BenachrichtigungPfeil nach linksPfeil nach rechtsMerklisteAufklappenKommentareAbspielenPauseAbspielenWiederholen
 

Alt-Nazis

Giulio Ricciarellis Justizkrimi um einen Pädagogen und ehemaligen Auschwitz-Aufseher führt zurück in die junge Bundesrepublik.

„Kein schöner Land …“ Was der Kinderchor zu Beginn des Films singt, gibt das Selbstverständnis der bundesrepublikanischen Gesellschaft des Jahres 1958 wieder – nach Westbindung, Gewinn der Fußball-WM und Wiederbewaffnung, 13 Jahre nach Kriegsende, davon neun unter Adenauer. Dass dessen Kanzleramtschef die Nürnberger Rassengesetze mitverfasst hatte, konnte nur Böswilligen missfallen. Dass aber auch der erwähnte Schulchor von einem Alt-Nazi dirigiert wird, will einer nicht so hinnehmen: der junge Frankfurter Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling). Weil der Pädagoge nach Aussagen eines Journalisten im Vernichtungslager Auschwitz als Aufseher tätig war, beantragt er dessen Entlassung. Doch vergeblich. Penibel recherchiert und historisch prachtvoll ausgestattet, erzählt der Debütfilm Im Labyrinth des Schweigens von Giulio Ricciarelli die Vorgeschichte des ersten Auschwitzprozesses aus einer fiktiven, subjektiven Perspektive. Nur kurze Zeit nach dem Eichmann-Prozess wurde die breite Öffentlichkeit erstmals mit den massenhaften Verbrechen auch „einfacher“ Wehrmachtsangehöriger in den Lagern konfrontiert.

 

„Endgegner“

Zwischen den Kriegen: Torsten Diehls Stück setzt das Attentat von Sarajevo 1914 zu dem Konflikt in der Ukraine in Beziehung.

Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg gibt es beunruhigende Anzeichen, dass das Kriegsgespenst aus dem vermeintlich friedlichen Europa nicht ganz verbannt wurde. In seinem Stück Endgegner setzt der Autor Torsten Diehl das Attentat von Sarajevo 1914 zu dem Konflikt in der Ukraine in Beziehung. Dabei ist er nicht an der Schuldfrage interessiert, sondern an dem Mechanismus, der dahintersteckt. Die Protagonistin Matilde sucht nach einem Mann, doch scheint sie sowohl Gefühle als auch gesellschaftliche Prozesse und grausame Ereignisse zu verdrängen. Das Stück, das im Monsun Theater inszeniert wird, stellt dabei die Frage, wie die Atmosphäre der politischen Unbekümmertheit zu einer Welle der Gewalt führen konnte. Das Stück feiert am 6. November seine Premiere. Weitere Vorstellungen finden am 7. und 8. November statt.

Text: Natalia Sadovnik

 

Parka

Ein junges seitengescheiteltes Trio präsentiert den Hochschul-Rock seines aktuellen Albums „Auf die guten Zeiten“ live im MarX.

Der Parka ist ein langer, gefütterter Anorak mit Kapuze, bei manchen Modellen auch separat zum Anknöpfen. Das Wort Parka stammt aus der Sprache der Inuit, dem Inuktitut; dort bedeutet parqaaq „Hitze“. Es wurde 1836 von Adelbert von Chamisso in die deutsche Sprache eingeführt und bedeutete in Alaska so viel wie „Kleidungsstück aus Vogel- oder Seehundhaut“. Sagt Wikipedia. Total interessant, aber eigentlich sollte es hier um die Band Parka gehen. Die besteht aus drei jungen Männern aus Köln, Neuss und Stuttgart, die sich 2006 bei einem Kontaktstudiengang an der Hamburger Musikhochschule kennen gelernt und anschließend zu einem Pop-Trio zusammengeschlossen haben. Seitdem sind die drei ziemlich erfolgreich unterwegs, standen mit Silbermond, Revolverheld und Die Happy auf der Bühne, und genießen Radio-Airplay auf mehreren Sendern. Nun schicken sie sich an, die nächste Stufe des Ruhmes zu erklimmen. Ihr Gastspiel im MarX ist noch nicht ausverkauft. Wer’s auf keinen Fall verpassen möchte: Karten sichern!

 

„Zur Hälfte Schwarz“

Die Sommerakademie Pentiment zeigt in Kooperation mit China Time Hamburg Kunst von chinesischen und deutschen Studierenden.

Es waren wieder bunte drei Wochen im Juli und August für die Teilnehmer der internationalen Sommerakademie für Kunst und Gestaltung der Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seit 1988 können hier Kunstinteressierte – vom Autodidakten bis zum Designprofessor – das „temporäre Feld für experimentelles Arbeiten ohne bedingtes Ergebnis“ zum Ausprobieren nutzen, in Bereichen wie Malerei, Installation, Fotografie, Illustration oder Mode und Textil. In diesem Jahr kooperierte Pentiment mit China Time Hamburg 2014, einer Veranstaltungsreihe, in deren Rahmen Ausstellungen, Konzerte und Diskussionen zum Thema China interessante Einblicke in das „Reich der Mitte“ gewähren. Das Pentiment-Team lud chinesische Kunststudenten und den Gastprofessoren Li Di zur Sommerakademie ein. Die Ergebnisse der Zusammenarbeit sind nun in der Galerie Speckstraße im Gängeviertel unter dem Titel Zur Hälfte Schwarz ausgestellt – vor allem Arbeiten aus dem Kurs „Kalligrafische Malerei“.

 

Goodbye, Jehova!

Der Autor und ehemaliger Jehova-Zeuge Misha Anouk liest und erzählt, wie er „die bekannteste Sekte der Welt verließ“.

„Im C&A-Anzug und mit Clip-on-Krawatte im Predigtdienst von Haustür zu Haustür“ – das klingt schlimm. „Ein Leben ohne Weihnachten“ – das klingt wiederum nicht so schlimm. Misha Anouk hat so etwas allerdings als Kind erfahren müssen und das war sicher kein Zuckerschlecken. „Dank einer Sünde“, heißt es im Veranstalterinfo, habe Misha Anouk dann die „bekannteste Sekte der Welt“ im Alter von 20 Jahren verlassen müssen. Müssen? Können? Dürfen? Gerade nochmal gut gegangen jedenfalls, so könnte man sagen. Wie es dazu kam, erzählt der kurioserweise in Gibraltar geborene 33-Jährige in seinem aktuellen Buch Goodbye, Jehova! So ernst das Thema auch sein kann – wer Misha Anouk als Poetry Slammer und Blogger kennt, der ahnt schon, dass es an diesem Abend unter anderem sehr lustig zugehen dürfte. Humor hilft ja bekanntlich immer weiter. Und ohne Humor wird nichts besser.

 

Sternbrücken Nachtflohmarkt

Das beliebte After-Work-Feilsching mit Musik vom Plattenteller und Getränken aus der Bierflasche beginnt um 20 Uhr in Fundbureau und Co.

Wer braucht schon verkaufsoffene Sonntage, wenn an einem Mittwochabend Hamburgs chilligste Kreuzung zum hemmungslosen Konsum einlädt. Es ist wieder Zeit für den Sternbrücken Nachtflohmarkt in den Clubs und Bars Fundbureau, Waagenbau, Astra-Stube und Wasser Schaden. Das After-Work-Feilsching beginnt bei freiem Eintritt um 20 Uhr. Wer verkaufen möchte, reserviert sich hier einen Tisch und darf diesen gegen eine Gebühr von 6 Euro pro Meter ab 18.30 Uhr aufbauen. Alle anderen trödeln von Club zu Club, trinken eine Kuddel Bier, wippen mit der Musik mit und freuen sich des Lebens. Das ist eine gute Alternative für alle, die die „Der-frühe-Vogel-fängt-den-Wurm-Schnäppchen“ bei normalen Flohmärkten schlicht verpennen.

 

Iron Walrus

Aus der Osnabrücker Unterwelt in den Hafenklang. Die Doom-Sludge-Noise-Kapelle startet ihre Tour in Hamburg an der Seite von Trouble (USA).

In der Stadt des Westfälischen Friedens (nein, nicht Münster, sondern Osnabrück) gibt es einen Ort, an dem „alternative Musik“ zu Hause ist. Im Keller des Bastard Club tropft es von der Decke, wenn Hardcore-, Punk- oder Metal-Bands amtliche Werte auf der Richterskala erreichen. Betreiber der Lokalität ist ein bärtiger Mann namens „Schnalli“, der wiederum eigene Band-Projekte am Start hat. Neben Dampfmaschine (aktuelles Album Ballerburg) ist das neuerdings auch Iron Walrus. Fünf gestandene Männer produzieren – schwarze Skimasken mit Walrosszähnen tragend – Doom-Sludge-Noise-Mucke. Pate für ihren Sound standen beispielsweise St. Vitus, Goatsnake oder Quicksand. „Schnalli“ prügelt auf die Drums ein, „Aufi“ shoutet diabolisch ins Mikro, Bene, Ingo und Der Schmidt exorzieren ihre Saiteninstrumente. Eine Band, wie geschaffen für den Hafenklang. Sie teilt sich am 5. November die Bühne mit einer Doom-Metal-Legende: Trouble (USA).

Text: Lena Frommeyer

 

Rocko Schamoni

Der alte Tausendsassa beschreibt in seinem neuen Roman „Fünf Löcher im Himmel“ das Leben in seiner ganzen Rücksichtslosigkeit. Ernsthaft.

Seinen neuen Roman widmet Rocko Schamoni drei jüngst Verstorbenen: Almut Klotz, Micha Wahler und Joerg Zboralski – die Stimmung ist gesetzt. Fünf Löcher im Himmel ist ein Bildungsroman, nur umgekehrt; Abbruch statt Aufbruch ist die Devise:

Paul Zech, 67-jährig, liest sich mithilfe eines zufällig wiederentdeckten Jugendtagebuchs zurück in die Zeit. Pathetische Adoleszenz, große Hoffnungen und erste Liebe hier, gealterte Abgeklärtheit und Einsamkeit da. Unterwegs sind Zech die Jahre und die Illusion vom kleinen Glück einfach so durch die Finger geglitten. Unter den Menschen, die wie Maschinen Tag für Tag funktionieren, konnte er nicht bestehen. Am Ende ist ihm nichts geblieben – außer einem Nissan Datsun 240 Z von 1973 und dem Wellensittich Wolfgang. Doch als hätte er auf diese Freiheit nur gewartet, erhebt Zech sich zum allerersten Mal und nimmt sein Leben selbst in die Hand – voll sinnloser, zerstörerischer Entschlossenheit. Und muss erkennen: Gegen das Leben kann man nichts tun, es passiert, einfach so. Und dann ist es vorbei. Pech gehabt.

Was für ein schöner aber unverkitschter, wahrer, trauriger und doch humorvoller Blick auf dieses Leben. Am 5. und 6. November liest der Autor in der Fabrik.

Text: Almuth Strote

 

Ty Segall

Der talentierte und hyperaktive Endzwanziger gastiert mit Band und neuem Album namens „Manipulator“ im Knust. Support: J. C. Satan.

Wer sowohl die kalifornischen Hardcore-Punks von Black Flag als auch die Drogenrocker von Hawkwind sowie den frühen David Bowie als Inspirationsquelle nennt, kann mit seiner eigenen Musik so verkehrt auch nicht liegen. Und wer mit Ende 20 schon mehrere Alben veröffentlicht und in verschiedenen Bands (darunter eine mit dem sympathischen Namen The Perverts) gespielt hat, der muss nicht genial sein, aber fleißig und willensstark allemal. Ty Segall wirkt wie ein Slacker aus dem Bilderbuch, live auf der Bühne ist aber sämtliche Schlaffheit im Nu verflogen. Der Mann will rocken, auch wenn er mal den Blues hat. Und dass er nach der Vielveröffentlicherei der vergangenen zehn Jahre zurzeit „nur“ ein Album im Tourgepäck mit sich herum trägt, dürfte weniger mit Faulheit als mit Konzentration zu tun haben. Das neue Werk heißt Manipulator. Ob der Typ sich etwa damit selbst meint?

 

Joyce Manor

College-/Indie-/Emo-Rock im Hafenklang: Drei junge Bands sorgen für freundliches Kopfnicken und Leute, die durch die Luft fliegen.

Frisch aus dem College, ab in den Hafenklang: Drei junge Bands sorgen am 4. November für freundlich wackelnde Köpfe. Das Trio Great Cynics stammt aus London und hat sich klassischem Indierock mit Power-Pop-Einschlag und zweistimmigem Gesang verschrieben. Die Cheap Girls aus Lansing, Michigan, gehen da schon etwas rauer zu Werke, inklusive Gitarrenwänden und krachendem Schlagzeug. Das kalifornische Quartett Joyce Manor schließlich toppt das Ganze noch einmal durch eine gehörige Portion Nervosität, Virtuosität und Aggression. Statt slackerhaftem Hängertum herrscht hier – selbst bei balladeskeren Songs – stets ein Mindestmaß an Adrenalin und Aufgekratztheit. Und die eine oder andere Math-Rock-Band dürften die auch schon mal gehört haben. Kein Wunder also, dass bei deren Konzerten regelmäßig Leute durch die Luft fliegen.