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Nachlese zum Metallabschluss

 

War ja nicht schön, wie sich die Gewerkschaft IG Metall vergangenes Wochenende im Poker um höhere Löhne durchgesetzt hat. Hat sie doch tatsächlich drei Prozent Lohnerhöhungen rausgeholt. Ein klassischer Sieg der Arbeitsplatzbesitzer und eine weitere Niederlage für die fünf Millionen Arbeitslosen. Führt nur zu weiteren Jobverlagerungen. Und überhaupt: Für die Firmen sowieso am Rande des Erträglichen. Auf jeden Fall das falsche Signal!

So oder so ähnlich habe ich es in den vergangenen Tagen in meinen Lieblingszeitungen FAZ, Handelsblatt, Börsen-Zeitung und Süddeutscher x-fach in verschiedenen Varianten gelesen. Nur meine anderen Lieblingszeitungen FTD und Frankfurter Rundschau sahen es etwas gelassener. Ich möchte ausnahmsweise nicht urteilen, wer Recht hat, sondern drei Analysten von Investmentbanken zu Wort kommen lassen.

Silvia Pepino von der amerikanischen Investmentbank JP Morgan:

„Der Anstieg der Löhne entspricht unseren Erwartungen. Einschließlich der Einmalzahlung steigen die Löhne in der Metallindustrie um 3,1 Prozent. Das ist deutlich weniger als das Produktivitätswachstum in der Industrie, das bei rund 5 Prozent liegt (im letzten Jahr). Das legt nahe, dass der Deal zu keinem Inflationsdruck führen sollte“, so Silvia Pepino. Allerdings würden 3 Prozent höhere Löhne für alle Branchen, auch dort, wo das Produktivitätswachstum geringer ist, kritischer zu beurteilen sein. Lob für die Flexibilisierung bei der Einmalzahlung: Die Bewegung hin zu einer höheren Flexibilität auf Branchen- und Unternehmensebene halte an, auch wenn die Regierung wenig Initiative bei einer weiteren Arbeitsmarktreform zeige.

Dirk Schumacher von der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs:

„Still moderate wage growth in Germany“ lautet die Überschrift der Analyse. Der Industriesektor insgesamt sollte keine Probleme haben, den Lohnanstieg zu verkraften. Der Produktivitätsanstieg im Mittel der vergangenen fünf Jahre liege bei 3,5 Prozent, auch wenn ein Teil des Anstiegs aus der Entlassung herrühren könnte.
Die Flexibilisierung wird mit den Worten „A bit more – but not enough – felxibility in wage setting“ etwas skeptischer als von der Kollegin Pepino beurteilt.
Für die Inflationsaussichten ungefährlich. Trotz der Lohnerhöhungen sollten die Lohnstückkosten in der verarbeitenden Industrie weiter fallen!

Sylvain Broyer von der französischen Investmentbank Ixis:

„3% wage rise in Germany = good news for financial assets“ lautet die Überschrift der Analyse. Obwohl der Abschluss von der Arbeitgeberseite scharf kritisiert worden sei, glauben wir, dass das Ergebnis angemessen ist, wenn man die gegenwärtige Situation der deutschen Wirtschaft berücksichtige. „Eine dreiprozentige Lohnerhöhung in allen Sektoren wird die Profitrate der deutschen Wirtschaft nicht davon abhalten weiter zuzulegen. Gleichzeitig wird der Konsum angefacht, weil es sich um die erste Reallohnerhöhung (Lohnerhöhung abzüglich Inflation) seit drei Jahren handelt. Hinzu kommt: Der Einfluss auf die Inflation wird schwach sein, weil der Abschluss wahrscheinlich völlig kompensiert wird durch die Senkung der Lohnnebenkosten für die Firmen ab Januar 2007.“

ixis 1 wages

Das Argument der Arbeitgeber, der Deal führe zu weiterem und rascherem Offshoring, zieht nach Ansicht von Broyer nicht: „Kostenwettbewerb mit Emerging Countries kann nicht ausschließlich auf den Löhnen fußen, weil die Lohndifferenz viel zu groß ist und ganz unterschiedliche Volkswirtschaften charakterisiert.“ Eine Arbeitsstunde in Deutschland sei bei einem entsprechendem Produktivitätsniveau um 15 bis 16 Dollar teurer als in Mexiko oder Südkorea. Drei Prozent höhere Löhne würden die Wettbewerbsfähigkeit deshalb nicht stark treffen. Nach drei Jahren der Lohnzurückhaltung müsse die Wettbewerbsfähigkeit über andere Kriterien wie Produktqualität, Logistikkosten und Infrastruktur erreicht werden.

Broyer versteift sich gar zu der These, dass ein 3prozentiger Anstieg der Löhne für alle in Deutschland Beschäftigten gut für die Finanzaktiva wäre:

  1. Die Gewinne würde trotzdem rascher als das Bruttoinlandsprodukt wachsen.
  2. Die konsumnahem Aktien könnten wachgeküsst werden, weil endlich die Reallöhne stiegen. Ein steigender Konsum begünstige die Investitionen und entspechend die Aktienkurse.
  3. Die Bonds werden nicht belastet, weil mit einem Effekt auf die Inflationsrate nicht zu rechnen sei.

ixis 2 income shares

35 Kommentare

  1.   Heinrich Kaspar

    Was spricht eigentlich gegen gar keinen Tarifabschluss, und stattdessen dem Aushandeln von Loehen auf Betriebsebene?

    Vielleicht waeren dabei im Durchschnitt ja sogar mehr als 3.1 Prozent herausgekommen.

  2.   F Lindner / Kramladen

    @ Kaspar

    Das scheint tatsaechlich so zu sein. Bei extrem dezentralisierten Verhandlungssystemen wie in den USA oder GB nutzen die Arbeiter sehr viel eher Produktivitaetsfortschritte als bei zentralisierten Lohnverhandlungssystemen fuer Lohnerhoehungen.

    Gerne werden starke Gewerkschaften gescholten, weil sie angeblich die Loehne als Monopol auf dem Arbeitsmarkt verzerren. Wenn man aber mal vom Spezialfall GBs Ende der 70er Jahre absieht, stellt man fest, dass stark zentralisierte Gewerkschaften gesamtwirtschaftliche Faktoren in ihre Lohnsetztungsstrategie einbeziehen – sie wissen, dass zu hohe Loehne (also ueber das Produktivitaetswachstum hinaus) zu Inflation fuehren, damit den realen Wechselkurs nach oben ziehen und die Wettbewerbsfaehigkeit schmaelern. Solche Effekte bekommen kleine offene Volkswirtschaften besonders hart zu spueren. In groesseren und geschlosseneren Volkswirtschaften koenne sie aber auch die harsche Reaktion der Zentralbank auf zu hohe Lohnabschluesse voraussehen und sich maeessigen.

    Beispiel Deutschland: Es gibt Autoren, die davon ausgehen, dass die Bundesbank nur monetaristisch agieren konnte, weil sie mit der IG Metall (die fuer die Lohnsetzung im Rest von Deutschland den Weg weist) interagiert hat. Der Deal: Massvolle Lohnabschluesse gegen relativ geringe Zinsen. Dieses System hat nur nach der Einheit nicht funktioniert – da hat sich das Lohnsetzungssystem naemlich zersplittert, weil die neuen Laender dazu gekommen sind.

    Aber das scheint mir auch das zu sein, was Robert von Heusinger meinte, als er von Normalisierung der Lohnverhandlungen schrieb. Je dezentralisierter (wenn man will neoklassischer…) die Lohnverhandlungen sind, desto mehr Streiks und hoehere Loehne. Denn kleine Gewerkschaften oder Betriebe beruecksichtigen gesamtwirtschaftliche Faktoren nicht und versuchen, besonders fuer sich selbst so viel wie moeglich herauszubekommen.

    So ist die Lohnflexibilitaet bei zentralisierten Verhandlungssystemen mit starken Gewerkschaften auch sehr hoch – in dezentralisierten Systemen ist Keynes Annahme vom Anfang seiner General Theory tatsaechlich richtig: Loehne sind nominal nach unten rigide, deswegen greift die neoklassische Gleichgewichtslogik nicht. Deutschland mit seiner starken IG Metall ist eines der einzigen Laender der OECD, das tatsaechlich einen Nominallohnverlust im letzten Jahr hatte…

    Also: Weg mit den Gewerkschaften, damit die Arbeitnehmer endlich wieder mehr Geld verdienen?

  3.   Die Fragen

    Oh, da habe ich doch direkt mal eine grundsaetzliche Frage 🙂 Wie funktioniert die Lohnbildung eigentlich konkret? Bin ich als Metallbetrieb verpflichtet, den Tariflohn zu zahlen? Kann ich als Arbeitgeber einfach aussteigen und meinen Leuten bezahlen, was ich will? Muss ich in der Gewerkschaft sein um den von Gewerkschaften ausgehandelten Lohn zu bekommen?

    Ich verstehe zwar, dass dies nicht Ihr Fachgebiet ist, Herr von Heusinger, aber vielleicht wissen Sie das ja doch alles… Ich faende es fuer eine fruchtbare Diskussion allerdings wichtig zu wissen.

    Gruss

    Die Fragen

  4.   Thomas

    Nehmen wir an die Arbeit aller Metallarbeiter einer Tarifvertragslohnklasse ist gleich. Dann sollte sich fuer diese Arbeit auch ein einheitlicher Preis am Markt herausbilden. (gleicher Lohn fuer gleiche Arbeit) Dieser Preis kann sich frei am Markt bilden oder durch Tarifvertraege festegelegt werden.
    Wuerde man versuchen, den Preis am Markt zu bilden, dann geht das nur wenn Arbeitnehmer frei ihren Arbeitsplatz wechseln koennen, denn nur dann koennen sie den Loehnen hinterherlaufen und einen Ausgleich herbeifuehren. Genau dieser freie Wechsel ist eingeschraenkt durch verschiedene Restriktionen: neue Probezeit bei Wechsel, Entlassungen bei Bekanntwerden von Berwerbungen (Stoerung des Vertrauensverhaeltnisses) usw.
    Kurz: Der Arbeitnehmer ist an seinen Arbeitsplatz gefesselt. Dadurch kann er gar nicht so mobil sein wie es fuer einen Lohnausgleich ueber den Markt noetig waere.

    Die Folge einer Lohnbestimmung innerhalb der Betriebe wuerde also zu stark unterschiedlichen Loehnen fuehren, die sich nicht durch Wanderungsbewegungen der Arbeitnehmer ausgleichen. Diese unterschiedlichen Loehne stellen dann eine Subvention der Arbeitnehmer an ineffizient arbeitende Unternehmer dar. Diese wuerde dann ausserdem nicht mal mehr Pleite gehen, da sie auf betrieblicher Ebene die Loehne immer weiter druecken koennte. Folglich erhielten wir eine viel groessere Zahl von ineffizienten Unternehmen die nicht vom Markt verschwinden.

    Daher koennen Loehne fuer bestimmte Arbeitnehmergruppen nicht in den Betrieben ausgehandelt werden.

  5.   Uwe Richter

    Sehr geehrte ‚Die Fragen‘,

    bezueglich ihrer Frage nach der Lohnbildung und der Tarifpolitik in Deutschland moechte ich Sie und alle Interessierten auf ein nicht mehr ganz neues Diskussionspapier des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Boeckler Stiftung verweisen. (Die Hans-Boeckler Stiftung ist eine Stiftung des DGB.) Zwar hat sich die Gewerkschaftslandschaft durch die Gruendung der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di im Jahre 2001 veraendert, und in dieser Hinsicht ist das Papier veraltet, bzgl. ihrer Frage duerfte es aber noch hinreichend informativ sein.

    Bahnmueller, Reinhard; Bispinck, Reinhard; Weiler, Anni: Tarifpolitik und Lohnbildung in Deutschland am Beispiel ausgewaehlter Wirtschaftszweige, WSI-Diskussionspapier, Nr. 79, Dezember 1999.

    Mit besten Gruessen

  6.   wienhof

    Interessant!
    Herdentrieb hat mal wieder einen gewerkschaftsfreundlichen Artikel produziert und verweist bei substantiellem Nachfragen quasi direkt an den DGB.

  7.   Michael

    Ja. Und sagen es auch. DAS ist wirklich interessant, denn es ermoeglicht die Einordnung der Quelle in den gesamten Kontext. Im Gegensatz zu den "Expertisen" der heimlichen INSM-Reitern der Apokalypse.

    Insofern war der Kommentar doch bestimmt ein Lob, oder?

  8.   Uwe Richter

    Sehr geehrte/r Frau/Herr Wienhof,

    Sie haben richtig gelesen, der Link geht zur Hans-Boeckler Stiftung, die eine Stiftung des DGB ist. Und darauf habe ich ganz bewusst so explizit hingewiesen, weil ich es a) fuer redlich bei der Angabe von Quellen halte, und b) um unnoetigen Kommentaren vorzugreifen, die bei Abwesenheit eines solchen Hinweises subtile Verbindungen zwischen diesem Weblog und den Gewerkschaften aufdecken zu glauben koennen, die es nicht gibt.

    Falls Sie der Meinung sind, dass dieser Literaturhinweis fuer die Beantwortung der ’substantiellen‘ Nachfrage ungeeignet ist, dann wuerde es mich freuen, wenn Sie dies hier ausfuehren wuerden. Und falls Sie bessere Informationen haben, die dem Frager ‚Die Fragen‘ weiterhelfen, dann waeren auch diese Hinweise stets willkommen, denn ich habe auf dieses Papier nicht deshalb hingewiesen, weil es vom WSI kommt, sondern weil es mir ad hoc als hilfreich und <b>in der Sache weiterfuehrend</b> eingefallen ist.

    Mit besten Gruessen

  9.   Die Fragen

    @ wienhof / Michael

    solange die Quelle angegeben ist finde ich nichts schlimmes dabei, Gewerkschaftdsartikel anzugeben. Natuerlich muss man sich beim Lesen der Faerbung bewusst sein, aber das bin ich.

    Darueber kann ich mich der Bitte von Uwe Richter nur anschliessen, dass Sie Ihrerseits eine weitere Quelle nennen moechten…

    Die Fragen

  10.   wienhof

    @Die Fragen
    Zum Thema Lohnbildung empfehle ich Ihnen die folgende Suchabfrage (z.B. unter google):
    ‚Wolfgang Ochel Lohnbildung‘. Er arbeitet fuer das ifo-Institut. Besonders das Thema "geborgter Geltungsbereich" finde ich bemerkenswert.

    @Uwe Richter
    Die Quelle haben Sie genannt, das habe ich auch nicht bestritten.
    Ich weiss nicht, wie vielen Oekonomen/Journalisten, die sich mit dem Thema objektiv auseinandersetzen wollen, als erstes ein Dokument dieser Stiftung einfaellt.

    Ein Grossteil der Artikel von Herdentrieb (mal abgesehen von "Sturmwarnungen zum DAX") hat m.E. eine gewerkschaftsfreundliche Tendenz.

 

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