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Kontroverse um Brigitte Böhnhardt – das Medienlog vom Donnerstag, 21. November 2013

 

Am 58. Verhandlungstag hat Brigitte Böhnhardt, die Mutter des mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, weiter ausgesagt. In den Prozessberichten geht es unter anderem um den Anruf von Beate Zschäpe bei den Böhnhardts. Zschäpe hatte am 5. November 2011 bei der Familie angerufen, um Brigitte Böhnhardt über den Tod ihres Sohnes zu unterrichten. Die Thüringer Allgemeine veröffentlicht Auszüge aus der Zeugenaussage.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Die Nebenklägeranwälte messen diesem Anruf eine hohe Bedeutung bei, erklärt der Bayerische Rundfunk. Der Anruf mache ihrer Meinung nach klar: Zschäpe habe Täterwissen.

Für den Anruf habe sich Brigitte Böhnhardt außerdem direkt bei der Angeklagten bedankt. Das sei „Gesprächsthema Nummer eins“ gewesen, schreibt Autor Christoph Arnowski und zitiert den Nebenkläger-Anwalt Adnan Erdal: „Aufgrund der Tatsache, dass sie bislang kein einziges Wort des Bedauerns für die Getöteten gefunden hat, aber sich stattdessen bei Frau Zschäpe bedankt hat, finde ich das eine Unverschämtheit.“ Vielleicht habe Brigitte Böhnhardt etwas von dieser Stimmung mitbekommen, mutmaßt der Autor: „Am Nachmittag drückt sie ihr Bedauern aus. Die Trauer der Angehörigen tue ihr unendlich leid. Sie würde viel darum geben, es ungeschehen zu machen.“

Brigitte Böhnhardt habe auch am zweiten Tag der Vernehmung nur freundliche Worte für die damalige Freundin ihres Sohnes gefunden und sie als die nette, höfliche, liebe Beate beschrieben, kommentiert Hannelore Crolly in der Welt. Für Crolly ist die Aussage Böhnhardts eine „seltsame Fortsetzung der Ausführungen am Vortag“. Sie sei am zweiten Tag „noch verstockter“ gewesen und habe darauf hingewiesen, dass ihr viele Fragen zu privat seien.

Rahmi Turan beschreibt in der türkischsprachigen Sabah ebenfalls, wie sich Böhnhardts Mutter bei Beate Zschäpe bedankte. Zschäpe habe jedoch keine Reaktion gezeigt. An der gestrigen Verhandlung hätten im Übrigen auch eine Gruppe Neonazis teilgenommen.

„Wie könnte Brigitte Böhnhardt ihr böse sein?“ fragt Tom Sundermann auf ZEIT ONLINE. „Sie sieht in Zschäpe nicht die Terroristin, die fanatische Nazi-Frau. Sie sieht das Mädchen, das ihr Sohn Uwe liebte. Sie hatte Zschäpe Mitte der neunziger Jahre als dessen Freundin kennengelernt, bis zum Ende des NSU hielt sie die beiden für ein Paar.“ Und sie beschreibe Zschäpe, wie schon zuvor Nachbarn, als die nette, unauffällige Frau von nebenan. Mit ihrer Aussage, dass sie Zschäpe als gleichberechtigtes NSU-Mitglied sah, stütze sie die Anklage der Bundesanwaltschaft, schreibt Sundermann.

Holger Schmidt kritisiert im SWR die Berichterstattung über die Aussage von Brigitte Böhnhardt: Böhnhardt sei verbittert, habe er gelesen, sie versuche, die Schuld für die Geschehnisse auf andere zu verlagern und sei angeblich wenig hilfsbereit. Schmidt sieht das anders: „Ich habe Frau Böhnhardt zwei Tage lang zugehört und ich kann viele dieser Aussagen nicht teilen“, kommentiert er. Die Medien würden Bönhardts Recht verkennen, das zu sein, was sie ist: eine Mutter, die ihren geliebten Sohn verloren hat.

Er habe im Gerichtssaal mehrfach das Gefühl gehabt, dass „manche Journalisten schon den Kopf über eine Aussage schüttelten, bevor Brigitte Böhnhardt ihre Gedanken zu Ende gebracht hatte“, schreibt Schmidt weiter. Er kritisiert außerdem, dass viele Autoren zu schnell geurteilt hätten. Für die schnelllebige Medienwelt von heute habe sich Brigitte Böhnhardt ungeschickt verhalten. „Sie hat viele Stunden gebraucht, bis sie Sätze des Mitgefühls und Mitleids für die Opfer geäußert hat. In vielen Medien war schon lange zu hören und zu lesen, dass sie kein Mitleid zeige, als diese Sätze von ihr kamen.“ Brigitte Böhnhardt habe Zschäpe so intensiv geschildert wie niemand zuvor im Prozess. Ihre Aussage habe das Gericht weitergebracht, resümiert der Autor.

Gisela Friedrichsen von Spiegel Online berichtet von einem Detail, dass Brigitte Böhnhardt „plötzlich“ vor Gericht erwähnt habe: Sie habe mal zwei Müllsäcke voller Kleidung, Bücher und einem Videorecorder zur Abholung bereitgestellt. Wer den Auftrag gab, daran habe sich Böhnhardt nicht mehr erinnern können. „Der Vorsitzende wird unwillig“, beschreibt Friedrichsen die Situation: „Was hat die Zeugin vielleicht noch alles vergessen?“ Sie wolle niemanden „verraten“, der ihrem Sohn damals geholfen hat.

Das nächste Medienlog erscheint am Freitag, 22. November 2013.

21 Kommentare

  1.   Northerer

    Kann mich dem Kommentar nur anschließen. Auch mir kommt es so vor, als wollte man die Mutter von Uwe Bönhardt von vorherein verurteilen für die Taten ihres Sohnes. Ohne ihr eine Chance zu geben ihre Sicht darzustellen.

    Nach den Aussagen ist festzuhalten dass:
    – sie mit den Opfern fühlt- also Mitleid ausdrückt
    – Beate Zschäpe als das sieht, was sie in ihren Augen auch war, die Freundin ihres Sohnes mit dem sie anscheinend über 10 Jahre zusammen war und die ihr direkt vom Tod des Sohnes berichtete
    – dass sie nun einmal eine Mutter ist, die ihren Sohn trotz alledem geliebt und verloren hat

    Ansonsten frag ich mich, was man mit der Aussage der Mutter, die keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn hatte erreichen will. Wie soll sie so etwas zur Aufklärung beitragen? Und wieso nimmt man sich da nicht noch mehr Zeit um die Rolle des Verfassungsschutzes zu beleuchten?

    PS: Ich will jetzt RAF und NSU- Prozess nicht vergleichen aber auf den Aspekt hinweisen, dass die Berichterstattung über Verena Becker deutlich positiver ausfällt. Auch da sollten die gleichen Maßstäbe gelten. Mord ist Mord egal von wem begangen.

  2.   tortellini

    Letzter Abschnitt:
    …berichtet von einem Detail, dass Brigitte Zschäpe “plötzlich” vor Gericht erwähnt habe…
    Wer ist Brigitte Zschäpe? Beate Z. oder B. Böhnhard was anderes gab es bisher nicht. Bitte Korrigieren

    ____________________
    Danke! Ist korrigiert.

    ZEIT ONLINE

  3.   Atan

    Wer ist bitte „Brigitte Zschäpe“? Da ist im letzten Absatz wohl etwas durcheinander geraten und dadurch unklar, wer was gesagt oder getan hat.

    Ansonsten geht dieser ganze Prozess ja überhaupt auch darum, inwieweit die „Sippe“ von Opfern zu „Tätern“ wird – schon erstaunlich, dass das Problem sofort vergessen ist, wenn jetzt die anscheinend die richtige „Sippe“ moralisch verurteilt werden kann. Der Prozess ist noch nicht zu Ende, das Urteil über die Angeklagten steht noch nicht fest und über die beiden mutmaßlichen Täter wird kein Gericht urteilen, weil sie sich vorher das Leben nahmen.
    Hätte aber ein Prozess stattgefunden, wäre Brigitte Böhnhardt wahrscheinlich gar nicht als Zeugin aufgetreten, weil selbst unser Strafrecht nicht verlangt, dass Mütter ihre Söhne durch Aussagen belasten.

    Vielleicht sollte man also diese Tatsachen weiter im Hinterkopf behalten, dann kann einfach in Ruhe analysiert werden, was Zeugen wirklich zur Klärung des Sachverhalts beitragen.

    _________________

    Danke auch Ihnen. Brigitte Böhnhardt muss es heißen. Ist korrigiert.

    ZEIT ONLINE

  4.   Rainer Witzel

    Eine Mutter bleibt immer eine Mutter, und das ist auch gut so!

  5.   HerrSuppenhuhn

    Ist es denn nicht klar, dass die Mutter unter erheblichem Druck steht und die Neonazis im Raum zur Überwachung ihrer Aussage anwesend waren?
    Um sie einzuschüchtern und sicherzugehen, dass sie keine Namen nennt?
    Reicht denn der Verdacht nicht schon aus, diesen den Zutritt zum Prozesssaal zu verbieten? Fragte ich beispielsweise nach den Namen von Mafiosi, ließe ich doch nicht Mitglieder eben jener Mafia dem Prozesse beiwohnen!
    Die politische Ausrichtung alleine verpflichtet, dem Beispiel zu Trotz, nicht zur Angehörigkeit einer kriminellen Organisation, dennoch sollte dieses Argument hier kein hohes ‚Gewicht‘ erfahren, da hinter dem NSU, per Definition, eine kriminelle Organisation mit Kontakten zu Rechtsradikalen gestanden haben muss.

  6.   reniarr

    Bitte korrigieren:

    „Gisela Friedrichsen von Spiegel Online berichtet von einem Detail, dass Brigitte Zschäpe “plötzlich” vor Gericht erwähnt habe…“

    An dieser Textstelle stolpert man doch sehr, da hier nur Frau Böhnhardt eine Aussage gemacht hat. (man fragt sich auf einmal, wer ist hier gemeint? – Frau Böhnhardt, sagt Frau Beate Zschäpe plötzlich doch aus oder ist von einer weiteren Zeugin die Rede)

  7.   Hadrius

    Die Medien heute verlangen quasi dass Geliebte und Verwandte von Kriminellen sich öffentlich von ihnen lossagen. Da ist wenig Verständnis für die Notlagen der Leute.

    Und Frau Böhnhardt? Um es mal böse zu sagen:

    Das hat sie nun davon, dass sie eine relativ offene Aussage gemacht hat.

    In Prozessen mit derartigem Medieninteresse sind verwandte Zeugen wohl besser beraten nur mit einem eigenen Rechtsbeistand aufzutreten – der die Form der Befragung in Schach halten kann.

    Dazu dann einsilbige Antworten „ja“ . „nein“. Bei Fragen der Erinnerung gibt es die Strategie, darauf zu beharren, dass man echte Erinnerung, die Vorhaltungen während der Vernehmungen und das Gelesene nicht mehr sicher auseinanderhalten könne. An so einem Vortrag hat sich noch jeder Richter die Zähne ausgebissen. Zumal das häufiger vorkommt.

  8.   Filimer

    Mir tut Sie leid, so wie alle Mütter die ihre Kinder überleben. Dass Sie den Naziwahn ihres Sohnes nicht teilte, das nehm ich Ihr ab. Es ist halt tragisch wenn einem das Kind in der Pubertät so entgleitet und man kann nichts dagegen tun. Ihr geht es jetzt so wie allen Eltern von Terroristen, Amokläufern, Junkies usw., eine pauschale Erklärung, wie es dazu kam wird es nicht geben.

    Die staatlichen Stellen haben sich auch wirklich nicht mit Ruhm bekleckert. Ende der 90 waren doch die Jugendclubs im Osten den Radikalen überlassen. Kohl fand ja Sozialarbeiter in Jugendcentren nicht wichtig, wenn man überhaupt mal einen beschäftigte dann tat s ja auch ein Jahresvertrag. Und die Rolle des Verfassungsschutzes…………, dazu schweigen wir lieber.

  9.   Thomas Melber, Stuttgart

    Was ist wem denn nun eigentlich schon tatsächlich nachgewiesen worden?

  10.   geistige reife eines Suppenhuhns

    zu 5. Alles sehr hypothetisch und kann wenn dann nur für alle gelten…
    Sie können auch keine Christen ausschließen nur weil der Angeklagte vllt der selben fanatischen Gruppierung angehört..
    Denn wen man Dinge aus unterschiedlichen Standpunkten betrachtet ist jeder iwo ein Verbrecher oder gehört einer moralisch verwerflichen oder kriminellen Organisation an.
    Nehmen wir zB Politiker oder Polizisten beide sollten eigentl für das Volk arbeiten aber es gibt immer schwarze Schaafe und deswegen soll die gesammte hart und vor allem moralisch wertvoll arbeitende Organisation ausgeschlossen werden ?

    Zu was verpflichtet die politische Ausrichtung? Ein Satz über mehrere Zeilen macht es mir schwer diesen zu versethen oder liegt es an einer politischen Ausrichtung welche zu solch einem konfusen kommata/punktieren verpflichtet.

    Das viele, nur weil sie eine andere Meinung haben, gern die Rechte anderer aúßer Kraft setzen würden und sogar oftmals tun, macht deren handeln mind. genauso moralisch verwerflich.

    Was mich zu der Frage bringt: Wieso meinen einige das Recht zu haben über andere urteilen zu dürfen obwohl diese selbst mit sich genug zu tun hätten?

    Denn leider ist nicht jeder gleich vor dem Gesetz, wie es sein sollte. Wird hier leider(wieder einmal) eindrucksvoll von der Staatsanwaltshaft und insbesondere der Medienwelt bewießen.

    p.S.: Wer Ironie findet: Eine schönen Tag!
    p.p.S: Denn anderen natürlich auch! ;P

 

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