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An die Ungläubigen

Leer und beliebig sei die offene Gesellschaft, lautet der Vorwurf der Fundamentalisten. Was für ein Irrtum! Tatsächlich ist unser Glaube stärker als ihrer.

© Unsplash/Yvette de Wit (https://unsplash.com/)
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Der Hauptvorwurf der Feinde der offenen Gesellschaft an die säkularen Verfassungsstaaten und ihr Ideal der Freiheit und Toleranz ist der der Beliebigkeit und Leere.

Für sie sind individuelle Rechte keine Errungenschaften, sondern zerstörerische, gefährliche Risse im Kollektiv, die den Blick freilegen auf eine unübersichtliche Welt, verwirrend und im Wandel, eine Weite, in der jeder allein ist, hoffnungslos und klein, abgeschnitten von Gemeinschaft und Geschichte.

Sie irren sich. Was sie übersehen, ist die Tatsache, dass die Anhänger der offenen Gesellschaft durchaus nicht an nichts glauben. Im Gegenteil.

Der Glaube, der die Basis der offenen Gesellschaft bildet, hat sogar eine viel stärker verbindende Kraft als jedes fundamentalistische oder nationalistische Narrativ, weil seine Keimzelle gerade nicht in der Erhöhung eines Auserwählten liegt, sondern im Gegenüber von wenigstens zwei Gleichen.

Es handelt sich dabei um eine unbewusste Vorannahme, die die Basis individueller Rechte und Pflichten bildet, und die im Übrigen bei jeder Diskussion über Glauben und Gesellschaft, über Fußball oder über das Wetter immer mitgemacht wird:

Es ist möglich, miteinander zu reden.

Die Bedingung der Möglichkeit des Austauschs ist die Annahme einer gemeinsamen Struktur, die all jenen unserer Gedanken und Handlungen zugrunde liegt, die sich auf intersubjektiv erlebbare Teile der Welt beziehen.

Diese Struktur heißt Vernunft.

Vernunft kann dabei helfen, nicht überfahren zu werden, wenn man die Straße überquert. Sie kann einen dazu bewegen, zum Arzt zu gehen, wenn ein Zahn schmerzt. Mit Vernunft kann man einen Computer kaufen und einen WLAN-Router, die beiden miteinander verbinden und anschließend im Darknet Baupläne für Rohrbomben herunterladen.

Was Vernunft nicht kann, ist, einem die Entscheidung abzunehmen, ob man das nun für Allah tun will oder für Deutschland.

Allerdings kann sie einen daran erinnern, dass es Menschen gibt, die ähnliche Dinge tun wie man selbst, aber scheinbar aus ganz anderen Gründen, und sie kann einen dazu bringen, sich zu fragen, ob es sich dann nicht lohnen würde, die eigenen Gründe einmal kritisch zu untersuchen, und sich vielleicht etwas mehr auf mögliche Gemeinsamkeiten zu konzentrieren, die man mit anderen Menschen hat. Auch mit denen, die ihre Vernunft für ganz andere Dinge einsetzen.

Und wenn man dann noch ein bisschen Zeit hat und weiter darüber nachdenkt, kann sie einem bewusst machen, dass letzten Endes wir alle, die wir hier herumlaufen auf diesem Planeten, der aus dem All angeblich blau aussieht, die wir alle diese Luft atmen, deren O2-Anteil uns so gut tut, die wir alle schon einmal Freude empfunden haben über das Geräusch eines Vogels bei Sonnenaufgang, dass wir alle das Werkzeug Vernunft nicht nur für selbstgesetzte Zwecke nutzen.

Sondern immer auch für den einzigen Zweck, den vorzufinden wir alle die Gnade hatten, das Glück oder wenigstens die physische Konstitution: das Leben.

Wir glauben an das Leben. Wir glauben an die Vernunft als seine Entsprechung in unserem Denken. Wir glauben, dass wir mit ihr die Kluft zwischen unseren Gehirnen überbrücken können. Und irgendwann dann auch die zwischen unseren Herzen.

Wir wissen, dass ihr das für naiv haltet. Für träumerisch und kindisch und weltfremd. Aber wir beweisen euch das Gegenteil, jeden Tag.

Weil ihr in unserer Gesellschaft die gleichen Rechte habt wie wir.

Und egal, was ihr tut, oder woran ihr glaubt: Indem wir die offene Gesellschaft verteidigen, kämpfen wir immer auch für euch.

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36 Kommentare

  1.   almay

    Was der Autor schreibt ist in der Tat naïv und sogar widersprüchlich. Stellt er sich nicht selbst über all die Unvernünftigen? Und wo zieht er die Grenze zwischen persönlicher Freiheit und einer offenen Gesellschaft? Wenn er nämlich für die offene Gesellschaft kämpft, dann muss er automatisch gegen die persönliche Freiheit derjenigen kämpfen, die die offene Gesellschaft abschaffen wollen.

    Blumige Worte können schön sein, doch im Angesicht der Wirklichkeit muss es schon konkreter werden. An welcher Stelle hört die persönliche Freiheit auf? Wo und wie muss die offene Gesellschaft wehrhaft sein? Welche Instrumentarien soll es dafür geben? Wieviel Intoleranz muss toleriert werden? Wo muss Relativismus aufhören und dafür ein Werturteil gefällt werden?

    Zusammengefasst: Eine absolut offene Gesellschaft kann es nicht geben, sie fräße sich selbst auf, wäre dem Wohlwollen ihres schlimmsten Gegners ausgeliefert. Wer es ernst meint, muss eine Gesellschaftsfunktion in Richtung Offenheit optimieren: So offen wie möglich, so restriktiv wie nötig. Dafür braucht es einen klaren Wertekompass und keinen Relativismus. Doch darüber spricht keiner, zu unromantisch…

  2.   tdhaller

    Ach so, jetzt gibt es also nur noch „Ungläubige“ und „Fundamentalisten“, aber nichts dazwischen? Diesen eklig belehrenden Tonfall sollte man sich verkneifen, wenn man die Hälfte seines Themas übersieht.

  3.   Dornkarte

    Es ist immer nicht leicht für beide Seiten, wenn das Mittelalter auf die Aufklärung trifft, aber hey, wir schaffen das! 😉

  4.   RGFG

    Herzlichen Dank!

    Ähnlich wichtig ist es, immer wieder dran zu erinnern, dass die meisten Menschen sterben, weil Religionen oder Ideologien am Werk sind. Nicht wegen der Agnostiker oder Atheisten.

  5.   felix.culpa

    „Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.“

    (Martin Buber)

  6.   Südwestbadener

    Ich lasse mich nicht für den „Kampf“ anderer Menschen mißbrauchen.
    Herr Helle , Sie kämpfen nicht in meinem Auftrag, Sie kämpfen nicht für mich, das kann ich, wenn es notwendig wird, besser.
    Ich verbitte mir ausdrücklich, daß Sie den Anspruch erheben, mich bevormunden zu wollen. Das hat mit freier Gesellschaft, welcher ich angehöre, nichts zu tun.
    Ich bin kein „Feind“ ( oder fühlen Sie sich im Krieg?) Ihrer offenen Gesellschaft, solange Sie meine freie Gesellschaft nicht angreifen. In meiner Gesellschaft ist Kampf die Ausnahme und nicht Prinzip.

  7.   ikonist

    amen

  8.   Kaido.of.the.one.hundred.Beasts

    Was heißt schon „individuelle Freiheit“.

    Recht auf sexuelle Freizügigkeit ? Ist es legitim seine Sexualpartner ständig zu wechseln und sich mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken und diese dann vllt an den gegenwärtigen Partner weiterzureichen ?

    Ist es legitim sich schwängern zu lassen und das Baby in der Babyklappe oder noch schlimmer in der Mülltonne zu entsorgen ? Oder in die nächste Abtreibungsklinik zu gehen ?

    Ist „Recht auf Rausch“ Teil der Freiheit obwohl alle Drogen dem Körper schaden ? Allen voran der Alkohol. Ist es legitim sich zu besaufen und besoffen durch die Gegend zu brettern. Erst kürzlich sind bei Stuttgart 8 Leute verunglückt die von der Wasen kamen.

    Recht auf Freiheit oder Recht auf Sünde ?

    Was heißt schon Fundamentalismus. Ein echter Christ glaubt an einen lebendigen Gott, der einestages alle Menschen richten wird.

    Der gibt nix auf unsere Freiheiten. Denn ohne ihn gäbe es keine Freiheit. Noch nicht mal ein Bewusstein in dem die Idee Freiheit keimen könnte.

    Die moderne Gesellschaft verachtet Gott.

    Aber die Probleme der Welt, der Aufstieg der Rechten, die Radikalisierungen im Islam, die Euro und bald vllt schon wieder Bankenkrise, das Flüchtlingsthema …

    Auflösungserscheinungen einer Welt ohne Gott, ohe Regeln, Werte und Ideale.

    Sex, Konsum und Selbstverwirklichung – Selbsterhöhung.

    Wie ähnlich wir alle ihm sind. Dem dunklen Herrn …

  9.   Hrmpf Kasalla

    Schöner Essay, danke!

  10.   Future2050

    Was für ein schöner ZON Artikel.
    Kopieren und aufbewahren.

 

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