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Hamburger Krimifestival

Mord im Kopf: Namhafte Krimiautoren wie Simon Beckett und Donna Leon lesen auf Kampnagel aus ihren neuesten oder bekanntesten Werken.

Wie tickt ein Mensch, der den Bauch einer Leiche mit Kaninchen füllt, Würmer durch verwesende Körperteile kriechen lässt oder Frauen in Hochzeitskleid in einem Bunker quält? Autoren von Kriminalromanen sind Spezialisten für solch kreative Quälereien. Die eingangs genannten Taten stammen aus der Feder von Simon Beckett, jenem Journalisten, der es mit seinem Roman The Chemistry of Death um den fiktiven Forensiker David Hunter in ziemlich viele Bücherregale schaffte. Er und andere namhafte Autoren wie Donna Leon stellen bis zum 8. November beim Hamburger Krimifestival neue Werke vor. Los geht es mit der Eröffnung am 4. November, wenn Simon Beckett aus seinem Buch Der Hof liest. Stephan Benson sorgt für die deutsche Übersetzung. Im Anschluss musiziert Jazz-Pianist Joja Wendt. Diese Veranstaltung ist bereits ausverkauft. Der Blick ins Programm offenbart Alternativen.

Text: Lena Frommeyer

 

Köpenick am Schlump

Das Abaton Kino zeigt Gyula Trebitschs Produktion „Der Hauptmann von Köpenick“ mit vorheriger Einführung von Michael Töteberg und Volker Reißmann.

Er hätte gern den Faust verfilmt, ist aber auch so zu einer hanseatischen Respektsperson avanciert: Gyula Trebitsch war Ehrenprofessor und Ehrenschleusenwärter. In Tonndorf, wo er 1960 sein Studio Hamburg gegründet hat, ist eine Schule nach ihm benannt. Das Leben des gebürtigen Ungarn, der Praktikant bei der Ufa war und KZ-Gefangener, ist Gegenstand eines Buches im Verlag Ellert + Richter. Zur Einstimmung auf die Lektüre läuft Trebitschs größter Kinoerfolg: Die Oscar-nominierte Real-Filmproduktion Der Hauptmann von Köpenick, für die 1956 auch am Schlump gedreht wurde. Die Filmwissenschaftler Michael Töteberg und Volker Reißmann führen in den Film ein und zeigen Interviews mit Heinz Rühmann und dem 2005 verstorbenen Gyula Trebitsch sowie seltene Fotos von den Dreharbeiten 1956 in Hamburg.

 

Jazzraum-Geburtstag

Eine Hamburger Jazzreihe feiert ihren 12. Geburtstag – mit einer Fotoausstellung, Musik vom Plattenteller und der überaus sehenswerten Live-Band Cnirbs.

Der Jazzraum feiert Geburtstag. Anfang November vor 12 Jahren begründete der Hamburger Schlagzeuger und Komponist Tarik Husseini den Sunset Jazz Club im damals noch existenten Altonaer Club Subotnik. Später zog er ein paar Straßen weiter gen Elbe und wurde in Jazzraum umbenannt. Dort residiert er bis heute. So viel Durchhaltevermögen muss gefeiert werden, dachten sich die Veranstalter (und das dankbare Publikum wird nicht widersprochen haben). Mit dem Trio Cnirbs, bestehend aus Matthäus Winnitzki (Keyboards, Komposition), Stephan Meinberg (Trompete, Euphonium) und Konrad Ullrich (Schlagzeug), hat sich einer der interessantesten Jazzbands der Republik für zwei Live-Sets angekündigt, um Stücke ihres kürzlich beim brennt-rekords-Label erschienenen Albums Hey Kollege zu Gehör zu bringen. Außerdem gibt es eine Ausstellung mit Fotos vergangener Jazz-Abende und Musik vom Plattenteller.

 

Sage Francis

Der 37-jährige Poetry Slammer und Hip-Hop-MC aus Miami Florida präsentiert sein neues Album, „Copper Gone“, live im Uebel & Gefährlich.

Am Anfang war die Slam Poetry, dann kam der Hip-Hop. Dass Sage Francis einen Sinn für starke Zeilen hat, lässt schon das lustige Wortspiel im Namen seiner ersten Crew, Art Official Intelligence, deutlich erkennen. Später gründete er zusammen mit dem Produzenten Joe Beats das Duo Non-Prophets (wieder so ein gelungener phonetischer Dreh im Bandnamen). Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 veröffentlichte er den vieldiskutierten medienkritischen Track Makeshift Patriot, für den es in den USA alles andere als nur Applaus gab. Sein Blick auf die Welt ist nicht gerade positiv, was sich auch in seinen Mixtapes niederschlägt, die er seit Ende der 1990er herausbringt und die stets das Wort „sick“ im Titel tragen. Das neue Album des mittlerweile 37-jährigen MCs aus Miami heißt Copper Gone. Ob er dessen Tracks im Uebel & Gefährlich mit voll besetzter Live-Band vortragen wird oder doch nur in Begleitung eines DJs? Man darf gespannt sein.

 

Mysrifax

Der Fernsehsender TIDE und das Metropolis Kino zeigen einen experimentellen Mittachtziger-Film von Andy Hertel – in Anwesenheit des Regisseurs.

Bis Dezember 2014 präsentieren Hamburgs Lokal-TV-Sender TIDE und das Metropolis Kino Werkinterviews mit FilmemacherInnen, die seit den 1960er und 1970er Jahren das künstlerische Filmgeschehen von Hamburg aus maßgeblich beeinflusst haben. Am 5. November ist Andy Hertel im Metropolis Kino zu Gast, der 1968 Student an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg wurde, dort mit Kommilitonen die erste Filmklasse gründete und Mitglied der Hamburger Filmmacher Cooperative wurde. Gezeigt wird Mysrifax von 1984/85, ein „psychedelischer Überraschungsfilm, der Sachen zeigt, die nur Super-8-Röllchen erzählen können“, so die Ankündigung. Andy Hertel: „Ich habe die 8mm-Filmröllchen so aneinander gelegt, bis ich sah, dass sie zusammen passten.“ Außerdem im Programm: Ann Kimminichs 29-minütiges Werkinterview mit Hertel und zwei weitere Kurzfilme.

 

St. Pauli im Film

Ein Team lokaler Filmemacher zeigt im Ballsaal des FC St. Pauli seine Langzeitdokumentation „Buy buy St. Pauli“ über Protest und Solidarität rund um die ESSO-Häuser.

Auf St. Pauli sind Filme ein Instrument des Protestes. Diese etwas anderen Heimatfilme weisen auf Missstände hin – so auch Buy buy St. Pauli von Irene Bude, Olaf Sobczak und Steffen Jörg. „Im Februar 2012 haben wir angefangen zu filmen“, erinnert sich Irene Bude. Mit ihrem Team begleitete die Filmemacherin die Auseinandersetzung um die ESSO-Häuser. Für die Langzeitdoku ließen sich Bewohner in die eigenen vier Wände schauen. Jürgen Moebus zeigt seine Fußball-Fanwand, Heinz Barth seine Mitbringsel von Fahrten zur See, Evi Madejski schwärmt von den Kirschbäumen im Gemeinschaftsgarten. Drumherum erzählt der Film die Geschichte der ESSO-Häuser, die nach dem Krieg als zukunftsweisender Bau entstanden.

Buy-buy-St-Pauli-Premiere

Das Team begleitete Demonstrationen und Sitzungen, es war vor Ort, als die Häuser kurz vor Weihnachten 2013 evakuiert wurden, weil die Wände (angeblich) wackelten. Es folgen Bilder vom Abriss, Stimmen zum öffentlichen Planungsprozess. Irene Bude besuchte die Bewohner im Exil. „Ich wohne jetzt auf’m Friedhof. In Finkenwerder. Wann hörst du hier ’n Auto. Nie!“, sagt einer von ihnen. Am 2. November feiert Buy buy St. Pauli Premiere im Ballsaal der Südtribüne des FC St. Pauli.

Text: Lena Frommeyer

 

Do It Yourself

Selber basteln oder Handgemachtes kaufen beim Handarbeitstag am Kiekeberg und dem Desigmarkt „Hello Handmade“ auf Kampnagel.

Sticken, Nähen, Häkeln, Filzen, Weben, Stopfen, Klöppeln … Längst in Vergessenheit geratene Handarbeitstechniken stellt das Kiekeberg-Museum vor und lädt am 2. November von 10 bis 18 Uhr zum Ausprobieren an die Gerätschaften. Zu diesem Handarbeitstag gehört auch ein Woll- und Stoffmarkt. Wer keine Lust hat, selbst Nadel, Faden und Schere in die Hand zu nehmen, aber dennoch seine Wohnung individuell dekorieren möchte, lässt andere basteln. Beim Markt Hello Handmade können sich die Besucher einen ganzen Tag lang durch handgemachte Einzelstücke, von Klamotten über Papierwaren bis Schmuck und Schokolade, wühlen. Hier gibt’s originelle Geschenke – nicht nur für untern Tannenbaum, beispielsweise ein Lebensmotto auf Holz für die Wand von Navucko (Foto).

 

„A Touch of Sin“

Im Rahmen von „China Time 2014“ zeigt das Metropolis Kino bis zum 14. November mehrere aktuelle Filme aus der chinesischen Volksrepublik.

Yi’nan Diaos im Juli dieses Jahres angelaufener Neo-Noir-Thriller Feuerwerk am hellichten Tage hat die Neugier geweckt auf weitere Produktionen aus der Volksrepublik. Acht Spielfilme, die im Metropolis Kino gezeigt werden, sollen es während der China Time 2014 stillen. Auch in ihnen vermitteln sich über Genre-Vorgaben Einblicke in die Alltagsrealität im heutigen China. Von Korruption auf dem Lande erzählt A Touch of Sin (am 2. November), zu dem sich der Regisseur Jia Zhangke von den Mafia-Filmen Martin Scorseses anregen ließ. No Man’s Land von Ning Hao (12./13. November), der illegalen Tierhandel schildert, versteht sich als Hommage an die Italowestern der 1970er und ist in entsprechend kargen Wüstenlandschaften angesiedelt. Ein Programm aus neun Kurzfilmen beschließt das Festival am 14. November.

 

„Fast Genial“

Prägen uns die Gene oder eher die Umwelt? Die Inszenierung von Benedict Wells Roman-Bestseller startet im Altonaer Theater.

Ob Veranlagung oder Sozialisierung unseren Lebensverlauf maßgeblicher prägen, ist eine Frage, die Menschen seit eh und je umtreibt und wohl niemals zufriedenstellend beantwortet werden kann. Auch Benedict Wells, der als junges Schreibtalent von sich reden ließ, widmete sich diesem Rätsel. In seinem dritten Roman Fast Genial erzählt er die Geschichte von Francis, der mit seiner Mutter in einem heruntergekommenen Trailerpark in Delaware lebt und sich als absoluter Versager wähnt – bis er erfährt, dass er ein Retortenbaby ist und die Gene eines Genies in sich trägt. Zusammen mit seinem besten Freund und der geheimnisvollen Anne-Marie macht sich Francis auf die Reise, die sein Leben verändern soll. Das Altonaer Theater inszeniert den Bestseller von Wells als einen spannenden Roadtrip – mit Liveband.

Text: Natalia Sadovnik

 

Spoon

Roots-Rock, Blues und Soul: Britt Daniels Band präsentiert den hakeligen Sound ihres achten Albums „They Want My Soul“ live im Uebel & Gefährlich.

Mit dem Begriff Indierock kann Spoon-Chef Britt Daniel bekundetermaßen so gar nichts anfangen – die mit minimalistischer Eleganz rockende Gitarrenmusik seiner Band steht trotzdem bei dieser Klientel in höchster Gunst. Selber schuld: Wer in den Neunzigern als Pixies-Wiedergänger seine Karriere beginnt, hat den Geruch eben am Leib. (Bis heute ist das Debüt Telephono die einzige ihrer Platten, die man nicht guten Gewissens als modernen Klassiker bezeichnen könnte.) Freigeschwommen hat sich die Band mit einem hakeligen Sound, der rootsigen Rock, Bluesfiguren und Soul in immer neue und schnell wieder verworfene Zusammenhänge bringt. They Want My Soul ist das achte Album von Spoon, Daniel hält es für das bislang beste der Band – ein beachtlicher Superlativ, käme er nicht aus voreingenommener Quelle. Wir würden dennoch beipflichten.

Text: Michael Weiland