Bibel „nicht jugendfrei“ :)

Jetzt werde ich vermutlich den Bibelkonsum anheizen, was mir recht sein soll, ist sie doch nicht nur die heilige, sondern auch eine sehr lesenswerte Schrift.

Kürzlich machte mich ein sehr junger, sehr eifriger Leser, der sich nach den sieben Harry-Potter-Bänden nun die Bibel vorgeknöpft hat, darauf aufmerksam: „Das ist aber nicht gerade jugendfrei.“ Und was er mir dann vorlas, war wirklich harter Stoff für einen Achtjährigen. Es ist schon eine Weile her, dass ich das Buch der Bücher selbst gelesen habe, so heftig hatte ich das nicht in Erinnerung. Über die Jahre habe ich mich an die weichgespülte Version der Kinderbibel gewöhnt – kein Vergleich zum Original!

Und jetzt? Dem Kind das Lesen verbieten, gar das Lesen der heiligen Schrift? Nein, das geht nicht. Lieber drüber reden; für wilde Geschichten nach noch wilderen Erklärungen suchen, die dem kindlichen Gemüt gerecht werden. Und: Lieber wieder das Original lesen.

 

Schlappe für Rot-Grün: Gemeinschaftsschule in NRW gestoppt

Meldet dpa gerade:

Düsseldorf (dpa) – Der rot-grünen Landesregierung von
Nordrhein-Westfalen droht bei einem ihrer wichtigsten Vorhaben
juristischer Schiffbruch. Nach Ansicht des Verwaltungsgerichts
Arnsberg sind die von Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne)
erteilten Genehmigungen für die neuen Gemeinschaftsschulen
rechtswidrig. Das Gericht untersagte deshalb die Gründung einer
Gemeinschaftsschule im sauerländischen Finnentrop.

Löhrmann kündigte Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht Münster
an. «Wir teilen diese Rechtsauffassung nicht», sagte sie am Dienstag
in Düsseldorf. Die Ministerin hatte im Rahmen eines Schulversuchs
zum kommenden Schuljahr die Bildung von 14 Gemeinschaftsschulen
genehmigt. In dieser neuen Schulform sollen alle Schüler mindestens
bis zur sechsten Klasse gemeinsam lernen. Langfristig will Rot-Grün
30 Prozent aller Schulen in NRW in Gemeinschaftsschulen umwandeln.

Das Verwaltungsgericht hält die Genehmigung lediglich durch eine
Experimentierklausel im Schulgesetz für unzulässig. Die Finnentroper
Schule sei «Teil einer systematischen, über punktuelle Projekte
hinausgehenden Einführung einer neuen Schulform». Dafür sei ein
«verfassungskonformes formelles Gesetz» erforderlich. Löhrmann sieht
sich dagegen mit dem Schulversuch «auf der sicheren Seite».

Gegen die Gemeinschaftsschule in Finnentrop hatten die
Nachbarstädte Attendorn und Lennestadt geklagt, die um den
Bestand ihrer Schulen fürchten. Für die Gemeinschaftsschule sollen
in Finnentrop Haupt- und Realschule aufgelöst werden. Zur neuen
Schule gab es nach Auskunft von Finnentrops Bürgermeister Dietmar
Heß (CDU) rund 140 Anmeldungen. 100 Schüler seien angenommen worden.

 

Hände weg vom Osterhasen!

Liebe Grundschullehrerinnen!

Ihre Aufgabe ist es, den Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, auch gern noch ein bisschen mehr. Es ist nicht Ihre Aufgabe, den Kindern zu erzählen, dass nicht der Osterhase, sondern die Eltern die Ostereier verstecken. Wer das tut, ist fies; zumindest gedankenlos – und sollte sich was schämen.

 

Stimmt wirklich: Es gibt bald nur noch drei CDU-Kultusminister

Wo ist eigentlich die Bildungspolitik der CDU geblieben?

Als ich das kürzlich den niedersächsischen Kultusminister fragte, stellte die CDU noch in fünf von fünfzehn möglichen Bundesländern (in Bayern ist bekanntlich die Schwesterpartei CSU am Ruder) den Schulminister. Nach den Wahlen in Baden-Württemberg (CDU in der Opposition) und Sachsen-Anhalt (CDU überlässt das Kultusministerium wohl der SPD) nur noch in drei Bundesländern (Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen)!

Dass es nicht nur personell, sondern auch inhaltlich nicht zum Besten steht, habe ich schon vor einer Weile in einem Kommentar moniert.

 

Harvard-Studie: Boni für Lehrer? In New York haben sie nichts gebracht

Im „Handelsblatt“ vom 31.3.2001 (leider nur in der Printausgabe) wird eine interessante Studie des Harvard-Ökonomen Roland Fryer vorgestellt (hier zum Download). Er wertet ein New Yorker Projekt aus: An 233 von 400 öffentlichen Schulen in New York bekamen die Lehrer Bonuszahlungen, wenn die Schulen bestimmte Zielvorgaben erreichte, die anderen Schulen dienten als Kontrollgruppe.

Das Ergebnis: Die Lehrer änderten ihr Verhalten trotz verlockender Boni nicht, sie führten ihre Schüler nicht zu besseren Leistungen als ihre Kollegen an den Schulen ohne Bonuszahlungen, sie waren nicht einmal fleißiger im Fragebogenausfüllen.

Die Forscher hatten das Ergebnis nicht erwartet, denn vergleichbare Experimente in Entwicklungsländern hatten andere Ergebnisse gezeitigt. Über die Ursachen kann Fryer nur spekulieren. Er vermute, so das „Handelsblatt“, dass das Anreizsystem zu kompliziert und undurchschaubar war.

 

Baden-Württemberg – Was hat Grün-rot mit den Schulen im Bildungsmusterland vor?

Bin sehr, sehr gespannt, wie die grün-rote Schulpolitik aussehen wird in Deutschlands Bildungsmusterland.

Um schon einmal auf den Geschmack zu kommen, hier die entsprechenden Auszüge aus den Wahlprogrammen der Grünen und der SPD für Baden-Württemberg:

Bündnis 90/Die Grünen:

BADEN-WÜRTTEMBERG BRAUCHT ALLE TALENTE – VON ANFANG AN
Bildung ist – neben der Ökologie – die wichtigste Zukunftsaufgabe Baden-Würt- tembergs. Bildung ist für uns GRÜNE mehr als der bloße Erwerb von Qualifikationen für den Arbeitsmarkt. Bildung bedeutet auch, die Persönlichkeit zu entfalten, so- ziale Kompetenzen zu erlernen und die Demokratie wertzuschätzen. Ein gerechtes und leistungsfähiges Bildungssystem fördert den Erfindungsreichtum und die Kre- ativität der Menschen in Baden-Württemberg, es unterstützt ihre Bereitschaft zum Engagement und zum nachhaltigen Handeln. Und: Gut ausgebildete Menschen stärken Baden-Württemberg als Wirtschaftsregion im internationalen Wettbewerb.
Wir GRÜNEN stehen für ein sozial gerechtes Bildungssystem, das alle Kinder und Jugendlichen – unabhängig von der Herkunft und vom Einkommen der Eltern – op- timal fördert, ermutigt und stärkt.
Bildung gehört zu jedem Lebensalter, der Grundstein wird aber in der frühen Kindheit gelegt. Für die bestmögliche Förderung der jüngsten Kinder brauchen wir Einrichtun- gen von höchster Qualität mit hervorragend ausgebildetem pädagogischem Personal.
Wir brauchen eine neue Schulkultur, die sich durch Respekt, Wertschätzung und Be- teiligung auszeichnet. Bundesweit nimmt Baden-Württemberg in der Bildung zwar noch einen Spitzenplatz ein, im internationalen Vergleich ist unser Bundesland aber von erfolgreichen Ländern mit ähnlicher Wirtschafts- und Sozialstruktur längst ab- gehängt worden. Die Mängel sind offensichtlich: Zu viele SchülerInnen verlassen die Schule, ohne die notwendigen Grundkompetenzen für ein erfolgreiches Berufsleben erworben zu haben. Weder schwache noch starke oder hochbegabte SchülerIn- nen werden optimal gefördert. Trotzdem hält die Landesregierung am gegliederten Schulsystem fest und versucht durch „Mogelpackungen“ wie die Neue Werkreal- schule die soziale Trennung der Kinder fortzusetzen. Wir GRÜNEN stehen dagegen für ein Bildungswesen, in dem jedes Kind seine Potenziale voll entfalten kann.
Wir wollen erreichen, dass Jugendliche nach der Schule einen Anspruch auf eine qua- lifizierte Ausbildung und ein Studium haben. Es soll ihnen die notwendige Zeit und Unterstützung gewährt werden, um erfolgreiche Abschlüsse zu erzielen. Bildung ist ein Prozess, der den Menschen das ganze Leben lang begleitet. Kunst und Kultur ge- hören für uns zur Daseinsvorsorge. Daher wollen wir GRÜNEN Baden-Württemberg als „Kulturland“ ausbauen, die kulturelle Vielfalt fördern und für die Kultureinrich- tungen und Kulturschaffenden im Land angemessene Rahmenbedingungen schaffen.
LEITIDEE: FRÜHKINDlICHE BIlDUNG AB DEM ERSTEN LEBENSJAHR
Wissenschaftliche Studien belegen es: Je früher Kinder eine Kindertageseinrichtung (Kita) oder einen Kindergarten besuchen, desto besser sind ihre Bildungschancen und ihre späteren Schulabschlüsse. Es ist deshalb eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe und die Basis für ein gerechtes Bildungssystem, Kinder möglichst früh, qualifiziert und individuell zu fördern. Gleichzeitig sollen auch die Eltern durch enge Koopera- tionen auf Augenhöhe in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt werden. In den letz- ten Jahren hat man endlich auch in Baden-Württemberg den hohen Stellenwert der frühkindlichen Bildung erkannt. Es wurden inzwischen zwar Entwicklungen angestoßen und Projekte auf den Weg gebracht, es fehlt aber ein schlüssiges Gesamt- konzept für die frühkindliche Bildung ab dem ersten Lebensjahr.
Kleinkindbetreuung und -bildung zügig ausbauen
Wir GRÜNEN setzen uns für die vollständige Umsetzung des Rechtsanspruchs auf einen Platz in einer Betreuungs- und Bildungseinrichtung für Kinder unter drei Jah- ren (U3) ab 2013 ein. Dafür müssen in den nächsten Jahren erhebliche zusätzliche Mittel eingesetzt werden. Das Land soll sich dabei mit einer Drittelfinanzierung be- teiligen. Wir treten dafür ein, dass das Landeserziehungsgeld schrittweise in die U3-Betreuungs- und Bildungseinrichtungen umgeschichtet wird. Bis zum Ende der Legislaturperiode im Jahr 2016 sollen die U3-Bildungs- und Betreuungsplätze weiter ausgebaut und die pädagogischen Rahmenbedingungen spürbar verbessert werden.
Vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus sozial benachteiligten Familien wollen wir für die Kleinkindbetreu- ung gewinnen, da sie von einer qualifizierten Förderung, insbesondere von Sprach- förderung, in hohem Maße profitieren werden. Damit dies möglich wird, setzen wir uns dafür ein, dass das Solidaritätsprinzip auch hier greift. Das bedeutet, dass die Beiträge einkommensabhängig erhoben werden sollen.
Den orientierungsplan verbindlich einführen
Die Ziele und Grundlagen der frühkindlichen Bildung und Erziehung in Baden- Württemberg sind im sogenannten Orientierungsplan festgelegt. Wir GRÜNEN fordern eine flächendeckende verbindliche Einführung und Weiterentwick- lung des Orientierungsplans, um für alle Kitas einheitliche Standards und Rahmen- bedingungen für das frühkindliche Lernen zu erreichen.

Wir setzen uns für ein ganzheitliches Sprachförderkonzept ein, das in den Alltag der Kitas integriert wird. Das von der Landesregierung vorgeschlagene Testverfahren durch Sprachscreenings, das im Rahmen der Einschulungsuntersuchung eingeführt werden soll, lehnen wir als unzureichend ab.
Wir setzen uns dafür ein, dass diese Sprachtests durch eine systematische Beobach- tung und Dokumentation der Sprachentwicklung der Kinder sowie die dazugehö- renden Elterngespräche ersetzt werden. Für die Kleinkindbetreuungseinrichtungen soll der Orientierungsplan in den nächsten fünf Jahren mit den Trägern weiterent- wickelt werden und verbindlich gelten.
Eng mit den Grundschulen kooperieren
Kitas haben einen eigenständigen anspruchsvollen Bildungs- und Erziehungsauftrag, der sich an den frühkindlichen Bedürfnissen des ganzheitlich ausgerichteten spiele- rischen Lernens orientiert. Die Grundschule hat den Auftrag, die Kinder dort abzu- holen, wo sie in ihrem jeweiligen Entwicklungsstand stehen, und ihrer Heterogenität durch kindgerechte und individualisierende Lernkonzepte gerecht zu werden. Wir setzen auf eine enge Zusammenarbeit zwischen Grundschule und Kitas. Wir wollen aber Kinder nicht „schulreif“ trimmen, vielmehr sollen Lehrkräfte und ErzieherIn- nen in gemeinsamer Verantwortung den Übergang jedes Kindes von der Kita in die Grundschule konzeptionell vorbereiten und begleiten. Dabei sollen die Fachkräfte aus beiden Institutionen mehr Zeit erhalten, um die pädagogische Arbeit zu verzahnen.
Inklusion verbindlich im Kindergartengesetz festschreiben
Das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention, schrittweise ein inklusives Bildungs- wesen einzuführen, gilt auch für Kitas und muss verbindlich ins Kindergartenge- setz aufgenommen werden. Für inklusiv arbeitende Gruppen müssen verlässliche
Rahmenbedingungen wie maximale Gruppengrößen festgelegt werden. Auf der Grundlage von Entwicklungsbeobachtung sollen mit den Eltern Zusatzangebote für die motorische, soziale, kognitive oder sprachliche Förderung der Kinder be- sprochen werden. Die Möglichkeiten für diese erweiterte Förderung können von interdisziplinären Teams, dem heilpädagogischen Fachdienst sowie von sonderpä- dagogischen Fachkräften in Poolstellen geschaffen werden.
Gut ausgestattete Kitas für eine echte Erziehungspartnerschaft
Wir GRÜNEN treten für einen flächendeckenden Ausbau der Kitas zu wohnortna- hen Familienzentren ein, um die Erziehungsaufgaben der Familien von Geburt an zu unterstützen. Wir setzen uns dafür ein, dass nicht nur Standorte mit flexiblen Betreuungszeiten geschaffen werden, sondern auch Standorte, in denen die Fähig- keiten und Interessen der Kinder frühzeitig gefördert werden, wo Austausch und Kontakt im Alltag für Familien möglich ist und Familien fachliche Beratung und Unterstützung erhalten können.
Aktionsplan für gut ausgebildete Fachkräfte
Die Sicherung und der weitere Ausbau der Qualität in den Kitas können nur gelingen, wenn ausreichend Fachpersonal zur Verfügung steht. Bis Mitte nächsten Jahres sollen bereits 5.000 neue Fachkräfte gewonnen werden – so sieht es die neue Ver- einbarung der Landesregierung mit dem Gemeinde- und Städtetag vor. Aber das reicht bei Weitem nicht aus: Bei einem zusätzlichen Bedarf von rund 12.500 neuen Fachkräften für die frühkindliche Bildung in den nächsten Jahren ist jetzt schon abzusehen, dass die Bemühungen der Landesregierung, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, nicht ausreichend sind.

Wir GRÜNEN fordern deshalb einen Aktionsplan für mehr Fachkräfte in den Ki- tas. Auch der Genderaspekt muss dabei berücksichtigt werden: Da der Anteil des männlichen Personals aktuell bei nur 2 Prozent liegt, müssen gezielt junge Männer als Erzieher angeworben werden. Um die Attraktivität des Berufs zu steigern und die Professionalität des pädagogischen Fachpersonals zu erhöhen, setzen wir uns dafür ein, die Studiengänge mit Bachelorabschluss an den Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen zügig auszubauen und auf die Dualen Hochschulen auszudehnen. Auch der Übergang von der Fachschule für Sozialpädagogik zur Hochschule muss erleichtert werden. Ein konsequenter Kita-Ausbau sollte zudem mit einer intensiven Imagekampagne für den ErzieherInnenberuf gekoppelt wer- den. Wir setzen uns dafür ein, dass die Arbeit des Fachpersonals in Kitas angemes- sen bezahlt wird, seine Arbeitsbedingungen verbessert und ihm berufliche Entwick- lungs- und Aufstiegsmöglichkeiten eröffnet werden.


LEITIDEE: DIE NEUE SCHULE: VIELFALT, GERECHTIGKEIT UND BESSERE LEISTUNGEN

Wir GRÜNEN wollen ein sozial gerechtes Schulsystem für Baden-Württemberg, das die Individualität und Leistung jedes Kindes fördert. Statt Kinder früh in verschiedene Schubladen zu sortieren, wollen wir jedem Kind die Möglichkeit geben, sein indi- viduelles Bildungsziel zu erreichen. Alle Kinder lernen mit- und voneinander. Durch vielfältige Lernwege wird individuelle Unterstützung für jedes Kind ermöglicht.
Blockaden für Schulentwicklung auflösen
Das Schulsystem in Baden-Württemberg ist durch soziale Ungerechtigkeit und Sortierwahn geprägt, die für Eltern, Lehrkräfte und SchülerInnen viel Stress und Druck bedeuten. Das frühe Aufteilen der Kinder auf verschiedene Schularten nach der 4. Klasse erzeugt bei vielen SchülerInnen Versagensängste, entmutigt sie und hat negative Auswirkungen auf ihr Lernverhalten und ihre Lernfreude. Welche Grundschulempfehlung ein Kind bekommt, hängt in hohem Maße von seiner so- zialen Herkunft ab und macht damit vor allem Kinder aus sozial schwachen und benachteiligten Elternhäusern zu Bildungsverlierern, oft ungeachtet ihrer kogniti- ven Leistungen und Leistungsfähigkeit. Das ist ungerecht und lässt viel Potenzial ungenutzt, das unser Land aber dringend braucht. Wir GRÜNEN stehen deshalb für offene Bildungswege ohne Barrieren. Das gegliederte Schulsystem wird der kom- plexen Lern- und Lebenssituation von Kindern heute nicht mehr gerecht.
Trotz des großen pädagogischen Engagements der Lehrkräfte ist die Hauptschule vielerorts vom Aussterben bedroht. Keines der zahlreichen vom Kultusministerium verordneten „Fitnessprogramme“ konnte dies verhindern, und auch mit dem Eti- kett „Neue Werkrealschule“ wird eine Schulart, die keine Akzeptanz mehr besitzt, nicht besser. Die Einführung des Turbo-Gymnasiums (G8) hat den Druck in den Gymnasien enorm erhöht – vielfach über die Grenzen des Erträglichen hinaus –, dennoch ist der Trend zum Gymnasium ungebrochen.
Dass rund ein Drittel aller AbiturientInnen die allgemeine Hochschulreife nicht über die allgemeinbildenden, sondern über die beruflichen Gymnasien erlangt, zeigt, dass das gegliederte Schulsystem und das Schubladendenken der individuellen Leistungsfähigkeit der Kinder sowie der Komplexität ihrer Lern- und Lebens- situationen heute nicht gerecht werden.

Die Landesregierung blockiert bislang rigoros alle innovativen Schulentwicklungs- initiativen, die seit Jahren von Schulen und Kommunen entwickelt und beantragt werden und diesem Schubladendenken nicht entsprechen. Dies ist Ausdruck der bürokratischen Verkrustung unseres Bildungswesens sowie der Angst vor einer neu- en freiheitlichen und lebendigen Schulkultur. Wir GRÜNEN stehen für eine Schul- entwicklung von unten und wollen dafür die notwendigen Freiräume schaffen.
Vom Lernen im Gleichschritt zur individuellen Förderung
Im gegliederten Schulsystem führt die Orientierung an einem einheitlichen Niveau in jeder Schulart dazu, dass starke SchülerInnen unter- und schwache SchülerInnen überfordert werden. Baden-Württemberg braucht jedoch alle Talente, um seine Stärken im internationalen Wettbewerb zu halten und auszubauen. Es ist ungerecht und aus wirtschaftlicher Sicht verantwortungslos, rund ein Viertel der SchülerInnen verloren zu geben.
Schulen, die heute schon individuelle Förderung praktizieren, stoßen schnell an die Grenzen des hierarchisch gegliederten Schulsystems, denn selektive Strukturen zwingen zur starren Vereinheitlichung der Anforderungen, innerhalb derer echte individuelle Förderung als Begünstigung Einzelner erscheint. Für uns GRÜNE ge- hört deshalb zur neuen Schul- und Lernkultur auch die Möglichkeit für die Schul- träger, hier neue Wege zu gehen: Eine integrative und inklusive Schule, die Kinder, statt sie zu sortieren, gemeinsam entsprechend ihren individuellen Begabungen fördert, ist keine Utopie, sondern ein weltweiter Standard. Die Entwicklung von neuen Schulmodellen muss deshalb auch in Baden-Württemberg so schnell wie möglich eingeleitet werden.

Schulentwicklung von unten: Gemeinden gestalten ihre Schulen
Schulen sind ein lebendiger Teil einer Gemeinde. Deshalb wollen wir GRÜNEN mit einer Novelle des Schulgesetzes den Kommunen mehr Verantwortung für ihre Schulen, für ihre Schulstruktur und für die Neuordnung der Schulstandorte (regio- nale Bildungsplanung) geben. Dies erfordert zum einen eine neue Verteilung der Zuständigkeiten von Land, Kommunen und Schulen, zum anderen aber auch eine neue innere Struktur der Schulen und eine stärkere Einbindung der Schulen in die kommunale Verantwortung. Auf der Basis der Voten der Schulkonferenz und der Schulverwaltung sollen die Schulleitungen auf Zeit von den kommunalen Gremien gewählt werden. Sie sind für die pädagogische Arbeit und die Personalführung zuständig. Für die reine Verwaltungsarbeit können VerwaltungsassistentInnen ein- gestellt werden.
Eine konsequente Evaluation der Schulen durch das Land sorgt für die Vergleich- barkeit der Schülerleistungen an den einzelnen Schulen, wobei jedoch der sozia- le Hintergrund der SchülerInnen und der jeweiligen Schule stets mitberücksichtigt werden muss. Grüne Schulpolitik setzt darauf, dass die Gemeinden die lokalen und regionalen Herausforderungen und Besonderheiten im Bildungsbereich genau ken- nen und deshalb gezielt handeln können, auch was die Vernetzung der jetzt parallel laufenden sozialen Hilfesysteme mit einer guten und breit angelegten Schulsozial- arbeit angeht.
Wir lassen die Schule im Dorf: Eine wohnortnahe Schule für alle
Der demografische Wandel macht sich inzwischen auch an den Schulen Baden- Württembergs bemerkbar. Die SchülerInnenzahlen gehen insgesamt zurück. In Verbindung mit den seit Jahren sinkenden Übergangszahlen zu den Hauptschulen wird dies in den nächsten Jahren zu einem dramatischen Haupt- und Werkreal- schulsterben führen, weil diese die erforderlichen und pädagogisch wünschenswer- ten Mindestgrößen bei Weitem nicht mehr erreichen können. Wird das gegliederte Schulsystem beibehalten, wird in den Jahren 2015 bis 2020 nur noch ein Drittel aller Gemeinden über eine weiterführende Schule verfügen. Gymnasien, Realschu- len, Werkrealschulen und die wenigen Hauptschulen konzentrieren sich dann vor allem auf Gemeinden mit mehr als 10.000 EinwohnerInnen.
Die Landesregierung hat mit der Einführung der Neuen Werkrealschule diesen Zen- tralisierungsprozess und das Schulsterben im ländlichen Raum massiv beschleunigt. Wir GRÜNEN wollen deshalb das Anliegen vieler Kommunen, ihre Schulstandorte durch ein größtmögliches Angebot an weiterführenden Bildungswegen innerhalb einer Schule zukunftsfähig auszugestalten, aktiv unterstützen.
Die Einführung von zwei- oder dreizügigen Basisschulen als Gemeinschaftsschulen für alle Kinder kann, bei gezielter regionaler Planung, zwei Drittel der Gemeinden eine Sekundarschule ermöglichen.
Anreize für innovative Schulentwicklung schaffen
Etwa 60 Kommunen in Baden-Württemberg, darunter viele größere Städte, haben bereits Anträge auf Genehmigung von neuen, integrativen Modellschulen gestellt. Sie wollen dabei nicht nur ihre Standorte attraktiver gestalten, sondern auch den Wünschen vieler Eltern nach neuen Schulformen entgegenkommen. Wir GRÜNEN unterstützen diese kommunalen Initiativen und setzen uns für die Genehmigung der Anträge ein.
Allen Schulen, die sich auf diesen Weg machen, wollen wir ein Fortbildungs- und Innovationsbudget zur Unterstützung ihrer Teamentwicklung und für die Erarbei- tung neuer Kompetenz- und Lernkonzepte zur Verfügung stellen. Die Schulen er- halten die Möglichkeit, Selektionsinstrumente wie die Versetzungs- und Noten- verordnung aufzuheben. Im Gegenzug müssen sie ihre Schulentwicklungsprozesse evaluieren und offenlegen. Bei Schulen, die SchülerInnen der gesamten Bandbreite der Vielfalt unterrichten, orientiert sich die Ressourcenzuweisung am neuen Zuwei- sungsmodus der maximalen Klassengröße. Die maximale Klassengröße wollen wir auf 25 SchülerInnen festlegen.
Bei besonderer pädagogischer und sozialer Aufgabenstellung werden zusätzliche Stunden für Kleingruppenbildungen zugewiesen. Alle weiterführenden Schulen des Landes können sich zu solchen Basisschulen als Gemeinschaftsschulen für alle Kin- der weiterentwickeln.
Die Basisschule als Gemeinschaftsschule für alle Kinder sowie als innovative und leistungsfördernde schule Die Basisschule ist eine Gemeinschaftsschule für alle Kinder. Sie baut auf einer oder mehreren vierjährigen Grundschule/-n auf und soll in der Regel mindestens zweizügig sein, um die fachliche Spezialisierung der Lehrkräfte zu nutzen und eine vielfältige Profilbildung zu ermöglichen. Die Basisschule umfasst alle Bildungsgän- ge der Sekundarstufe I und führt nach dem 10. Schuljahr zu einem differenzierten mittleren Bildungsabschluss.
Alle Basisschulen entwickeln eine neue Lehr- und Lernkultur. Gruppen von eigen- ständig lernenden SchülerInnen in offenen Räumen prägen das Bild der Schulen, nicht Frontalunterricht hinter verschlossenen Klassenzimmertüren im 45-Minuten-
Takt. Arbeit in Kleingruppen, individuelles Erarbeiten sowie Projektarbeit werden von der Ausnahme zum Regelfall. Jedes einzelne Kind kann so in angemessenem Tempo seine Fähigkeiten und Stärken bestmöglich entwickeln, wobei die indivi- duelle Förderung der Stärken im Mittelpunkt steht. Dabei soll keine Schülerin und kein Schüler unter- oder überfordert sein. Damit ergeben sich Verbesserungen der Lernsituation und des Lernerfolgs für die leistungsstarken wie auch für die leis- tungsschwachen SchülerInnen. Über Kompetenzraster kann der Lernstand jedes Schülers und jeder Schülerin erfasst und der weitere Lernweg geplant werden. Die Lehrkräfte begleiten ihre SchülerInnen auf ihrem Lernweg und überprüfen die Lernfortschritte. Neue Formen der Leistungsrückmeldung wie Lernentwicklungsge- spräche und -berichte sowie Portfolios führen stufenweise zur Notengebung in den höheren Jahrgängen. Berufsorientierung und Berufspraktika erhalten einen hohen Stellenwert für alle SchülerInnen.
Die Basisschule als Gemeinschaftsschule für alle Kinder erlaubt ein Maximum an Flexibilität innerhalb verbindlicher Leitplanken: der Bildungspläne. Diejenigen Schulen in Baden-Württemberg, die diesen Weg schon gehen, können als Beispiele guter Praxis dienen.
In der Basisschule werden die Grundlagen für weitere schulische und berufliche Bil- dungswege geschaffen. Nach einem mittleren Abschluss öffnen sich für die Schü- lerInnen vielfältige Bildungs- und Ausbildungswege: Sie können sich z.B. für eine duale Ausbildung entscheiden und bei guten Leistungen und zusätzlichen Bildungs- angeboten am Ende der Ausbildung eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben oder sie besuchen eine Berufsfachschule oder ein Berufskolleg. Gute SchülerInnen können auch schon nach der mittleren Reife in eine allgemeinbildende oder in eine berufliche gymnasiale Oberstufe wechseln. Dabei treten wir für einen Rechtsan- spruch ein – wenn die Aufnahmevoraussetzungen dafür erfüllt werden.
Durch die Individualisierung des Unterrichts können auch die Lernzeiten individuell ausgestaltet werden. So können SchülerInnen nach der 9. Klasse in die gymnasiale Oberstufe wechseln. In einer sich verändernden Schullandschaft soll sich auch die gymnasiale Oberstufe weiterentwickeln. Wir wollen vielfältige Profilbildungen in der Oberstufe ermöglichen, die den Neigungen und den Leistungen der SchülerIn- nen entsprechen.
Die Basisschule als Gemeinschaftsschule für alle Kinder soll sich zu einem Ort der gelebten Demokratie entwickeln, an dem eine neue Kultur der Beteiligung selbst- verständlich ist. Die Schulkonferenz, in der das Lehrpersonal, die Schülerschaft, die Eltern und der Schulträger viertelparitätisch vertreten sind, trifft letztendlich die wesentlichen Entscheidungen für die Schule. Dazu gehört auch die Einstellung von Personal im Rahmen eines Personalbudgets.
Die Basisschule soll im Schulgesetz verankert werden. Wir GRÜNEN streben an, dass sich jährlich 10 Prozent der weiterführenden Schulen zu Basisschulen weiterentwickeln.
Mehr Flexibilität und Lernchancen an allen bestehenden Schularten
Um den Druck aus der Grundschule herauszunehmen, wollen wir die Grundschul- empfehlung abschaffen und durch eine qualifizierte Beratung der Eltern ersetzen. Die Eltern treffen die Entscheidung über die weiterführende Schule für ihr Kind. Wir wollen für bessere Lernbedingungen durch kleinere Klassen sowie Differen- zierungskontingente an allen bestehenden Schularten sorgen. Jede Schule kann zu einer offenen oder gebundenen Ganztagsschule weiterentwickelt werden. Die Schulen müssen mehr Freiräume erhalten, um unterschiedliche Lernniveaus sowie flexiblere Lernzeiten anbieten zu können.
Damit wird die Durchlässigkeit im Bildungswesen insgesamt erhöht. Unsere Vor- stellungen im Einzelnen: •    Das achtjährige Gymnasium (G8) soll weiterhin die Regelform bleiben. Ob-
wohl durch das hohe Lerntempo im G8 SchülerInnen und LehrerInnen unter höherem Druck stehen, ist eine erneute Umstrukturierung aller Gymnasien derzeit nicht sinnvoll. Die gestrichenen zwei Poolstunden im G8 werden wie- der gewährt, sodass insgesamt zwölf Poolstunden für individuelle Förderung und Differenzierungsmaßnahmen zur Verfügung stehen.
•    Wir wollen den Gymnasien aber die Möglichkeit geben, entweder ein Brü- ckenjahr nach der 9. Klasse einzurichten oder zunächst als Schulversuch auf Wunsch der Schulkonferenz und auf Antrag des jeweiligen Schulträgers zwei Geschwindigkeiten in der Unter- und Mittelstufe bis zur mittleren Reife zuzu- lassen. Im Brückenjahr nach der 9. Klasse vor Eintritt in die Oberstufe können der gymnasiale Lernstoff der vergangenen Jahre wiederholt und gefestigt so- wie der Realschulabschluss erworben werden. QuereinsteigerInnen nach der 9. Klasse aus der Realschule können in diesem Brückenjahr auf den Übergang in die allgemeinbildende gymnasiale Oberstufe vorbereitet werden.
•    Wir GRÜNEN wollen allen HauptschülerInnen ein 10. Schuljahr zum Erwerb der mittleren Reife ermöglichen – und zwar ohne Notenhürde nach der 9. Klas- se. Die Abschaffung der Notenhürde gilt auch für Werkrealschulen.
•    Realschulen wollen wir gestatten, bei entsprechender Nachfrage eine zweite Fremdsprache ab der 5. Klasse anzubieten. Dadurch können sie ihre SchülerInnen besser auf den Übergang in eine allgemeinbildende oder berufliche
gymnasiale Oberstufe oder in eine duale Ausbildung vorbereiten. •    Notwendig ist angesichts des wachsenden Fachkräftebedarfs auch eine insge- samt bessere berufliche Vorbereitung an allen weiterführenden Schulen, damit die SchülerInnen die Anforderungen einer anspruchsvollen dualen Ausbildung
erfolgreich bewältigen können.
LEITIDEE: CHANCENGERECHTIGKEIT IN DER BILDUNG
Baden-Württemberg schneidet bei Studien zur Bildungsgerechtigkeit seit Jahren sehr schlecht ab. Wir GRÜNEN wollen dieser Vergeudung von Chancen und Talen- ten entschieden entgegenwirken. Mit der Basisschule als Gemeinschaftsschule für alle Kinder kann dies gelingen, weil sie nicht von vorneherein Kinder aus benach- teiligten Familien ausschließt. Kinder aus benachteiligten Elternhäusern und Kinder mit Sprachproblemen können von der individuellen Förderung in der Basisschule besonders profitieren, weil hier z.B. gezielte Sprachförderungsmaßnahmen oder das Fach „Deutsch als Zweitsprache“ angeboten werden. Die gute Kenntnis der deutschen Sprache ist für den Bildungserfolg die wichtigste Voraussetzung.
Die Basisschule betrachtet kulturelle Vielfalt als Wert und als Ressource. Dieses in- terkulturelle Leitbild soll sich auch in der Zusammensetzung des Lehrkollegiums an allen Schulen widerspiegeln: Wir wollen mit einem Förderprogramm gezielt Lehr- kräfte mit Migrationshintergrund anwerben, auch akademisch ausgebildete Quer- einsteigerInnen mit berufsbegleitender didaktischer und pädagogischer Ausbil- dung. Ihre interkulturellen Kompetenzen, z.B. ihre muttersprachlichen Kenntnisse, sollen zertifiziert und an allen Schulen als Zusatzqualifikation bei der Einstellung berücksichtigt werden.
Zur Unterstützung von Kindern mit Migrationshintergrund sollen BildungslotsInnen und LernpatInnen gewonnen werden. Wir treten auch dafür ein, dass die Übermitt- lungspflicht für Schulen in § 87 des Aufenthaltsgesetzes abgeschafft wird, damit auch Kinder ohne Aufenthaltsstatus ohne Angst vor Entdeckung die Schule besu- chen können. Besonders wichtig ist uns zudem die Erweiterung des Angebots in der rhythmisierten Ganztagsschule, weil hier mehr Möglichkeiten der Unterstützung durch die Lehrkräfte, aber auch der SchülerInnen untereinander bestehen. Dabei sind neben Angeboten im kognitiven Bereich auch musisch-kreative und bewe- gungsintensive Elemente wichtig. Den muttersprachlichen Unterricht wollen wir schrittweise ins reguläre Schulangebot integrieren. Er soll künftig als erweitertes Bildungsangebot in der Ganztagsschule oder als zweite oder dritte Fremdsprache an den Schulen bedarfsorientiert angeboten werden.
Ganztagsschulen: Vom Schulversuch zur Regelschule
Wir GRÜNEN setzen uns für den Rechtsanspruch auf einen Platz an einer Ganz- tagsschule ein. Die Ganztagsschule soll als Regelform im Schulgesetz verankert werden. Den seit über 20 Jahren bestehenden Schulversuchsstatus wollen wir da- mit endlich beenden. Wir fordern einen raschen Ausbau der Ganztagsschulen, da der Bedarf in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird.
Wo Ganztagsschule draufsteht, muss auch Ganztagsschule drin sein: Unser Ziel ist eine rhythmisierte Ganztagsschule, in der Unterricht, Lernzeit, Arbeitsgemein- schaften sowie Freizeit- und Bildungsangebote sinnvoll über den Schultag verteilt
wechseln, wobei individuelle Gestaltungsfreiräume möglich sein müssen. Die täg- liche Sportstunde gehört genauso dazu wie musisch-kulturelle Angebote, z.B. In- strumentalklassen, Kunstprojekte und Schultheater. Für die Umsetzung dieser An- gebote sollen die Ganztagsschulen eng mit der außerschulischen Jugendbildung kooperieren – auf gleicher Augenhöhe und auf der Basis von kostendeckenden Honoraren. Für den Ausbau der Ganztagsschulen sind zusätzliche Lehrerstunden und ein Budget für außerschulische Lehrbeauftragte notwendig. Das bisherige eh- renamtliche Jugendbegleiterprogramm ist bei Weitem nicht ausreichend. Bestand- teil der Ganztagsschule muss ein qualitativ hochwertiges Schulmittagessen aus vor- wiegend regionaler und biologischer Erzeugung sein.
Wir setzen uns dafür ein, dass Lehrerstunden für Ganztagsschulen mit besonderen pädagogischen und sozialen Aufgabenstellungen nicht reduziert werden, sondern dauerhaft erhalten bleiben. Die Landesregierung sieht für den Ausbau der Ganz- tagsschulen 1.850 neue Lehrerstellen vor. Wir wollen zusätzlich 1.000 Deputate zur Verfügung stellen – wahlweise entweder als ergänzende Lehrerstunden oder als Lehrbeauftragtenmittel.
Schule der Vielfalt – Schule der Inklusion
Wir GRÜNEN fordern, dass endlich die verbindlichen Vorgaben der UN-Konven- tion für die Rechte von Menschen mit Behinderungen an den Schulen umgesetzt werden. Baden-Württemberg ist dadurch verpflichtet, schrittweise ein inklusives Bildungssystem einzuführen. Im Gegensatz zur Landesregierung, die bis zum Jahr 2013 an der Sonderschulpflicht festhalten will, wollen wir die Sonderschulpflicht sofort abschaffen.

Eltern behinderter Kinder sollen selbst entscheiden, ob ihre Kinder eine Regelschule oder eine Sonderschule besuchen. Dieses uneingeschränkte Wahlrecht wollen wir im Schulgesetz verankern. Dem Wunsch der Eltern nach dem Schulort ist Rechnung zu tragen. Kinder mit Behinderungen haben ein Recht auf optimale individuelle sonderpädagogische Förderung, unabhängig davon, welche Schule sie besuchen, und unabhängig von der Art und Schwere der Behinderung.
Durch differenzierte Formen der Inklusion kann dieser Anspruch in ganz Baden- Württemberg umgesetzt werden. Dabei ist sicherzustellen, dass in allen Formen das Qualitätsniveau der sonderpädagogischen Förderung erhalten bleibt. Schulen sind dementsprechend zu beraten, zu betreuen und fachlich zu unterstützen.
Inklusion muss zum Grundgedanken für alle Schulen werden: Nicht nur die all- gemeinen Schulen sollen sich öffnen, sondern auch Sonderschulen sollten grund- sätzlich allen SchülerInnen offenstehen. Beides wird in einigen Schulen des Landes bereits gelebt und soll Inspiration und Vorbild für alle Schulen sein. Für diese große Herausforderung bedarf es der interdisziplinären Zusammenarbeit verschiedener pädagogischer Fachkräfte.
Wir GRÜNEN wollen an den Regelschulen schrittweise eine heil- und sonderpä- dagogische Grundausstattung einführen, von der alle Kinder profitieren können. Sonderpädagogische Lehrkräfte sind ExpertInnen für Diagnostik und Förderpläne. Sie können mit ihrem Fachwissen die Lehrkräfte an den Regelschulen intensiv un- terstützen. Wir setzen uns dafür ein, dass die gesamte Förderung, die heute an den Förderschulen für Lernbehinderte sowie den Sprachheilschulen stattfindet, künftig in die Regelschulen integriert wird. Heil- und SonderpädagogInnen sowie SchulsozialarbeiterInnen arbeiten dann im Team mit den jeweiligen Fachkräften und sind Mitglieder des Lehrkollegiums.
Auch viele SchülerInnen, die an Schulen für Erziehungshilfe unterrichtet werden, können künftig mit sonder- und sozialpädagogischer Unterstützung in die Regel- schulen integriert werden. Wir fordern außerdem die schrittweise Einführung von Schulsozialarbeit an jeder weiterführenden Schule und eine Drittelfinanzierung des Landes. Die Anzahl der SchulpsychologInnen muss deutlich aufgestockt werden.
Die Umorientierung bei der Eingliederungshilfe – weg von den großen zentralen Ein- richtungen, hin zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in der Gemeinde – kann nur gelingen, wenn Kinder bereits in der Schule durch gemeinsamen Unter- richt das soziale Miteinander und den wertschätzenden Umgang mit Vielfalt lernen.
Unterrichtsversorgung sicherstellen und Lernbedingungen verbessern
Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass der Unterricht verlässlich stattfin- det. Wir GRÜNEN wollen mit einem Stufenplan erreichen, dass das Unterrichtsdefi- zit insbesondere an den beruflichen Schulen und den Sonderschulen in den nächs- ten Jahren reduziert und mit dem Abbau der Bugwellen von Überstunden an den beruflichen Schulen und Gymnasien begonnen wird. Um die Unterrichtsversorgung verlässlich zu garantieren, wollen wir außerdem die Krankheitsreserve erhöhen. Fortbildungen sollen möglichst in die unterrichtsfreie Zeit verlagert werden, um den dadurch bedingten Unterrichtsausfall gering zu halten.
Die von der Landesregierung zur Absenkung des Klassenteilers geschaffenen zu- sätzlichen Lehrerstellen sollen gerecht und effizient eingesetzt werden. Deshalb wollen wir von der Zuweisung nach dem Klassenteilerprinzip auf eine Pro-Schü- ler-Zuweisung von Lehrerstunden umstellen. Dabei soll jeweils ein Sozialindex be- rücksichtigt werden. Eine extreme Spanne zwischen sehr kleinen und sehr großen Klassen kann durch die neue Regelung vermieden werden. Und Schulen mit einem hohen Anteil an besonders förderbedürftigen SchülerInnen können zusätzliche Stunden für Kleingruppenbildungen oder Einzelförderung erhalten.
Zur Umstellung auf individuelle Förderung und zum raschen Ausbau der Ganztags- schulen passt die Festlegung der Lehrerarbeitszeit über die Deputatsstunden nicht mehr. Wir GRÜNEN setzen uns deshalb dafür ein, dass endlich neue Arbeitszeitmo- delle, die sich an allen pädagogischen Aufgaben der Lehrkräfte orientieren, einge- führt werden. Eine Vorreiterrolle für diese Entwicklung können neue Basisschulen als Gemeinschaftsschulen für alle Kinder übernehmen.
Die neue Schulkultur kann nur erfolgreich sein, wenn LehrerInnen intensiver zu- sammenarbeiten und effektive Teamstrukturen aufbauen. Fest etablierte Team- strukturen entfalten eine unmittelbare Wirkung auf die Unterrichtsqualität, gerade wenn komplexe Aufgaben bewältigt werden sollen. Teamstrukturen sollen Lehre- rInnen entlasten; sie dürfen nicht zu zusätzlichen Belastungen führen. Wir wollen eine Optimierung der Ferienzeiten prüfen. Sommerschulen, bei denen Lernangebo- te mit kulturellen Angeboten kombiniert werden, sollen unterstützt werden.
lehrerInnen stärken: Die lehramtsausbildung reformieren
SchülerInnen individuell zu fördern, das ist in Zukunft die Kernaufgabe von Lehre- rInnen. Sie müssen deshalb gezielt für die Anforderungen und Bedürfnisse der je- weiligen Alterstufen ausgebildet werden, also für die Grundschule, die Mittelstufe
und die Oberstufe sowie für spezielle pädagogische Förderung – und nicht mehr für die verschiedenen Schularten.
Wir wollen dabei die fachwissenschaftliche Stärke der heutigen Ausbildung an den Universitäten, die didaktisch-pädagogische Stärke der Ausbildung an den Päda- gogischen Hochschulen und die Praxisnähe der Studienseminare miteinander ver- binden. Mit einem fachbezogenen Bachelor, der an verschiedenen Hochschulen erworben werden kann, holen wir die Lehrerausbildung aus der Sackgasse: Studie- rende, die während der Ausbildung merken, dass sie für das Berufsfeld Schule doch nicht geeignet sind, können sich rechtzeitig umorientieren.
In der Lehrerausbildung müssen Praxisnähe, Fachdidaktik, entwicklungspsycholo- gische und erzieherische Inhalte, sonderpädagogische Grundlagen sowie interkul- turelle Kompetenz zukünftig eine größere Rolle spielen. Die Entscheidung für den Lehrberuf fällt erst nach einem Schuljahr als Trainee-Lehrkraft, das durch Angebote an den bildungswissenschaftlichen Hochschulen vorbereitet, unterstützt und ver- tieft wird. Die Trainee-LehrerInnen im Praxisjahr haben Beschäftigtenstatus.
Der dann zu erwerbende „Master of Education“ beinhaltet für die zukünftigen LehrerInnen Fachdidaktik für die entsprechende Klassenstufe, differenzierte lern- psychologische, entwicklungspsychologische und erziehungswissenschaftliche Inhalte, die Vermittlung interkultureller Kompetenzen, aber auch Trainingseinhei- ten, die den künftigen LehrerInnen helfen, die Bereitschaft zum Hinschauen und eine Haltung des Respekts und der Wertschätzung zu entwickeln. Deshalb wollen wir die Pädagogischen Hochschulen zu bildungswissenschaftlichen Hochschulen ausbauen. Sie sollen darüber hinaus – unabhängig von der Lehrerausbildung – bildungswissenschaftliche Profile entwickeln und Forschung, insbesondere hin- sichtlich schulischer und bildungswissenschaftlicher Problemstellungen, betreiben.
Wir setzen uns dafür ein, dass die Eingangsbesoldung für FachlehrerInnen und Technische LehrerInnen angehoben wird und sie auch Funktionsstellen an Schu- len übernehmen können. Wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, sich über eine berufsbegleitende Fortbildung für die Höhergruppierung in das wissenschaftliche Lehramt zu qualifizieren.
Zukunftsweisende Konzepte regionaler Kooperationen zwischen Pädagogischen Hochschulen und anderen Hochschulen wollen wir in besonderer Weise fördern. Wir treten dafür ein, dass einzelne Lehrkräfte oder auch ganze Schulteams wieder qualitativ anspruchsvolle Fortbildungen erhalten. Hierfür wollen wir mehr Mittel zur Verfügung stellen und diese Aufgabe schrittweise den künftigen bildungswis- senschaftlichen Hochschulen übertragen.
Den Beamtenstatus wollen wir auf hoheitliche Aufgaben beschränken. Wenn Lehr- kräfte Angestellte sind, können die Staatsexamina wegfallen. In einer neuen drei- jährigen Schuleingangsphase, die zusammen mit dem Master das Referendariat ersetzt, wird der Einstieg in den Beruf fachlich begleitet und reflektiert.
Werte lernen: Ethik und Religion als Wahlpflichtfächer
Immer weniger SchülerInnen nehmen am konfessionsgebundenen Religionsun- terricht teil. Wir GRÜNEN setzen uns deshalb für eine Stärkung des Werte ver- mittelnden Unterrichts in Baden-Württemberg ein. Kerngedanke ist, dass in einer pluralistischen Gesellschaft der Religionsunterricht kein Monopol auf die Werteerziehung für alle SchülerInnen beanspruchen kann. Wir wollen neben Religion Ethik als gleichberechtigtes Wahlpflichtfach ab der 1. Klasse anbieten. Dies wollen wir im Schulgesetz verbindlich verankern. Wir setzen uns dafür ein, dass eine verstärkte Kooperation zwischen den religiösen Unterrichtsfächern verschiedener Bekennt- nisse sowie dem Ethikunterricht bis hin zu gemeinsamen Unterrichtsphasen statt- findet. So können die SchülerInnen Unterschiede reflektieren, Vorurteile abbauen, Toleranz entwickeln und Gemeinsamkeiten entdecken.
Freie Schulen stärken, Kommerzialisierung verhindern
Schulen in freier Trägerschaft sind Ausdruck einer lebendigen Bürgergesellschaft. Sie sorgen für die erwünschte Vielfalt in der Bildungslandschaft und liefern mit innovativen pädagogischen Konzepten wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des öffentlichen Bildungswesens. Deshalb wollen wir die seit vielen Jahren über- fällige gerechte Finanzierung der Schulen in freier Trägerschaft in den nächsten beiden Haushaltsjahren umsetzen. Unser Ziel ist dabei ein Kostendeckungsgrad von mindestens 80 Prozent der Kosten eines Schülers/einer Schülerin an den staatli- chen Schulen, eine Beteiligung an den Investitionskosten sowie ein angemessener rückwirkender Ausgleich nach der dreijährigen Wartefrist. Nur so können die freien Schulen das im Grundgesetz verankerte Sonderungsverbot einhalten: Der Besuch ihrer Schule darf nicht vom Einkommen der Eltern oder der sozialen Herkunft der Kinder abhängen.
Gleichzeitig wollen wir aber dem wachsenden Trend zu Schulgründungen kom- merzieller Träger entgegenwirken. Bildung ist keine Ware und darf nicht an wirt- schaftlichen Verwertungsinteressen ausgerichtet werden. Unsere staatlichen Schu- len müssen die pädagogischen und schulrechtlichen Rahmenbedingungen erhalten, die notwendig sind, damit sich Eltern nicht wegen ungenügender Förderung und Unzufriedenheit aus dem staatlichen Schulsystem verabschieden.
Das Sonderungsverbot als Genehmigungsvoraussetzung muss regelmäßig überprüft werden, um einer sozialen Spaltung der Gesellschaft durch die Gründung teurer Pri- vatschulen entgegenzuwirken. Alle freien Schulen müssen zudem in die Pflicht zur Offenlegung und Transparenz durch innere und externe Evaluation im Rahmen ihres pädagogischen Konzepts einbezogen werden. Als Teil des öffentlichen Schulwesens sind auch sie zur Rechenschaft und Einhaltung von Qualität verpflichtet.


LEITIDEE: „BILDUNG FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG“ KONSEQUENT UND ZÜGIG UMSETZEN

Nachhaltige Entwicklung und der verantwortungsbewusste Umgang mit Ressourcen sind enorm wichtige Zukunftsaufgaben, die entsprechend der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung (2009–2014)“ zügig umgesetzt werden sollten. Das Be- wusstsein für die Notwendigkeit einer nachhaltigen globalen Entwicklung muss im Denken und Handeln von Kindern und Jugendlichen geschärft werden. Deshalb brau- chen wir ein Leitbild der nachhaltigen Entwicklung als roten Faden in den Bildungs- plänen. Dabei geht es nicht nur um Umweltbildung, sondern auch um die Vermittlung von Werten wie Gerechtigkeit, Fairness und Toleranz, um die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie um Armutsbekämpfung. Die Anerkennung und der Erwerb von Mehrsprachigkeit tragen zur Förderung globaler Gerechtigkeit und Toleranz bei.
„Bildung für nachhaltige Entwicklung“ bedeutet, Kinder und Jugendliche in die Lage zu versetzen, ihre eigene Rolle als Mitglied der Gemeinschaft und als Konsu- mentIn kritisch zu reflektieren und auf Nachhaltigkeit auszurichten. Sie basiert auf Prinzipien, die eine nachhaltige Lebensweise, Demokratie und menschliches Wohl- ergehen unterstützen. Für ihren Erfolg sind Fähigkeiten wie vorausschauendes und interdisziplinäres Denken, Offenheit für neue Perspektiven, Einfühlungsvermögen sowie die Bereitschaft, sich einzubringen, notwendig. Diese anspruchsvollen Ziele können nur mit einem Gesamtkonzept erreicht werden.
Über das Anlegen eigener Schulgärten, den Besuch von Biobauernhöfen und Na- turschutzgebieten sowie Nachhaltigkeitsprojekte und Schulpartnerschaften erhal- ten Kinder und Jugendliche zudem einen praktischen Zugang zu diesem Thema. Zur nachhaltigen Entwicklung gehört für uns aber auch eine umfassende politische Bildung. Dabei legen wir besonderen Wert darauf, dass die Kinder schon im frühen Alter politisch mündig werden und eigenständiges Denken erlernen.
Wir wollen, dass eine in einem Wettbewerbsverfahren ausgewählte Pädagogische Hochschule als Kompetenzzentrum für „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ die landesweiten Aktivitäten in diesem Bereich vernetzt und voranbringt. Wir GRÜNEN fordern, dass „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ im Leitbild aller Bildungsein- richtungen und in der Ausbildung aller PädagogInnen verankert wird.
Dringend notwendig ist zudem eine Vorbildfunktion der Landesregierung für diese Ziele in allen Landeseinrichtungen, z.B. durch ein nachhaltiges Beschäftigungswe- sen, energetische Sanierungen, den konsequenten Ausbau und die Nutzung von re- generativen Energiequellen, die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten bei der Beschaffung (etwa eines Zertifikats für ohne Kinderarbeit hergestellte Produkte), den Ausbau des ÖPNV sowie die Berücksichtigung von Klimaschutzaspekten beim Betrieb von Mensen und Kantinen.
Bildungsinvestitionen sind Zukunftsinvestitionen
Wir wollen früh investieren statt später teuer zu reparieren. In der nächsten Legis- laturperiode benötigen wir erhebliche zusätzliche Mittel für den Ausbau und die Qualitätsverbesserung der U3-Betreuungseinrichtungen und Kindertagesstätten. Bei der Finanzierung dieses Bedarfs müssen Bund und Länder zusammenwirken. Darüber hinaus wollen wir die Betreuungsrelation in den Schulen verbessern. Dazu benötigen wir zusätzliche Mittel für den Ausbau der Ganztagsschule, die Einstellung von sonderpädagogischen Lehr- sowie heilpädagogischen Fachkräften, die Aufsto- ckung der Stellen für SchulpsychologInnen, den Ausbau der Krankheitsreserve, den Abbau des Unterrichtsdefizits an beruflichen Schulen und Sonderschulen, den Aus- bau der beruflichen Gymnasien sowie die Einführung des Ethikunterrichts ab der 1. Klasse alternativ zum Religionsunterricht, zur Drittelfinanzierung der Schulsozialar- beit sowie für die Verbesserung der Lernbedingungen und die Schaffung von An- reizen für die innovative Schulentwicklung. Wir wollen in der nächsten Legislatur- periode deshalb alle rechnerisch durch den SchülerInnenrückgang frei werdenden Stellen für den Ausbau und die Qualitätsverbesserung der Bildungseinrichtungen einsetzen. Längerfristig können wir die zunächst notwendigen höheren Ausgaben, die wir für die Finanzierung aller Bildungseinrichtungen von den Kitas bis zu den Hochschulen benötigen, durch die demografische Entwicklung refinanzieren.

LEITIDEE: BERUFLICHE BILDUNG STÄRKEN: JUGENDLICHE FÜR DIE ARBEITSWELT FIT MACHEN
Die duale Ausbildung umfassend reformieren
Seit 20 Jahren wurde das Angebot an Ausbildungsplätzen immer weiter abgebaut, obwohl die Zahl der SchulabgängerInnen stetig gestiegen ist. Heute bildet nur noch etwa die Hälfte aller berechtigten Betriebe aus – immer mehr junge Men- schen suchen daher vergeblich nach einem Ausbildungsplatz. Oft landen sie in Warteschleifen oder absolvieren unbezahlte Praktika – ein unhaltbarer Zustand. Wir GRÜNEN setzen uns daher für eine umfassende Reform des dualen Ausbil- dungssystems ein.
Das Recht auf Ausbildung verwirklichen
Ein attraktives Ausbildungsangebot ist die Grundlage für die Zukunft junger Men- schen. Allen jungen Menschen muss deshalb der Zugang zu einer praxisnahen Aus- bildung offenstehen. Eine duale Ausbildung in der Berufsschule und im Betrieb bietet die beste Voraussetzung dafür. Wenn Betriebe in Krisen- oder in Umbruch- zeiten nicht mehr genügend Ausbildungsplätze bereitstellen, muss das Land ent- sprechend dem Schulgesetz diese Aufgabe übernehmen, damit jeder junge Mensch einen Ausbildungsplatz erhält. Nur so kann der durch den demografischen Wandel weiter steigende Fachkräftebedarf gedeckt werden.
Ausbildung flexibel und transparent gestalten
Durch Modularisierung und Anerkennung von Teilqualifikationen kann sich die Be- rufsausbildung flexibel an die Bedürfnisse der Auszubildenden und der Betriebe anpassen. Bundesweit anerkannte Ausbildungsmodule verhindern Warteschleifen und erleichtern den Übergang in vergleichbare Ausbildungsgänge. In wirtschaftli- chen Krisenzeiten muss es jungen Menschen ermöglicht werden, vollzeitschulische Ausbildungsbausteine zu absolvieren, die – unabhängig vom Lernort – durch die Kammern anerkannt werden. Alle vollzeitschulischen Ausbildungsgänge an den be- ruflichen Schulen (z.B. Berufskolleg, Berufsfachschule, Berufseinstiegsjahr) müssen daher inhaltlich vollständig an den bestehenden dualen Ausbildungsberufen aus- gerichtet werden. Darüber hinaus setzen wir uns dafür ein, die Anrechnung von Teilqualifikationen auf eine folgende duale Berufsausbildung als Rechtsanspruch im Berufsbildungsgesetz zu verankern. Nur so kann der Leitsatz „Keine berufli- che Ausbildung ohne anrechenbare Anerkennung!“ umgesetzt werden. Bis dieses Vorhaben tatsächlich realisiert wird, sollen in Baden-Württemberg entsprechende Modelle erprobt werden.
Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung
Ein attraktives und zukunftsfähiges Berufsbildungssystem setzt die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung voraus. Wir GRÜNEN setzen uns dafür ein, dass der bildungspolitische Leitsatz „Kein Abschluss ohne Anschluss“ endlich in die Tat umgesetzt wird. Deshalb müssen die beruflichen Vollzeitschulen, insbesondere die beruflichen Gymnasien, so ausgebaut werden, dass alle bildungswilligen jungen Menschen, die die Aufnahmevoraussetzungen erfüllen, einen Rechtsanspruch auf einen Schulplatz erhalten. Gleichzeitig müssen die beruflichen Schulen zu Ganz- tagsschulen weiterentwickelt und mit Schulsozialarbeitsstellen ausgestattet wer- den. Wir GRÜNEN fordern eine hundertprozentige Unterrichtsversorgung an den beruflichen Schulen, denn das seit Jahren bestehende strukturelle Unterrichtsdefizit beeinträchtigt die Bildungsqualität erheblich.

Durchlässige Übergänge schaffen
Berufsorientierung und Berufsfindung, Berufsgrundbildung und Berufsqualifizie- rung müssen so miteinander verzahnt werden, dass junge Menschen eine berufli- che und persönliche Zukunftsperspektive erhalten und Warteschleifen vermieden werden. Berufliche Bildungsgänge müssen Möglichkeiten bieten, ausbildungsbe- gleitend einen höheren allgemeinbildenden Bildungsabschluss (mittlere Reife oder Fachhochschulreife) zu erreichen.
Die Durchlässigkeit des beruflichen Bildungssystems zum Hochschulbereich ist eine wesentliche Voraussetzung für ein zukunftsfähiges Ausbildungssystem. Hierfür ist es erforderlich, dass alle jungen Menschen mit mittlerem Bildungsabschluss aus- bildungsbegleitend die Fachhochschulreife erwerben können, damit ihnen nach einem Berufsabschluss weiterführende Bildungswege offenstehen. Darüber hinaus müssen für diese Zielgruppe endlich auch die Lernbedingungen an den Hochschu- len durch zusätzliche Angebote verbessert werden.
Mit Jugendberufshilfe in die Ausbildung starten
Junge Menschen dürfen nicht von einer Beratungsmaßnahme zur nächsten ge- schoben werden. Jugendberufshilfe ist die notwendige Grundlage dafür, dass Jugendliche wissen, welchen Beruf sie erlernen wollen und erlernen können. Gerade benachteiligte Jugendliche benötigen eine individuelle Beratung und Vermittlung von Förderangeboten aus einer Hand. Regionale Ausbildungsbe- treuung orientiert sich an der langfristigen Entwicklung der jungen Menschen, begleitet sie während der Berufsausbildung und kann sich so optimal auf deren Bedürfnisse einstellen.

Die Voraussetzungen für einen geglückten Start in die Berufsausbildung (Sozial- kompetenz und Schlüsselqualifikationen) müssen bereits während der allgemein- bildenden Schulzeit vermittelt werden. Darüber hinaus ist es erforderlich, dass die Jugendberufshilfe bereits im letzten Schuljahr der allgemeinbildenden Schulen an- setzt und die SchülerInnen bei der Berufsfindung begleitet.
Auch in Baden-Württemberg gibt es zahlreiche Best-Practice-Beispiele von Ko- operationen zwischen allgemeinen und Berufsschulen und Trägern der Jugendbe- rufshilfe. Fast alle leiden aber unter der geringen Nachhaltigkeit ihrer Finanzie- rungsgrundlagen. Diese zum Teil bestens evaluierten Modelle müssen aus ihrer einseitigen Abhängigkeit von Ausschreibungs- und Losverfahren einerseits und immer bürokratischeren Förderantragsbedingungen andererseits befreit werden. Jugendliche mit Schwierigkeiten beim Übergang in die Berufs- und Arbeitswelt ha- ben in unser aller Interesse eine verlässliche Unterstützung und Betreuung und die qualifizierten MitarbeiterInnen der Jugendberufshilfe sichere und in jeder Hinsicht lohnende Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten frei von Lohndumping und befriste- ten Arbeitsverträgen verdient.
Lebenslanges Lernen verwirklichen
Für eine Gesellschaft, die vor allem von ihrem Wissen lebt, ist gute Bildung funda- mental. Diese kann jedoch nicht mit dem Abschluss von Lehre oder Studium ein Ende finden. Angesichts der Tatsache, dass sich das vorhandene Wissen geschätzt alle fünf Jahre verdoppelt und die Verbreitung neuer Medien zu einer weiteren Be- schleunigung geführt hat, ist lebenslanges Lernen Grundlage einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund der zunehmenden Alterung der Gesellschaft.

In Baden-Württemberg liegen die Ausgaben für Weiterbildung weit unterhalb des Bundesdurchschnitts. Wir wollen das ändern und Weiterbildung besser fördern. Weiterbildungsangebote müssen so gestaltet werden, dass sie für alle zugänglich und finanzierbar sind. Eine wichtige Säule sind dabei die Volkshochschulen, die ein breites Fortbildungsangebot, nicht nur im beruflichen Bereich, anbieten.
Um die Möglichkeit, Schulabschlüsse später nachzuholen, zu verbessern, sollen die Kürzungen beim zweiten Bildungsweg – Abitur und Realschulabschluss an Tages- und Abendschulen – wieder rückgängig gemacht werden. Auch Alphabetisierungs- kurse bedürfen einer Förderung.
Wir wollen einen transparenten Weiterbildungsmarkt, der zertifizierte Weiterbil- dungsbausteine anbietet, die je nach beruflichem Bedarf und persönlicher Lebens- lage in Anspruch genommen werden können. Weiterbildungsmaßnahmen sollten berufsbegleitend angeboten werden, sodass die NutzerInnen nicht aus dem Er- werbsleben aussteigen und sich um ihre berufliche Zukunft sorgen müssen. Für Menschen in Erwerbspausen sollten wirksame Weiterbildungsangebote zur berufli- chen Anpassung bzw. Neuorientierung entwickelt werden, die einen zügigen Wie- dereinstieg in die Berufstätigkeit ermöglichen. Von weiter- bzw. neu qualifizierten Fachkräften profitieren nicht nur die Betriebe, sondern die ganze Gesellschaft.

SPD:

Für ein kluges Baden-Württemberg – Beste Bildung für alle
Bildung ist die große soziale Frage unserer Zeit. Bildung ist der Schlüssel zu einer freien, selbstverantworteten Lebensgestaltung, zur Sicherung der materiellen Existenz aus eigener Kraft und zur gesellschaftlichen Teilhabe.
Aufstieg durch Bildung und Leistung – das ist unser Versprechen. Dieses Versprechen werden wir erneuern und halten, denn über die Chancen eines Kindes darf nicht der Geldbeutel der Eltern entscheiden. Das gilt auch für die kulturelle Bildung, die Schlüsselqualifikationen für ein selbstbestimmtes Leben vermittelt. Zu lange schon beginnt die soziale Spaltung in unserem Land bereits im Kindesalter. Diese wollen wir überwinden und das Recht auf einen gebührenfreien Bildungsweg von Krippe und Kindergarten bis zur Hochschule verwirklichen.
Die durch den Geburtenrückgang frei werdenden Mittel und Ressourcen verbleiben im Bildungssystem und werden bei der Verbesserung der Bildung eingesetzt.
1. Auf den Anfang kommt es an
Bildung entscheidet immer stärker über Lebens- und Berufschancen. Deswegen müssen alle die gleichen Chancen haben, an Bildung teil- zuhaben – von Anfang an und unabhängig von der sozialen Herkunft. Daher werden wir die Kommunen bei der Umsetzung des Rechtsan- spruchs auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Lebensjahr unter- stützen und die Betreuungs- und Bildungsangebote für Null- bis Drei- jährige bedarfsgerecht ausbauen. Dabei werden wir die Kommunen nach dem Konnexitätsprinzip (Wer bestellt, bezahlt) unterstützen. Wir werden Schritt für Schritt bis 2016 die beitragsfreien Kindergärten einführen. Wir fordern eine komplett kostenlose Betreuung in der Krippe und im Kindergarten, bei gleichzeitiger Kindergartenpflicht von der Vollendung des dritten Lebensjahres bis zum Schuleintritt. Dies zu gewährleisten ist Aufgabe des Landes, das den Kommunen die entstehenden Einnahmeausfälle gänzlich erstatten muss.
Wir werden den Orientierungsplan für die Kindertageseinrichtungen verbindlich machen. Bislang hängt die Qualität der Bildung im Kinder- garten weiterhin davon ab, was sich Träger und Eltern leisten können. Damit ist immer noch nicht sichergestellt, dass alle Kinder im Land dieselbe Chance auf einen guten Einstieg in das Bildungssystem haben. Wir werden deshalb eine breit angelegte Qualitätsoffensive in den Kindertageseinrichtungen starten und auch die Sprachförderung von Beginn an verwirklichen. In den Einrichtungen muss dabei ein Spagat zwischen optimaler Förderung und maximalem Freiraum für die kind- liche Entwicklung, zwischen Qualitätsentwicklung und der Zeit der Erzieherinnen und Erzieher für das einzelne Kind geleistet werden. Dazu kommt die Einbeziehung der Eltern in die Erziehungspartner- schaft sowie zumindest die Vermittlung von Erziehungsberatung, Eltern- und Familienbildung. Die Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten verdienen für die Bewältigung dieser Vielfalt an wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben unsere höchste Anerkennung. Deshalb werden wir die Erzieherinnen und Erzieher hinsichtlich ihrer Entlohnung besser eingruppieren. Weitergehend werden wir den An- teil an männlichen Erziehern erhöhen. Das Ziel ist, die Personalaus- stattung mit Fachkräften zu verbessern und diese höher zu qualifi- zieren. In einem Stufenplan soll die Fachkraft-Kind-Relation bei den Drei- bis Sechsjährigen auf einen Mindeststandard von 1:12 angehoben werden. Auch dabei werden wir die Kommunen nach dem Konnexi- tätsprinzip unterstützen.
Die flexible Betreuung von Kindern wird für Eltern immer wichtiger. Wir unterstützen die Forderung, das Timesharing-Modell, in dem sich mehrere Kinder einen Betreuungsplatz teilen, vermehrt in Baden-Württemberg anzuwenden. Um zusätzliche Belastungen der Erzie- herinnen und Erzieher zu vermeiden, müssen flexible Betreuungsan- gebote mit organisatorischer und ggf. personeller Unterstützung der Fachkräfte in den Einrichtungen einhergehen. Eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten zu Lasten der Erzieherinnen und Erzieher lehnen wir ab.
Nur wer kinder- und familienpolitische Infrastruktur ganzheitlich ver- steht, kann Kinder und Familien erfolgreich fördern und beraten. Wir werden die Hochschulen im Land für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern öffnen. So werden wir die Kindertagesstätten schritt- weise zu pädagogischen Zentren für frühkindliche Förderung und Be- ratung, Eltern- und Familienbildung weiterentwickeln.
Wir wollen eine stärkere Verzahnung zwischen Kindergarten und Grundschule. Der Übergang soll für die Kinder fließender gestaltet werden. Somit entsteht die Möglichkeit, pädagogische Konzepte langfristig anzusetzen und Kinder durch Bildungspläne Individuell zu fördern. Für uns ist es selbstverständlich, dass auch Kinder mit Beein- trächtigung an frühkindlicher Betreuung teilhaben. Inklusive Kinder- betreuungseinrichtungen müssen daher zur Regel werden und dürfen nicht Ausnahme sein.


2. Länger gemeinsam lernen

Der Zusammenhang von gegliedertem Schulsystem und sozialer Un- gerechtigkeit ist lange bekannt und durch internationale Studien be- stätigt. Wir stehen für eine Politik, die fördert und integriert und allen Kindern und Jugendlichen bessere Bildungschancen bietet.
Es ist mittlerweile internationaler Konsens: Je länger Kinder in einer Klasse gemeinsam lernen, desto mehr nutzt das allen, den Leistungs- schwächeren wie den -stärkeren.
Wir werden die 10-jährige Gemeinschaftsschule in Baden-Württem- berg schrittweise einführen. Dort werden alle Schülerinnen und Schü- ler bis Klasse 10 gemeinsam unterrichtet und individuell gefördert. Daran schließt sich eine gymnasiale Oberstufe an, die zum Abitur führt.
Den Weg zur 10-jährigen Schule wollen wir gemeinsam gehen, im Dialog mit allen Beteiligten vor Ort, denn wir haben den Menschen im Land zugehört. Sie wissen genau, dass bessere Schulen vor allem durch mehr Eigenständigkeit entstehen. Schulstrukturreformen sind kein Selbstzweck, sie haben eine der Entwicklung der Kinder dienen- de Funktion. Wir werden die Kommunen dabei unterstützen, inno- vative Schulkonzepte umzusetzen, die zur Situation vor Ort passen; beispielsweise in der Übergangszeit die Option, an Hauptschulstand- orten auch den Realschulabschluss anzubieten. So wollen wir errei- chen, dass bis 2016 an jeder Hauptschule auch der Realschulabschluss angeboten wird.
Wir sind uns mit den Menschen im Land einig: Die Grundschulempfeh- lung ist unzeitgemäß und soll abgeschafft werden. Die Eltern sollen nach ausführlicher pädagogischer Beratung selbst entscheiden dürfen, welche weiterführende Schule ihr Kind besuchen wird.
Das krampfhafte Festhalten der Landesregierung am dreigliedrigen Schulsystem führt auch zum Aus für hunderte von Schulstandorten, insbesondere im ländlichen Raum. Diese Entwicklung wird durch die Umwandlung der Hauptschulen in mindestens zweizügige Werk- realschulen sogar noch beschleunigt. Das Ergebnis ist bitter: CDU und FDP lassen den ländlichen Raum veröden. Wir garantieren hingegen, dass in jeder Gemeinde oder jedem Gemeindeverband über 5 000 Ein- wohnern eine weiterführende Schule erhalten bleibt. Damit lassen wir die Schule „im Dorf“ und sichern ein hochwertiges, wohnortnahes Bildungsangebot im ganzen Land. Für bessere Bildungschancen für alle.
3. Schule zum sozialen Lernort machen
Ganztagsschulen sind Lern- und Lebensorte, ohne starren 45-Minuten- Takt, dafür mit vielfältigen ergänzenden Bildungs- und Freizeitangebo- ten. Wir werden deshalb die Ganztagsschule als Schulform gesetzlich verankern, flächendeckend anbieten und die notwendigen pädagogi- schen Fachkräfte zur Verfügung stellen. Wir wollen verlässliche Rah- menbedingungen, damit Schulen individuelle Modelle passgenau für den Standort entwickeln können. Wir werden das Zahlenverhältnis von Lehrkräften zu Schülerinnen und Schülern so verbessern, dass indivi- duelle Förderung und flexible Unterrichtsorganisation möglich sind.
Schülerinnen und Schüler müssen eine wichtigere Rolle bei der Mitge- staltung des Schulalltags spielen, was nicht zuletzt entscheidend für ihre demokratische Erziehung ist. Deshalb fordern wir Aufwertung der Schulkonferenz durch eine Drittelparität (1/3 Schülerinnen und Schüler, 1/3 Lehrkräfte, 1/3 Eltern). Soweit jedoch höchstpersönliche Angelegenheiten einzelner Schülerinnen und Schüler Gegenstand einer Gesamtlehrendenkonferenz sind, muss diese weiterhin nicht öffentlich tagen. Im Zweifelsfall müssen die Interessen der Schülerin- nen und Schüler über denen der Eltern stehen.
Für uns wird die Beratung und Unterstützung der Schüler durch aus- gebildete Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter an allen Schultypen fester Bestandteil schulischen Lebens sein. Wir begreifen Schulsozial- arbeit als Landesaufgabe und werden sie anteilig finanzieren.
Moderne Bildungspolitik findet heute verstärkt auf der dezentralen Ebene der Kommune statt. Hierfür bedarf es der Förderung des Auf- und Ausbaus sogenannter kommunaler „Unterstützungssysteme Schule“. Durch eine Stärkung des kommunalen Bildungsangebotes machen wir Baden-Württemberg nicht nur zu einem leistungsfähigen, sondern auch durchlässigen und sozial gerechten Schulstandort. Die schwarz- gelbe Landesregierung hat sich bisher geweigert, die Kommunen in ihren Bildungsanstrengungen zu unterstützen. Deshalb wird die SPD zur Förderung des Ausbaus und zum Erhalt der baden-württembergischen „Unterstützungssysteme Schule“ die kommunale Bildungspolitik auf Landesebene durch die Bereitstellung von „Poolstunden“ fördern. Vor- bild hierfür ist das Mannheimer Unterstützungssystem Schule (MAUS), das ausgewählten Projektschulen zusätzliche Unterrichtstunden (sog. Poolstunden) durch städtische Bildungseinrichtungen, wie die Volks- hochschule, zur freien Verfügung gestellt hat.
Die Bildung von Kindern und Jugendlichen an „sozialen Brennpunkt- schulen“ erfordert unsere besondere Anstrengung. Es bedarf individuel- ler Bildungskonzepte mit überdurchschnittlichem Ressourcenaufwand. Hierfür werden wir ein Landesprogramm auflegen.
Wir werden den drastischen Unterrichtsausfall in Baden-Württemberg nicht länger hinnehmen. Im Schuljahr 2009/10 fielen über 1,6 Mio. Unterrichtsstunden in den allgemein bildenden Schulen aus. Auch an den beruflichen Schulen fallen bis zu 12 Prozent des Unterrichts aus. Das werden wir ändern. Wir werden zusätzliche Lehrkräfte einstellen, um die Unterrichtsversorgung zu verbessern. Die Zahl der Vertretun- gen bei krankheitsbedingten Unterrichtsausfällen soll um ein Drittel erhöht werden. Außerdem sollen die dafür notwendigen Lehrkräfte unbefristet eingestellt werden.
Die Art und Weise, wie das achtjährige Gymnasium organisiert wurde, belastet Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer in unverantwortlicher Weise. Das achtjährige Gymnasium funktioniert nur als Ganztagsschule mit zusätzlichen Ressourcen. Wir werden inner- halb des achtjährigen Gymnasiums (G8) den Schulen die Möglichkeit geben, einen parallelen G9-Zug einzurichten – mit Wahlfreiheit für die Eltern, welche Variante für ihr Kind die beste ist. Die Bildungsinhalte im G8 in der Unter- und Mittelstufe sollen wieder so entzerrt und verteilt werden, dass das Niveau der mittleren Reife, wie in anderen Bundesländern mit G8 auch, erst am Ende der 10. Klasse erreicht wird. Zeitdruck und Fächerstress werden dadurch gesenkt, und die Durchläs- sigkeit der Realschule wird fast vollständig wieder hergestellt.
Eltern im ganzen Land ächzen unter der finanziellen Belastung, die ihnen aus dem Schulbesuch ihrer Kinder entstehen. Wir wollen sie ent- lasten und verteidigen entschieden den Verfassungsauftrag der Lern- mittelfreiheit (Art. 4 Abs. 2 der Landesverfassung). Sie ist ein wichtiges Element der Chancengleichheit im Bildungswesen.
Wir sind uns über die wahre Belastung der Elternhäuser im Klaren: Pro Jahr geben Eltern in Deutschland 1,5 Milliarden Euro für Nachhilfe aus, Baden-Württemberg steht mit 131 Euro pro Elternhaus und Jahr an der Spitze. Wir sind der Überzeugung, dass eine Ganztagsschule mit viel individueller Förderung und mit rhythmisierten Phasen der Übung und Vertiefung allen Schülerinnen und Schülern unabhängig vom Geldbeu- tel und Bildungshintergrund ihrer Eltern die besten Chancen bietet.
SPD Baden-Württemberg
Zu einem ganzheitlichen Schulkonzept gehört auch ein für alle be- zahlbares Mittagessen. Dabei soll der Eigenanteil auf 1 Euro begrenzt werden. Hierzu ist eine gemeinsame Kraftanstrengung von Bund, Land und Kommunen erforderlich.
Unsere Schulen sollen auch für Kinder mit Behinderungen offen sein. Wir wollen das Recht der Kinder auf ein inklusives Bildungssystem im Schulgesetz regeln. Eltern von Kindern mit Behinderungen haben dann ein echtes Wahlrecht und können entscheiden, auf welche Schule ihr Kind gehen soll.
Regelschullehrkräfte müssen für den Unterricht in heterogenen Grup- pen und mit Menschen mit Behinderungen weitergebildet werden. Die Ausstattung der Schulen mit Lehrkräften, Sonderpädagogen, So- zialarbeitern und Schulpsychologen erfolgt in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und Schulen im Sinne der örtlichen Schulkonzepte. Wir werden diese umfassenden Schulreformen mit den Lehrkräften gemeinsam meistern. Steigende Heterogenität, die Umsetzung der UN-Konvention zur Inklusion und neue Lehr- und Lernformen erfordern eine regelmäßige begleitende Fortbildung, die auf die Bedürfnisse der Lehrkräfte abgestimmt ist.
Kinder mit Migrationshintergrund müssen sich mit ihrer Kultur im Schulalltag wiederfinden können. Mehrsprachigkeit sehen wir als Stärke. Dies bedeutet, dass wir das Erlernen der deutschen Sprache fördern und Sprachen von Migrantinnen und Migranten bei Bedarf in Muttersprachs-Arbeitsgemeinschaften anbieten werden.

Ethikunterricht soll ab Klassenstufe 1 in den Lehrplan aufgenommen werden. Islamischer Religionsunterricht soll an deutschen Schulen von an deutschen Hochschulen ausgebildeten Religionslehrern erteilt werden.
Wir werden die Privatschulfinanzierung einvernehmlich mit den Ver- bänden der Schulen in freier Trägerschaft neu regeln und dabei die Landeszuschüsse für den laufenden Betrieb auf mindestens 80 Prozent nach dem Bruttokostenmodell erhöhen.
Zu lange wurde über die Köpfe der Menschen hinweg Bildungspolitik gemacht – diesen Politikstil schicken wir in die Opposition.
4. Berufliche Basisqualifikation für alle
Wir streben die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bil- dung an. Konkret bedeutet das: gleiche Ressourcenausstattung durch zusätzliche Lehrkräfte sowie die Möglichkeit zu Ganztagsangeboten für berufliche Schulen. Gleichzeitig wollen wir die beruflichen Schu- len eigenständiger machen, damit sie sich auf Wunsch zu regionalen Berufsbildungszentren für die Aus-, Fort- und Weiterbildung entwi- ckeln können. Das verbessert die berufliche Bildung in der Region und trägt dazu bei, den Standort nachhaltig zu sichern.
Wir wollen das duale System der Berufsausbildung erhalten, stärken und weiterentwickeln. Wir setzen uns dafür ein, dass Unternehmen, die keine Ausbildungsplätze schaffen, eine Umlage bezahlen, aus der sinnvolle arbeitsmarktpolitische Maßnahmen finanziert und hinsicht- lich ihrer Ausbildungsbilanz vorbildliche Unternehmen unterstützt werden. Die Absolventen der dualen Berufsausbildung sollen in Zu- kunft zur Kammerprüfung zugelassen werden.

Alle Jugendlichen haben ein Recht auf eine fundierte Berufsausbildung. Diesem Anspruch wird Baden-Württemberg heute nicht gerecht. Noch immer finden jedes Jahr tausende Jugendliche keine Ausbildungs- stelle im dualen System und sind auf berufsvorbereitende Maßnahmen angewiesen. In einer späteren Ausbildung werden die dort erbrachten Leistungen jedoch so gut wie nie anerkannt – für die jungen Menschen sind sie nur Warteschleifen. Wir werden die Übergangssysteme (BVJ, VAB, BEJ) grundlegend reformieren.
Der direkte Einstieg insbesondere der Hauptschüler, Werkreal- und Re- alschüler in eine duale Ausbildung muss wieder zum Regelfall werden. Eine SPD-geführte Landesregierung wird deutlich mehr tun, um neue Ausbildungsplätze zu schaffen und die Wirtschaft dazu zu bringen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.
Dabei stellt besonders der Schulabgängerjahrgang 2012 eine Heraus- forderung dar, weil der doppelte Abiturjahrgang in Baden-Württem- berg neben Engpässen in den Hochschulen auch zu einem massiven Verdrängungswettbewerb auf dem Ausbildungsstellenmarkt führen wird. Deshalb werden wir dafür sorgen, dass besonders im Herbst 2012 mehr Plätze an beruflichen Gymnasien und Berufskollegs sowie allge- mein mehr Ausbildungsplätze bereitstehen.
Wir wollen die duale Ausbildung grundsätzlich attraktiver machen. Hierfür gilt es Karrierewege nach der Erstausbildung aufzeigen, bei- spielsweise durch die Systematisierung von Zusatzqualifikationen und die Möglichkeit, neben der Ausbildung die Fachhochschulreife zu erwerben.
Die Landesregierung hat jahrelang die hohe Zahl der Bewerber für die beruflichen Schularten ignoriert, insbesondere an den beruflichen Gymnasien. Sie hat die Zahl der Eingangsklassen begrenzt und so tausenden von zugangsberechtigten Realschülern den Weg zur Hoch- schulreife versperrt. Auch für das laufende Schuljahr wurde jedem drit- ten Bewerber aus einer Realschule der Übergang an ein berufliches Gymnasium verweigert, obwohl alle formalen Zugangsvoraussetzun- gen erfüllt waren. Dadurch nimmt Schwarz-Gelb jungen Menschen Lebenschancen und verschärft den drohenden Fachkräftemangel, der allein in Baden-Württemberg auf 500 000 Personen bis 2030 beziffert wird. Das werden wir ändern. Eine SPD-geführte Landesregierung wird einen Rechtsanspruch auf Zugang zu einem beruflichen Gymnasium für alle Schülerinnen und Schüler schaffen, die die notwendigen Vor- aussetzungen erfüllen.

 

Tiger-Mutter, China-Drill, Disziplin … Interessantes Interview mit Bernhard Bueb

Bin gerade auf ein interessantes Interview mit Bernhard Bueb im „Südkurier“ gestoßen. Er hat den Klappentext für das Buch „Die Mutter des Erfolgs“ der chinesischstämmigen US-Professorin Amy Chua („Tigermutter“) geschrieben. Die Erziehungsmethoden, die sie beschreibt, lehnt er ab, rät aber dazu, auf die Botschaften zu achten, die uns doch etwas angehen. Ein paar Stichworte: Glück entspringt einer Anstrengung; wie machen wir Kinder fähig, sich anzustrengen, hartnäckig zu sein, Selbstdisziplin zu lernen? Wir loben zu schnell das Mittelmäßige, haben zuwenig Mut zu Kritik …

Bernhard Bueb hat lange Zeit das Internat Salem geleitet und ist Autor des Bestsellers „Lob der Disziplin“.

 

Die Schulinspektion naht

Bislang kannte ich die Schulinspektion nur aus dem Artikel meines Kollegen Martin Spiewak. Gestern nun hat sich die Inspektorin (eine ehemalige Grundschulrektorin), die demnächst mit einer Kollegin die Grundschule unseres Jüngsten inspiziert, auf einer Versammlung von Lehrern und Eltern vorgestellt.

Hört sich alles recht vernünftig an: Sie besuchen die (recht kleine) Schule drei Tage lang, besuchen stichprobenartig den Unterricht, werfen ein Blick auf Konzepte (zum Beispiel das Schulprogramm), sprechen mit Lehrkräften, Eltern und Schülern. Und sprechen danach ihr Urteil. Nicht über einzelne Lehrer, sondern über die Schule als Ganzes. Das bekommen wiederum die Eltern und Lehrer zu sehen, der Schulträger und die Schulaufsicht. Es wird nicht für ein vergleichendes Ranking verwandt, sondern soll vor allem der Schule den Spiegel vorhalten, um mögliche Verbesserungen einzuleiten.

Das Verfahren ist transparent. Alle Fragebögen und Checklisten dazu sind beim Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) einzusehen. Es lohnt sich, darin zu stöbern. Auch anregend für die Selbstevaluation von Schulen.

Klar, auf das Ergebnis der Inspektion bin ich gespannt (werde es aber natürlich nicht verraten).

 

Turbo? Von wegen! Junge Menschen länger in Ausbildung

Gern wird über die „Turbo-Schule“ lamentiert. Die armen Kinder würden immer schneller durch die Schule gejagt, um dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Doch was zeigt eine aktuelle Auswertung des Statistischen Bundesamtes: Der Nachwuchs war 2009 länger in Ausbildung und später erwerbstätig als 1999:

„WIESBADEN – Im Jahr 2009 traten junge Menschen später in den Arbeitsmarkt ein als noch 1999 – dafür verblieben sie länger in Bildung und Ausbildung. Nach Mitteilung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) macht sich der späte Erwerbseintritt besonders bei den 20- bis 24-Jährigen bemerkbar: waren 2009 insgesamt 36,8% in dieser Altersgruppe erwerbstätig, traf dies zehn Jahre zuvor noch auf 44,2% zu. Fast die Hälfte (47,9%) der 20- bis 24-Jährigen befand sich 2009 in Bildung oder Ausbildung, 1999 war es nur gut ein Drittel (36,9%).“

Hier die komplette Meldung

Woher kommt dann das „Turbo-Gefühl“? Vermutlich durch den Tunnelblick der Akademikereltern auf ihre eigenen Kinder. Die Masse der Kinder befindet sich länger in Schule/Ausbildung/Studium.