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Der Hass aus unserer Mitte

 

Die Wurzeln von rassistischem Terror liegen mitten in der Gesellschaft, meint Historiker Wolfgang Benz. Ein Aufruf an uns alle, die Ursachen eben dort zu bekämpfen.

Von Sebastian Lipp

Rechtsterrorismus
Gedenken an die Opfer des Anschlags von Hanau im Februar 2020 © dpa/Nicolas Armer

Charleston 2015, München 2016, Pittsburgh 2018, Christchurch, Kassel und Halle 2019, Hanau 2020: Hinter den Schlagworten verbergen sich Terroranschläge aus rassistischen und antisemitischen Motiven. Die Zahl der Taten nimmt zu, weltweit und auch in Deutschland steigt die Zahl ihrer Todesopfer.

Auch das Profil der Täter verändert sich: Den 80er-Jahren entstammen Rechtsterroristen aus Wehrsportgruppen, in den 90ern politisierten sich die Neonazi-Skinheads des NSU in der Rechtsrockszene. Ein relativ neuer Typus sind äußerlich unscheinbare, in den Resonanzkammern des Internets scharf gemachte Täter. Das zeigt eine Studie des Historikers Wolfgang Benz: Vom Vorurteil zur Gewalt. Benz, langjähriger Professor an der Technischen Universität Berlin, hat die schwersten Hassverbrechen der vergangenen Jahrzehnte und ihre Urheber analysiert. Er will eine Antwort finden, wie die Gesellschaft den Taten begegnen kann.

Egoismus statt Solidarität

Die Hassverbrechen haben demnach viele Gemeinsamkeiten: die vermeintliche Einzeltäterschaft, einen Vernichtungswunsch, der auf Ressentiments beruht, eine Öffentlichkeit heischende Botschaft. Diesem Schema folgte der Anschlag des Norwegers Anders Breivik von 2011 mit 77 Toten, auf den sich Nachfolger beriefen.

Benz plädiert gegen Reflexe, die Ursache für das Unglück bei den Opfern zu suchen, etwa, weil diese vermeintlich nicht mit der Lebensweise der Mehrheit konform gehen. Tatsächlich müsse die Ursachenforschung in der Mehrheitsgesellschaft beginnen. Trägerschichten ausgrenzender, menschenfeindlicher Einstellungen sind demnach nämlich „die besseren Stände, die mittleren und höheren Schichten, die Tugenden des Bürgers wie Toleranz und Solidarität zugunsten des eigenen Fortkommens oder im Interesse des Statuserhalts frohgemut den Abschied gegeben haben“.

Sie plage ein Gemenge von Unsicherheit und Angst, von Ratlosigkeit und Unverständnis gegenüber rasanten und komplexen Veränderungen der Welt. Diese Gemengelage bilde den Nährboden für Demagogie und Hetze. „Anlass, nicht Ursache, bilden die Opfer, die als ‚Fremde‘ stigmatisiert“ zum Feindbild würden, analysiert Benz.

Täter aus dem Bürgertum

Als ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin beschäftigt sich der 79-Jährige seit Jahrzehnten mit der Frage, wie aus Ressentiments Feindbilder werden, die in Hass umschlagen, der sich wiederum zu Massengewalt, zum Krieg und zum Völkermord steigert. Benz richtet sich mit seinem Band ausdrücklich nicht nur an ein Fachpublikum – im Gegenteil.

Schließlich wurden bei den großen Ausschreitungen der 90-er Jahre wie in Hoyerswerda und Rostock normale Bürger zu Erfüllungsgehilfen der Demagogen: „Als seien sie persönlich bedrängt, als würden sie individuell zur Kasse gebeten, als gäbe es eine fundamentale Bedrohung der Wohlstandsgesellschaft, randalierten Bürger nächtelang vor Flüchtlingsunterkünften, grölten ausländerfeindliche Parolen, stießen Morddrohungen aus, übten Gewalt.“ Und im Jahr 2015, als etwa 700 Wohnheime für Asylsuchende angezündet wurden, sei Brandstiftung zum „Volkssport“ ausgeartet. Die Täter kämen überwiegend aus der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Politik indes habe versagt, weil sie das Gewaltpotential unterschätzte – und „glaubte, bedrückten Bürgern Verständnis entgegenbringen zu müssen“. Die Angst vor einer vermeintlichen Überfremdung sieht Benz heute weiter verbreitet denn je – befeuert auch durch eine stetig wachsende Bereitschaft, Legenden und Gerüchten Glauben zu schenken. Das gelte auch für den rechtsterroristischen Tätertypus, der in den vergangenen Jahren aufkam. Diese Angreifer radikalisierten sich „im hermetischen Raum individuellen Konsums sozialer Medien“. Darin saugten sie die Hassbotschaften der Ideologen auf – und kaum davon zu trennen auch den Auftrag zur Gewalt.

Hassbotschaften, ideologisch aufgeladen

Ohne diese dort verbreitete „Mordhetze“ wären die jüngsten Terroranschläge gegen Kirchen, Synagogen oder Moscheen für Benz kaum vorstellbar. Insofern gebe es keine „Einzeltäter, die isoliert von aller Welt wüten“. Damit trügen die Ideologen und Scharfmacher einen erheblichen Teil der Verantwortung für diese Verbrechen. Das gelte auch und gerade für die AfD.

Was bedeutet das für eine Gesellschaft? Die Ursprünge der terroristischen Angriffe reichen laut Benz „vom stillen Vorbehalt bis zum flammenden Hass“. Werden sie ideologisch aufgeladen, entladen sie sich zunehmend durch Gewalt. Und dagegen helfe weder mehr Geschichtsunterricht noch verordneter Gedenkstättenbesuch. Die Forderungen, das Übel dergestalt zu bekämpfen, sind für Benz „lediglich Chiffren der Hilflosigkeit.“

Vom Vorurteil zur Gewalt ist eine fundierte Analyse der dumpf-wahnhaften Reflexe auf Geraune aus dem Internet, die wieder und wieder in Morde münden. Die einzig dauerhaft wirksame Gegenwehr sieht der Historiker in „Aufklärung, Bildung, Erziehung zur Demokratie und Bestärkung in der so gewonnenen Haltung. Das ist ein mühsamer Weg, ein dauernder Auftrag, der langen Atem und Stetigkeit von allen Beteiligten verlangt“ – sowie unbedingte Solidarität und Empathie mit den Betroffenen, möchte man ergänzen. Die Studie ist ein flammender Appell, sich diesem Auftrag zu verpflichten.

Wolfgang Benz: „Vom Vorurteil zur Gewalt. Politische und soziale Feindbilder in Geschichte und Gegenwart“. Herder, Freiburg 2020; 480 S., 26.- €, als E-Book 20.- €

28 Kommentare

  1.   starship2

    diese gesellschaft hat dem völkischen extremismus etwas entgegenzusetzen. allein schon deshalb, weil die meisten bürger neonazis verachten und man die üblichen verdächtigen kennt.

    gleichzeitig hat diese gesellschaft enorme innere schwierigkeiten gegen den politischen islam anzukämpfen, weil sich dieses milieu aus jenen teilen der bevölkerung speist, die manche für vulnerabel halten.

    eine bemerkenswerte zahl aus gründen der aktualität: 74% der jungen französischen muslime unter 25 Jahren meinen, ihre religion stehe über den gesetzen der republik. die unduldsamkeit gegenüber der meinungsfreiheit ist in frankreich unter muslimen insgesamt weit verbreitet.
    https://tinyurl.com/y56jpqm9

  2.   Wolfhuber

    Ich würde das weiter fassen. Linker, rechter, islamistischer, christlicher Terror kommen aus der gleichen Hass-Quelle und werden von den neuen Medien angeheizt.

  3.   Taqīya

    „Charleston 2015, München 2016, Pittsburgh 2018, Christchurch, Kassel und Halle 2019, Hanau 2020“

    „München 1972, 9/11, Madrid 2004, Egypten 2005, Charlie Hebdo 2015, Paris 2015 Berlin 2016, Sri Lanka 2019″…. und und und.

  4.   Calcium

    „Trägerschichten ausgrenzender, menschenfeindlicher Einstellungen sind demnach nämlich „die besseren Stände, die mittleren und höheren Schichten, die Tugenden des Bürgers wie Toleranz und Solidarität zugunsten des eigenen Fortkommens oder im Interesse des Statuserhalts frohgemut den Abschied gegeben haben“.

    Wie immer: In Ermangelung von greifbaren Schuldigen wird die selbstdefinierte Mitte herangezogen.

    Dem Autor des Buches sei gesagt: Mancher Vater kämpft oft verzweifelt darum, den Unsinn, den andere verzapfen, wieder aus den Köpfen der Kinder herauszubringen.

  5.   tschicks_freundin

    `Aufklärung, Bildung, Erziehung zur Demokratie und Bestärkung in der so gewonnenen Haltung. Das ist ein mühsamer Weg, ein dauernder Auftrag, der langen Atem und Stetigkeit von allen Beteiligten verlangt“ – sowie unbedingte Solidarität und Empathie mit den Betroffenen, möchte man ergänzen. Die Studie ist ein flammender Appell, sich diesem Auftrag zu verpflichten.‘

    Absolut d’accord, genau das sehe ich in meiner Arbeit auch als meinen Auftrag.

    Aber.
    Wenn Leitungen von Bildungseinrichtungen – öffentliche/freie – sich nicht hinter ihre Lehrkräfte stellen, einfach, um Ruhe zu haben/kein Aufsehen erregen zu wollen, fühlen Lehrkräfte sich genau dem verpflichtet und erfahren dann Beleidigungen bis zu Drohungen für Leib und Seele für sich/die Familie…
    Solange wird das ein Wunschdenken bleiben.

    In den sozialen Medien gehen die Hasskampagnen ja weiter (immerhin tut sich langsam etwas) und versuchen Sie mal Menschen aus Verschwörungsblasen wieder herauszuholen. Ein wahnsinnig langes Unterfangen, wenn es denn überhaupt gelingen kann (ich habe es mehrfach versucht und bin mehrfach gescheitert, ob es Anhänger von Verschwörungstheorien, AfD-Befürwortern oder noch rechtsextremer ausgerichtet, fanatische Muslimen waren).

    Es gilt für Fanatiker aller Richtungen, die meinen, unserer Gesellschaft ihr zutiefst feindliches Demokratieverständnis, ihre „Werte“ aufdrücken zu müssen und unverhohlen mit Gewalt drohen bzw. verbale sowieso anwenden, lässt man sich darauf nicht ein und hält dagegen.
    In sozialen Medien lasse ich mich auf diverse Diskussionen kaum mehr ein, die verrohte Sprache ist schlimm und alles andere als förderlich für das eigene Nervenkostüm (ich habe mir mal erlaubt, eine Zeit Rezo öffentlich zu unterstützen).

    Nach Paris weiß ich, ehrlich gesagt, nicht, ob ich diverse Risiken im Unterricht zukünftig auf mich nehmen werde (wahrscheinlich siegt mein Idealismus, ich sage das mit Vorbehalt).

    Ob es Rechtsextreme oder religiöse Fanatiker sind, die Denke in Hass/Gewalt zeigt erstaunlich ähnliche Züge, beim Thema Homosexualität reichen sie sich dann sogar die Hände.

  6.   euromeyer

    Mir scheint, als würde der ganze Kommentarbereich heute derailen.
    Der Artikel behandelt Rechtsextremen Terror – nicht den Islamischen.
    Also was soll das?
    Naja, nichts anderes als sich bequem zurückzulehnen, sich verbal an den Klöten zu krauelen und zu meinen- ´Aber die anderen…´ und sich nicht mehr mit den Zusammenhängen und Argumenten des Artikels befassen zu müssen.
    Das ist auf Vorschulniveau: ´Der Kevin hat aber auch….´

    Zum Artikel: Das sich jemand traut heutzutage zu sagen, dass die Trägerschichten ausgrenzender, menschenfeindlicher Einstellungen „… die mittleren und höheren Schichten sind, die Tugenden … wie Toleranz und Solidarität zugunsten des eigenen Fortkommens oder im Interesse des Statuserhalts … den Abschied gegeben haben“.
    Dann las ich dass Benz 79 ist.
    Das erklärt viel – er ist von der neoliberal-egoismus hypenden Indoktrination der letzten Jahrzehnte verschont geblieben.
    Denn da liegt tasächlich der Hase im Pfeffersack – wenn man sich mit Leistungsträgern unterhält, dann sind ja echt viele nette Leute dabei, blos über den Kamm gerschert – wenn es ums Geld und vor allem ihr Fortkommen und das ihrer Kinder geht- sind sie fast ausnahmslos eiskalte Sozialdarwinisten.
    Das Dumme am Rechten Kleinbürger, der dann zur rechtsradikalen Tat oder Wahl schreitet, ist, dass er gerne der gesellschaftlichen Megalüge des ´wer will, schafft es´ glaubt und wenn er es natúrlich nicht schafft, dann Schuldgruppen sucht, statt einfach zu kapieren, dass es rein rechnerisch unmöglich ist, dass alle zum oberen 5% gehören.
    Rechtsradikalismus ist die Rache an Ausgegrenzten dafür, aus dem Traum vom Aufstieg erwacht zu sein. Zukurzgekommenenrachefantasien – wie bei Koranbombern.

  7.   vorderwäldler

    Egoismus statt Solidarität-
    dem kann ich nur zustimmen.
    Den naiven Glauben,das Eltern
    die besseren Menschen sind,habe ich vor ca.25 Jahren verloren,als mein Neffe in Neukölln eingeschult wurde.
    Alle Mittelschichtskinder wurden durch Umzug schnell aus der Gefahrenzone gebracht,damit sie ja nicht durch die unterprivilegierten beschmutzt und an ihrem Fortkommen gehindert wurden,wenn die kommenden Führungskräfte auch noch so tumb waren.
    Das knallharte Auftreten der Eltern für ihre eigenen Ableger sowie das Produzieren und das Zurschaustellen ihrer ‚Statussymbole‘ hat mir damals das komplette Aufgeben jeglicher Solidarität
    klargemacht.
    Ihr Streben ging nach oben,wo der Geldadel sitzt,auf keinen Fall zu den unterprivilegierten,
    die Solidarität dringend gebraucht hätten,um das heute zu verhindern.
    Aber eigene Interessen waren und sind der elementaren Lebenssinn dieser Leute.
    Gruss an so manchen von und zu und ihr Schauspiel,beeindruckt haben sie nie,war meist nur lächerlich.

  8.   roroso

    Der Artikel darüber, dass rassistischer „Hass“ aus der Mitte der Gesellschaft stamme, ist knapp unter dem Artikel über die Enthauptung des Lehrers in Frankreich platziert. Wohl Zufall, aber trotzdem in dieser Kombination aufschlussreich: Der meiste „Hass“ ist meinen Beobachtungen nach erst in den letzten Jahren entstanfen, hauptsächlich durch die Angst angesichts einer Einwanderungspolitik, die nicht wirklich versucht, zwischen produktiven und destruktiven Einwanderern zu trennen, weil sie den Wunsch der Wirtschaft nach maximaler Massifizierung (Neukonsumenten!) vor das Wohl der Bevölkerung stellt. – Dann muss man sich ja wohl nicht wundern?

  9.   M aus H

    Bildung wäre eine schöne Sache. Aber auch die Bereitschaft zum Diskurs und der Verzicht sofort Menschen mit abweichender Meinung zu Labeln zu diskreditieren und auszugrenzen. Demokratie ist nämlich nicht wenn alle links denken und jede Veränderung klaglos hinnehmen.

  10.   Pascal P

    @M aus H:

    „Bildung wäre eine schöne Sache. Aber auch die Bereitschaft zum Diskurs und der Verzicht sofort Menschen mit abweichender Meinung zu Labeln zu diskreditieren und auszugrenzen. Demokratie ist nämlich nicht wenn alle links denken und jede Veränderung klaglos hinnehmen.“

    Wenn nichts mehr geht, wie immer der Verweis auf Links um Rechtsextremismus zu verharmlosen und zu rechtfertigen.
    Wer sich gegen Rechtsextremisten positioniert ist nicht automatisch Linker.
    Wie oft muss man das noch erklären.
    Das zum Thema Bildung.

    Das geballte Derailing unter diesem Artikel ist widerlich.

 

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