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„10 Milliarden“

Der Dokumentarfilmer Valentin Thurn sucht schon nach Lösungen für die Ernährung der Weltbevölkerung. Zur Hamburg-Premiere kommt er ins Abaton.

„Jeder hat das Recht, gutes Essen zu bekommen“, erklärt Will Allen. Der ehemalige Profi-Basketballer, der einen Bauernhof in einem Armutsviertel von Milwaukee gründete, zählt zu den beeindruckendsten Personen, die Valentin Thurn in seinem Film 10 Milliarden zu Wort kommen lässt. Darin geht er der Frage nach, wie wir alle satt werden, jetzt und im Jahre 2050, wenn die Erdbevölkerung 10 Milliarden Menschen umfasst. Seine filmische Erkundungsreise führt ihn rund um den Erdball, in die Labore der Agrarindustrie, wo gentechnisch verändertes Hochleistungssaatgut entsteht, und auf die Felder indischer Bauern, die damit schlechte Erfahrungen machen; auf eine Soja-Plantage in Mosambik, wo Kleinbauern zugunsten megalomaner Viehfutterhersteller enteignet werden, und zu deutschen Ökobauern, die auf deren Produkte dankend verzichten. Was Allen für Milwaukee konstatiert – „99 Prozent der Lebensmittel, die hier konsumiert werden, werden aus über 2.000 Kilometer Entfernung herangefahren“ – gilt mehr oder weniger auch für europäische Metropolen. Um immerhin diesen Wahnsinn zu mindern, hat Thurn das Portal Taste of Heimat gegründet, das Konsumenten mit regionalen Produzenten vernetzt – damit jeder sein Recht wahrnehmen kann, gutes Essen zu bekommen. Zur Hamburg-Premiere kommt der Regisseur Valentin Thurn am 10. April ins Abaton Kino.

 

Nachtdigital-Ausflug

DJs, die sich die Decks gerne teilen: Steffen Bennemann (Holger, Nachtdigital) und Sevensol (KANN) bespielen das Golem.

Seit 18 Jahren wird das überschaubare Gelände des Schullandheims Olganitz in Sachsen Schauplatz des Nachtdigital-Festivals. Um die Party familiär zu halten, bleiben die Besucherzahlen streng limitiert, weshalb das alljährliche Electronica-Techno-House-Spektakel nicht nur für sein erlesenes Line-up, sondern auch für ständig neue Ausverkaufsrekorde bekannt ist: Für die diesjährige Auflage des Festivals waren die Tickets nach ganzen zwei Minuten vergeben! Für die Unglücklichen, die leer ausgingen, gibt es aber ein dickes Trostpflaster: Steffen Bennemann, langjähriger Resident, Mitorganisator und Booker von Nachtdigital, kommt nach Hamburg und legt in der Krypta des Golem auf. Zur Verstärkung bringt er seinen Kollegen Alexander Neuschulz aka Sevensol mit. Noch familiärer geht nicht.

Tipp: Bereits um 20 Uhr wird im Rahmen der Reihe Women on fire im Golem der Film Top Girl Oder La Déformation Professionelle von Tatjana Turanskyjs gezeigt.

 

Kunst im öffentlichen Raum

Über drei Jahrzehnte urbane Kunst: Die Schau im Kunsthaus Hamburg läutet das zweite Jahr der Veranstaltungsreihe „Stadtkuratorin Hamburg“ ein.

Es geht los: Mit der Eröffnung der Ausstellung Passagen. Kunst im öffentlichen Raum seit 1981 im Kunsthaus startet zugleich das diesjährige Programm des Projekts Stadtkuratorin Hamburg. Während die Schau auf die wegweisenden Werke im öffentlichen Raum blickt, die von der Stadt gefördert in den letzten 35 Jahren entstanden sind, geht es gleichzeitig darum auszuloten, wie Künstler heute auf digitale Beschleunigung und neoliberale Privatisierung reagieren. Anhand von Zeichnungen, Modellen, Fotografien, Dokumentationen und andere Materialien wird eine Auswahl zum Teil kontrovers diskutierter Arbeiten präsentiert, wie etwa Joseph Beuys’ Projekt, die Stadt zu einem ökologischen Gesamtkunstwerk zu machen, oder Alfred Hrdličkas Gegendenkmal zum nationalsozialistischen 76er-Denkmal am Stephansplatz. Mit einem weit offenen Blick für künstlerische Perspektiven leitet die Ausstellung auch das diesjährige Programm Stadtkuratorin Hamburg ein, das sich mit Geschichte und Gegenwart von Kunstwerken im Stadtraum befasst und der Frage nachgeht, welche Art von Kunst nötig und angebracht ist in Zeiten, in denen die Stadtgesellschaften immer häufiger aufbegehren, während der öffentliche Raum zunehmend von privaten Interessen vereinnahmt wird.

Text: Sabine Danek

 

Nneka

Die zierliche Sängerin präsentiert ihr neues Album: eine musikalische Reise aus den politischen Abgründen Nigerias bis in die afrikanische Diaspora in Europa.

„Musik kann eine Waffe sein“, hat der legendäre nigerianische Musiker Fela Kuti einmal gesagt. Nneka ist eine seiner herausragenden Nachfolgerinnen, denn auf all ihren Alben finden sich politische und sozialkritische Texte über die Verhältnisse in Afrika und in Europa, wohin viele Afrikaner geflohen sind. My Fairy Tales heißt das aktuelle Album der zierlichen Sängerin mit der großen Stimme. Inspiriert wurde es von den Erfahrungen, die Nneka in Frankreich mit Afrikanern gemacht hat, die dort in der Diaspora leben und unter Rassismus und Ausgrenzung zu leiden haben. Die Sängerin, die lange in Hamburg gelebt hat, äußert sich nicht nur auf ihren Platten politisch. Sie hat auch gemeinsam mit dem ehemaligen Kindersoldaten MC Ahmed Nyei aus Sierra Leone die Organisation Rope Foundation gegründet, die Kindern die Möglichkeit gibt, sich durch ihre Kunst auszudrücken. Im April ist sie wieder einmal auf Deutschland-Tournee, um die neuen Songs ihres herausragenden Albums My Fairy Tales live zu präsentieren.

Text: Heinrich Oehmsen

 

Dry The River

Klagender Falsetto ohne kitschig zu klingen – das schafft nur Peter Liddle, Frontmann der Londoner Folk-Rock-Band, die im Molotow auftritt.

Wer Dry The River beschreiben möchte, kommt um eines nicht herum: die extravagante Stimme von Leadsänger Peter Liddle, der einen mit seinem klaren, klagenden Falsetto und lyrischen Texten über Liebe und Leid direkt an den Koronargefäßen zu fassen bekommt. Dabei dosiert er jedoch so fein, dass die Schwelle zum Kitsch niemals ganz überschritten wird. Was für eine Gratwanderung. Mit treibenden Schlagzeugrhythmen und Gitarrenriffs auf der einen sowie sanften Geigen und mehrstimmigen Gesängen auf der anderen Seite sorgen die vier Londoner für einen pompösen Sound, der facettenreich zwischen den Polen Folk und Rock oszilliert. Und auch live ist dieses Quartet ziemlich hörens- und sehenswert!

Text: Theresa Huth

 

Harry Gump

Der Acoustic-Folk-Punkrock-Singer/Songwriter aus dem Süden lädt zum Bar-Konzert in das Backpackers St. Pauli.

Four chords and everyday poetry: Nach diesem Prinzip, das gleichzeitig auch der Titel seines ersten Albums ist, schreibt Harry Gump seine Lieder. Wenn er die mit seiner Akustikgitarre anstimmt, dann bräuchte es nur noch ein frisch gezapftes Guiness und schummrig-gedimmtes Licht, die Irish-Pub-Stimmung wäre perfekt. Aber die Musik des Acoustic-Folk-Punkrock-Singer/Songwriters macht auch mit Astra im Backpackers St. Pauli gute Laune. Sein Stil ist beeinflusst von Johnny Cash, Bob Dylan und Co., sowie von Punkbands aus den letzten Jahrzehnten; mal ist Harry Gump solo unterwegs, mal in Begleitung wechselnder Musiker, mal mit kompletter Band im Rücken. Seit 2010 ist der Künstler regelmäßig on the road, war Vorband von Szenegrößen wie Street Dogs (US) und Attila The Stockbroker (UK), und erlebt dabei sicherlich genug spannende Geschichten für seine „everyday poetry“.

Text: Julia Braune

 

Tierische Traumgeschichten

Der Hamburger Autor Michael Weins präsentiert sein neues Buch „Sie träumt von Pferden“ bei Cohen + Dobernigg mit Illustrationen von Katharina Gschwendtner.

Eine Frau wird im Traum von einem Pferd geschwängert. Der Wolf ist nicht unbedingt böse, sondern einsam und leidend. Ein Vogel befreit eine junge Frau aus einem Keller. Sie träumt von Pferden, das neueste Buch des Hamburger Autors Michael Weins, versammelt Geschichten, die so überraschend und faszinierend sind wie das, was in unserem Unterbewusstsein vor sich geht. Tiere erscheinen darin symbolisch aufgeladen wie in Träumen und Märchen. Weins, der auch als Psychologe arbeitet, beherrscht es meisterlich, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Vorstellung verschwimmen zu lassen. Für das Geheimnisvolle und Schattenhafte seiner neuesten Erzählungen hat die Hamburger Illustratorin Katharina Gschwendtner mit Scherenschnitten eine passende Bildsprache gefunden. Bei der Buchpremiere mit Lesung bei Cohen + Dobernigg kann man das Buchkleinod, das im Indie-Verlag Mairisch erschienen ist, bewundern und erwerben.

 

Dokumentarfilmwoche

Hamburgs Filmer entdecken die Welt als ihr Feld und präsentieren ihre Studien bis zum 12. April im 3001, B-Movie, Lichtmeß und Metropolis.

Bevor Peter Schuster Film studierte, ist er zur See gefahren – als Steward auf einem Stückgutfrachter im Südamerikadienst. 1968 war das. An seine Reise in den Golf von Mexiko an Bord des Hapag-Dampfers Weißenburg hat er die schönsten Erinnerungen. Um diese fürs Kino aufzufrischen, ist er jetzt noch einmal in See gestochen. Cargo (Foto) heißt sein gemeinsam mit Barbara Kasper gedrehter Film, der bei der 12. Dokumentarfilmwoche seine Hamburg-Premiere erlebt. Mit dem Film Flotel Europa eröffnet das Festival am 8. April im Metropolis. Der Regisseur Vladimir Tomic, der mit seiner Familie dem Krieg in Ex-Jugoslawien entfloh, drehte „eine Autobiografie mit Bildern, die nie fürs Kino bestimmt waren und Off-Texten, die uns Erinnerungen sowie Schicksale näherbringen, ohne dass die Geflüchteten dabei eine Opferrolle einnehmen.“

 

Kurt Cobain

Intime Einblicke: In der Doku „Cobain – Montage of Heck“ von Brett Morgen sind Interviews mit der Familie des Nirvana-Sängers zu sehen. Er läuft in der UCI Kinowelt.

„It’s better to burn out than to fade away.“ Mit diesen Worten, zitiert aus einem Neil-Young-Song, verabschiedete sich Kurt Cobain 1994 aus dem Leben. Wie auch immer man zu diesem Statement stehen mag, verblasst ist das Gedenken an den Nirvana-Sänger in der Tat bis heute nicht. Unter den vielen Berichten, Portraits und Dokumentationen über das Leben, Sterben und Schaffen des Musikers ist der Film Cobain – Montage of Heck von Brett Morgen der intimste. Rund 20 Jahre nach seinem Tod gewährt erstmals Cobains Familie tiefere Einblicke. Der Film enthält Interviews mit Vater und Tochter und Homevideo-Ausschnitte aus dem Familienarchiv. Ganz bewusst klammert der Regisseur den Suizid fast vollständig aus und grenzt sich auch in diesem Punkt von anderen Produktionen ab. Der Dokumentarfilm endet nach einem Selbstmordversuch kurz vor Cobains tatsächlichem Freitod im April 1994. Im April 2015 wird er an zwei Abenden auf der großen Leinwand gezeigt.

 

„Nola“

Thomas Marek fängt in seinem Stück die Energie der jungen Jazzszene von New Orleans ein. Auch seine Frau, Jazztänzerin Ellen Marek, ist dabei.

„Vor Katrina war New Orleans nicht unbedingt attraktiv für junge Künstler“, sagt der Stepptänzer und Choreograf Thomas Marek. „Die Stadt hat von ihrer Vergangenheit gelebt.“ Nach dem Hurrikan im Jahre 2005 wollten viele Musiker die Stadt nicht untergehen lassen und ihre Kultur bewahren. Zudem sind viele junge Künstler aus anderen US-Staaten nach New Orleans gezogen, auch Freunde und Kollegen von Thomas Marek. „Katrina hat die Stadt wieder als musikalisches Zentrum in den Fokus gerückt.“ Der New-Orleans-Jazz wurde wieder hip. Vor allem junge Musiker feilten an Techniken, die scheinbar aus der Mode gekommen waren. “Das hat mich am meisten umgehauen”, sagt der Choreograf. „Da entstand eine neue Szene, die es vor 15 Jahren noch nicht gab.“ Musiker und Tänzer improvisierten buchstäblich aus dem Schlamm heraus. Neue Clubs und Bars eröffneten, zum Teil in schlecht beleuchteten, verschimmelten Räumen. Diese Energie der neuen jungen Kulturszene von New Orleans möchte Marek in seiner Produktion Nola einfangen. Der Hamburger sagt, Nola sei eine Liebeserklärung an New Orleans und den Jazz. Diese Liebe dürfte auch persönlicher Art sein: In New Orleans lernte Marek seine Frau kennen. Die Jazztänzerin Ellen Marek wird ebenfalls auftreten.

Text: Natalia Sadovnik