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Es geht dem Ende entgegen – Das Medienlog von Mittwoch, 20. Juli 2016

 

Zwar sind noch bis September 2017 Termine im Gericht gebucht, doch langsam deutet sich an, wohin der Prozess steuert. Der Senat macht seit Kurzem keinen Hehl mehr daraus, welchem Zeugen er glaubt, wem nicht, welche Darstellung er für überzeugend hält und welche nicht, heißt es auf Spiegel Online. Richter Manfred Götzl habe vergangene Woche deutlich gemacht, dass man dem umstrittenen ehemaligen Verfassungsschützer Andreas T. Glauben schenke, der zur Tatzeit am Tatort des Mordes an Halit Yozgat in Kassel gewesen war und angeblich nichts mitbekommen hatte.

Ausschlaggebend ist für das Gericht offenbar, dass auch andere Zeugen am Tatort das Verbrechen nicht bemerkten, schreibt Gisela Friedrichsen.

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Auch Annette Ramelsberger schreibt, eine Vorentscheidung scheine im Prozess gefallen zu sein. Es geht in ihrer Analyse um den Angeklagten Ralf Wohlleben, einen früheren NPD-Funktionär, dem Beihilfe zum Mord in neun Fällen vorgeworfen wird. Er soll die Tatwaffe, eine Ceska 83, die bei neun der zehn Morde des NSU benutzt wurde, besorgt haben, der Mitangeklagte Carsten S. soll sie dann an die Terrorgruppe übergeben haben. Seit Monaten versuchten die Anwälte von Carsten S., die Glaubwürdigkeit eines Belastungszeugen zu erschüttern, heißt es in der Süddeutschen Zeitung. Sie versuchten dem Gericht schmackhaft zu machen, dass der NSU auch auf anderen Wegen zu der Waffe gekommen sein kann, schreibt Ramelsberger.

Doch nun hat das Gericht viele Anträge abgelehnt, Zeugen zu dieser Variante zu hören. Damit mache es deutlich, so die Autorin, dass es den in der Anklage nachgezeichneten Weg der Ceska über einen Waffenversand in Bern über Mittelsmänner bis in den rechten Szeneladen Madleys in Jena für glaubhaft hält.


3 Kommentare

  1.   Lignite

    Jetzt reden die Zeugen endlich das, was der Richter will. Jetzt ist er mit den Zeugen zufrieden, nachdem er sie jahrelang unter Druck gesetzt hat. Was ist das für ein Rechtsstaat, der dutzenden von Menschen jahrelang ihr Leben stiehlt, damit das raus kommt, was der Staatsräson dient?

    Das betrifft auch die Verwandten der Opfer, die jahrelang nun den Prozess verfolgten und immer noch nicht wissen, wer eigentlich Ihren Onkel, Mann, Bruder umgebracht hat. Und längst Berufsopfer für sorgfältig vorbereitete Auftritte vor den Medien geworden sind. Die aber nicht erfuhren, wer die beiden Uwes´s in Eisenach liquidierte*.

    Das Urteil war doch schon vor Prozessbeginn fertig.

    * Wikipedia: „Die von den Staatsschutzstellen und der Bundesanwaltschaft in den mittlerweile zehn Untersuchungsausschüssen und im NSU-Prozess vertretene Selbstmord-Hypothese ist unter einigen Mitgliedern der Untersuchungsausschüsse und unter Journalisten umstritten, da sie eine Reihe von Ungereimtheiten zurückgelassen hat. So stellte der Abschlussbericht des ersten Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses im August 2014 neun Indizien fest, die aus seiner Sicht gegen die Suizid-Vermutung sprechen; (…) sie werden im zweiten Untersuchungsausschuss ab 2015 eingehend.

  2.   Leotse

    Bin ich der Einzige, der für diesen Fall nur noch ein müdes Gähnen übrig hat? Ich finde den NSU Komplex ja hochinteressant, aber die Aufklärung ist das totale Desaster.
    Der Richter glaubt also dem Verfassungsschützer, das ist nicht sehr überraschend. Der war zwar am Tatort während eines Mordes, aber sicher hat er gerade mit Kophörern ein Ballerspiel gezockt, so dass er das überhören konnte. Oder liegt es am Ende daran, dass der Richter und der Verfassungstyp im gleichen Team spielen?
    Die Entscheidungen, die der Richter jetzt fällen wird, scheinen mir auch eher gefühlsbasiert, es wurde nichts Relevantes herausgefunden, und es kann auch nichts so richtig bewiesen werden. Das macht jedes Urteil für mich zu einem Witz.
    Unerträglich ist für mich auch – bezogen auf die geringe Menge an neuen Informationen und der vorraussehbaren Urteile – die unglaubliche Länge des Prozesses. Das bürokratische Monster hat dem Interesse der Bürger am NSU den Wind aus den Segeln genommen.

  3.   izquierd

    Aus dem verlinkten Artikel aus der SZ von Fr. Ramelsberger:
    „In einem 23 Seiten langen Beschluss lässt das Gericht keinen Zweifel daran, dass es die Zeugen, die die Anklage stützen, für verlässlich hält. Damit wird es für Wohlleben immer enger. Schon im Frühjahr hatte das Gericht erklärt, dass es Wohllebens Hauptbelastungszeugen Carsten S. für glaubwürdig hält, die Aussagen von Wohlleben dagegen nicht.“

    Diese Einschätzung des Gerichts ist mehr als erstaunlich, weil ja bereits belegt ist, dass Carsten S. bei seiner Aussage zur Übergabe der Ceska an den NSU falsche Angaben zum Übergabeort und zur Kaufsumme gemacht hat. Wobei besonders die falsche Angabe zum Übergabeort erstaunt. Jemand der in seinem Leben einmalig eine Waffe übergeben haben will, soll sich nicht mehr richtig daran erinnern, wo die Übergabe stattgefunden hat?! Bzw. er muss mit einer Ausrede/merkwürdigen Erklärung daherkommen, als er darauf aufmerksam gemacht wird, dass es den von ihm angegebene Übergabeort (Cafe in der Galeria Kaufhof in Chemnitz) zu dem Zeitpunkt noch gar nicht gegeben hat. Sehr glaubwürdig. Aber wer es glauben möchte…
    Es wird immer offenkundiger, dass es dem Gericht unter dem Vorsitz von Richter Götzl gar nicht um eine wirkliche Aufklärung im NSU-Komplex geht. Sonst würde der Prozess ja ganz anders laufen…

    Quelle: http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.nsu-prozess-carsten-s-ungereimtheiten-auf-die-niemand-eingeht.216ededa-1fa3-49ee-be88-07322f390ce8.html

 

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