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Schockierend aufgeräumte Bilder und die neue Zeugin – das Medienlog vom Donnerstag, 26. September 2013

 

Die Berichte konzentrieren sich auf einen Ermittler, der als Zeuge aussagte. Wie schon zuvor wurde auch beim Mord an Halit Yozgat deutlich, dass die Polizei bei der Suche nach den Tätern nicht in die rechte Szene hinein ermittelte. Schmerzlich für die Hinterbliebenen, schreibt Frank Jansen im Tagesspiegel, die somit neben dem Verlust ihrer Angehörigen auch die Verdächtigungen der Polizei zu verkraften hätten.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Ebenso sieht das Julia Jüttner auf Spiegel Online: Der Ermittler im Zeugenstand habe sich wie viele seiner Kollegen „damals nicht allzu viele Gedanken bei der Arbeit gemacht“. Er habe sich auf alle möglichen Motive konzentriert, nicht aber auf ein fremdenfeindliches. Dennoch habe der Kommissar im Zeugenstand auf die gute Zusammenarbeit mit der Familie verwiesen. Doch Halit Yozgat habe das anders gesehen und sich einem türkischen Polizisten anvertraut, den er auch auf ein ausländerfeindliches Motiv hingewiesen habe.

Die Bemerkung des Ermittlers (s. Tweet) greift unter anderem Tim Aßmann vom Bayerischen Rundfunk auf, er fragt: „Was wollte der Zeuge den Prozessbeteiligten damit sagen? Und was sagt das möglicherweise über das Bild, das er von Türken hat?“ Als Zuhörer bleibe man verblüfft und auch betroffen zurück, wenn Ermittler im NSU-Prozess aussagten.

„Die große Verschwörung“: Der Bericht der taz konzentriert sich besonders auf den Verfassungsschutzmitarbeiter T., der im Internetcafé von Halit Yozgat war, kurz bevor dieser durch Schüsse starb. Er hatte sich allerdings als einziger Zeuge später nicht bei der Polizei gemeldet. Deshalb rankten sich besonders um den Mordfall Yozgat Verschwörungstheorien, analysiert die taz. So etwa vermuteten rechte Kreise, dass der NSU vom Geheimdienst gesteuert worden sei.

Weiteres Thema im Prozess war, wie auch schon zuvor, der Mord an Theodoros Boulgarides. Die Ausführungen der Sachverständigen beschreibt Kai Mudra in der Thüringer-Allgemeinen als sehr detailliert. Fotos mit Details von Toten seien aber im Gegensatz zu früheren Gerichtsverhandlungen übersprungen worden.

Dennoch seien die Zuschauer nicht geschont worden, stellt Julia Jüttner auf Spiegel Online fest: „Auch die an die Wand projizierten Fotos und die sachlich-nüchternen Ausführungen der Zeugen transportierten die Brutalität der Taten ebenso wie die fassungslose Sinnlosigkeit.“

Nicht die Bilder mit dem Erschossenen ließen einen erschrecken, schreibt Annette Rammelsberger in der Süddeutschen Zeitung: „Es sind diesmal die Bilder, auf denen kein Blut ist, die Bilder, auf denen alles so sauber, aufgeräumt, frisch renoviert erscheint. Bilder voller Hoffnung. Hier hatte Boulgarides nur zwei Wochen vor seinem Tod seinen Laden aufgemacht, hier wollte er neu anfangen. Mitten in diesen Anfang schossen die Mörder.“

Sowohl beim Mord an Halit Yozgat als auch beim Mord an Theodoros Boulgarides sei deutlich geworden, dass die Täter keine Angst hatten, erwischt zu werden, stellt Tom Sundermann auf ZEIT ONLINE fest. Sundermann geht auch noch mal der Frage nach, wie die Täter ihre Opfer aussuchten. Eine der Möglichkeiten sei, dass es Helfer vor Ort gegeben habe. Ein interessantes Detail stütze diese These: „Wolfgang F. hatte am Tag zuvor ausgesagt, das Geschäft sei bis 18 Uhr geöffnet gewesen – die tödlichen Schüsse fielen jedoch gegen 19 Uhr. Möglicherweise hatte Boulgarides seinen Mördern nach Ladenschluss noch die Tür geöffnet.“

Stefan Geiger fasst in der Stuttgarter Zeitung die gesamte Verhandlungswoche zusammen: „Zwei Morde und viele zerstörte Leben“.

Eine kurze Meldung zum 39. Prozesstag auch auf dem türkischsprachigen Online-Portal Dünya Bülenti.

Die Zeugin A., die Beate Zschäpe in Dortmund gesehen haben will, (vgl. Medienlog vom 20. September), wurde inzwischen vernommen. Lena Kampf schreibt auf stern.de, dass auch die Nachbarn vernommen werden sollten. Einer könnte der „bullige Skinhead“ sein, den A. beschrieben habe. „Die Namen seiner Söhne zumindest lassen auf eine rechte Gesinnung schließen. Sie sind nach nordischen Göttern benannt, wie auch der Sohn von Zschäpes Mitangeklagten André E.“ A. habe ihre Beobachtungen in den Vernehmungen umfassend geschildert, wie verlässlich ihre Angaben wirklich seien, werde sich am Montag im Gerichtssaal herausstellen.

In der Welt schreibt Per Hinrichs ebenfalls, dass die Zeugin A. ihre Begegnung mit Zschäpe glaubhaft habe schildern können. Das gehe aus dem Vernehmungsprotokoll hervor.

Die Strafkammer des Gerichts ist für René Heilig von der Zeitung Neues Deutschland überfordert. Er begründet das so: Unter anderem scheitere die Aufklärung an simplen Fragen. Etwa sei der Auslöser des Brandes in der Zwickauer Straße noch nicht geklärt worden. Immer wieder würden bei den Vernehmungen auch neue Fragen auftauchen.

Keine Berichte in englischsprachigen Onlinemedien.

Das nächste Medienlog erscheint am Freitag, den 27. September 2013.

5 Kommentare


  1. “Die Namen seiner Söhne zumindest lassen auf eine rechte Gesinnung schließen.

    Jetzt schlussfolgert man aus Vornamen Gesinnung, was kommt als Nächstes? Handlinienlesen? Gesichtskunde?

  2.   robocop_marvin

    Kleine Korrektur: René Heilig arbeitet nicht für die Junge Welt, vielmehr schreibt er seit Jahren kenntnisreich für die Zeitung Neues Deutschland (der Link weist das ja korrekt aus). Ansonsten vielen Dank für das NSU-Medienlog, das ich jeden Tag immer wieder mit Interesse besuche!

    ___________________________

    Da haben Sie völlig recht. Ist korrigiert, ich danke Ihnen!

    Mirjam Schmitt, ZEIT ONLINE

  3.   shtok

    @1 simulator
    Es handelt sich hier um einen Indizienprozess, daher auch das Indiz Vorname eines nordischen Gottes als Indiz für die Gesinnung. Ergo, da in Skandinavien viele Männer/Frau Vornamen nordischer Götter haben und auch vielfach noch blond und blauäugig sind, ist dies ein Indiz dafür, dass dort die meisten stramme Neonazis sind. Ob das Gericht jedoch einer so einfachen Logik folgt, hofft man jedoch nicht.

    @Thema
    Leider fehlt wieder einmal die Dame Z. in dieser ganzen Sache, da die beiden mutmasslichen Terroristen, oder wenn Vergleiche zu Nairobi zugelassen sind, dort werden solche Leute ja „nur“ als Gewalttäter (Quelle: DIE ZEIT http://www.zeit.de/politik/2013-09/nairobi-kaempfe-in-einkaufszentrum-dauern-an) klassifiziert, aufgrund ihres Ablebens nicht angeklagt sind.
    Man hofft, dasd Frau A. von S. mit ihrer Zeugenaussage stärker ist, als die anderen Kronzeugen, glaube aber nicht, dass diese dem Kreuzverhör der Verteidigung standhalten wird. Wie auch die andere Dame die ja in einem anderen NSU-Fall mehrere Versionen hatte.

    Was bei der ganzen Sache jedoch verwundert,
    ist, dass im Medienbereich die Zeitung, die vom politischen Hintergrund am weitesten Links steht, als eine der Wenigen das ganze Verfahren und die auftretenden Zeugen und die bisher präsentierten Indizien kritisch hinterfragt. Man kann sich wirklich nicht des Gefühls erwehren, dass hier der Staat (Gericht und Staatsanwaltschaft) von den Medien bedrängt einen Schuss aus der Hüfte abgelassen haben, weiter aus der Hüfte schiessen und hoffen, das man trifft.


  4. Die neue Zeugin (aktuell)

    Veronika von A. wohnte in dieser Zeit in Dortmund und will auf dem Nachbargrundstück die vier Personen entdeckt und das Fenster geöffnet haben, um zu fragen, ob sie Hilfe brauchten; sie habe sie für neue Nachbarn gehalten, die sie allerdings auch in etwas gespenstischen Momenten beobachtet haben will: Nachts sei auf dem Grundstück gegraben und etwas mit Folie bedeckt worden.
    Detailliert hat die Frau ihre Erinnerungen am vergangenen Montag zweieinhalb Stunden lang einem Oberstaatsanwalt der Bundesanwaltschaft und zwei Kommissaren des Bundeskriminalamts beschrieben, wie der ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt berichtet.
    Demnach könnte es sich auch um eine Verwechslung handeln: Nach SWR-Recherchen haben die Ermittler einen früheren Nachbarn der Zeugin gefunden, der dem vierten Mann von damals ähnlich sehen soll und der auch eingeräumt hat, dass er sich zu jener Zeit die Haare rasiert und Armeehosen getragen habe. Man habe ihn durchaus für einen Skinhead halten können, gab er selbst an. Die nächtlichen Grabungen begründete er mit dem Anlegen eines Gartenteichs.
    Bei der Befragung zeigten ihm die Ermittler Fotos von Beate Zschäpe: Seine Frau sei selbst der Meinung, sie sehe Zschäpe ähnlich, sagte der ehemalige Nachbar laut SWR. Kennengelernt habe sich das Ehepaar bei einer Feier auf jenem Grundstück, das Veronika von A. von ihrem Dachfenster aus gesehen hat – und zwar am 31. März 2006, also in dem Zeitraum, den auch die Zeugin genannt hat.

    Quelle: Spiegel online
    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-prozess-zeugin-koennte-person-mit-zschaepe-verwechselt-haben-a-924632.html

    Man darf abwarten, das erklärt wird, die bisher mit Spannung erwartete neue Zeugin sei ohnehin nicht so wichtig gewesen.


  5. Verfassungsschutz-„Mitarbeiter“ klingt wie „IM“ oder „V-Mann“. Tatsächlich ist T. jedoch ein Beamter, dessen ominöser Besuch im Internet-Café just zur Tatzeit so was von zufällig war, dass man statt von „Verschwörungstheorie“ durchaus von einem „Anfangs-Tatverdacht“ sprechen sollte – wie auch immer dieser dann angeblich entkräftet wurde.

    Denn was zieht einen Menschen mit brauner Gesinnung (T. wurde von Kollegen „Klein-Adolf“ genannt) in seiner Freizeit zu einem Türken-Treffpunkt? Selbst wenn sein behaupteter Bedarf an Cybersex zutrifft, so schließt er weitergehende Absichten nicht aus, sondern eignet sich, letztere zu tarnen.

    Wäre Zschäpe anstatt T. am Tatort gewesen, der Staatsanwalt würde es als Kronjuwel seiner Beweiskette für Mitwisser- und Mittäterschaft präsentieren.
    Anwesenheit und Gesinnung würden bei ihr dafür wohl reichen – warum nicht bei T.?

 

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