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Zerstörte Leben und irritierende Ermittlungen – das Medienlog vom Mittwoch, 25. September 2013

 

In den Berichten über den 38. Prozesstag ging es vor allem um die Aussage des Geschäftspartners des in München ermordeten Theodoros Boulgarides. Annette Rammelsberger von der Süddeutschen Zeitung gibt diesen Auszug aus dessen Befragung wieder: „‚Können Sie etwas über die Folgen der Tat für die Familie berichten?‘, fragt Richter Manfred Götzl. Der Geschäftspartner ist Bayer, Kaufhausdetektiv. Ein wortkarger, fast lakonischer Mann. Er sagt nur: ‚Die totale Zerstörung. Und nicht nur für die Angehörigen.'“

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Der Zeuge habe laut Rammelsberger seine monatelangen Aussagen bei der Polizei als Schikane beschrieben. Die Autorin resümiert: „Es ist das gleiche Muster wie bei allen Fällen: Die Polizei suchte in der Familie, bei den Geschäftspartnern, aber nie in der rechtsradikalen Szene.“

Auch der Autor Tom Sundermann fand das Verhalten der Ermittler „irritierend“. In seinen Augen werfe der Fall Boulgarides aber noch andere Fragen auf, nämlich die, ob die Täter sich in diesem Fall in der Wahl ihres Opfers geirrt hätten und sie eigentlich jemand anderen treffen wollten. Der Mord sei ein Ausnahmefall, weil alle anderen getöteten Migranten türkischer Abstammung gewesen seien. Boulgarides sei jedoch öfter mit einem Türken verwechselt worden. (ZEIT ONLINE: Ein Mord ohne Plan?)

Ähnlich der Gedankengang von Julia Jüttner auf Spiegel Online: „War der Mord an Theodoros Boulgarides gar Folge einer Verwechslung? Womöglich hielten sie den gebürtigen Griechen für einen Türken“, schreibt sie in ihrem Artikel Die totale Zerstörung.

Wie der NSU seine Opfer auswählte, fragt auch Claudia Wagnerin in der Jungen Welt. Die Zeugenaussage mache aber noch etwas anderes deutlich, nämlich „wie unwahrscheinlich es ist, dass drei Neonazis, die damals im sächsischen Zwickau gelebt haben sollen, von sich aus und ohne lokale Helfer auf dieses Geschäft gekommen sein sollen.“

Ein weiteres Thema am 38. Prozesstag war der Brand in der Zwickauer Wohnung, in der Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gemeinsam mit Beate Zschäpe gelebt hatten. Bemerkenswert findet Frank Jansen vom Tagesspiegel den Ausweis für eine Bibliothek in Hannover, den die Ermittler im Schutt fanden und der auf Beate Zschäpe ausgestellt war. Für Jansen ein Hinweis, dass sich Zschäpe während ihrer Zeit im Untergrund länger in Hannover aufgehalten hat als bislang bekannt. Der Autor zieht folgenden Schluss: „Sollte Zschäpe mit falschem Namen mehrfach in Hannover Bücher ausgeliehen haben, hätte der im nahen Lauenau wohnende Mitangeklagte Holger G. in seinem Geständnis womöglich einige Besuche der Frau verschwiegen.“

Die Tatsache, dass der Bibliotheksausweis im Schutt gefunden wurde, löst für Jüttner (Spiegel Online) ebenfalls viele Fragen aus: „Standen sich G. und Zschäpe womöglich näher als bisher bekannt? Hielt sich Zschäpe vielleicht länger in der Region Hannover auf? Weigert sich Holger G. deshalb so beharrlich, Fragen des Gerichts zu beantworten?“

Um den Brand geht es unter anderem auch in dem Bericht von Kai Mudra für die Thüringer Allgemeine: Erneut sei es dem Gericht nicht gelungen, den Auslöser für das Feuer und die Explosion in der Zwickauer Frühlingsstraße zu klären. „Der Nachweis eines Brandauslösers ist für das Gerichtsverfahren wichtig, ist doch Beate Zschäpe unter anderem wegen Brandstiftung im besonders schweren Fall angeklagt“, schreibt er.

Auf dem türkischen Nachrichten-Portal Rota Haber wurde ebenfalls ein Bericht über den Prozesstag veröffentlicht. Unter anderem wird in dem Artikel erwähnt, dass die Ermittler im Schutt des Zwickauer Hauses Zeitungsartikel über die Morde und den Bombenanschlag in Köln fanden. Für die Nebenkläger weise die Tatsache, dass die aufgefunden Artikel aus lokalen Zeitungen stammen, darauf hin, dass der NSU Helfer in der Nähe der Tatorte gehabt hat.

Nach wie vor sind keine Artikel zum NSU-Prozess in englischsprachigen Onlinemedien erschienen.

Das nächste Medienlog erscheint am Donnerstag, 26. September 2013.

8 Kommentare


  1. Indizien und glückliche Funde im Schutt. Und die Anwesenheit mehrerer Mitarbeiter des Staatsschutzes bei einigen Anschlägen wurde wieder nicht thematisiert.

  2.   Nazis raus

    Die Hannoveranische Bibliothek kann auch ein Treffpunkt gewesen sein oder ein Ort, an dem Instruktionen übergeben oder versteckt worden sind. Bücher in Leihbibliotheken werden mitunter auch von der NPD zu Propagandazwecken genutzt, so in Duisburg-Rheinhausen, wo es das s.g. „Roma-Problemhaus“ gibt, in einer westdeutschen Stadt, die die NPD am meisten gewählt hat mit 4,5 %.

  3.   Marianne

    Und, was haben sie damit an Problemen gelöst, indem sie zum Mörder werden?
    Allein wer sich mit Menschen umgibt, die so etwas planen und nichts Besseres mit seiner Zeit anzufangen weiß, hat ein Problem. Selbst das Mitgefühl für schwere Kindheiten kann da nicht mehr helfen und sollte auch vor Gericht nicht mehr Ausrede akzeptiert werden. Diese Leute sind grenzenlos.
    Das Schlimmste ist Stolz. Ich bin stolz auf mein Kind, ein paar Monate später wird es aus dem Job entlassen. Ich bin Stolz, wie gut ich aussehe. Ich bin stolz, Deutscher zu sein. Und gibt es sonst nichts, Was da noch ist? Seit dem sie hier 14 jährigen Kindern Freud zum Lesen gaben damit sie sich selbst therapieren, werden selbst Fremdworte oder Begriffe falsch verwendet.
    Das hat auch viel mit Leugnung und Verdrängung zu tun.

  4.   Tobi_G

    @ Marianne
    „Selbst das Mitgefühl für schwere Kindheiten kann da nicht mehr helfen (…). Diese Leute sind grenzenlos.“

    Sie meinen, diese Leute wurden einfach schon als gewalttätige Babys geboren? Oder was hat sie zu dem gemacht, was sie geworden sind?


  5. ich bin immer wieder überrascht. dafür dass die zeit den nsu-prozess zu einem jahrhundertprozess ausgerufen hat, berichten die medien äußerst spärlich darüber. außer zeit online, versteht sich…

  6.   Borat

    @ Feuilletong: „Indizien und glückliche Funde […]. Und die Anwesenheit mehrerer Mitarbeiter des Staatsschutzes bei einigen Anschlägen wurde wieder nicht thematisiert.“

    Sind gefundene Tatwaffen Indizien? Was ist ein glücklicher Fund? Sind gesammelte Zeitungsausschnitte zu den Taten und selbst geschossene Tatortfotos glückliche Funde? Von welchen mehreren Mitarbeiter des Staatsschutzes schreiben Sie? Sie meinen damit doch nicht nur den „kleinen Adolf“, wenn Sie von mehreren Mitarbeitern sprechen?

    Wissen Sie mehr als die Untersuchungsausschüsse, wissen Sie mehr als alle anderen? Bitte halten Sie damit nicht hinterm Berg.


  7. @Borat: „Glückliche Funde“ sind für mich erhalten gebliebene belastende Papiere in einer ansonsten völlig ausgebrannten Wohnung, deren Außenwände explosionartig zertrümmert wurden.

    Und bei schwerer Brandstiftung denke ich erst mal an schwere Benzinfässer, die sie am Tattag geschleppt haben muss, offensichtlich ohne gesehen worden zu sein. Denn wer sich langfristig vor Entdeckung fürchtet, wird nicht seine Wohnung mit Benzinfässern zustellen, sondern Belastungsmaterial außerhalb der Wohnung lagern und Fluchtwege organisieren. Käme nämlich die Polizei in Abwesenheit der Bewohner, wären Vorrats-Benzinfässer sowieso nutzlos. Also: Welche Tankstelle hat am Tattag denn nun Frau Z. beliefert?

    „Gefundene Tatwaffen“ sind ein Indiz, dass jemand sie „dort platziert“ hat.
    Fehlt nur noch der Beweis, wer dies wann (vor / nach dem Brand?) und zu welchem Zweck gemacht hat.

    Wer macht übrigens aufwendige Videos, die gleichermaßen zur Propaganda wie zur Selbst-Belastung taugen – verteilt sie dann aber jahrelang nicht, sondern erst kurz vor der schon absehbaren eigenen Verhaftung?
    War die Zschäpe so dumm zu glauben, mit NSU-Propaganda ließen sich nicht nur Rechtsradikale, sondern auch Haftrichter „beeindrucken“? Schweigt sie jetzt aus Scham über ihre Naivität? Oder hatten ihr „helfende Hände“ die Mühe des Video-Verteilens abgenommen, evtl. ohne sie zu fragen?

    U-Ausschüsse: Sie wissen bestimmt mehr als wir Leser hier. Sie wissen vor allem was es heißt, hingehalten, angelogen und dadurch gedemütigt zu werden von „Diensten“, die ihnen eigentlich Rechenschaft schuldeten. Was es heißt zu toben über das Mauern der Dienste, die dann fröhlich weiter heikle Akten schredderten. Was es heißt, wenn einem als Parlamentarier die Regierung (oft also die eigenen Parteigenossen) in den Rücken fällt und zur Zurückhaltung aus Staatsräson auffordert. Um das Gesicht nicht noch ganz zu verlieren (ebenso evtl. die nächsten Wahlen), machten sie halt irgendwann gute Miene zum bösen Spiel und bescheinigten, dass alles nur Pleiten, Pech und Pannen war, es aber keine bösen Buben im Staatsdienst gegeben hatte.

  8.   Lutz Lippke

    @Borat schreibt zu
    @ Feuilletong:
    „Wissen Sie mehr als die Untersuchungsausschüsse, wissen Sie mehr als alle anderen? Bitte halten Sie damit nicht hinterm Berg.“

    So berechtigt die Frage nach (Er)Kenntnissen ist, so falsch ist wohl die Zieladresse.
    @ Feuilletong hätte seinen Kommentar als Frage formulieren können, dann wäre ohne Zweifel klar:
    Es geht um den Verdruss darüber, dass nicht nur falsch ermittelt wurde und damit Morde und Leid nicht verhindert wurden, sondern das uns eingeredet werden soll, dass es zwar Pannen gab, vielleicht auch die eine oder andere Unbedarftheit und Unvermögen, aber letztlich ein alleinverantwortliches Mördertrio bleibt.
    Konsequenzen, wie strafrechtliche Ermittlungen gegen Amtspersonen?
    Fehlanzeige! Im Zweifel bleiben die Sachverhalte auch für Untersuchungsausschüsse unerklärbar, wie z.B. der Polizistenmord an Frau Kiesewetter. Seit wann wird in einem solchen Fall – Mord an einer Polizistin! – nicht intensiv ermittelt? Bleibt sie ein Opfer der Wattestäbchen-Märchenmafia?

    Die Frage, ob Beate Tschäpe schuldig ist und überführt wird, ist sicher nicht unwichtig.
    Aber für unsere Gesellschaft ist es wichtiger, dass die lichtscheue Gemeinde im Hintergrund und in den Ämtern ans Licht gezerrt wird. Transparenz und dann Konsequenz.
    So verstehe ich @ Feuilletong und stimme zu.

 

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