‹ Alle Einträge

Mit detaillierten Fragen aus dem Konzept gebracht – das Medienlog vom Donnerstag, 18. Juli

 

Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen berichteten wenige Medien über den jüngsten Verhandlungstag. Thema der Berichte waren erneut die in Protokollen festgehaltenen Aussagen des Mitangeklagten Holger G. und der Brand in der Zwickauer Wohnung. Den Schwerpunkt darauf legt etwa Per Hinrichs in der Welt: „Wer schlief auf der Bombenattrappe im Doppelbett?“

 An jedem Werktag fassen wir im NSU-Prozess-Blog die wichtigsten Medienberichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Das protokollierte Geständnis G.’s sei gefährlich für Beate Zschäpe, schreibt Lisa Caspari auf ZEIT ONLINE. Die Verteidiger der Hauptangeklagten hätten sich deshalb fest vorgenommen, die Glaubwürdigkeit des BKA-Beamten und dessen Vernehmungsprotokolle zu zerpflücken. Die Autorin beschreibt, wie Wolfgang Heer und Anja Sturm den BKA-Beamten mit detaillierten Fragen löcherten. Es sei den beiden gelungen, den Ermittler ins Schwimmen zu bringen.

Die Zschäpe-Verteidiger hätten ihr möglichstes getan, um die Vernehmungsprotokolle fragwürdig erscheinen zu lassen, schreibt Sebastian Hesse vom MDR. Vor Spannung habe es im Gerichtssaal geknistert. Der Autor zitiert den Nebenkläger-Anwalt Mehmet Daimagüler mit den Worten: „Also, wer jetzt noch meint, sagen zu können, Frau Zschäpe war eine unwissende Mitläuferin oder wusste nicht Bescheid – das kann ich jetzt nicht mehr wirklich ernst nehmen.“

Bayram Aydın fasst für die türkischsprachige Zaman den Verhandlungstag zusammen und geht vor allem auf die Aussage des Spezialisten ein, der zum Wohnungsbrand in Zwickau aussagte. Ebenso Ali Mercimek in der türkischen Tageszeitung Hürriyet.

Die Zaman greift außerdem den Bericht des SWR vom Vortag auf, demzufolge 240 Journalisten ihre Presseausweise für den Prozess nicht abgeholt haben.

Eine kurze Zusammenfassung des Prozesstages erschien auch auf dem türkischsprachigen Online-Portal Turktime. Keine Berichte jedoch in den englischsprachigen Onlinemedien.

„Raus allein reicht nicht“: Abseits der Geschehnisse vor Gericht widmet sich die taz den Angeklagten Holger G. und Carsten S., die sich beide als Aussteiger aus der rechten Szene bezeichnet hatten. Autor Andreas Speit spricht im Interview mit Reinhard Koch, dem Leiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt. Dieser erläutert, ein wirklicher Ausstieg aus der Szene erfordere einen Bruch mit dem Freundeskreis, alles andere sei Selbstbetrug. Eben diesen Schnitt habe Holger G. mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt nicht gemacht und stattdessen „aus alter Freundschaft“ geholfen.

Koch stellt zudem klar: Für eine komplette Loslösung aus der Szene müsse sich der Ausstiegswillige mit den Motiven auseinandersetzen, die ihn in die rechte Szene gezogen haben. Dass Carsten S. im Prozess Schwierigkeiten hatte sich deutlich über seine damalige politische Einstellung zu äußern, ist für Koch ein Indiz dafür, dass auch S. seine rechtsextreme Vergangenheit nie wirklich aufgearbeitet hat.

Das nächste Medienlog erscheint am Freitag, den 19. Juli.

1 Kommentar


  1. Unabhängig von strafrechtlicher Relevanz etwa begangener Taten mag es auf psychologischer Ebene sinnhaft sein, nach dem Ausstieg noch aufzuarbeiten usw. usf.
    Persönlich würde mir vollkommen genügen, wenn ein Extremist einfach aussteigt, im Sinne von sich aus der Szene zurückzieht. Wenn er vergessen und verdrängen will und kann, was er einmal geglaubt hat, seis ihm gegönnt, auf das mea culpa kann ich verzichten.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren