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Der Taschenlampen-Anschlag und ein Brief von Zschäpe – das NSU-Medienlog vom Donnerstag 13. Juni 2013

 

Die Berichte über den neunten Verhandlungstag drehen sich um die Aussage von Carsten S. und um den vermuteten Taschenlampen-Anschlag in Nürnberg.

So wie S. vor Gericht auftritt, habe er sich vorgenommen „reinen Tisch“ zu machen, schreibt Mirko Weber in der Stuttgarter Zeitung. Das führe dazu, dass er jedes Erlebnisdetail seiner Neonazi-Vergangenheit einzeln erzählt – von der Kirmesschlägerei bis zur Briefmarkensammlung.

An jedem Werktag fassen wir im NSU-Prozess-Blog die wichtigsten Medienberichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Über den neunten Verhandlungstag und den bekannt gewordenen möglichen weiteren Anschlag des NSU schreibt Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online, die Bundesanwaltschaft werde wenig erfreut gewesen sein über jene Behörden, die den obersten Strafverfolgern zuarbeiten sollten. Focus Online und die Berliner Zeitung („Jeden Tag der Wahrheit ein Stück näher“) würdigen die Offenheit, mit der Carsten S. vor Gericht auftrat, und merken an, dass er dadurch eine höhere Strafe riskiert. Merkur Online und Tagesspiegel berichten eher nüchtern. Das Deutschlandradio geht näher auf den Brief ein, den Zschäpe an einen 28-jährigen Neonazi schrieb.

Auch die türkischsprachigen Zeitungen Milliyet, Sabah und Star Gazete beschränkten sich auf sachliche Zusammenfassungen der neuen Erkenntnisse.

„Carsten S. überzeugt nicht“: Das Bild von Carsten S., dem reuigen Sünder, hat nach Ansicht von Tom Sundermann Kratzer bekommen. Auf ZEIT ONLINE schreibt er,  S. habe bis zum Prozess wichtige Auskünfte zurückgehalten und das, obwohl er sich nach eigenen Angaben Ende 2011 an die Äußerungen über die Taschenlampe erinnere. (Vergleich Medienlog vom 12. Juni) Genug Zeit also, um den NSU-Ermittlern davon zu berichten. Warum er das nicht tat? Sundermann vermutet, dass sich S. nicht als Mitwisser eines Anschlags belasten wollte.

Erneut schlampige Arbeit von Behörden?: Für die Tageszeitung Nürnberger Nachrichten nimmt die Stadt Nürnberg mit vermutlich vier Attentaten einen traurigen Spitzenplatz in der Serie der NSU-Anschläge ein. „Keine andere Stadt wurde von der braunen Mörderbande so oft heimgesucht“, kommentiert der Autor.

Das werfe unangenehme Fragen auf, etwa die, ob die Behörden wieder schlampig gearbeitet haben: „Immerhin wurden sie nach dem Auffliegen des NSU aufgefordert, alle bislang ungeklärten Attentate auf eine mögliche Verbindung zur Zwickauer Terrorzelle hin zu überprüfen“, heißt es. Zu bezweifeln sei, dass dies geschehen ist. Die Parallelen zwischen dem Anschlag in Nürnberg und dem Rohrbombenattentat in Köln seien nicht zu übersehen.

Während Beate Zschäpe vor Gericht schweigen will, haben Ermittlungsbehörden einen Brief abgefangen, den Zschäpe einem anderen Neonazis schickte. 30 Seiten hat Zschäpe demnach an Robin S. geschrieben, der in der JVA Bielefeld eine siebenjährige Haftstrafe absitzt.

Doch wer hofft, dass Zschäpe in den Briefen etwas über die NSU-Morde schreibt, wird enttäuscht: Vielmehr schreibt sie über ihren Alltag im Gefängnis, über ihre Familie und Jugend, berichtet Holger Schmidt vom SWR. Der Brief ist nun Teil der Gerichtsakten. Sollte die Angeklagte weiter schweigen, könnte er dem Senat bei der Meinungsbildung über Zschäpe helfen, schätzt Schmidt ein.

Zschäpe beschwert sich über Vorverurteilung: Auch der Spiegel hatte Einsicht in den Brief und berichtet, Zschäpe habe unter anderem Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich kritisiert, weil der sie vorverurteilt habe. Außerdem habe Zschäpe demnach erst bei ihrer ersten Vorführung beim Bundesgerichtshof im November 2011 erfahren, dass sie die Kronzeugenregelung in Anspruch nehmen darf. Zu dem Zeitpunkt habe sie allerdings schon von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht.

Englischsprachige Onlinemedien veröffentlichten keine Berichte über den Prozess. Schon seit mehreren Wochen ist er dort kein Thema.

 Das nächste Medienlog erscheint am Donnerstag, den 13. Juni.

6 Kommentare


  1. Und wenn es nur eine billige Strategie ist, dass empfindsame Mädel spielen zu können – lauter Klatsch und Tratsch in Briefe gepackt und mit ein paar ‚Tränen‘ benetzt?
    Diese Details sind doch leider wenig hilfreich im Gesamtprozess.


  2. Noch eins: Zschäpe ist feige.

  3.   Jane

    Ich finde besonders den letzten Abschnitt interessant:

    „Außerdem habe Zschäpe demnach erst bei ihrer ersten Vorführung beim Bundesgerichtshof im November 2011 erfahren, dass sie die Kronzeugenregelung in Anspruch nehmen darf. Zu dem Zeitpunkt habe sie allerdings schon von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht.“

    Aber ich gehe davon aus, dass man im nachhinein trotzdem noch die Kronzeugenregelung in Anspruch nehmen darf?!

    Zäpsche ist total feige. Sie ist noch nicht mal bereit auszusagen?
    Dann kann Sie doch garnicht bereuen..

  4.   Isebill

    Wie um alles in der Welt kann es sein, dass die Presse Informationen aus dem Briefverkehr einer Untersuchungsgefangenen erhält oder dieser ihr gar „vorliegt“ ? Über so etwas könnte ich persönlich mich wesentlich mehr aufregen als über jede Platzvergabe.
    Ich finde es entsetzlich und beschämend, wenn hier aus der Justiz was durchsickert. Und genauso widerlich finde ich es, wenn die Verteidigung die Briefe zugänglich macht und die Presse darauf anspringt.

  5.   Bernd Derksen

    Für mich ist die Prozessberichterstattung Ausdruck fehlender Unabhängigkeit weiter Teile der hiesigen Medienlandschaft, letztlich Ausdruck des Versagens der vierten Gewalt.

    Dass man ohne ein Wort des Zweifels über die Inhalte eines geklauten, äh „sichergestellten“, privaten Briefes berichtet, spricht nicht für eine seriöse Wahrnehmung von Verantwortung. Es ist Ausdruck der Ablehnung von Persönlichkeitsrechten. Ich hatte früher mal ein anderes Bild vom Anspruch der „Zeit“.

    Grundrechte gelten aus guten Gründen für alle. Auch für massenmedial vorverurteilte Angeklagte.


  6. #2

    Unwesentlich, da nicht strafbar.

 

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