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3,4 Prozent Lohnerhöhung für alle!

 

Endlich hat Deutschland eine volkswirtschaftliche Debatte, die von höchster Wichtigkeit ist: Die Lohndebatte. Der Aufschwung, den vor einem Jahr kaum jemand vorhergesagt hat, macht es möglich. Natürlich müssen die Löhne nächstes Jahr steigen – und zwar ansehnlich. Das hätten eigentlich schon dieses Jahr passieren müssen, um die Ungleichgewichte in Euroland nicht weiter zu verschärfen, um die Binnennachfrage zu stärken, bevor der Abschwung in Amerika die Exportwirtschaft erwischt. Aber besser die Debatte kommt spät als zu spät.

Ich muss schon schmunzeln, wie jetzt einige Zeitungen auf die Politiker eindreschen, die die Debatte losgetreten haben, auf Arbeitsminister Müntefering, SPD-Chef Beck und selbst die Bundeskanzlerin. Sie hätten sich gefälligst da raus zu halten. Das ist ziemlich krude. Wer, wenn nicht die Politiker, die die Unzufriedenheit im Land spüren, müssen solche Debatten anführen. Schließlich haben sich meine Kollegen in den Schreibstuben ja auch nicht aufgeregt, als die Politiker die Folgen der Globalisierung beschrieben und zur Lohnzurückhaltung und den Gürtel-enger-schnallen aufriefen. Jetzt aber weist die deutsche Wirtschaft Rekordgewinne auf und gleichzeitig sinken die Reallöhne, also die Löhne abzüglich der Inflation. Das passt ökonomisch nicht zusammen und muss korrigiert werden.

Zur Debatte: Das schöne ist, dass eigentlich niemand Lohnerhöhungen für 2007 in Abrede stellt. Das ist die Wende. Der Streit dreht sich natürlich um die Frage, wie hoch die Lohnerhöhungen ausfallen dürfen. Hierzu einige Anmerkungen:

Grundsätzlich können Volkswirte nur Ratschläge geben, denn der Lohnfindungsprozess ist in erster Linie eine Machtfrage zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Ist die Arbeitslosigkeit hoch, wird der Standort kaputtgeredet und gleichzeitig das Anspruchsniveau der Arbeitslosen durch die Politik abgesenkt, sitzen die Arbeitgeber am längeren Hebel, wie in den vergangenen Jahren. Die kräftige Umverteilung von den Löhnen in die Gewinne ist das Ergebnis. Herrscht dagegen Vollbeschäftigung und die Konjunktur läuft gut, dann ist die Machbalance genau umgekehrt. Dann können die Gewerkschaften die Lohnsteigerungen diktieren.

Welche Lohnerhöhung ist volkswirtschaftlich sinnvoll? Als gute und über Jahrzehnte bewährte Daumenregel gilt: Inflation plus Produktivitätszuwachs. Eine solche Lohnerhöhung treibt nicht die Inflation, eine solche Lohnerhöhung ist verteilungsneutral – zwischen Gewinn- und Lohneinkommen. Aber natürlich steckt der Teufel im Detail: Welche Inflationsrate soll man ansetzen? Die vergangene, die künftig erwartete, die Kernrate der Verbraucherpreise oder die Verbraucherpreise selbst? Mein Vorschlag: Die von der Europäischen Zentralbank angestrebte jährliche Preissteigerungsrate, also 1,9 Prozent. Und zwar immer, ganz gleich, ob die Inflation in einem Jahr deutlich höher oder deutlich tiefer liegt. Mit 1,9 Prozent liegt man stabilitätspolitisch richtig, erleichtert der Notenbank die Arbeit und nimmt ihr ihre fürchterliche Inflationsangst.

Bei der Produktivität stellen sich noch mehr Fragen: Soll man den Produktivitätszuwachs der Volkswirtschaft wählen, der Branche oder der Firma? Muss man die Produktivität noch um die Entlassungsproduktivität bereinigen, also um den Anstieg, der schlicht durch den Rauswurf von Arbeitnehmern zustande gekommen ist, weil deren Arbeit zu teuer geworden sei? Letztere Argumentation, die die Arbeitgeber gerne anführen, ist scheinheilig. Ein Produktivitätsanstieg geht tendenziell immer mit Entlassungen einher, denn man kann ja mit der gleichen Anzahl Arbeitnehmern mehr produzieren, beziehungsweise mit weniger Menschen den selben Output wie früher. Würde der Produktivitätszuwachs nie zu Entlassungen führen, stünden wir alle noch auf dem Feld und würden uns dort mit Traktoren gegenseitig umfahren. Produktivitätszuwachs ist permanenter Strukturwandel! Logisch!

Also welcher Produktivität sollte die Lohnentwicklung folgen? Natürlich der gesamtwirtschaftlichen. Würde man den Produktivitätszuwachs versuchen zu individualisieren, also auf die einzelne Firma herunterbrechen, dann müsste strikt zu Ende gedacht, der Lehrer und Professor heute noch so viel verdienen wie vor dreihundert Jahren und die Putzfrau soviel wie vor fünfzig Jahren, als der Staubsauger sich durchgesetzt hat. So aber funktioniert Volkswirtschaft nicht. Die produktiven Sektoren der Industrie geben den Takt vor, die anderen Jobs, in denen kaum Produktivitätszuwächse zu verzeichnen sind, ziehen nach. Schließlich gibt es in einer funktionierenden Marktwirtschaft eine Dynamik zwischen Produktivitäts-, Einkommens-, Nachfrage- und Preisentwicklung, die den Wohlstand insgesamt ansteigen lässt. Nähme man eine Produktivitätskennziffer per Branche hätte man dasselbe Problem mit Lehrern, Professoren und Putzfrauen. Hinzu kommt, dass man volkswirtschaftlich unrentablen Branchen das Überleben sichert, weil deren Lohnkosten im Vergleich zu den rentablen Branchen nicht richtig steigen. Viel besser ist es doch, wenn sich hochentwickelte Länder aus solchen Sektoren zurückziehen, um sie den aufholenden Ländern zu überlassen.

Hier eine schöne Grafik, wie hoch der Produktivitätszuwachs in der exportabhängigen Metallindustrie in der Vergangenheit war (die Idee zur Grafik habe ich der Börsen-Zeitung entnommen). Sowohl die Löhne als auch das Produktivitätswachstum sind auf die Arbeitsstunde heruntergebrochen.

Metall- und Elektro-Industrie Lohn und Produktivität

Die Grafik zeigt, wie schwach die Verhandlungsposition der Gewerkschaften in den vergangenen zwölf Jahren war.

Wer es angesichts dieser hohen Produktivität als ungerecht empfindet, dass die Arbeitnehmer in der Metallindustrie sich mit dem gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs, der bei rund 1,5 Prozent liegt, abspeisen lassen sollen, dem sei mein letzter ZEIT-Artikel zu Investivlöhnen zur Lektüre empfohlen. Es gibt ja noch das schöne, weil flexible Instrument der Gewinnbeteiligung. Übrigens hatte der letzte Metallabschluss genau so ein Instrument für die Firmeneben gewählt.

Jedem Hardliner, der in den vergangenen Tagen meinte, die Lohnzurückhaltung sei der Hauptgrund für Aufschwung und neue Arbeitsplätze in Deutschland, wir begännen gerade erst die Früchte zu ernten und weitere Jahre Lohnzurückhaltung seien nötig, sei folgendes zugerufen: Erstens, es ist das Wachstum, Stupid! Zweitens sorgen auch Lohnerhöhungen für Wachstum, gerade nach einer Phase wie Deutschland sie erlebt hat und die Wettbewerbsfähigkeit nun über alle Zweifel erhaben ist. Und drittens, denk an den Abwertungswettlauf in Euroland!

Kurzum: Die Löhne müssen nächstes Jahr um 1,9 Prozent plus 1,5 Prozent steigen, sprich um 3,4 Prozent. Boomende Branchen dürfen gerne über flexible Lohnbestandteile mehr drauflegen.

Die Politiker sollten ihren Worten Taten folgen lassen und im öffentlichen Dienst beginnen.

80 Kommentare


  1. inflation = geldmengenausweitung – wachstum

    da muss man nicht viel zerrechnen und man muss sich auch nicht überlegen, welches der zerrechneten modelle man denn nun zu rate zieht.

  2.   Yves Winkler

    Hallo Herr von Heusinger,

    besonders interessant an Ihrem Beitrag ist die Grafik. Man sieht, dass in den Jahren 1992 und 93 die Lohnentwicklung dem Produktivitätsfortschritt deutlich enteilt war. Ich denke, Sie sollten die Grafik mal um 20 Jahre in die Vergangenheit verlängern, dann relativiert sich Ihre Aussage zur angeblich schwachen Verhandlungsposition der Gewerkschaften. Ja, die Lohnzuwächse haben im Trend seit Anfang der neunziger Jahre abgenommen, aber man könnte das auch als Korrektur von zuvor überzogenen Lohnzuwächsen sehen.

    Übrigens, ich finde die gegenwärtige Lohndebatte mindestens so interessant wie Sie. Kaum haben wir einmal einen kleinen Konjunkturaufschwung und schon wird nur noch über Verteilung geredet. Niemand spricht mehr über die – bei durchaus vorhandenen Erfolgen am Arbeitsmarkt – immer noch verbleibenden fast vier Mio. Arbeitslosen.

  3.   Thomas

    @wirtschaftsweiser_ch: Die von Ihnen genannte Definition ist unvollstaendig. Sie beruecksichtigt nicht die Umlaufgeschwindigkeit der Geldmenge, diese ist jedoch für die Warenpreis von entscheidender Bedeutung.
    Ausserdem kann es zu einer Geldmengenausweitung kommen, wenn andere Staaten ihre Geldstroeme auf die Fremdwaehrung Euro umstellen, wie dies Montenegro getan hat. Wenn dann noch in einigen Staaten der Euro als Zweitwaehrung verwendet wird, wird es noch schlimmer.
    Das dortige Wachstum muss man naemlich genauso beruecksichtigen, ohne es wirklich zu kennen oder messen zu koennen.
    Ebenso kann man die Geldmenge nicht genau genug messen.

    @Robert von Heusinger: Die Argumentation mit den Lehrern und Reinigungskraeften laesst sich doch sicherlich auch auf alle Firmen innerhalb einer Branche uebertragen. Die Konsequenz daraus lautet, dass man keinem Unternehmen eine Abweichung vom Tarifvertrag erlauben darf, da so nur unproduktive Unternehmen am Leben erhalten werden, anstelle der Umleitung der Ressourcen in produktivere Unternehmen. Leider sind dafuer die Gewerkschaften nicht stark genug (Stichwort: Streik um ein Unternehmen in den Arbeitgeberverband zu zwingen).

  4.   Tuotrams

    Satire?

    Offensichtlich, in der deutschen Industrie ist das Thema jedenfalls „die Wiedereinführung der 40h Woche“

    D-Lands Probleme haben sich übrigens nicht in Luft aufgelöst, die Regierung Merkel sollte hier nicht die Fehler von Schröder in 2000 wiederholen.

    Zur Erinnerung, Massenarbeitslosigkeit, Staatsverschuldung nahe am Staatsbankrott, Unternehmen wie VW – die in keinem deutschen Werk Gewinne schreiben.

  5.   Tuotrams

    @Thomas

    Die Annahme es gäbe im Lehrberuf oder im Saubermach-Business keinen Produktivitätszuwachs ist schlicht FALSCH.

    Im Übrigen sind deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich immer noch „chronisch“ unprofitabel. Allerdings dürfte ein unprofitables Unternehmen wie VW oder Siemens für die Volkswirtschaft immer noch besser sein als nochmal x * 100.000 Arbeitslose.

  6.   moe

    „Hinzu kommt, dass man volkswirtschaftlich unrentablen Branchen das Überleben sichert, weil deren Lohnkosten im Vergleich zu den rentablen Branchen nicht richtig steigen. Viel besser ist es doch, wenn sich hochentwickelte Länder aus solchen Sektoren zurückziehen, um sie den aufholenden Ländern zu überlassen.“

    Das mag grundsätzlich richtig sein, aber wollen sie wirklich Unternehmen, die hinter dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum zurückbleiben, wegen eines Tarifvertrags über die Klinge springen lassen? Genau diese starre Lohnpolitik hat m.E erst zu 4 Millionen Arbeitslosen geführt. Wenn die Produktivitätsunterschiede zwischen den Firmen größer werden, werden die weniger produktiven unter ihnen noch schnell genug vom Markt verschwinden. Lehrer nehme ich von dieser Argumentation aus, deren Produktivität ist wohl ohnehin kaum zuverlässig zu ermitteln.

  7.   Kramladen

    @ Tuotrams

    Deutsche Unternehmen chronisch unprofitabel? In welcher Welt leben Sie? Die Gewinne explodieren – nicht überall, aber immerhin, obwohl noch nicht mal die Nachfrage steigt. VW ist nur ein – sehr spezielles -Beispiel. Wenn Sie allein in der Autobranche schauen, haben Sie auch BMW oder Porsche, die beide hoch profitabel sind und keine Leute entlassen.

    Übrigens würden die Profite tendentiell steigen, wenn wieder mehr Nachfrage qua höherer, mit der Produktivität steigende Löhne enstehen würde. Schreibt übrigens der Economist in seiner aktuellen Ausgabe – nicht als antikapitalistisches Blatt bekannt.

    Der nahende Staatsbankrott – wird gern überall geschrieben, ist hier im Blog und auch anderswo immer und immer wieder wiederlegt worden, hält sich aber hartnäckig als garstiges Vorurteil. Fragen Sie mal die Investoren auf den Finanzmärkten, die ihr Geld auf deutsche Staatsschulden verwetten, ob die an den Bankrott Deutschlands glauben: Sie tun es nicht. Niemand Seriöses tut das.

    Es steht uns schlicht kein Staatsbankrott bevor, auch wenn einige Medien diesen ökonomischen Mythos immer und immer wieder wiederholen.

    Grüße,

    Kramladen

  8.   Kramladen

    Übrigens, wie Herr von Heusinger auch geschrieben hat: Denkt an den Abwertungswettlauf in Euroland. Was Deutschland betreibt, ist schlicht Lohndumping – das ist kein Phänomen der bösen Chinesen, Osteuropäer oder sonst wem, sondern ein deutsches.

    Darunter ächzt besonders Italien, und auch Frankreich sieht sich unter starken Druck durch das deutsche Lohndumping gesetzt. Aber nicht nur die sich immer weiter verbessernde Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen auf Kosten der europäischen Partner ist für die Eurozone kontraproduktiv.

    Fast zerstörerisch wirkt das Lohndumping auf die Stabilität der ganzen Währungsunion. Unsere unter dem Produktivitätswachstum steigenden Löhne lassen auch die Inflation nur wenig steigen, während sie in anderen Ländern der Zone – viel zitiertes Beispiel ist Spanien – viel höher ist.

    Weil die EZB den Inflationsdurchschnitt der Eurozone stabilisieren muss, kann sie nicht auf individuelle Länder reagieren. In den einen Ländern wird dann die Inflation zu hoch, in anderen zu gering (auch wenn es nicht nach Deflation aussieht). Das kann nicht lange gut gehen – und es gibt ja auch schon öffentliche Diskussionen in Italien darüber, ob man wirklich in der Eurozone bleiben will.

    Wenn man so will, sind Lohnerhöhungen auch ein wesentlicher Beitrag zur europäischen Solidarität. Wir sanieren uns nämlich gerade auf dem Rücken der anderen – das ist ökonomisch ineffizient und politisch gefährlich.

    Kramladen

  9.   Kramladen

    Noch was, zu den angeblich so unprofitablen deutschen Unternehmen: Zumindest den Dax-Unternehmen geht es recht gut. Die verzeichnen nämlich Rekordgewinne:

    http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/nachrichten/
    konjunktur-dax-konzerne/83373.asp

    Dem Mittelstand – so nehme ich an – geht es mit hoher Wahrscheinlichkeit wohl nicht so gut. Der lebt aber auch nicht vom durch das Lohndumping gepuschten Export – wie ein Großteil der Dax-Unternehmen – sondern von der internen Nachfrage, die wesentlich durch das Einkommen bestimmt wird. „Die Unternehmen“ gibt es also sowieso nicht.

 

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