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Neonazis verhöhnen NSU-Opfer bei Fackelmärschen

 

Mit Fackelmärschen haben Neonazis der Ikonen der rechtsextremen Szene gedacht. Sie verunglimpften Terroropfer und huldigten dem Kriegsverbrecher Rudolf Heß.

Von Jonas Miller und Henrik Merker

Rudolf Heß: Neonazis verhöhnen NSU-Opfer bei Fackelmärschen
Teilnehmende des Fackelmarsches in Wunsiedel © Jonas Miller

Seit Jahren ist der kleine Ort Wunsiedel im fränkischen Fichtelgebirge eine Art Wallfahrtsort für Neonazis. Auf dem Friedhof der Gemeinde wurde Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß nach seinem Tod im Gefängnis 1988 beigesetzt. 2011 wurde die Grabstätte aufgelöst, doch der Ruf des zum Friedensstifter verklärten Reichsministers hallt nach. Immer wieder kommen Rechtsextreme, um dem Kriegsverbrecher zu huldigen.

Am Samstag, einen Tag vor dem Volkstrauertag am 17. November, war es die Neonazipartei Der III. Weg, die ihre Anhängerinnen und Anhänger durch Wunsiedel laufen ließ. Von einem Wohngebiet aus zog ein Fackelmarsch mit rund 200 Teilnehmenden durch die Stadt. Sie nannten ihren Aufmarsch „Heldengedenken“. Unter demselben Credo trafen sich Rechtsextreme im thüringischen Schleusingen, knapp zwei Autostunden entfernt – ebenfalls mit Fackeln ausgerüstet.

Signal an die Szene

So groß die Verehrung für Kriegsverbrecher Heß, so abgrundtief die Verachtung für Leidtragende des Rechtsextremismus, die beim Aufmarsch in Wunsiedel zu spüren war. Klaus Armstroff, Bundeschef des III. Wegs, verunglimpfte die Ermordeten der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) und spielte auf die Pflanzung eines Gedenkbaums für das erste NSU-Opfer Enver Şimşek in Zwickau an: „In dieser verrückten Zeit errichtet dieses System Denkmäler und pflanzt Bäume für Drogenhändler.“ Für Heß hingegen „errichtet dieses System kein Denkmal. Wieso nicht? Er war kein Drogenhändler, war nicht schwul, gehörte keiner ethnischen Minderheit an, egal wie sie sich nennt“.

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Wohl auch wegen solcher Rhetorik lockt der Fackelmarsch des III. Wegs seit Jahren Parteianhänger aus ganz Deutschland nach Wunsiedel. Die Veranstaltung soll der rechtsextremen Szene Identität und Richtung geben, auf die Außenwirkung kommt es den Neonazis kaum an. Anders die Lage bei Bürgerinnen und Bürgern aus der Region: Sie setzten Signale mit Gegenkundgebungen. Laut dem Bündnis Wunsiedel ist bunt trafen sich rund 400 Menschen zum Protest auf dem Marktplatz. Zu einer weiteren Demonstration unter dem Motto „Nicht lange Fackeln“, veranstaltet von bayerischen Gruppen der Antifa, kamen nach Veranstalterangaben etwa 350 Teilnehmende.

Holocaustleugner treffen sich in Thüringen

Im thüringischen Schleusingen demonstrierten Bürger auf andere Art: Gut drei Dutzend Menschen trafen sich in einer Kirche zum Friedensgebet und einer kleinen Kundgebung. „Wir müssen die Bürger dagegen aufrufen“, sagte Pfarrer Andreas Barth. „Es ist wichtig, dass wir dagegen Gesicht zeigen.“

Dagegen – das ist der örtliche Aufmarsch mit rund 90 Teilnehmenden, zu dem sich insbesondere Vertreter der Holocaustleugnerszene versammelten. Sie ist in Thüringen besonders gut organisiert, seit über zehn Jahren pilgert sie nach Schleusingen. Seit Beginn des Jahrzehnts verüben Rechtsextreme in der Stadt gewalttätige Übergriffe, auch hier ist der Fackelmarsch eine jährliche Institution. In diesem Jahr liefen die Neonazis unter dem Namen Bündnis Zukunft Hildburghausen. Gründer der Kleinstpartei ist der Neonazi Tommy Frenck, der Szenefestivals organisiert und Kleidung für Rechtsextreme verkauft.

Die Szene hat bis heute Einfluss in der Stadt. Pfarrer Barth sagte, er sehe das auch bei manchen seiner Schützlinge. „Ich habe Konfirmanden erlebt, die vielleicht auch versucht haben, mich zu provozieren, die dann entsprechende Parolen verwendet haben.“ Auch die 25 Prozent für die AfD bei der Landtagswahl Ende Oktober sieht Barth als erschreckendes Zeichen: „25 Prozent wählen eine offen antidemokratische, rechtsextreme Partei.“

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Beleidigungen in Richtung Kirche

Beim Aufmarsch, der an Barths Kirche vorbeizog, trugen die Teilnehmende nur 20 Fackeln – eine Auflage der Behörden. In Richtung des Gotteshauses riefen die Neonazis Beleidigungen wie „Kinderficker” und bezichtigten alle Geistlichen des Kindesmissbrauchs. Ein martialischer Aufzug, eine lebende Facebook-Kommentarspalte. „Der Ruf, das solle verboten werden, ist ja schnell da. Auf der anderen Seite haben wir Meinungsfreiheit – und das ist wohl darin enthalten“, sagte Pfarrer Barth.

Rudolf Heß: Neonazis verhöhnen NSU-Opfer bei Fackelmärschen
CDU-Politiker Thomas Marzian und Pfarrer Andreas Barth © Henrik Merker

20 Polizisten hatten sich zum Schutz um die Kirche postiert. Ob die Menschen sich fürchten? „Hier muss keiner mehr Angst haben”, sagte Thomas Marzian von der örtlichen CDU. „Die bürgerliche Mitte ist schon immer eine schweigende Mitte – sie schreibt keine Leserbriefe, sie äußert sich nicht. Die bürgerliche Mitte hat ein Problem, sich zu mobilisieren.“

Protest als Bürgerpflicht

Marzian dagegen sieht den Protest als demokratische Bürgerinnenpflicht. Schon 2003 wurde in Schleusingen ein Bündnis gegen Rechts gegründet. 2008 errichtete die Gruppe, an der auch die Kirchen beteiligt waren, vor der alten Synagoge eine Stele mit den Namen der im Holocaust ermordeten Bürgerinnen und Bürger. Für den Fackelmarsch verbot das Landratsamt den Neonazis, an der Gedenkstätte vorbeizulaufen.

Die Kundgebung der Rechtsextremen endete an einem Weltkriegsdenkmal. Die Demonstrierenden legten Kränze nieder, sangen die erste Strophe der Nationalhymne, spuckten dem Reporter von ZEIT ONLINE vor die Füße. Bis halb zehn Uhr am Abend harrten sie im Licht von Scheinwerfern aus, die die Polizei aufgestellt hatte. Am Tag darauf, dem Volkstrauertag, traf sich die Kirchgemeinde zum öffentlichen Gedenken. Das Denkmal wollten die Bürger den Neonazis nicht überlassen.

94 Kommentare

  1.   Sebastian

    Es ist völlig unverständlich, dass man diese Menschen weiterhin gewähren lässt. Angesichts der deutschen Vergangenheit und der Faschismus-Fantasien einer gewissen Partei müsste der Staat endlich mal mit der Härte reagieren, die er gegen viel harmlosere Linke ständig zeigt.

  2.   feldstudien

    Die bürgerliche Mitte hat einfach keine Zeit, jede Woche an Demos und Kundgebungen teilzunehmen, sich politisch zu engagieren, 50 Stunden zu arbeiten und noch für die Kinder voll da zu sein. Es wäre schön, wenn Politikerinnen und Vertreterinnen der Öffentlichkeit auch so das Vertrauen hätten, die Mehrheit der Bürgerinnen ist gegen Rassismus.

  3.   Zeno Kortin

    Es ist ein Skandal, dass der Staat den Kampf gegen die Nazis der Zivilgesellschaft überlässt.
    Der Staat ist nicht wehrhaft, auf dem rechten Auge blind und lässt das rechtsextreme Pack gewähren.

    Da man mittlerweile auch der Polizei nicht mehr vertrauen kann, nützt es auch nichts, das Pack anzuzeigen.
    Das heißt, dass die Zivilgesellschaft im Grunde wehrlos ist.

    Deutschland im Jahr 2019. Der Weg in den Untergang ist erneut vorgezeichnet.

  4.   AnnoreM68

    Unerträglich.

  5.   ClSt

    Dass das in Deutschland (wieder) möglich ist, ist eine Schande.

    Die Leugnung der Shoah, die Verunglimpfung und Diskriminierung von Lebenden und Ermordeten ist keine grundgesetzlich geschützte Äußerung einer Meinung, sondern ein Verbrechen, dem dieser Staat zuschaut und es laufen lässt.

  6.   Raoul_Duke

    Werter Vorkommentatoren,

    ich bin Wunsiedler und kann Ihnen folgendes sagen. Man hat versucht, die Aufmärsche zu verbieten, was allerdings am Gericht scheiterte. Die „bürgerliche Mitte“ bzw. die Wunsiedler Bürger haben sehr wohl am Demonstrationen unter dem Motto „Wunsiedel ist bunt“, wie jedes Jahr, am Samstag zahlreich teilgenommen und müssten sich dafür noch von Vollpfosten der Antifa beleidigen lassen.

  7.   Frittiere nicht dein Leben. Frittiere deinen Traum.

    Es ist Wahnsinn, was für völlig kaputte Seelen als absoluter Bodensatz aus unserer Gesellschaft hervorgehen, obwohl doch eigentlich jeder Zugang zu vernünftiger Bildung hat. Man könnte fast, aber wirklich nur fast, Mitleid haben ob der Frage, was in der Jugend, in der Entwicklung dieser Leute schiefgegangen ist und an welchem Punkt sie sich als Systemverlierer ausgeklinkt und diesem rechten Schwachsinn ergeben haben.

    Naja, mögen sich ein paar fähige Psychologen darum kümmern.

  8.   pvonwerther

    Nazi-Aufmärsche :EINE SCHANDE FÜR Deutschland und unsere wehrhafte Demokratie !
    Warum kommen die Gesetze gegen Volksverhetzung und NS-Propagandaverbot nicht zur Geltung – Toleranz bis zum bitteren Ende und die bürgerliche Mitte (wenn es sie je gab) schweigt und lässt Faschisten gewähren !
    „Meinungsfreiheit“ bis zum Untergang der freiheitlichen Ordnung!??
    Leider waren und sind die Staatsmacht, so auch die Judikative auf dem rechten Auge kurzsichtig oder gar blind…

  9.   hansaloisd

    Bei diesen Aufmärschen, die eine Schande für Deutschland sind, sollte die Polizei die Teilnehmer registrieren und eine DNA-Probe nehmen. Das sind allesamt potentielle Terroristen.
    Wegen Verunglimpfung der NSU Mordopfer gehören sie sofort in die „Obhut“ der Staatsanwaltschaft , die weitere Ermittlungen (Waffenbesitz etc ?) anstrengen sollte.

  10.   ohdochnein

    Eine absolute Schande. Mir ist nicht ganz klar wieso so etwas noch unter freier Meinungsäußerung durchgeht.

 

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