‹ Alle Einträge

„Sieben Gründe, warum ich Ungarn verlasse“

 
"Sieben Gründe, warum ich Ungarn verlasse"
Weg aus Ungarn? Zwei junge Frauen rennen durch eine Unterführung in Budapest. © Reuters/Laszlo Balogh

Budapest, das war einmal ein Sehnsuchtsort für den jungen Blogger. Die Theater. Die Architektur. Die Kinos. Die Freunde. Alles schien perfekt damals. Heute fällt die Bilanz nüchtern aus. Der (anonyme) Autor – aufgewachsen in Norwegen aber seit etwa zehn Jahren in Budapest lebend – wird Ungarn verlassen. Im Blog Meanwhile in Budapest, für den sogenannte Millennials schreiben, hat er die Entscheidung begründet.

Der Text ist eine einzige Abrechnung mit dem System von Premier Viktor Orbán und seiner Regierung. Budapest sei ein "depressiver Ort" geworden. Theater würden von regierungstreuen Direktoren geführt, talentierte Kulturschaffende suchten ihr Glück woanders. Nie zuvor sei die Armut in Ungarns Hauptstadt so deutlich sichtbar gewesen. Und während in Budapest die Bahnhöfe verfallen, kritisiert der Autor, baut die Regierung eine Nostalgiebahn, die zwei Ortsteile von Orbáns Heimatstadt irgendwo im Nirgendwo verbindet.

Weitere Kritikpunkte des Bloggers sind lange Arbeitszeiten (bei niedriger Bezahlung), die hohen Steuern (für "miserable" Sozialleistungen), staatlich finanziertes Migrantenbashing und eine Opposition, die eigentlich keine ist. Die Regierungspartei Fidesz, so seine Befürchtung, werde auch die nächste Wahl gewinnen – und alles bleibe wie es ist.

Also Abschied. Und so denken auch andere. Zwischen 2010 und 2013 sollen 350.000 Ungarn ihr Land verlassen haben – 80 Prozent davon jünger als 40 Jahre, schreibt die liberale deutschsprachige Tageszeitung Pester Lloyd aus Budapest. Die Jungen gehen, die Alten bleiben – für die Redaktion eine "Abstimmung mit den Füßen".


24 Kommentare

  1.   Stedemokrat

    „Weitere Kritikpunkte des Bloggers sind lange Arbeitszeiten (bei niedriger Bezahlung), die hohen Steuern (für „miserable“ Sozialleistungen), ….“

    Das könnte auch als Begründung hier für Deutschland stehen. Wobei „miserable“ ja eine Definitionsfrage ist. Manche sehen die Sozialleistungen am unteren Ende andere sehen noch Luft zum kürzen.

  2.   Thomas Melber

    Von was lebt eigentlich ein Blogger?

  3.   Steedfield

    „Zwischen 2010 und 2013 sollen 350.000 Ungarn ihr Land verlassen haben – 80 Prozent davon jünger als 40 Jahre“ – das ist egal, ob Orban regiert oder nicht…wenn man ingendwo mehr verdienen kann, dann reisen die Leute ab. Egal welches Land…Russland, Polen Ungarn…den Reichen geht immer gut, die Armen müssen nach Perspektiven suchen.

  4.   EdiPL

    Lebte der Bloger hinter dem Mond? „[…]lange Arbeitszeiten (bei niedriger Bezahlung), die hohen Steuern (für „miserable“ Sozialleistungen)[..]“ Das ist praktisch in allen poskolonialen Staaten – Ungarn, Polen, Rumaenien, Bulgarien oder Slowakei…Das ist nicht ein Orban oder ein Kaczynski schuldig, das lauft so seit 20 Jahren, auch unter „demokratisch-liberalen“ Regierungen. Junge Menschen wandern aus – England, Deutschland und die, die bleiben sind oft Ueberlebenskuenstler: wie man mit 200 EUR Rente ueberlebt, wenn Medikamente schon 190 EUR kosten? wie man eine Familie von 400 Euro unterhaelt? Da freuen sich die Bewohner des Obdachlosenheims, wenn sie Fenster in die Zimmer bekommen, bezahlt womoeglich von einer deutschen Stiftung. oder sind die Frauen im Frauenhaus dankbar fuer die Spenden – Lebensmittel, Kindersachen oder Putzmittel. Will man die Menschen da noch mit den Fluechtlingen „bereichern“? Werden die Migranetn wissen, was sie da sollen? Und die „nationale“ „rechte“ Regierungen versuchen doch eine Zukunft zu schaffen.

  5.   Uganda

    Was für ein Feigling,

    Da werde sich die Ungarn ja mächtig ärgern einen „anonymen Blogger“ zu verlieren der über die harten Arbeitsbedingungen jammert. Ich glaube genau gegen solche „Migranten“ richtet sich ein großer Teil der Politik in Ungarn!

  6.   losconloscon

    Wer in Norwegen leben dùrfte, es aber in Ungarn tut, lernt die Unterschiede kennen!
    Wenn der geehrte Herr Blogger ung. spricht!, was ist er dann?
    Spricht/versteht er es nicht, was will er dann dort? En tudom!

  7.   Tamas Szabó

    Warum ist „liberale Demokratie“ ein Schimpfwort in Ungarn?
    Paul Lendvai ist liberal, ganz sicher kein Freund von Viktor Orban, aber….folgender Text ist im Schlusskapitel seines Buches „Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch“.
    „Zwischen 2002 und 2010 bot das sozialistisch-liberale Lager ein jämmerliches, ja zuweilen ekelerregendes Bild von Filz, Vetternwirtschaft und politischer Verkommenheit. Die total diskreditierten Sozialisten bilden für die absehbare Zukunft keine schlagkräftige Opposition. “

    „Die meisten linksliberalen Politiker allerdings haben sich jahrzehntelang in der Brutstätte der Korruption und in dem von ihr genährten Klientelsystem bestens zurechtgefunden. „-
    Die Medien in Deutschland und die EU-Bürokraten (der leidenschaftlich polarisierender Martin Schulz) haben die gestürzten ungarische linksliberale vor und seit 2010 ohne Kritik unterstüzt. Die linksliberale Leidenschaft ist für sie wichtiger als die Wahrheit, leider auch für den liberalen Paul Lendvai selbst. Die Liberalen haben bei den Europa Wahlen in Ungarn 2009 2,16% und bei den Wahlen 2010 0,25% erreicht, trotzdem haben sie in den westlichen Medien mehr Unterstützung als alle andere ungarische Parteien.
    Die kritiklose Leidenschaft im Westen für die in Ungarn gestürzte „linksliberale Partei“ macht die Demokratie in Ungarn kaputt.
    Das hat in Ungarn Verbitterung gegen die EU-Bürokraten, gegen westliche Medien und gegen Paul Lendvai selbst bis heute bewirkt. Sogar die wirklich rechtsradikale „Jobbik“ Partei hat die restliche Linke überholt, Trotzreaktion gegen westliche Journalisten.
    ———————————————————————–
    Liberale Partei in Ungarn
    https://en.wikipedia.org/wiki/Alliance_of_Free_Democrats
    In the 2009 Hungarian European Parliament election, SZDSZ was essentially destroyed by the voters, having won no seats and earning just 2.16 percent of the total votes, less than half of the minimum five percent needed to secure representation.
    In the 2010 parliamentary election, SZDSZ won only 0.25 percent of the vote and was shut out of the legislature altogether for the first time since the change of system. The party was even wiped off the map in Budapest. Alliance of Free Democrats officially ceased to exist in October 2013.

  8.   Vermutlich is des so

    Ich kann den Blogger gut verstehen, da ich einige gute Bekannte aus Ungarn habe… Aber die sprechen von deutlich mehr Menschen, die das Land verlassen haben seit Orban. Jeder der kann, geht: Eine Ärztin erzählte mir, dass man als junger Arzt für einen Fulltimejob 300 Euro verdient, aber die Lebensmittel sind gleich teuer wie in Österreich…

    Und im Staatsfernsehen heißt es immer, dass es den Menschen nie so gut gegangen wäre, wie jetzt. Eine Klepokratie ist das ebenso, sagt ein anderer Bekannter: z.B. zahlen die Reichen genauso viel Steuern für Wasser wie die Armen, für die Reichen ist das nix, für die Armen sehr viel… Anscheinend gab es auch Zwangsjob, wo man für einen Appl und ein Ei, wie man so schön sagt, Villen für die Reichen bauen musste…
    und einer meinte, dass einige seiner Freunde, die bleiben, zu trinken anfangen, weil es das Einzige ist, was man sich noch halbwegs an Vergnügungen leisten kann…

    wirklich schlimme Zustande, kaum noch Medienfreiheit, Korruption, Populismus an allen Ecken ….also ehrlich, ich verstehe den Blogger wirklich und die anderen auch… Niemand verlässt seine Heimat, oder in dem Fall neue Heimat, weil’s sooo lustig ist, sich anderorts wieder neu einfinden zu müssen… Die, die ich hier kennengelernt habe, sind kritische Geister und sie wünschen sich, dass sich etwas ändert in Ungarn, haben aber nicht mehr viel Hoffnung, sonst wären sie nicht gegangen…

  9.   DangerMouse

    Ich war letzte Woche 5 Tage in Budapest. Zwar als Urlauber, aber von verfallenden Bahnhöfen, und ich habe mir alle 3 großen angesehen (schön!) gibt’s da keine Spur.
    Ein kurzer, halbherziger, wenig profunder Artikel, den der „anonyme“ Blogger da verfasst hat. Auf so einen kann Ungarn, und auch bitteschön die ZEIT, verzichten!

  10.   Urlaub...

    Eben, Sie waren als Urlasuber 5 Tage da und haben sich die 3 großen Bahnhöfe angesehen. Auf so einen Kontraversuch kann man doch eher verzichten.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren