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Emotionen und ein Missverstädnis – das Medienlog vom Freitag, 11. Juli 2013

 

Die Berichte über den 22. Verhandlungstag drehten sich vor allem um die Aussagen von Pinar Kiliç, der Witwe des 2001 in München ermordeten Habil Kiliç und dessen Schwiegermutter. Alle Autoren berichteten von einem emotionalen Tag im Gerichtssaal. Ebenfalls Thema war die Aussage von Josef Wilfing, ehemaliger Leiter der Münchner Mordkommission.

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Lena Kampf schildert auf stern.de den Verhandlungstag zunächst aus der Sicht der Witwe Pinar Kiliç: „Sie versteht nicht, warum sie das alles hier noch einmal erzählen soll.“ Sie habe das alles doch schon so oft berichtet und wurde wieder und wieder von der Polizei vernommen. Die Autorin findet, dass die erste Zeugenvernehmung einer Hinterbliebenen ein „schier unerträgliches Missverständnis“ sei. Der Vorsitzende Richter Götzl wolle den Geschichten der Opfer Raum geben, doch die Wunden der Pinar Kiliç seien allzu deutlich und sie fasse die Fragen des Richters sofort als Ausfragen auf. „Pinar Kiliç wurde augenscheinlich schlecht vorbereitet auf das, was sie hier erwartet“, schreibt die Autorin.

Eine Schablone, die nicht passt: Um die Aussage von Josef Wilfing drehte sich der Artikel von Albert Schäffer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung („2013 ist nicht 2001“). Diese habe immer wieder zur gleichen Frage geführt: „Warum ging die Polizei nicht sorgfältiger möglichen rechtsextremen Motiven nach?“ Hilfing habe das damit begründet, dass es damals keine Hinweise darauf gab, die kaltblütige Ausführung der Morde habe etwa nicht zu vergangenen rechtsextremistischen Taten gepasst.

„Ein wenig bekommt man das Gefühl, mit Wilfling sitze nicht ein Zeuge, sondern ein weiterer Angeklagter in München vor Gericht“, schreibt Anna Fischhaber in der Süddeutschen Zeitung. Insgesamt sei die Stimmung im Gerichtssaal aufgeheizt gewesen. Einige Fragen des Richters an die Witwe Pinar Kiliç hätten zudem seltsam gewirkt.

Vom 22. Verhandlungstag berichteten ebenfalls der Tagesspiegel („Wortgefechte und merkwürdige Zeugenaussagen“) und ZEIT ONLINE („Als wäre Habil Kiliç ein Mafioso gewesen“) sowie die WAZ und die Thüringer Allgemeine (gleicher Text). Der Autor Martin Debes hat unter anderem mit den heutigen Besitzern des Ladens gesprochen in dem Habil Kiliç ermordet wurde, dem das jedoch sichtlich unangenehm war. In der Berliner Zeitung konzentriert sich Autor Mirko Weber auf die Aussage Wilfingers („Ermittler verteidigt Polizeiarbeit“), in der taz schreibt Autorin Marlene Halser, die Schwiegermutter des Opfers habe in „bewegenden Worten“ berichet, dass ihr erst nach dreieinhalb Stunden Vernehmung vom Tod ihres Schwiegersohns berichtet worden war.

Auf die Aussage von Josef Wilfing konzentriert sich auch Yücel Özdemir in seinem Artikel für die türkische Zeitung Evrensel. Besonders bemerkenswert findet er die Tatsache, dass man die beiden mutmaßlichen Mörder damals als Zeugen gesucht habe.

Das türkischsprachige Online-Portal dünya bülenti veröffentlicht ebenfalls eine Zusammenfassung des Prozesstages.

Das nächste Medienlog erscheint am Montag, den 14. Juli.