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„Have sex with an immigrant“

Bevor die Studenten die Hüte werfen: Reden vor amerikanischen Universitätsabsolventen haben sich zu einem eigenen Genre entwickelt. Als Lebensratschlag, Ermunterungsbrief, Durchhalteparole.

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Ende Mai geht an den amerikanischen Colleges mit der graduation week das Semester zu Ende. Hätte man diese Tatsache nicht dem Kalender entnommen, sie wäre dennoch nicht zu übersehen: Auf den Straßen der Kleinstadt Grinnell im Bundesstaat Iowa in Heartland America finden zahlreiche Partys und Konzerte statt und in den Räumlichkeiten der Universität feierliche Abschlussdinner. In der Burlington Library begegnet man den undergrads aus dem vierten Jahrgang, die wahlweise in der Bibliothek ihre Bachelorarbeiten schreiben oder bereits an schlimmer Senioritis – Leistungs- und Motivationslosigkeit im Abschlussjahr heißt es dazu im Lexikon – leiden. Eine solche diagnostiziert auch mein Kollege Jay, als ich ihm von Student Keith erzähle, der in der letzten Stunde meines Kurses Recent Trends in German Literature plötzlich anfing, witzlose Briefe in schlechtem Deutsch an Angela Merkels Ehemann zu formulieren und danach, beim Senior Dinner, das Silberbesteck zu klauen. Wenn schon schlechtes Deutsch, dann wenigstens witzig, sage ich zu Jay.

Wir gehen in den Pioneer Bookshop in der Mainstreet, wo ich meine bestellte regalia abholen soll, den schwarzen Umhang mit Fledermausärmeln, den eine Gastprofessorin mit Magistertitel leihweise trägt, dazu die schwarze Kappe mit Quaste und eine hood, eine separate Kapuze, die in meinem Fall in den Farben Rot und Weiß gehalten ist. Why is that? Vielleicht, um einen Hinweis auf beautiful Austria und seine Nationalflagge zu geben, nachdem die Paris-Lodron-Universität zu Salzburg selbst über keine farblichen Erkennungsmerkmale verfügt. Wir haben meine Körpergröße in Inch umgerechnet und mein Gewicht in Pound, herausgekommen ist ein zu kurzer, zu weiter Umhang, den ich aus touristischen Gründen dennoch gern überziehe, um an der diesjährigen Abschlussfeier, dem commencement, teilzunehmen. Class of ’17! Dass der Abschluss hier so frankofon als Beginn von etwas tituliert wird, folgt vielleicht derselben Logik wie die der Bezeichnung eines Hauptgangs in den hiesigen Speiselokalen als entree?

Bei 90 Grad Fahrenheit, umgerechnet 32 Grad Celsius, begeben wir uns in unseren mal schwarzen, mal kreischend-bunten Polyesterkostümen in den Park hinter die Herrick Chapel, wo vor einigen Wochen vom Chor der Studierenden noch Brahms’ Deutsches Requiem aufgeführt worden ist, auch hinter die Alumni Recitation Hall, wo ich als Writer in Residence meinen Short Course unterrichtet habe im German Department, einer Abteilung, der im Vergleich zu den Naturwissenschaften auch hier, mitten in Amerika, das Geld und die Studierenden langsam abhandenzukommen drohen. Wohl als Ergebnis der globalen Entwicklungen der letzten Jahre, die den Humanities, den Geisteswissenschaften, die Existenzberechtigung innerhalb eines auf unmittelbare Verwertbarkeit getrimmten Bildungssystems absprechen. Ach was, nachzudenken (übers Menschsein?), Sprachen zu sprechen, Texte zu lesen – wer braucht den Dreck? Keine Sau, seit Jahren nicht mehr, am wenigsten jetzt, unter dem neuen Twitterpräsidenten, auf dessen Vorschlag hin bekanntermaßen das Geld für das National Endowment for the Arts und das National Endowment for the Humanities gestrichen werden soll, die bisher vor allem kleinere Projekte, Galerien, Institutionen abseits der großen Hauptstädte unterstützt haben.

Mein Kollege Jay trägt ein schwarzes Samtbarett mit goldener Quaste und die rote Robe der Universität Wisconsin-Madison, drei schwarze Streifen an den Ärmeln weisen ihn als Doktor aus, auf seiner Brust blinken weiß-blau wie zwei neugierige Glubschaugen die Initialen der Universität. Wir schnappen uns je eine Flasche Wasser, um die etwa dreistündige Zeremonie unter der prallen Sonne der Prärie durchzuhalten, und gehen in Zweierreihe mit den anderen Professorinnen und Professoren des Colleges durch den Park, stellen uns dann auf im Spalier und klatschen für die jungen Bachelors, die jetzt in Zweierreihe zwischen unseren Reihen durchmarschieren und betreten grinsen, erfreut lachen und ihren Eltern winken. Manche haben ihre quadratischen Hüte mit Sprüchen und Bildern bemalt, andere, wenige, verweigern den Einheitslook ganz und tragen Hippie-Kappen mit Ethnomuster oder einen japanischen Kimono statt des schwarzen Umhangs, eine Studentin entrollt auf ihrem Rücken eine riesige rosa Fahne, die in schwarzen Lettern ihren gesellschaftspolitischen Protest ausdrückt.

Bald sitzen wir auf unseren Klappstühlen im Park und der Redner der diesjährigen commencement address oder commencement speech kommt auf die Bühne. Letztes Jahr war Zadie Smith da, flüstert Jay, just so-so, da beginnt schon Kumail Nanjiani, Grinnell-Absolvent 2001 und amerikanischer Stand-up-Comedian mit pakistanischen Wurzeln mit einer Rede, die wirklich witzig und dabei in astreinem amerikanischen Englisch gehalten ist. Nachzuhören an dieser Stelle.

Diese Reden von mehr oder weniger berühmten Gästen vor Absolventinnen und Absolventen einer Universität haben sich in den letzten Jahrzehnten in Amerika beinah zu einem eigenen Genre entwickelt. Es gibt bekannt gewordene Texte, als kleine Büchlein publiziert, von Neil Gaiman, Joseph Brodsky, Judith Butler, Greil Marcus, David Foster Wallace oder Oprah Winfrey. Weder scheuen sie das Pathos des advice to the young noch den Entwurf einer großen Vision – dein Leben, deine Familie, deine Nation –, stets jedoch unterwandert vom Humor der Bescheidenheit, demütig angesichts der großen Aufgaben, die auf uns alle warten. Es ist der Ton der TED-Talks, der auch in diesen Texten oft anklingt, bisweilen einen uneigentlichen Satz auf den Lippen als Zwischensnack, der das aufmerksamkeitsschwache Publikum „abzuholen“ stark gewillt ist. Lebensratschlag, Ermunterungsbrief, Durchhalteparole.

Auffällig in diesem Jahr scheint, wie politisch sich der Rektor des Colleges am Ende der Zeremonie äußert, nachdem Hunderte Namen vorgelesen worden sind, die sich ab nun zusätzlich Bachelor of Arts nennen dürfen: von Fang Tang aus Peking über Harry Boateng Asante aus Ghana bis hin zu Jesus Villalobos aus Santa Ynez, Kalifornien. Dein Leben, deine Familie, deine Nation: geht vielleicht durch eine große Krise, sagt er da in etwa. Und gemeint ist die aktuelle politische Administration, deren Auftreten die Bestrebungen eines Colleges of Liberal Arts konterkariert, das sein Augenmerk auf soziale, ökonomische, ethnische und sexuelle Diversität der Studierenden legt. Am lautesten, wenn die Namen ihrer Kinder aufgerufen werden, klatschen, springen und tanzen hier die black people und die hispanics. „Populate your life with people different from you“, rät denn auch Kumail Nanjiani in seiner Rede. „Once you leave school, you get to choose the kinds of people you’re going to be around rather than just being forced to be around them. So I encourage you to seek out people, thoughts, and opinions different from yours. It keeps you empathetic, and it gets you out of your own echo chamber. Don’t disregard opposing viewpoints. Listen to them, absorb them, oppose them if you feel that they are wrong, but allow them to affect you.“ Nanjiani erzählt von seinem Weg als pakistanischer Studienanfänger in Amerika, zuerst befremdet und eingeschüchtert, später ein erfolgreicher Schauspieler und Komiker, verheiratet mit einer Amerikanerin. Also, sagt er mit lachendem Ernst, „(h)ave sex with an immigrant. We’re going through a tough time right now, and it’s really great for morale“.

Die Reden sind vorbei, die Sonne knallt uns ins Gesicht. Eine Blasmusikkapelle spielt ein letztes Ständchen, die Bachelors werfen jetzt ihre Hüte in die Luft. Der Moment, tausendfach so im Fernsehen gesehen, rührt die Touristin in ihrer fake regalia. Die Menge verteilt sich, und man trifft sich wieder an den Ausgabestellen für Sandwiches zum anschließenden Picknicken im Park. Sheila kommt noch extra vorbei und drückt mir eine Ausgabe von The Nation und von Harper’s Magazine in die Hand. Damit ich etwas zu lesen habe im Flugzeug zurück nach Europa nach diesen Monaten hier – in einem Land voller Widersprüche, voll schöner und voll schrecklicher. Amerika, du inspirierst mich, Amerika, du erschöpfst mich. See you again! Bye, Sheila, bye, Vance and Xavi, bye, Kathleen and Marc, bye, Hodna and Paul, bye, dear students.

Teresa Präauer verbringt ein knappes Semester als Visiting Professor und Writer in Residence in den USA. In vier Episoden schreibt sie hier über Beobachtungen aus dem Inneren des Landes: aus dem Bundesstaat Iowa im tiefsten Midwest, wo kleine Campusstädte gedeihen inmitten von Rinderzucht und Maisfeldern.

6 Kommentare

  1.   Formblatt

    Ich frage mich immer, mit wem denn die nicht-migrierenden Frauen in den Herkunftsländern Sex haben sollen. Und wer die westlichen jungen Männer zur Räson bringt, wenn die Frauen mit Immigranten leben und zur Mäßigung der hiesigen Männer nicht mehr zur Verfügung stehen. Es braut sich was zusammen, auf das ich mich nicht freue.

  2.   medscot

    „have sec with an Immigrant“
    Würde ich gerne, aber da ich nicht fragen darf woher jemand kommt, weiß ich ja nie, ob’s wirklich Immigranten sind;-)

  3.   Chochosan

    Ist ja deprimierend. Das ist die Bildungselite?

  4.   GrauerFalke

    Ich fand den Artikel ehrlich gesagt langweilig und nichtssagend, nach etwa 2/3 habe ich aufgehört zu lesen.

  5.   hyperzwerg

    „Ist ja deprimierend. Das ist die Bildungselite?“

    #2

  6.   Fussballair

    „„Populate your life with people different from you““

    Aha!

    Es gab einmal eine Zeit, da hatten Künstler und Literaten wirklich etwas zu sagen, waren Sprachrohr fuer eine bessere Welt, für die Zukunft eines Landes.

    Heute scheint es, wird da einfach nur noch das nachgekräht, was uns offiziell als Lehre durch die Regierung vorgegeben wird.

    Es stellt sich die Sinnfrage, wieso man solche Künstler eigentlich noch mit unabhängigen Stiftungen fördern soll, wenn sie eh diesselbe Botschaft wie die Regierungen verbreiten.

 

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