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Wie der NSU aufflog – das Medienlog vom Donnerstag 7. November 2013

 

Am 52. Verhandlungstag ging es unter anderem um den 4. November 2011: An diesem Tag entdeckten Polizisten die Leichen von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem Wohnwagen in Eisenach – und damit den NSU. Die Gerichtsreporter befassen sich mit der Aussage des Ermittlers Michael Menzel, der schon früh Zusammenhänge herstellte.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Die Thüringer Polizei habe viele Fehler gemacht, resümiert dazu Frank Jansen im Tagesspiegel. „Doch es ist dem Spürsinn und Engagement eines führenden Beamten des Landes zu verdanken, dass der NSU aufflog.“ Der „führende Polizeibeamte“ war Michael Menzel. Er sagte am 52. Verhandlungstag vor Gericht aus. Jansen würdigt ihn als den ersten Polizeibeamten, „der die richtige Spur verfolgte“.

Tanjev Schultz von der Süddeutschen Zeitung dagegen kritisiert die Aussage des Kriminalbeamten als unpräzise. „Der Zeuge eiert herum.“ Etwa habe dieser die Frage nicht befriedigend beantworten können, warum die Polizei gleich darauf kam, dass es sich bei einer der Leichen um Uwe Mundlos handelte. „Da sich der Beamte aber nicht klar ausdrückt, was die Ermittler wann und auf welcher Grundlage getan haben, stiftet er Verwirrung im Saal – und heizt damit zugleich den Verdacht an, der Beamte wolle etwas Wichtiges verheimlichen oder vertuschen.“ Hinweise auf eine dritte Person im Wohnwagen habe es laut Aussage Menzels zudem nicht gegeben.

Andreas Speit beschreibt Menzel in der taz als einen Beamten, der schnell eine Verbindung zu früheren Ermittlungen herstellte. Am 5. November kurz nach 8 Uhr habe Menzel schließlich aus der Gerichtsmedizin erfahren, dass es sich bei dem einen Toten um Uwe Mundlos handelte. „Sofort erinnerte sich Menzel an das Trio, gegen das 1998 in Jena wegen Sprengstoffbesitz ermittelt worden war.“ Speit erinnert zudem an einen mysteriösen Vorgang: Nebenklägerin Antonia von der Behrens habe im Saal wissen wollen, ob die Ermittler nicht schon am 4. November 2011 gewusst hätten, wer die Toten waren. Nicht ohne Grund, schreibt Speit: „An diesem Freitag soll Zschäpe von einem Handy des sächsischen Innenministeriums angerufen worden sein. Warum, ist bislang unklar.“

„Woher wusste er, (Menzel) wer da gestorben war?“ fragt Tom Sundermann von ZEIT ONLINE. Zwei Details hätten die Nebenkläger stutzig gemacht, erklärt der Autor: Menzel habe schon am Abend des 4. November die Vermisstenakte von Uwe Mundlos aus Jena kommen lassen. Also zu einem Zeitpunkt, als die Leichen noch nicht identifiziert waren. Auf Nachfrage der Nebenkläger sei Menzels Aussage dazu nicht eindeutig gewesen.

Das zweite Detail: Ein Ermittlerkollege von Menzel habe vor dem NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag gesagt, Menzel habe ihm am 4. November mitgeteilt, dass die Toten Mundlos und Böhnhardt seien. Menzel jedoch bestreitet das.

Für Kai Mudra von der Thüringer Allgemeinen bleibt unklar, ob der Ermittlungsleiter Menzel die Akten vor oder nach der ersten Identifizierung angefordert hatte: „Der Polizeidirektor erzählt vor Gericht beide Varianten, erklärt dann aber, dass es erst nach der Identifizierung gewesen sein müsste.“ Der Kriminalbeamte Menzel habe zudem Vorbehalten widersprochen, dass andere Sicherheitsbehörden außer der Polizei am unmittelbaren Tatort gewesen waren.

Die Reporter seien damals früh zur Stelle gewesen, stellt Gisela Friedrichsen von Spiegel Online fest. Zschäpe habe vom Tod ihrer mutmaßlichen Komplizen also durchaus aus den Medien erfahren können. Für die Autorin sind noch viele Fragen offen: „Gab es einen Plan für den Fall, dass die Männer sich das Leben nehmen? Was sollte Zschäpe dann tun? War zum Beispiel geplant, die Wohnung zu zerstören und mit mehreren Exemplaren des Bekennervideos sofort das Haus zu verlassen und die Videos per Post zu versenden?“

Am 52. Verhandlungstag ging es auch um den Wohnungsbrand in Zwickau, zu dem ein Gutachter aussagte. Demnach seien Spuren von Benzin an den Socken Zschäpes festgestellt worden – an den Schuhen der Angeklagten jedoch nicht. Das habe der Gutachter auf Nachfrage der Verteidigung eingeräumt, wie Kai Mudra in der Thüringer Allgemeinen beschreibt. Allerdings: Bereits am 15. Verhandlungstag hätte ein Ermittler erklärt, dass Zschäpe ihre Schuhe wegen des starken Benzingeruchs mit den Schuhen der Ehefrau des Mitangeklagten André E. getauscht haben soll.

Keine Berichte in englisch- und türkischsprachigen Onlinemedien.

Das nächste Medienlog erscheint am Freitag, 8. November 2013.

5 Kommentare


  1. Bitte äußern Sie sich selbst zum Thema des Postings. Bitte keine ausschließliche Wiedergabe von Zitaten. Danke, ZEIT ONLINE

  2.   Matthias Berger

    Warum hat Frau Zschäpe nur die stark nach Benzin riechenden Schuhe und nicht auch die Socken getauscht?

  3.   M.Bmg

    “ Nebenklägerin Antonia von der Behrens habe im Saal wissen wollen, ob die Ermittler nicht schon am 4. November 2001 gewusst hätten, wer die Toten waren.“
    Zehn Jahre vor deren Tod(?), das sind doch mal Kriminalisten wie man sie sich wünscht ;-)

    _____________________________
    Das wäre in der Tat beeindruckend;-). 4. November 2011 muss es natürlich heißen. Danke, wir haben die Jahreszahl geändert.
    Gruß, Mirjam Schmitt
    ZEIT ONLINE

  4.   Antonia

    Aber sicher gab es einen Plan für den Fall des Falles, denn Nazis überlassen nichts dem Zufall, am allerwenigsten die „SS“. Der Fall des Falles: Böhnhardt und Mundlos gehen als „Blutzeugen“ in die Analen ein.

  5.   LWS

    So so, Menzel konnte sich zwar sofort an das Trio erinnern wegen der Ermittlungen dreizehn Jahre zuvor, aber wie die genauen Abläufe vor zwei Jahren waren im Zuge der Ermittlungen am Abend des 4 Novembers 2011, da scheint er dann plötzlich Erinnerungslücken zu haben. Alles äußerst unglaubwürdig.

 

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