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„Ein täterorientierter Prozess“ – das NSU-Medienlog vom Montag, 8. Juli 2013

 

Auch am Wochenende war der NSU-Prozess Thema in den Medien. Dabei beschäftigten sich zwei Berichte mit der Hauptangeklagten Beate Zschäpe. Sowohl die taz („Die Versteinerte“) als auch der Tagesspiegel („Beate Zschäpe scheint auf eine bürgerliche Zukunft zu hoffen“) gehen noch einmal genauer auf das Verhalten der Angeklagten vor Gericht ein.

An jedem Werktag fassen wir im NSU-Prozess-Blog die wichtigsten Medienberichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Auf Frank Jansen vom Tagesspiegel wirkt Zschäpe selbstbewusst, beinahe lebensfroh. Der Artikel, der auch auf ZEIT ONLINE veröffentlicht wurde, dreht sich vor allem um eine Bemerkung, die die Hauptangeklagte auf dem Gefangenentransport gemacht haben soll. Der sie begleitende BKA-Beamte hatte Zschäpe von der RAF-Terroristin Susanne Albrecht erzählt, die nun ein bürgerliches Leben führe. Das wolle sie auch einmal, soll Zschäpe dem Beamten daraufhin gesagt haben.

Nach Meinung des Autors bekommt das Bild von Zschäpe langsam mehr Farbe, obwohl sie schweige. Jansen schreibt: „Sie sieht nicht aus wie eine verbiesterte Fanatikerin, die sich auf ewig dem bewaffneten Kampf verschrieben hat.“ Doch dem Journalisten bleiben Zweifel: „Zschäpe mag auf eine bürgerliche Perspektive hoffen, doch hat sie sich vom Rechtsextremismus gelöst? Oder will sie etwa beides kombinieren?“

Die Aussage des BKA-Beamten am zurückliegenden 18. Prozesstag beschäftigt auch die türkischen Medien. Während das Nachrichtenportal Konya Haber die Meldung aufgreift, wonach Zschäpe eigentlich aussagen wollte, ihr Anwalt sie aber davon abgehalten habe, kritisiert die Tageszeitung Zaman vor allem eine Bemerkung des Beamten: „Niemand kann Nein zu Beate Zschäpe sagen“, antwortete er vor Gericht auf die Frage, warum er Zschäpe ihre im Gefangenenbus vergessene Brille ins Gefängnis brachte. Für Autor Şevket Duman ist dies ein Hinweis darauf, dass zum einen dieser eine Beamte Zschäpe sympathisch fand und zum anderen viele beim Verfassungsschutz der Angeklagten wohl gesonnen waren.

Mit einem Interview des Nebenkläger-Anwalts Bernd Behnke wartet die Badische Zeitung auf. Behnke vertritt den Bruder des 2004 ermordeten Mehmet Turgut und kritisiert den Prozess als täterorientiert. Die Interessen der Täter würden intensiver betrachtet als die der Opfer. Dadurch blieben die Interessen der Opfer oft auf der Strecke. Insgesamt werde sein Mandant deshalb von dem Verfahren enttäuscht sein.

Dennoch seien die Erwartungen hoch: Sein Mandant, so Behnke, will vom Prozess Gerechtigkeit, auch wenn er das Vertrauen in die deutschen Ermittlungsbehörden verloren habe. Außerdem hoffe er, dass sich die mutmaßlichen Täter bei ihm entschuldigen. Auf die Frage hin, wie der Prozess seiner Meinung nach weitergehe, sagt Behnke: „Ich glaube, Zschäpe wird sich irgendwann ohne Vorwarnung zu Wort melden. Ob sie sich entschuldigt, wie es mein Mandant erhofft, weiß niemand.“

Die englischsprachigen Onlinemedien berichten nach wie vor nicht über den NSU-Prozess.

Das nächste Medienlog erscheint am Dienstag, den 9. Juli.

13 Kommentare


  1. „Sein Mandant, so Behnke, will vom Prozess Gerechtigkeit, auch wenn er das Vertrauen in die deutschen Ermittlungsbehörden verloren habe. Außerdem hoffe er, dass sich die mutmaßlichen Täter bei ihm entschuldigen. “

    Uhhh gleich 2 Erwartungen die ich als mehr als hochhegriffen und so gut wie nicht erfüllbar ansehe. Punkt 1 ist ein klassisches Problem, nämlich der Wunsch nach gerechtigkeit, der doch so gut wie nie befriedigt werden kann, wenn es Täter und Opfer gibt, was der eine für gerechtigkeit hält, ists für den anderen nicht und im jetzigen falle wird die Gerechtigkeitsvorstellung der angehörigen sehr hoch sein. Das er hofft, die Täter werden sich bei ihm entschuldigen halte ich für mindestens wenn nicht gar noch unwahrscheinlicher. Soweit es mir bekannt ist, zeigen alle die die nicht aussagen kein stück reue und werden sich daher wohl auch nicht entschuldigen, wenn sie reue zeigen würden, könnten sie ja ein geständnis ablegen. Wenn sie das nicht tun wofür und wieso sollten sie sich dann entschuldigen, das wäre ja ein Schuldeingeständnis.
    Bei dem Prozess kann es nur verlierer geben, zumindest bei den Angehörigen der Opfer und den Angehörigen der vermeintlichen Täter und deren jeweiligen Unterstützer etc. Wie gesagt wenn man gerechtigkeit will, wird man von Gerichtsprozessen immer enttäuscht werden, nicht weil ich denke, dass die Justiz unfähig ist, sondern weil es keine Gerechtigkeit in dem Sinne gibt.

  2.   Peter Müller

    “Niemand kann Nein zu Beate Zschäpe sagen”, antwortete er vor Gericht auf die Frage, warum er Zschäpe ihre im Gefangenenbus vergessene Brille ins Gefängnis brachte. Für Autor Şevket Duman ist dies ein Hinweis darauf, dass zum einen dieser eine Beamte Zschäpe sympathisch fand und zum anderen viele beim Verfassungsschutz der Angeklagten wohl gesonnen waren.“

    Was für eine Show. Ich finde Zschäpe auch sympatisch und hoffe auf Freispruch.
    So werden Helden gemacht.

  3.   viccy

    Seltsame Dinge geben da einige Rechtsanwälte von sich. Ob die ihren Namen einfach mal in der Zeitung lesen wollen, egal unter welchen Umständen?

    Natürlich ist ein Prozess täterorientiert. Denn es geht darum, ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht. Interessen des Opfers spielen nur in diesem Rahmen und damit nur indirekt eine Rolle.

    Entschuldigen? Ein schweigender Angeklagter kann sich schwerlich entschuldigen oder bereuen, weil er sich dadurch in Widerspruch zu seiner Verteidigungslinie setzen würde. Wer sich für etwas entschuldigt, hat diesbezüglich ja auch etwas auf dem Kerbholz.

    Das sind ganz einfache, grundsätzliche Überlegungen. Anwälte, die sich gegenteilig einlassen, sind entweder unterqualifiziert oder allzu erpicht auf mediale Präsenz. So oder so sollten sich die Zeitungen nicht vor deren Karren spannen lassen.

  4.   Isebill

    Eine Bemerkung, dass „Niemand nein sagen kann zu Beate Zschäpe“ ist nicht schlecht für den Beamten, sondern für die Angeklagte. Es zeigt, welche Ausstrahlung sie hat und auch wie manipulativ und selbstbewußt sie ist – sie bekommt, was sie will. Die Verteidigungsstrategie, sie sei eine Mitläuferin oder nicht selbst beteiligt gewesen, wird immer aussichtsloser.

    Ein (weiterer) Freudentag für die Staatsanwälte und wenn die Nebenklagevertreter das nicht verstehen, haben sie keine Ahnung von ihre Geschäft. Oder es geht ihnen um was anderes.

  5.   TDU

    Zit: „Die Interessen der Täter würden intensiver betrachtet als die der Opfer. Dadurch blieben die Interessen der Opfer oft auf der Strecke. Insgesamt werde sein Mandant deshalb von dem Verfahren enttäuscht sein.“

    Veielleicjt könnte der Anwalt ihm mal aufklären über unser Verfahrensrecht. Selbst wenn ein Angeklagter da sitzt wie ein Stein darf er das. Da kann man ihn auch nicht mit Werkzeug bearbeiten wie in anderen Ländern.

  6.   Pete1001

    Der Artikel ist etwas unverständlich. Es liegt doch auf der Hand, dass die Angeklagte sich nicht selbt belasten wird. Es gibt zwei tote Haupttäter, denen man alles zuschieben kann. Bis dahin wird sie einfach nur schweigen. Das sind doch eigentlich ganz gute Ausgangschancen. Den Opfern hilft dies nichts, aber das wird auch nicht der Ziel des Priozesses sien. Das hat man von Anfabng an in der Türkei auch mißverstanden. Ich bin mal gespannt, was am Ende rauskommt. Die Dauer der U-Haft wird sicher anrechenbar sein.


  7. Hallo kleinhack, bitte nehmen Sie nicht das Urteil voraus. Diskutieren Sie bitte sachlich das Blogthema. Danke, ZEIT ONLINE

    (…)

    Angesichts des hohen Erwartungsdruck auf ein sehr hartes Urteil zeigt sich die ganze Problematik eines politischen Sensationsprozesses mit über 27 Anwälten als Nebenkläger-Vertreter. Der Vorsitzende Richter wird – unabhängig wie es ausfällt, so oder so – sehr viel Mühe mit der Begründung seines Urteils haben.

    Im übrigen: Die Strafe für ein Verbrechen wird ausgesprochen und vollstreckt, „weil gesündigt wurde“ aber auch „damit nicht mehr gesündigt werde“. Zu diesem Zweck muß eine Wiederaufnahme in die Gesellschaft erfolgen, eine Resozialisierung. Die Vorstellung von Frau Tschäpe nach einer „bürgerlichen Karriere“ à la RAF-Albrecht sollte ihr deshalb – auch in der Übererwartung nach einer „gerechten“ Strafe – nicht von vornherein und über die Haftzeit hinaus versagt werden. Schließlich sind Gefängnisse in Deutschland nicht Dantes Hölle, wo diejenigen, die eintreten, alle Hoffnungen fahren lassen müssen.


  8. „(…)antwortete er vor Gericht auf die Frage, warum er Zschäpe ihre im Gefangenenbus vergessene Brille ins Gefängnis brachte“

    Also echt, soll se doch selbst Ihre Brille holen!


  9. Uneinsichtige englischsprachige online-Medien aber auch!

    Da wurde in allen deutschen Blogs und Zeitungen gepredigt, daß dieser Prozeß das Bild Deutschlands in der Welt bestimmen wird, ja daß dieses Bild durch die abgrundtiefe Unfähigkeit des Gerichts bei der Medien-Platzvergabe schon unrettbar ruiniert sei – und dann berichtet einfach außer deutschen und türkischen Medien niemand darüber!
    Skandalös, wie hier die einzigartige deutsche Mischung aus Egonzentrik und Wehleidigkeit, die auch in ihren peinlichen Momenten Nabel der Welt spielen will, einfach so mißachtet wird.


  10. gibt es noch das minutenprotokoll, also was aktuell live im oberlandesgericht geschieht zu lesen?
    ___________________
    Nein, es gibt einige twitternde Reporter. Protokolle gibt es nicht. Viele Grüße, ZEIT ONLINE

 

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