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Ein Gespenst muss tun, was ein Gespenst tun muss

 

Der Immobilieninvestor ist die Spukgestalt des deutschen Wohnungsmarktes. Irgendwann steht er vor der Tür. Ja, und was dann?

Copyright: Florian Werner

Ein Gespenst geht um in unserem Haus. Das Gespenst ist Immobilienexperte und hat das Mietshaus – einen typischen Berliner Gründerzeitbau, 1897–98 entworfen und ausgeführt von dem Zimmermannsmeister Max Gosebruch – zum Jahresanfang gekauft. Nun plant das Gespenst, so steht es im Kaufvertrag, „umfängliche Modernisierungs-, Instandsetzungs- und Ausbauarbeiten“. Das ist sein gutes Recht, aber als langjähriger Mieter liest man’s mit Schauder. Schließlich schreibt das Gespenst, diesmal auf seiner Webseite, dass Berlin „eine positive Entwicklung im Bereich der Immobilien noch vor sich“ habe. Das ist nun erkennbar nicht aus der Perspektive eines Mieters gesprochen, der eine bezahlbare Wohnung sucht, sondern aus der eines Investors, der auf möglichst hohe Rendite aus ist. Wenn eine exorbitante Steigerung der Mieten und Immobilienpreise, wie sie die Hauptstadt derzeit erlebt, eine „positive Entwicklung“ ist, dann ist, um mit Shakespeares Hamlet zu sprechen, „etwas faul im Staate Dänemark“. Beziehungsweise Deutschland.

Womit wir wieder bei den Geistern wären.

Wenn ich den Immobilienexperten als Gespenst bezeichne, dann ist das nicht despektierlich gemeint. Es ist insofern zutreffend, als er erschreckende Ähnlichkeiten mit einer solchen Spukgestalt hat: Noch niemand aus unserem Haus hat ihn jemals leibhaftig zu Gesicht bekommen – und dennoch verbreitet er Angst und Schrecken. Eine Internetrecherche ergibt, dass er in den Nullerjahren Vorstand eines Unternehmens war, das später wegen Handels mit Schrottimmobilien vor Gericht stand. Eine weitere Recherche zeigt, dass er über ein so fein gesponnenes Netzwerk von Immobilienfirmen verfügt, dass eine Vogelspinne bei seinem Anblick erblassen würde. Mieter aus anderen Häusern, die in der Vergangenheit von Unternehmen des Investors umfänglich modernisiert und instandgesetzt wurden, wissen Furchteinflößendes zu berichten: von Baumaßnahmen, die weniger der Sanierung des Hauses als vielmehr der Terrorisierung der Bewohner dienten. Von Zimmerdecken, die in darunterliegende Wohnungen stürzten. Von Kindern, die gemobbt wurden, von Vergeltungseinbrüchen bei renitenten Mietern. Schauergeschichten. Oder?

Ich bin kein abergläubischer Mensch, aber als gestern ein zwielichtiger Geselle mit Sonnenbrille stundenlang vor unserem Haus in seinem Auto saß und unser Gebäude zu beobachten schien, notierte ich mir sein Nummernschild; für alle Fälle. Als wenig später zwei fremde Männer wortlos vor unserem Eingang standen und die Namen auf dem Klingelschild studierten, fasste ich die Kinder fester an der Hand, mahnte zur Eile, schickte sie schnell in die Wohnung. Sollte ich die Riegel an unserer Tür verstärken? Bill Murray und seine Geisterjäger rufen? Kruzifix und Knoblauch aufhängen?

Vielleicht werde ich allmählich paranoid, immerhin bin ich damit nicht allein. Auch etliche andere Hausbewohner meinen Merkwürdiges zu beobachten: ein Dachziegel, der in den Hof stürzt. Eine Haustür, die nicht mehr schließt. Ein Kellereinbruch – alles wird plötzlich zum Indiz für eine mögliche, schwer fassbare Verschwörung der unseligen Geister. Wird sich auch bei uns, wie in Jan Peter Bremers großer Gentrifizierungsparabel Der amerikanische Investor, der Fußboden der Küche senken, das Tor zur Sanierungshölle auftun? Werden wir bald, wie die Mieterin im Video zu Christiane Rösingers Song Eigentumswohnung, als Fremde im eigenen Schlafzimmer sitzen, die Bettdecke über den Kopf gezogen, während Kaufinteressenten noch spät in der Nacht Fotos von unserer Inneneinrichtung schießen? Unser Haus, in dem wir teilweise seit Jahrzehnten leben, ist im Begriff, im besten freudschen Sinne un-heimlich zu werden. Zugleich vertraut und unvertraut. Eine Heimat, in die sich eine Differenz, ein Riss, eine Fremdheit eingeschlichen hat.

Ich sollte der Vollständigkeit halber erwähnen, dass ich unsere Hausgemeinschaft innig liebe. Wir wohnen nur einen Quinoa-Burger-Wurf vom Biomarkt auf dem Kollwitzplatz entfernt, mithin in begehrtester Kiezlage, und dennoch leben hier derzeit noch 61 Menschen aus unterschiedlichsten sozialen Schichten, aus Ost und West: Da ist der pensionierte Kulissenschieber mit dem Rübezahlbart, Mieter seit 1989, der im Sommer bei offenem Fenster und Kerzenschein gern erdigen Rock hört. Da ist die Malerin, die im Schatten ihrer Balkonpflanzen stundenlang Schach spielt. Da sind der Parkplatzwächter, die Putzfrau, der Kameramann, der Tischler, der Drucker, Autoren und Schauspieler. Die Pianistin aus dem dritten Stock unterrichtet seit Jahren unsere Tochter. Der Koch von gegenüber hat bei unserer Hochzeit die Gäste verköstigt. Mit einem Wort: Hausgemeinschaften wie unsere sind der Grund, weshalb Berlin noch nicht so sozialhomogen und langweilig ist wie die Innenstädte von London oder Kopenhagen. Hausgemeinschaften wie unsere sind der Grund, weshalb so viele Londoner und Kopenhagener seit Jahren gern nach Berlin ziehen.

Hausgemeinschaften wie unsere wird es, wenn es so weitergeht, bald nicht mehr geben.

Ich mache dem Immobilienexperten deswegen keinen Vorwurf. Ein Gespenst muss tun, was ein Gespenst tun muss. Ich halte auch nichts davon, Abstrakta wie den Zeitläufen, der Gentrifizierung oder der Prenzlschwäbin die Schuld zuzuweisen. Wenn ich jemandem Schuld gebe, dann jenen kommunalen Politikern, die über Jahre tatenlos zugesehen haben, wie unser einst prächtiges, denkmalgeschütztes Mietshaus peu à peu entwohnt und damit zur leichten Beute für Investoren gemacht wurde. Wie sein Gebrauchswert allmählich in Tauschwert verwandelt wurde. Wie es vom spektakulären Gebäude zum Spekulationsobjekt verkam. Und Senatoren wie Thilo Sarrazin, die den sozialen Wohnungsbau in Berlin in den Nullerjahren so nachhaltig zum Erliegen brachten, dass ein Auszug aus der Mietwohnung für viele Menschen inzwischen gleichbedeutend ist mit einer Verdrängung in die Randbezirke.

Dass es Gespenster gibt, ist die eine Sache. Aber damit sie in ein Gebäude eindringen, in ihm herumspuken und es am Ende womöglich in ein Geisterhaus verwandeln können, benötigen sie auch politische und juristische Schlupflöcher. Gespenster kommen durch Risse, Ritzen und Spalten.