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Zschäpes angebliche Vorlieben – Das Medienlog vom Donnerstag, 16. Juli 2015

 

Den Aufschlag des Tages bildete ein Bericht über die angeblichen YouTube-Vorlieben von Beate Zschäpe. Die Bundesanwaltschaft habe bei dem Internetkonzern ihren Nutzerverlauf angefordert, um ihn auszuwerten, berichtete die Bild, der Verlauf liege dem Blatt vor. Zschäpe habe sich Filmbeiträge über den Mordfall der Polizistin Michele Kiesewetter angesehen, aber auch rechtsradikale Clips und eine größere Zahl Pornos. Doch ob das stimmt?

Viele Medien griffen den Bild-Bericht auf, fragten aber bei der Bundesanwaltschaft nach. Die ließ wissen, auf Anfrage in den USA habe man „lediglich die Auskunft erhalten, es lägen keine Verkehrsdaten zu dem Konto vor“, berichtet unter anderem die FAZ.

Die Bild-Zeitung, die sonst keine Rolle im Verfahren gegen den NSU spielt, sei am Mittwoch plötzlich begehrt gewesen im Gerichtssaal, schreibt Annette Ramelsberger von der Süddeutschen Zeitung. Auch Zschäpes Anwälte hätten sie sich besorgt, am Nachmittag hätten Anwalt Grasel und Zschäpe sie intensiv studiert. Ramelsberger hält die Daten für echt und schreibt, sie seien verräterisch: Denn Zschäpes Nutzungsverhalten lasse Rückschlüsse darauf zu, dass sie sich bis 2011 nicht vom Rechtsextremismus abgewandt hatte. Allerdings: Woher die YouTube-Daten letztlich kamen, die es angeblich nicht gab, prüfe die Bundesanwaltschaft noch.

Das YouTube-Thema überlagerte in den Berichten die Vernehmung eines Zeugen, der zum Thüringer Heimatschutz gehörte. Mario B. habe versucht, die Rolle von Zschäpe im NSU kleinzureden, schreibt Ramelsberger. Er hätte ihr keine „tiefergehende Vertrauensstellung“ zu Mundlos und Böhnhardt zugetraut. Sie habe nicht nach oben gestrebt.

Rechtsextremer Zeuge mit Arroganz

B. sei ein rechtsextremer Zeuge mit einer Arroganz, die kaum zu übertreffen sein dürfte, schreibt Frank Jansen im Tagesspiegel. Schon auf die Frage nach seinen Personalien habe Mario B. in herablassendem Ton nur unvollständig geantwortet. Auf eine Ermahnung des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl entgegnete er höhnisch: „Beruhigen Sie sich mal.“ Der „szeneuntypisch wie ein Geschäftsmann im dunkelblauen Anzug und mit Krawatte auftretende Zeuge präsentierte ungeniert seine krude Gesinnung. In der selbst die NPD als zu lasch gilt“. Ähnlich unverschämt wirkte der Zeuge auf Oliver Bendixen vom Bayerischen Rundfunk.

Seine Schilderungen zu den mutmaßlichen NSU-Todesschützen Mundlos und Böhnhardt hätten streckenweise wie Nachrufe geklungen, schreibt Spiegel Online: „Mundlos habe viel gelacht und viel geredet, sodass er dessen Nachnamen zunächst für einen Spitznamen gehalten habe.“ Über Böhnhardt, den bisher fast alle Zeugen als reizbar und cholerisch schilderten, habe der Zeuge gesagt, der sei ein „angenehmer Zeitgeselle“ gewesen.

Dem heute bürgerlich auftretenden B. sei der Jargon des neo-nationalsozialistischen Agitators „sehr flüssig von den Lippen“ gekommen, schreibt das Blog NSU-Nebenklage in einer Tageszusammenfassung. Durch sein bisheriges Verhalten sei der Zeuge insgesamt vollkommen unglaubwürdig.

Frank Jansen vom Tagesspiegel beleuchtet auch die lauten Partys, die Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe in einer Wohnung in Chemnitz gefeiert haben sollen – in dem Haus Wolgograder Allee 76 in Chemnitz, in dem Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe laut Anklage von April 1999 bis Juli oder August 2000 gelebt haben. Die Wohnung unter dem Dach soll der mitangeklagte Rechtsextremist André E. gemietet haben. Das Trio hätte auffliegen können, wenn jemand wegen des Lärms die Polizei gerufen hätte. Die drei scheinen sich sicher gefühlt zu haben, schreibt Jansen.

Das nächste Medienlog erscheint am Freitag, 20. Juli 2015

 

38 Kommentare


  1. Bei Youtube gibt es keine Pornos.


  2. Dass das mit Youtube nicht stimmen kann, liegt auf der Hand, denn dort gibt es keine Pornografie. Die BILD wieder mal …

  3.   H.Rösler

    Die Darstellung im Artikel mit den Internetvideos (Pornos, rechtsradikale Clips etc.) ist leider schon deshalb extrem unglaubwürdig, weil es auf YouTube überhaupt keine Pornos gibt. Pornos wären vermutlich YouPorn – und YouPorn hat mit YouTube nichts zu tun.

    Die ganze Darstellung, wie BILD angeblich an die Daten gekommen sein soll, ist daher völlig unglaubwürdig.

    Wer solche Daten liefern könnte – also sowohl Daten über die YouPorn- als auch über die YouTube-Abrufe gespeichert hätte – wären vielmehr Geheimdienste. z.B. die NSA, die eh standardmässig jeden Zugriff auf YouPorn und YouTube speichert.

    Wenn die Daten zu den Internetvideo-Abrufen stimmen, dann dürften diese Informationen der BILD in Wahrheit also von einem Geheimdienst zugespielt worden sein – womit sich zwangsläufig die Frage ergäbe, welche Interessen die Geheimdienste in diesem Fall verfolgen, dass sie der BILD-Zeitung derartige Informationen zuspielen…


  4. Kann mir jetzt noch jemand erklären, was die Tatsache Pornos zu schauen, mit dem eigentlichen Fall zu tun hat?


  5. Die Daten liegen der Bild vor. Die Daten wurden Wahrscheinlich von der NSA zugespielt. Die Daten sind so geheim das die USA davon nichts wußte.

    Bild und ihre „gebildeten Leser“ wer Informationen aus der Bild glaubt, der glaubt auch an den Osterhasen.

    Und das Experten diese Daten für echt halten ist auch ein Witz.
    Das sind wohl die gleichen Experten die das Varoufakis-Video für echt hielten.

  6.   sioux

    Wieso muss die Welt wissen, dass Zschäpe Pornos geguckt hat? Oder gibt es ihr Einverständnis? Ansonsten wäre hier wohl ein Strafverfahren gegen denjenigen fällig, der so etwas in die Öffentlichkeit bringt.

  7.   Paul

    Ramelsberger hält die Daten für echt?
    Auf Grundlage welche Daten, Quellen und welcher Verifzierung derselben meint Ramelsberger das, bevor sie sogar Rückschlüse daraus zieht?
    Ist das noch Journalismus oder nur tendenziöse Kaffeesatzleserei?

  8.   Herr Print

    Thema SZ und Rammelsberger

    Ob Z. sich die Videos tatsächlich angesehen hat, ist _nicht_ nachweisbar. Nachweisbar ist lediglich, dass die Videos von Z.’s Account abgerufen wurden. Eine Aussage darüber, wer tatsächlich vor dem Computer gesessen hat, lässt sich kaum treffen. Es sei denn, die Videoabrufe fanden zu einer Zeit statt, in der sich B. und M. nachweislich nicht in der Wohnung aufhielten. Selbst dann bleibt aber der Sachverhalt bestehen, dass ein Videoabruf von einem Konto nicht vom Kontoinhaber initiiert werden muss.

    Keine Frage, die Daten bezüglich des Youtube-Kontos sind interessant. Insbesondere, weil über dieses Konto Videos über mutmaßliche NSU-Straftaten abgerufen wurden. Nur bedeutet das eben nicht, dass ausschließlich Z. diese Videos abgerufen/angeschaut hat. Das kann man vermuten, aber man kann genau so gut vermuten, dass das mutmaßliche „Terror-Trio“ (siehe Fischer-Kolumne) diesen Account gemeinsam genutzt hat.

    Man könnte sogar vermuten, dass der Account nur von B. oder nur von M. genutzt wurde, denn weder das Erstellen des Accounts, noch die Nutzung ist mit einer Identifizierung verbunden.

    Mann kann selbstverständlich darüber spekulieren, aber Tatsachenbehauptungen, wie sie Rammelsberger im verlinkten SZ-Artikel macht, sind meiner Meinung nach aus obigen Gründen unangebracht.


  9. Was bitte ist an Zschäpes „Youtube-Vorlieben“ prozessrelevant?!

    Zschäpe hat sich auf Youtube Videos angeschaut, die als rechtsradikal einzuordnen sind. Was für eine Überraschung! Zschäpe war und ist eine Rechtsextremistin, wo liegt da also ein neuer Erkenntnisgewinn vor?!

    Aus dem verlinkten SZ-Artikel von Ramelsberger:
    „Aufschlussreich für die Fahnder ist auch die Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ vom 28. Mai 2008, die ebenfalls von diesem Account aus angesehen wurde.“
    Das haben wahrscheinlich Millionen andere auch!
    „Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt hatten auch früher schon die Berichterstattung über ihre Taten verfolgt – sie hatten auch Zeitungsausschnitte mit Berichten über ihre Morde gesammelt und in ihrem Bekennervideo zusammengestellt.“
    Hier wird etwas als Fakt verkauft – wie so oft von Journalisten, die über den Prozess berichten, was erst noch bewiesen werden muss! Es ist ja sogar noch komplett unklar, auf welchem Comuputer das Bekennervideo hergestellt/zusammengeschnitten wurde. Sicher ist bisher nur, dass es nicht auf dem Computer des Trios geschehen ist! Also, hier sind noch sehr viele Fragen offen! Aber schön, dass für Frau Ramelsberger schon alles klar ist. Und da alles klar ist, zieht sich ja auch der Prozess so in die Länge…

    Zschäpe hat also – wenn es überhaupt geht?! – Pornos auf Youtube geschaut. Das hat natürlich für den Prozess wirkliche Relevanz…

    Die Medien (bis auf ganz wenige Ausnahmen!) kommen ihrer Verantwortung der kritischen Prozessbegleitung des NSU-Prozesses nicht nach! Relevante Fragen werden nicht gestellt und die Leser mit pseudorelevanten Informationen versorgt, die lediglich dazu dienen, eine journalistische Berichterstattung zu simulieren (siehe u.a auch die obige Berichterestattung in der BILD und SZ)!

  10.   kamino

    Natürlich gibt es Pornofilme auf Youtube. Das passende Kreuz in den Kontoeinstellungen und bei Youtube anmelden und schon geht auch das. Ob man das gut finden kann liegt in jedermanns persönliche Sichtweise.

 

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