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Food Swap

Tauschbörse für Selbstgemachtes: Im Herbary wechseln wieder Chutneys, Pestos, Muffins und andere Leckereien die Besitzer.

Die Sharing Economy ist ja bekanntlich weltweit eine Wachstumsbranche. Inzwischen wird übers Internet alles Mögliche geteilt und getauscht, von der Bohrmaschine bis zum Ballkleid. Eine der jüngeren Tauschbörsen, die sich in Hamburg gerade zu einer festen Größe mausert, ist allerdings 100 Prozent analog. Seit Herbst 2013 haben die beiden Freundinnen Yelda Yilmaz und Swantje Havermann ihre Idee von Food Swap hin- und hergewälzt und überlegt, wie sie das Konzept, das in den USA bereits mit großem Erfolg läuft, an der Elbe etablieren könnten. Herausgekommen ist eine sehr schmackhafte Form der Abendgestaltung. Die Regeln sind einfach. Jeder bringt etwas Selbstgemachtes mit ins Herbary, und zwar in fünffacher Ausfertigung: fünf Gläser Pfirsich-Chutney mit Korinthen, fünf Döschen Knoblauchconfit, fünf Fläschchen Eierlikör. Dann wird aber nicht einfach drauflosgetauscht. Erst mal wird probiert. Dann wird darüber gesprochen. Und wenn alle Rezepte besprochen, alle Tipps erfragt, alle Anekdoten erzählt sind, wird die letzte Runde eingeläutet, das Tauschgeschäft, das am Ende des Abends fast zur Nebensache wird – vielleicht nicht zur schönsten der Welt, aber zu einer der leckersten.

Text: Nik Antoniadis

 

 

„Ein Papagei im Eiscafé“

Treffpunkt Barbier: Ines Thomsen hat eine berührende Doku über Migranten in Barcelona gedreht. Die kann man jetzt im Kino 3001 sehen.

„Ich möchte zurück zu meiner Familie. Sonst, wenn deine Kinder groß werden und dann mit 17 oder 18 Mist bauen, wird es deine Schuld sein. Und sie werden dir sagen, dass du sie im Stich gelassen hast, als sie klein waren. Und deine Frau wird dir das auch sagen“, so der Barbier aus Marokko in seinem Friseursalon in Barcelonas Migrantenviertel El Raval.

Die Salons des verrufenen Viertels sind wie Parallelgesellschaften, die durch Migranten aus aller Welt geprägt werden. Barbiere und Friseure liegen Tür an Tür. Jeder hat eine andere Nationalität – und untereinander gibt es kaum Kontakt. Jeder Salon ist wie ein Stück Heimat und der Barbier nicht nur Verschönerer, sondern auch Seelsorger. Sie sind Menschen, die in der Fremde ihr Wohlergehen suchen, während die Spanier selbst reihenweise das Land verlassen.

Filmemacherin Ines Thomsen ist mit geradezu unsichtbarer Kamera behutsam in diese Parallelwelt eingedrungen und hat daraus – verantwortlich für Buch, Regie und Kamera – die Dokumentation Ein Papagei im Eiscafé gemacht. Der hochgelobte Film nahm bereits an mehreren Festivals in Spanien und Deutschland teil und gewann mehrere Preise. Jetzt können auch wir die von der FF Hamburg Schleswig-Holstein geförderte Doku im Kino 3001 sehen.

Text: Andra Wöllert

Ein Papagei im Eiscafé Trailer deutsch from filmtank on Vimeo.

 

Doldrums

Gefällige Musik ist anders, aber Doldrums haben sich das auch nicht auf die Fahnen geschrieben. Die Genrebrecher spielen live im Volt.

„Flaute“ oder „Trübsal“ heißt Doldrums übersetzt. Die gleichnamige Band hat zu dieser Stimmung auf jeden Fall die passende Musik im Gepäck, aber eigentlich auch zu jeder anderen Stimmung und manchmal wechselt die sogar innerhalb eines Songs. Genauso wie die vielen Genres, die Doldrums aus den USA bedienen. Ihre Lieder bewegen sich gekonnt zwischen Pop, Folk, Elektro, Gitarren und weiteren noch nicht herausgehörten Musikrichtungen. Manchmal schlängeln sie von einer zur andern, manchmal ist der Wechsel eher wie ein Brett vorm Kopf. „Uneasy listening“ nennt die Band das selbst auf ihrem Soundcloud-Profil und dieses schwierige Zuhören ist dann doch sehr angenehm. Wie der musikalische Superclash live funktioniert, könnt ihr diesen Dienstag live im Volt beurteilen. Support sind übrigens Moglebaum aus Düsseldorf – mit deutlich gefälligerem und genauso gutem Elektronika.

Text: Andra Wöllert

 

„Nicht alles schlucken“

Vom Leben mit Psychopharmaka: Der Dokumentarfilm zum Thema wird zur Premiere im Abaton von den Regisseuren vorgestellt.

Der Psychiater Piet Stolz hat eine Form von Gesprächskreisen ins Leben gerufen, in denen – ähnlich wie bei den Anonymen Alkoholikern – Betroffene über ihre Erfahrungen sprechen. Eine dieser Runden, die sich Trialogforum nennen und neben Betroffenen auch Angehörige und Professionelle einbeziehen, wurde von den Filmemachern Jana Kalms und Sebastian Winkels begleitet. Ihr Film Nicht alles schlucken versammelt in einem Raum 20 Menschen, die Erfahrungen mit Psychopharmaka haben: Psychisch Kranke erzählen davon, wie Medikamente ihre Persönlichkeit verändert haben; Krankenpfleger und Mediziner sprechen von den Problemen, Medikamente gegen den Willen von Patienten zu verabreichen; Angehörige berichten vom Alltag mit Menschen, die durch Psychopharmaka sediert sind. Dabei werden Fragen aufgegriffen, die viele betreffen – nicht umsonst sind Psychopharmaka ein boomender Wachstumsmarkt –, aber im öffentlichen Bewusstsein entweder tabuisiert oder kaum wahrgenommen werden. Bei der Premiere im Abaton Kino wird das Regie-Team aus Jana Kalms und Sebastian Winkels zu Gast sein. Ebenfalls erwartet werden eine der Protagonistinnen des Films sowie Thomas Bock und Gwen Schulz vom trialogischen Verein Irre menschlich Hamburg.

Text: Nik Antoniadis

 

Speedtrap & BETTYŒTKER

Finnland meets St. Pauli: Die beiden Barkassen-Bands liefern eine amtliche Packung Hardcore auf der MS Hedi aus.

Auf der Hedi gibt es richtig was vorn Kopf. Glücklicherweise ist es auf Schiffen sowieso etwas wackelig, denn wenn die beiden Montagscombos an Bord gehen, wird nicht nur die Kajüte zittern. Die finnische Truppe Speedtrap (Foto) serviert eine amtliche Packung Rock ’n‘ Roll – und zwar nicht die Art, die Chubby Checker spielt. Eher die Art, mit der man vorzeitig von der Schule fliegt. Referenzen an Motörhead, ausgebaut mit kräftigen Einlagen aus Eighties Speed Metal und kompromisslosem Hardcore Punk. Was vom Trommelfell noch intakt geblieben ist, knöpfen sich im Anschluss die Jungs aus St. Pauli vor, die auf der Bühne BETTYŒTKER heißen: Hardcore, D-Beat, Screamo, Hi-Energy – you name it! Für gebührende Drinks ist natürlich ebenfalls gesorgt. Nur beim Stagediving muss man aufpassen. Wer daneben springt, kriegt nur Elbwasser zu trinken.

Text: Nik Antoniadis

 

„Ein Junge namens Titli“

Im Großstadtkrimi des indischen Regisseurs Kanu Behl, der im 3001 anläuft, erweist sich eine Familie als kriminelle Vereinigung.

Der Junge namens Titli ist der jüngste von drei Brüdern, die mit ihrem Vater in einem Slum von Delhi leben. Die beiden Älteren sind Autodiebe, die mit Wissen der Nachbarschaft und Behörden arbeiten, die gern mal die Hand aufhalten, wenn etwas schiefgeht. Und das tut es oft, denn die beiden sind nicht gerade die Hellsten, aber was ihnen an Geisteskraft abgeht, machen sie durch Gewalt wett. Titli, den sie bei ihren Raubzügen als Köder einspannen, will das alles hinter sich lassen – dafür hat er 300.000 Rupien gespart, doch das kleine Vermögen fällt einem korrupten Polizisten anheim. Fortan klafft in der heiklen Ökonomie der Familie eine beträchtliche Lücke. Um die zu schließen, wird Titli zur Heirat mit Neelu gezwungen, die als Mitgift ein Sparbuch einbringt. Sie ist aber nicht so naiv, wie sie tut: Sich selbst und ihr Geld „parkt“ sie bei Titli nur. Beides will sie für ihren Geliebten aufsparen, der aber noch verheiratet ist. Der Versuch Titlis und seiner Brüder, an dieses Geld zu gelangen, steckt den Rahmen für einen spannenden Großstadtkrimi, der im 3001 Kino anläuft. Er zeichnet fern von jeglichem Bollywood-Glamour ein realistisches Bild jener Schichten, die vom Wirtschaftsboom des Landes ausgeschlossen sind.

 

Waxahatchee

Wer sich nach einem Bach in Alabama benennt, der kann doch nur schönen Folk und Indie spielen. Waxahatchee beweisen’s live im Molotow.

Waxahatchee, wie sich die US-Amerikanerin Katie Crutchfield nach einem Bach im heimatlichen Alabama benannt hat, tourt zurzeit mit ihrem dritten Album durch Europa. Ivy Tripp heißt es und wurde nicht etwa in einem großen Studio, sondern bei Katie zu Hause aufgenommen. Die trotzige Göre mit dem schwarzen kurzen Block-Pony hat ihre Coming of Age-Phase hinter sich gelassen. Die 26-Jährige, die bisher eher als Punk-Mädchen daherkam, zeigt eine erwachsenere und nachdenklichere Seite von sich – mit weniger Grunge, dafür mehr Indie, Folk und Riot Grrrl. Erlebt diesen Dienstag live, ob Crutchfield auf der Bühne nicht doch noch mal den Punk in ihr rausholt – beim Konzert von Waxahatchee im Molotow.

 

„Die gleißende Welt“

Ein riskantes Rollenspiel hinter männlichen Masken. Die Autorin des Romans, Siri Hustvedts, liest im Schauspielhaus daraus vor.

Wäre Siri Hustvedt nicht so bekannt, hätte sie sich mit dem langen, in der nüchternen Sprache eines wissenschaftlichen Essays geschriebenen Prolog ihres neuen Romans keinen Gefallen getan. Doch einige Seiten später gewinnt die Erzählung an Dringlichkeit. Harriet Burden, Künstlerin und Witwe eines prominenten New Yorker Galeristen, ist hochtalentiert, aber unpopulär. Wäre sie ein Mann, würde der Kunstmarkt ihre Werke anders wahrnehmen, davon ist sie überzeugt. Auf der Jagd nach Anerkennung engagiert sie drei verschiedene Künstler, ihre Werke als die eigenen auszustellen. Metamorphosen nennt sie ihr Projekt. Der Erfolg ist groß. Der dritte Künstler überlistet sie jedoch und erklärt sich zum Urheber des Werks.

Die gleißende Welt kommt in Gestalt einer Anthologie daher. Hustvedt zeichnet ein aufwühlendes Erzähllabyrinth, ein polyphones Sammelsurium, das sich um die Frage dreht, ob wir Kunst unterschiedlich wahrnehmen, je nachdem, ob eine Künstlerin oder ein Künstler am Werk war. Hustvedts neuestes Werk über Macht, Begierde, Psychoanalyse und Vorurteile präsentiert sie zusammen mit der Schauspielerin Bettina Stucky im Schauspielhaus.

Text: Natalia Sadovnik

 

PAL in der Hasenschaukel

Melancholische Musik aus Malmö hält Einzug in der Silbersackstraße. Die Schweden geben ein Konzert, danach spielt eine „ganze Platte“.

Verträumt und verschlafen, schwermütig und federleicht – irgendwie ist die Musik von PAL alles gleichzeitig. Gitarren, aber auch Electro-Klänge bestimmen den Sound. Die Band aus Malmö selbst beschreibt ihre Musik auf Facebook als Pop/Electro/Lounge/Indie und das trifft es ganz genau. Viele Köche oder hier Genres verderben eben nicht immer den Brei. PAL sind der beste Beweis. In der Hasenschaukel könnt ihr Albin Johansson, Cristoffer Csanady und Adam Hjertström, die im März ihr neues Album Since rausgebracht haben, live erleben. Dann zeigen die Schweden, was ein entspanntes Konzert ist. Danach wird’s in derselben Location vielleicht tanzbarer: Unter dem Motto Die ganze Platte schallt eine ausgewählte Lieblingsscheibe durch die Boxen – und das in voller Länge!

Text: Andra Wöllert

 

Pedal Power Fahrraddisko

Wer nicht tritt, der nicht tanzt: Die mit Muskelkraft betriebene Disko auf dem Lattenplatz benötigt eure Power nicht nur zum Tanzbeinschwingen.

Der Eintritt ist frei, aber wer bei dieser Party tanzen möchte, muss sich ordentlich ins Zeug legen. Hier sorgt nämlich nicht nur der DJ für tanzbare Musik, sondern in allererster Linie das Publikum selbst. Was braucht es, damit Plattenspieler, Laptop und Boxen funktionieren? Richtig, Strom. Und der muss erst noch produziert werden, auf Fahrrädern, vom Partyvolk. Pedal Power heißt das weltweite Event, das seit Mitte Mai jeden Dienstagabend auch auf dem Knust Lattenplatz die Beinmuskulatur zum Arbeiten bringt – und das den ganzen Sommer über. Neben dem DJ-Pult stehen zwei Fahrräder, die ständig in Betrieb gehalten werden müssen. Die DJs danken es dem Publikum mit ihrer Performance. Ein Kreislauf, bei dem der Künstler auch auf den Goodwill des Publikums angewiesen ist. Wird die Musik lauter, nimmt übrigens der Trittwiderstand zu. Wenn jetzt nicht genügend gestrampelt wird, geht der Strom aus und das Musik-Set ist unterbrochen. „Basisdemokratie in der Kreativszene“ nennen das die Veranstalter. Wir nennen das eine großartige Alternative zu schnöseligen After-Work-Lounges.

Text: Andra Wöllert