signal für eine bunte Zukunft ist, weiß ich auch nicht!

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54 Kommentare

  1. Avatar  willi07

    Verehrte Autorin. Für mich ist jeder Mensch gleich und hat die gleichen Rechte. Deswegen möchte ich Sie bitten, Ihren Artikel dem saudi-arabischen Königshaus und dem oberseb iranischen Ayatollah vorzutragen. Denn jede Frau auf Erden hat das Recht selbstbestimmt zu entscheiden, ob sie ein Auto selber fahren will oder ihre schönen Haare zeigen möchte.

  2. Avatar  Rudi Mentaer

    Wieder ein Beispiel für ein pubertäres Produkt im Rahmen dieser Kolumnenschiene. Lasst es doch einfach.

  3. Avatar  Amenophis

    Frau Karat,
    vielleicht ist es für Sie als in Deutschland geborenen Kind von Einwanderern einfach schwieriger zu verstehen, wie sich ein Franke oder Sachse mit deutschen Wurzeln beim Thema Zuwanderung fühlt.
    Ich glaube ihre Erfahrungen sind ganz naturbedingt anders. Trotzdem müssen die ‚Panikmacher‘ nicht falsch liegen.

  4. Avatar  Sequester

    Bei dem neuen Betriebssystem werden aber Addons mitgeliefert, die der User eventuell nicht braucht und das System extrem verlangsamen kann.

    Und um die neuen Komponenten auf den Rechner anzupassen muss extrem viel Geld in die Hand genommen werden.

  5. Avatar  Ariovistus52

    Mmmhh…
    Wir sind also erbsensuppenfressende, fernsehschauende, ewig-gestrige Windows – 95 Spiesser, die von der neuen „Buntheit“ nur profitieren können ?
    Sie bezeichnen sich selbst als Upgrade ?
    „Wir sind gekommen um zu bleiben, deal with it!“
    Interessantes Konzept ! Sagt mehr aus, als sie glauben !

  6. Avatar  RA/Koenen

    Ein Gesellschaftssystem mit einem Betriebssystem gleichzusetzen ist mE absurd und zeigt, dass die Autorin hier versucht, durch den Vergleich irrig eine logische und einfache Verbindung zwischen beiden Begriffen zu suggerieren. Die Komplexität eines Gesellschaftssystems und des Staatswesens scheint sie nicht im Ansatz zu begreifen, weil sie das aus ihrer trotzigen Sicht auch gar nicht will.
    Gesellschaftliche Veränderungen brauchen Generationen, besonders bei Migration und Integration und das gilt für beide Seiten. ME ist Deutschland immer noch ein christlich geprägtes Land, mit einer freiheitlich, demokratischen, gewachsenen Struktur und kein orientalischer Basar, auf dem die Werte frei verhandelbar sind. Parallelgesellschaften wie sie immer öfter anzutreffen sind und sich leider vermehren entziehen der Gesellschaft wie auch dem Staat den nötigen Zusammenhalt.

  7. Avatar  KaiF

    Klar, ja, locker bleiben, ist doch alles ganz toll, nur alle herein, wozu braucht man schon Identität? Alles Quark, genau. Probleme existieren nur in den Köpfen der Doofen. Alles Angstmacherei, genau!

    Ironie off: Verniedlichung und ideologisches Augenzu bringen nichts, wenn man reale Probleme lösen will. Im Gegenteil!

  8. Avatar  menschlichschwerokay

    Ein lustiger Artikel, dessen Analogie zwar irgendwie „lustig“ ist, aber mit dem Vergleich Betriebssystem /Migranten habe ich als jemand, dessen Computerkenntnisse etwas „vertiefter“ sind, doch arge Probleme.
    Erstens schreiben sie, dass die User doch Schon immer „ihr System“ geupdatet haben und liebe Autorin, damit haben sie recht, aber daraus die Kausalität abzuleiten : Wir MÜSSEN updaten ist schon ein wenig frech. Nehmen wir das Beispiel Windows 95. Wieso wurde Windows 95 denn obsolet? War es weil es ein „neues“Betriebssystem gab, oder lag es eher da dran, dass neue Techniken wie USB-Unterstützung, neue Schnittstellen usw. Nicht mehr von diesem System unterstützt wurden?
    Von den Sicherheitsaspekten mal ganz zu schweigen (W95 konnte von jedem Affen mit Tastatur gehackt werden ohne ins schwitzen zu kommen 😉 ) Also um ihre Analogie zu bemühen muss das Betriebssystem erneuert werden, weil es einfach besser ist? Ich kann mich nicht dran erinnern, dass Windows von W95 bis Windows 10 „sicherer“, „besser“, oder „einfacher“ wurde. Das Gegenteil ist der Fall. Um ihre Analogie zu benutzen. Windows ist das Land in dem wir alle leben, die Hardware sind wir Menschen und die Programme sind von mir aus die verschiedenen Glaubensrichtungen im diesem Land. Dann frage ich sie mal als „User“ des Betriebssystems: Wenn sie sich ein Programm in ihr System laden, welches ständig nach mehr Speicher, mehr Rechenleistung schreit und andere „unkonforme“ Programme zum Absturz bringt, dann empfehlen sie ernsthaft das Betriebssystem zu updaten? Ich würde ja eher anfangen das Schadhafte Programm, was das System instabil macht erst durch Patches oder Updates zum laufen zu bringen, und wenn das alles nicht hilft, bleibt nur eins: entweder man „löscht“ das Programm, welches die Probleme verursacht, oder man isoliert es und gibt ihm keine Zugriffsrechte auf wichtige Systemfunktionen. Kein Mensch mit halbwegs funktionierendem Verstand würde sein Betriebssystem freiwillig ändern, so lange noch alles läuft wie es soll. Stürzt das System allerdings permanent ab, denkt man natürlich über ein Update nach, keine Frage, aber kennen sie jemanden der sich nen neues System zusammen bastelt, wenn ein einziges Programm „ärger“ macht? Ich nicht 😉
    Wie gesagt, ich finde ihren Ansatz ganz okay, aber die Analogie ist doch etwas arg daneben. Oder?

    MfG

  9. Avatar  SUPER Vergleich Danke.

    Das Windows 95 Beispiel ist sehr passend. Danach kamen Windows 98 und ME. Und um beim Beispiel zu bleiben, ich hab keine Lust bis Windows 7 zu warten, dass es wieder besser wird.

  10. Avatar  Oliver

    Sehr geehrtes Zeit Team,

    den Beitrag von Frau Khayat kann ich nicht unkommentiert lassen.

    Wie kann in der Zeit Online ein Kommentar erscheinen, bei dem die Kommentatorin die Gesellschaft mit einem Computer Betriebssystem vergleicht und die enormen Herausforderungen der Fluechtlingsstroeme in Europa mit einem Windows Update? Voellig unabhaengig von der Frage, wie man zu der deutschen Fluechtlingspolitik steht, entbehrt ein solcher Vergleich jeglicher realistischer Grundlage und offenbart ein absurd kindisch anmutendes Verstaendnis von den Problemen der Welt. „Freitext“ hin oder her – ich erwarte von einem Medium wie der „Zeit“ ein Minimum an Qualitaetssicherung.

 

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