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Wie Pegida die Tradition der NPD fortführt

 

Bislang ließ die NPD ihre Anhänger bei Trauermärschen für deutsche Kriegsopfer durch Magdeburg ziehen. Jetzt hat der Pegida-Ableger Magida übernommen – aber nicht ohne Unterstützung der alten Kader.

Von Hardy Krüger

Rechtsextremismus – Wie Pegida die Tradition der NPD fortführt
Mit Fackeln ziehen Teilnehmer des Trauermarschs durch Magdeburg. © Hardy Krüger

In dunkler Kleidung, flankiert von schwarzen Fahnen, marschieren rund 140 Rechtsextreme durch die Straßen der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt Magdeburg. Aus Lautsprechern dröhnt düstere Instrumentalmusik, zum Ende hin tragen die Demonstranten Fackeln. Sie selbst nennen den von Polizisten flankierten Aufzug am Samstagnachmittag einen Trauermarsch – organisiert von Magida, dem Magdeburger Ableger der rechtspopulistischen Bewegung Pegida.

Getrauert wird vorgeblich um die „Opfer der Bombardierung“ Magdeburgs im Zweiten Weltkrieg, also des schweren Luftangriffs der Alliierten. Doch die Teilnehmer, unter denen auch bekannte Köpfe der NPD und der Partei Die Rechte sind, haben noch ein anderes Ziel: eine andere Version der Geschichte in die Köpfe zu bringen. Statt der 2.500 tatsächlich belegten Opfer des Angriffs zu gedenken, wollen sie eine deutlich übertriebene Schätzung von 16.000 Toten in Umlauf bringen.

Fester Termin für Neonazis

Was auf dem Fackelmarsch passiert, hat System im rechtsextremen Milieu. Die Überhöhung deutscher Kriegsleiden soll die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus aus dem öffentlichen Bewusstsein drängen. Die Geschichtsklitterung gehört zum Kerngeschäft der NPD. Seit 1990 lanciert sie gemeinsam mit Neonazis ohne Parteibindung, den sogenannten Freien Kräften, Kampagnen, mit denen ein bizarrer Opfermythos in die Welt getragen werden soll.

Erfolgreich waren sie damit vor allem in Dresden, aber auch in Magdeburg, wo sie an die bereits während des Kalten Krieges politisch instrumentalisierte und in den Köpfen noch vorhandene kollektive Erinnerung anknüpften. Versammlungen zu den Jahrestagen der Bombardierungen gehören zu den festen Terminen im Kalender von Rechtsextremen.

In Magdeburg war für den jährlichen Trauermarsch im Januar bis 2015 die sogenannte Initiative gegen das Vergessen verantwortlich: gebildet aus Funktionären von NPD, deren Jugendorganisation Junge Nationale und Anhängern von freien Kameradschaften. Ihren Aufrufen folgten bis zu 1.100 Teilnehmer.

Rechtsextremismus – Wie Pegida die Tradition der NPD fortführt
Auf Transparenten gedenken die Teilnehmer einer völlig überhöhten Zahl von Opfern der Bombenangriffe. © Hardy Krüger

„Rechtsextremistische Beeinflussung“

Dann riss die Tradition der rechtsextremen Partei ab – und ein neuer, scheinbar bürgerlicherer Akteur trat auf den Plan: Magida, die Magdeburger Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes. 600 Teilnehmer kamen zum ersten Aufmarsch der lokalen Bewegung – darunter sowohl rechtskonservative Bürger als auch rechte Hooligans, Sympathisanten der NPD und der Rechten sowie Neonazis der Freien Kräfte.

Doch die Schwungkraft der neuen rechten Aktionsgemeinschaft mit flüchtlings- und islamfeindlichen Parolen verebbte innerhalb weniger Monate. Eine anfangs wöchentlich abgehaltene Kundgebungsreihe wurde nach erheblichem Teilnehmerschwund eingestellt.

Unterstützung kam von ganz rechts: Nach inneren Zerwürfnissen formierte sich Magida neu und suchte deutlicher als zuvor die Nähe zu neonazistisch dominierten Organisationen. Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt attestierte der Bewegung daraufhin, dass diese einer „rechtsextremistischen Beeinflussung seitens der NPD“ und von der Rechten unterliege. Organisatoren der Magida-Märsche zeigten sich mehrmals bei neonazistisch geprägten Versammlungen.

Kein Ende in Sicht

In den vergangenen zwei Jahren entwickelte sich so ein Netzwerk, das wieder in der Lage ist, Hunderte Sympathisanten auf die Straße zu bringen. Am 10. November 2018, dem Tag nach dem Jahrestag der Reichspogromnacht, marschierten 500 Teilnehmer bei einem Fackelmarsch durch Magdeburg. Nach zwei Jahren Pause gibt es nun wieder den berüchtigten Trauermarsch – organisiert von Magida, unterstützt von NPD-Kräften. Für die rechtsextreme Szene ist der Marsch ein wichtiges Zeichen – schließlich gesellt sich hier zur bekannten flüchtlings- und islamfeindlichen Rhetorik auch noch die Relativierung der Nazizeit hinzu. Für das Weltbild klassischer Neonazis wie geschaffen.

Mit seinen 140 Teilnehmern war der Marsch vom Samstag allerdings eher klein. Ein Ende der grusligen Geschichtsstunden bedeutet das dennoch nicht. Anfang April soll der nächste Fackelmarsch durch Magdeburg ziehen.

43 Kommentare

  1.   Drago21

    „Die Überhöhung deutscher Kriegsleiden soll die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus aus dem öffentlichen Bewusstsein drängen. “

    Hätte man in der Vergangenheit die deutschen Kriegsleiden angemessen gewürdigt, wäre einer Überhöhung (worin genau besteht die bei Magida?) der Boden entzogen und wir hätten dieses Phänomen nicht. Erst Werke wie „Der Brand“ von Jörg Friedrich haben in jüngerer Zeit ein angemessenes Licht auf den systematischen Krieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung geworfen. Also: selbst dran schuld. Und der Fehler der Unterdrückung des Unliebsamen wird heute wiederholt. Auch dieser Bumerang kommt zurück.

  2.   r.schewietzek

    Da wächst zusammen, was zusammen gehört.

  3.   andreas gramatke

    Sicherlich handelt es sich um Prolet-Arier.

  4.   L.Ström

    Manchmal sagt ein Bild (oder in diesem Falle zwei) mehr als 1000 Worte.

  5.   antinero

    Warum überlässt man das Gedenken an die zivilen Bombenopfer den Rechten?

  6.   Friedensreich.Tausendsassa

    Die Bombenangriffe auf Dresden und Magdeburg sowie andere Städte in Deutschland waren Kriegsverbrechen weil hier die Zivilbevölkerung getroffen werden sollte, die völlig unschuldig waren.

  7.   Serp4

    Den allermeisten ist der zweite Weltkrieg heute reichlich egal und niemand will für irgendwelche Opfer von denen niemand persönlich noch welche kennen dürfte rummarschieren. Das ist jetzt mehr als 70 Jahr her.

    Übrigens waren das nur ein paar Hanseln und es gab eine große und sehr Leute Gegendemo . Das Techno dass die spielten war zwar mMn sehr nervig aber nunja solange es dazu dient die komische Nazidemo zu stören.

  8.   Hamburgerin2.0

    Findet man in Magdeburg und Umgebung eigentlich einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, wenn man auf solchen Fotos erscheint? Das würde mich echt mal interessieren! Die Rechten haben ja ein recht gutes Netzwerk. Aber ob alle abgebildeten Kameraden da unterkommen? Und was halten die Eltern davon? Finden die das klasse?

  9.   Felis.silvestris

    Macht man doch nicht, antinero.
    Am Volkstrauertag wird allen Kriegstoten gedacht.
    Auch werden Gedenkstunden abgehalten, hier z.B. Dresden:

    https://www.deutschlandfunk.de/73-jahrestag-der-bombardierung-dresdens-stilles-gedenken.1766.de.html?dram:article_id=410664

    Der Unterschied ist nur: diese Menschen gedenken still. Zum Gedenken braucht es keine Trommeln und Transparente.

  10.   MaryPoppinsky

    Pegida ist wiederum mit der AfD im Bunde, so schließt sich der Kreis. PS. -> https://community.zeit.de/user/126585

 

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